Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 16 (21.4.1905)
- Date
- 1905-04-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Wissenschaft, Kunft und Literatur. Beilage $1 Nr. 16 des „Jüdisches Volksblatt". Die hebräische Literatur i« Galizie«. Im neunzehnten Jahrhundert hat sich in der hebräischen Literatur eine günstige Epoche gezeigt, «o auch die allgemein menschliche Kultur Europas in dieser ihre Geltung bekam. Titanenhafte Gestalten erschienen und wirkten durch ihren mächtigen Einfluß auf die Bildung und Gesittung der jüdischen Massen. Von der einen Seite die Philosophie, von der anderen die Dichtkunst, gewannen eine Vollendung, die man bei weitem nicht erwarten konnte. Besonders hat die hebräische Literatur in Galizien in: neunzehnten Jahrhundert einen hohen Aufschwung erfahren. Ich werde daher in diesem Aufsätze über die hebräische Literatur des neunzehnten Jahrhunderts in Galizien sprechen. Der sympathischeste aller jüdischen Deuker in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in der hebräischen Literatur ist unzweifelhaft der geniale Philosoph Nachman Krochmal. Ein Schttler Hegels in all seinen Gedanken' und philosophischen Betrachtungen, hat er jedoch seine Originalität nicht im mindesten eingebüßt. Er ist urwüchsig, originell und überall schafft er sich auf Grund Hegels Systems seine eigene Meinung. Er hat also, wie schon vorauszusehen ist, nicht buchstäblich den .Hegel nachgeäfft und nicht im mindesten feine Worte nachgeleiert. Seine hiftvriüsophische Theorie hat er beibehalten, wohl aber mit manchen Aenderungen. Er hat den Geist der deutschen Philosophie iu der hebräischen geltend gemacht, ohne dabei um ein Iota dem Judentum und seinen Anschauungen geschadet zu haben. Er hat die jüdischen Formeln vielleicht hie und da mit seinen: Systeme zerstört, hingegen aber trat die jüdische Wissenschaft iu all ihrem Glanze hervor. Eine innige Verquickung des deutschen Denkens mit der« jüdischen hat er um besten, ja meisterhaft zustande gebracht. Ja, sogar Maimvnides, Gcrsonides und andere jüdische Gelehrte des Mittelalters konnten das nicht ansführen, was Krochmal getan hat. Während die Erstgenannten tief, in den anderen Systemen stacken und auf keinen Schritt sich von Plato, Aristoteles und Averrloes befreien konnten, war dieser eminente Philosoph erhaben über alle sklavische Abhängigkeit und tat das, was ihm seine scharfsinnige Auffassung diktierte. In seinem einzigen Hauptwerke „More ncboche hasman" (Führer der Verirrten der Zeit) hat er ein Licht ausgehcu lassen, das inan bis dahin nicht sah. Die jüdische Geschichte hat er auf neue Bahnen und Geleise geführt, er hat derselben ein 'Feld eingeräumt, wo sie ihre Stärke und zivilisatorische Macht zeigen konnte iittiö durfte. Ein Stück Soziologie liegt iu Liefern monumentalen Werke. Wie schön ausgehauene Säulen mit herrlichen Kapitälchen stellen feine festen, genialen Gedanken inmitten seines Systems, dieses wahrlich so herrlichen Tempels da. Ein Flug des Adlers, ein Blick, der in die tiefsten Tiefen geht, gibt sich hier kund. Ans Schritt und Tritt begegnen wir Anschauungen und Ansichten, die einen sehr großen Eindrück gemacht hätten, wenn sie gut verstanden und gewürdigt worden wären. Viele feiner theoretischen Betrachtungen könnten auch in der Praxis ihre volle Geltung haben und könnten viel zur genauen Erforschung der jüdischen Religion, Nationalität und verschiedener historischer Strömungen führen und genaue Aufklärung verschaffen. Ja, es wird vielleicht Jahrhunderte währen müssen, wie die Werke aller großen Männer, um richtig verstanden und gewürdigt zu werden. Irr diesen! Werke finden' rvir viele Dinge von der Bibel, vom Talmud, Midrasch erklärt, die -eilten ungeheuer großen Scharfsinn verraten. Das Wichtigste jedoch dieses Werkes, ja dessen Krone ist die Erklärung des großen Bibelexegeten, Grammatikers und Denkers, nämlich deS Abraham Jbrr Esra. Hier gewährt uns Krochmal einen Mick irr «das Denken dieses großen Mannes, der leider von sehr welligen verstanden wurde. B. Spinoza war der erste und Krochmal der zweite, die das umfangreiche literarische Wesen des Ihn Esra begriffen und zu erklären verlangten. Spinoza tat es iu einigen Sätzen. Er hat uns nur einen Bruchteil seiner philosophischen und denkerischen Macht gezeigt, lvährelld Krochmal ltus ctit genaues Bild gab, er entwarf es in großen Zügen «und popularisierte sozusagen das System, die Anschauungen des großen mittelaltertichell Denkers iu der Sprache des neunzehnten Jahrhunderts. Das Bild ist ihm vollends gelungen. Wer Öen Ihn Esra auch nur teilweise verstehen will, muß sich zu Krochmals Werk begebeu und dort kann er sein Ziel erreichen und feilten Bildungshunger vollkommen stillen. Schon aus aridererl Rücksichten ist das Werk ein teures Vermächtnis der jüdischen Geschichte, da es zweifelsohne die jüdischen gelehrten Massen ans der Lethargie geiveckt, die alten heidnischen und arabischen Systeme wurden abgeschafft nn>d die jüdische Wissenschaft bereicherte sich dllrch das freiwillige Verquicken des europäischen Denkens mit der bisherigen jüdischen Auffassung. Der Konservatismus trat seinen Ort dem Radikalismus ab, neue Lüfte beganllen zu weben »md sich bemerkbar zu «rachert und das Judentmn wurde von seinen bisherigen Ueberzeugungen gerettet rrnd gewann ein r ilenes Licht, eilte frische, gesunde Farbe. Eine stille Revolution entwickelte sich tm Rahmen des J,u- | öeniums, die aber bald hörbar wurde. Bon allen Seiten standen Finsterlinge aus und wollten der Philosophie.Krochmals den Garaus machen. Es half nichts. Der Same, den diese jüdische Koryphäe gestreut hat, ist in viele jüdische Herzen gefallen ullid hat wirklich schölle Keime und Früchte hervorgebracht. Ein Funke dieses genialen Philosophen genügte bereits, um die Herzen und Gemüter aller K'nlturstreben'den zu entflammen und zu begeistern. Zahlreiche Schüler bekam er, die kn seine Fußstapsen traten, und eine jüdische Poryphäe, wie es I. L. Zunz war, erkannte in denk galizischen scharfsinnigen Manne eine philosophische Kapazität. Biele Ehrellstellen hat man dein Krochmal geben wollen, die er aber immer ausschlug. Er war von den alten jüdischen Philosophen und Gelehrten, die an der Wissenschaft nichts verdienen wollten, sie taten das Gute nur des Guten willen und sahen nie einen Posten als Erfüllung und Vergeltung ihrer Taten und Bestrebungen an. Krochmal hak sogar den Posten eines Oberrabbiners in Berlin auSgeschlagen. Dieser wahre Märtyrer lind Dulder, dieser philosophische und moralische Stoiker war die Güte llnd Bescheidenheit selbst, er war ein Uebermensch inr vollen Sinne des Wortes, wenn man sein Wohnland Galizien in Betracht zieht und seinen Geburtsort Zolkiew, wo er so viel Leid auszustehen hatte. Nicht nur seine eigene Ausfassnng war ihm teuer, aber auch die der anderen und hat manche seiner großen Gegner, die sich aus Rabbinern rekrutierte, geachtet und ihnen die vollbürtige Ehre gezollt. Krochmals wichtigster Schüler, der ganz in die Fußstapsen seines großen Lehrers trat, war der große Historiker S. L. Rapoport. Die histortosophischen Lehren Krochmals hat sich dieser wie am besten angeeignet. Es gibt sogar sehr viele, die behaupten, daß manche Anschauungen, die als seine eigenen gelten, dem Krochmal entlehnt sind. Das ist grundfalsch in Hinsicht der Verallgemeinerung, bleibt aber nicht ausgeschlossen, bb sich nicht hie und da Ansichten finden, die dem Krochmal entlehnt sind. Jrt allen Hinsichten liefert uns derselbe ein klares Bild von den spanischjüdischen Gelehrten, von den Gaomin und noch anderen Dingen, die vor ihm gar nicht oder nur sichten liefert uns derselbe emmn.an.Pmf ffls si sehr wertig behandelt worden sind. Seine Analyse der hebräischen Dichtkunst in Deutschland und Spanien ist sehr richtig urrd kann vom wissenschaftlichen Standpnntt aus seine volle Geltung haben. Als Biograph ist er ausgezeichnet, als Popularisatvr des jüdischer! Wisiens lobenswert, als Stilist glänzend. Seine Sprache ist leicht, faßlich, bündtg, dte grammatischen Formen werden schön gebildet und ausgenützt und all seine Werke erfreuen uns durch ihre Frische, Lebendigkeit und sprudelndem Geist. Es lebt, zuckt und bewegt sich irr seinen Schriften, nrarr rvird vort angenehmen Lüsten angeweht. Wir können uns unbedingt den Anfichten des E. H. Weiß rricht anschlietzen, der da behauptet, daß seine literarische Bedeutung eine untergesetzte fei. Vielmehr können wir mit dem Professor Dawid Kaufmann vollends übereinstimmen, um kühn behaupten zu könlterr, daß dieser Historiker eine neue Epoche in der jüdischen Geschichte angebahnt hat und hat vielleicht so viel in der Geschichte geleistet, was Krochmal in der Philosophie geleistet hat. Seine Gedanken sind von logischen Ketten getragen, seine historische Anffassung war bedeutend, er hat die Weltgeschichte tu der jüdischen Geschichte geltend gernacht. Mart rvird überrascht von manchen historischen Winken und 'Andeutungen, die mehr sprechen als ganze Bünde es tun könnten. Der Einfluß des großen französischen Historikers Reix Bayle und seines Hauptwerkes „Dietivnair histvrique — eu Zigne" hat sich bei diesem ans herrliche Weise knndgetan. Seilte Anffassung der jtidifchert Geschichte ist wirklich vom jüdischen Standpunkte. In seiner! historischen Werken spiegelt sich ab die Lage des Judentums mit all seinen Leiden und Freuden, Schmerzen und Ausatmungen, eilt wahres Panorama im voller! Sinne des Wortes. Was Krochmal und Rapoport in der jüdischen Wissenschaft geleistet haben urrd was diese für das tiefere Verständnis des Judentums beigetragen, das rvar Jsak Ester in der Dichtkunst. Sein einzig geschriebenes Werk „Hazofeh lebeth Israel" hat einen gewaltigen Eindruck ausgeiibt uud eirreri Sturm der Entrüstung entfacht, der sich überall in dern darrraligen, unkultivierten, lichtschenerr Galizien kundgab. Dieser Mann, von Berus Arzt, rvollte artch das Innere seines Volkes 'heilen, damit eö geistig rrnd kulturell gefrm-de und seine Kräfte gut ausnütze. Er hat gewußt, daß seirre Worte nicht auf aufmerksame Hörer treffen werden rrnd doch hat er nicht gescheut, eine Tat zu begehen, die auch für den sie Propagiererrden ein Äftißvergrtügen Hervorrufen müßte. Er kvnrrle aber rricht anders. Gleich den Propheten des Altertums ist er anfgetreten mit Macht, Stärke und inrrerem Bewüßtseirr. Seine Saat, die er gestrorrt hat, hat sehr viel gewirkt. Er hat Gegner gehabt, aber auch Frermde und Genossen, ja sogar von den Gegrtern, oder rvenigstens von deren Kindern, sind solche erstanden, die vor der Persörtlichkeit des Ester viel Respekt hatten und für ihn mit Leib und Seele eintraten. In diesem Werke tritt Ester mit all seiner Kraft für die innere Reformierung des Judentums ein, für die Verinnerlichung der Gefühle und aus allen Zeilen spricht Ernst, unbeugsamer Stolz, ein Stolz, der sich überhaupt nur bei großen Männern zeigt und der nichts gemein hat lnit dem der Aufgeblasenen und Dnmmjahne. Es ist ein idealer Stolz, der sich bei den jüdischen Propheten, die an Gott glaubten, am meisten zeigte. Nichts wird von feiner scharfen Feder geschont, er schwingt die satirische Geißel liber alles, was lebt und verdorben, überhaupt, >was keine Existenzberechtigung besitzt. Von den steifen, dogmatischen Orthodoxen, bis zu den romantischen, abenteuerlichen Chassidim, von den wörtlich Aufgeklärten bis zu den Halbgebildeten, nichts wird von ihm verschont. Er verwundet, um heilen zu können, er schneidet ins wilde Fleisch, unt an dessen Stelle gesundes, frisches Fleisch aufwachsen zu lassen. D>em Außenstehenden wird vielleicht dieser radikale Schnitt, diese Operation als Barbarei erscheinen, lvährend es dem tiefer Blickenden, demjenigen, der vom Aeußeren nicht iru mindesten beeinflußt wird, als ganz liatürliches Heilmittel und Streben erscheinen muß. Schon Grätz hat feine Macht in der Satire gewürdigt, er hat ihn neben Heine und Börne gestellt, was sicherlich zeigt, daß dieser echt jüdische Historiker das dichterifche Wesen Esters verstand und begriff. In diesem epochalen Werke, wo ein vollkommenes Programm der Gesundung des Judentums enthalten (wenigstens zu damaliger Zeit), gibt es mehr Tränen als Freuden, mehr finstere und düstere Schatten, als klares Sonnenlicht. Er lacht, weil er nicht weinen kann und darf, nicht kann, weil ihm die Natur nur „Lach-" und „Spottaffen" gegeben und alles, was er in sein Inneres aufnrmntt, wenn es auch grau in grau, bekommt eine heitere und lichte Farbe; er darf nicht weinen, da er auf fatirifche Art und Weise seinen Trumpf besser auszuspielen vermag. In allen feinen Betrachtungen und Skizzen ist er ein Meister der Form, des Wortes und des Gedankens. Licht und Schatten rverden miteinander verquickt und ausgemischt, eine vollkommene Harmonie beherrscht das kleine Werk von Anfang bis Ende. Nichts entgeht unserem Auge und unserer Austnerksamkeik, wir bewundern die künstlerische Ilnetnanderreihnng der Bilder, den herrlichen Jöeengang und den Reichtum und Plastik seiner zaubernden Sprache. Seine Worte gehen vom Herzen zum Herzen, er elektrisiert uns, suggeriert uns vollständig, daß wir nicht selten von seiner glanzenden Darftellungsgabe und plastischem Talent entzückt und berauscht werden. In seiner Betrachtung „Taischlich" gibt er uns ein treües Bild vvn seiner Zeit, von den Auffassungen seiner Zeitgenossen, die leider noch heute ihre Geltung bei vieletk Finsterlingen beibehalten. Ohne Erbarmen reißt er den Verächtern! der Wissenschaft, den Finsterlingen^ den offiziellen Unterdrückern des jüdischen Volkes, die Maske herunter; er wirft ihnen seine Verachtung entgegen, er ist ein Adler, ein König der Lüste, und wirst von seinen Höhen einen Blick der Verachtung ans die verdorbenen Jndividnett, auf die jüdischen Tartüffe, er geißelt sie, er reißt ihnen die falsche Maske, die sie sich angelegt haben, herunter, er verwntldet, um heilen zu können, er zeigt die Finsternis mit all ihren Nachteilen, das Licht mtt all seinen Vorzügen. In „Sani, SäUsani und Samallgalaf" stellt er die Albernheiten nttd Alfanzereien der damaligen Ehasfidim dar, ihre ueuanfkeimende Mythologie mit einer Unzahl von Engeln, mit ihren finstere», täbbalistischen Hirngespinsten, ihren heidnischen, jüdischwidrigen Ansichten nlld -lufchannngen und ihrer ganz verfehltell Lebensweise. In „Gilgnl" zeigt er die irrige Auffassung der Alten, die sich überhaupt bei den Ehafsidim am meisten geltend machte. Hier Hat sein vielseitiges Genie Gelegenheit, die albernen Btenmngeu der damaligen Zeit 'lächerlich zu machen mtö tunt Grund aus zu vernichten. Mit ungewöhnlicher Meisterschaft hat er uns ein Bild -entrollt, das -wahrlich iu die erste Reihe der dichterischen Erzeugnisse treten kann. Mvliere und Cervantes, Quinanlt -und Gozzi scheinen vor uns zu treten und in diese formvollendete Vetrachtnng ihren Geist eingehaücht zu haben. Er gebraucht aber diese irrige Ansfassung, nämlich die Seeleliwandernllg, zu einer fenilletoniftischett Betrachtung. Man kann tönt zu dieser Skizze gratulieren. Er hat das Höchste, das Vollkommenste erreicht, er hat die höchsten Staffeln der Satirleiter erklommen, er hat den Propheteustil wiederbelebt, vbnwhl in anderen Formen. In seinen „Mifrhle sahab" zeigt und geißelt er die Aufgeblasenheit, die äußere Seite der damaligen Aerzte, die sich nur damals auf ihr Wesen und Wissen einbilden konnten, wenn sie in herrlichen Wagen und Karossen fuhren, im Gegenteil aber nichts silld tutö auch keine Achtung verdienen. Mit einem Worte, in diesem echt jüdischen Satiriker hat sich das ganze damalige Leben wie am genauesten und pünktlichsten abgespiegelt. Ein Stück jüdischer Kltltur ist mit diesem genialen Maulte zu Grabe getragen worden; er toar die Verkörperung der jüdischen Satire und Alcharisis „Tachkenlvllt" steht in manchen Hinsichten hinter Ester, sowohl in der plastischen Darstellung sowie auch in seinem satirischen Talente. Diese drei Schriftsteller, Krochmal, Rapoport und Ester, habet! den bedeutendsten Einfluß ans das Jndentllnl geübt, sie waren sozusagen die