Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 15 (14.4.1905)
- Date
- 1905-04-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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humoristische Beilage. Beilage jtu Nr. 15 des „Jüdisches Volksblakt". Erev Pefsah. Ihr guten Juden, hört nur zu Und laßt die Arbeit feiern, Ich finge euch das Pessahlied Von Mazzes und Scholeteiern. Der große Tag. er bricht herein, Denn heute ist Erev Pefsah Die Kinder jubeln: „Heute gibt's Wein Und Mazzes und Gänsegekrös'l ach!" Des Morgens ißt utcm zum Kaffee Noch Seimnel, Brot und Wecken, Dann sucht der Vater im ganzen Haus Das Chomez aus allen Ecken. Zu Mittag gibt es magre Kost, Nur Erdäpfel in Fülle, Erdäpfelsuppe, Erdäpfelpüree Das ist die ganze Khille. Und nur, wer gar genäschig ist. Die Dienstleut und kleinen Mädeln, Die essen, obwohl's verboten ist, Zur Suppe schon Mazzesknödeln. Schulklopper heißt ein wackrer Mann, Der geht an alle Pforten. Er trügt einen Korb voll Eier mit. Die schenkt man ihm allerorten. Die Mutter ist vom Morgen an Schon fleißig beim Festmahlkochen. Auch richtet sie, wie's alter Brauch, Das Scholetei und den Knochen. Und doch trotz Fleiß imb Emsigkeit Ohn' Rasten und ohn' Rosten Wird fertig nie zur rechten Zeit Die emsige Balbosten. Und endlich bei Kerzen, Festesglanz Von Gottes Wundergnade Erzählt der Vater mit lautem Mund Den Kindern aus der Hagade. Das Festgebet, das dauert lang, Es duftet der Braten von: Ofen, Und alles atmet erleichtert auf Bei „Vaure peri hagofen". «. K. Eine Versammlung! Tschirne-Pückler in Wien. Ein großer, geräumiger Saal, gefüllt mit Damen und Herren der „besten" Gesellschaft, alle in Hemdsärmeln, in der Hand irgend eine Waffe, an den Wänden große Plakate in allen Farben mit beit Aufschriften: „Nieder mit den Juden", „Es lebe der Pücklerismus", „Heute großer Judenmassenmord", „Revanche für die Ritualmorde" uftv. Am Präsidententisch sitzt Graf Pückler von Klein-Tschirne. Zum Unterschieoe von den anderen hat er die Hemdsärmel aufgekrempelt und auf dem Arm Tätowierungen von Szenen in Kischinew. Statt der Glocke liegt vor ihm ein Prügel. Graf Pückler (erhebt sich, schlägt mit dem Prügel auf den Tisch. Der Lärm hört auf, die Kellner flüchten sich. Einige rufen vorlaut: „Nieder mit dem kleinen Kohn". Stimmen: „Er ist nicht zu finden. Ruhe! Pückler will sprechen! Hoch Pückler!" Endlich Wird es ganz still). Meine Herren! Brüder in Christo! (Beifall rasender, nicht enden wollender.) Man hält mich für einen Geisteskranken. (Tosender Beifall.) Ich bin es nicht. Sehn Sie mich an, habe ich eine krumme Nase, lockige, schwarze Wollhaare, daß man mich dafür hält? Habe ich Mauschelbeine? Nein, meine Herren, das lverden Ihnen die judenreinen Kellnerinnen dieses Saales bezeugen. Und dennoch haben die Juden, dieses tausendjahre alte Unglück der germanischen Nation, es gewagt, mich dafür zu halten. Aber ich werde mich rächen! Hat sich für die Prinzessin Koburg und die Gräfin Montignoso ein Arzt gefunden, der sie für geisteskrank erklärte, so lvird sich auch einer finden, der mich für normal erklärt. (Lebhafte Zustimmung.) Meine Herren, Sie sehen hier einen Märtyrer seiner Ueberzeugung vor sich. Die blauen Flecke meines unseligen Berufes sind nur (er spuckt aus) von der koscheren Hand eines Herrn Lewy! (Entrüstungsrufe, einige Damen werden ohnmächtig, alle Herren wischen sich Tränen von den Augen) — verzeihen Sie, daß ich den Namen hier ausspreche — auf den Rücken gezeichnet worden. Und unser Kaiser ließ das zu, und ist ruhig nach Marokko gefahren. Die Behörde hat uns nicht die Einwilligung zu einem Blutbade a la Kischinew gegeben. Sie sehen, lvir müssen uns selbst helfen. Selbst helfen, meine Herren, meine Damen! Die Jungfrau soll den Strickstrumvf und die Tanzstunde lassen, sie soll nroruen, Megäre werden oder Hebalnme, sie soll die jüdischen Rangen bei der Geburt erlvürgen. Und Ihr, Ihr Männer, Ihr Deutschen, Ihr Germanen (m Verzückung schreiend) eine Maschine muß gefunden lverden, ärger als das Automobil und mit dieser wollen wir gegen den Feind ziehet!, denn ohne Waffen richten wir nichts aus, und bekommen (spuckt aus) von Lewy Schläge!! (Kunstpause. Anhaltender, tosender Beifall, Pückler wischt sich mit dem Taschentuche den Schweiß von der Stirne, und trinkt hastig vier Gläser Kognak.) Wir sind weit in der Kultur zurück. ' Schauen Sie sich Rußland an, dort gibt es noch Mannesmut und Kraft, dort sehen Sie täglich Judenblut fließen. Dort ist meine eigentliche Heimat! - Und wenn ich es in einigen Jahren nicht dazu bringe, daß der Kronprinz in meiner Versammlung spricht, dann, meine Herren und Damen, trage ich denr Zar das Du an und! werde Plehwe der Zweite. Am Newski- Prospekt lasse ich eine Gouillotine errichtelt und zeige gegen Eintritt „Judenschlachten". Der Reingewinn wird zur besseren Behandlung der Irren verlvendet. Da, meine Herren (er reißt sich den Aerinel auf. Rufe: „Kauft nur bei Christen"), hier sehen Sie nur eine schwache Wiedergabe unserer dortigen Erfolge. (Er zeigt die Täto- Wierungen. Vom „Illustrierten Wiener Extrablatt" nimmt der „Spezialzeichner' mittels Photograph den Arm auf. Er lvird van den wütenden Frauen ergriffen, und muß sich ausweisen, daß er ein Christ ist. Er tut dies, trotzdem er Kohn heißt.) Meine Herren und Damen, ich beantrage,Rußland eiuHuldigungstelegramm — mein Vorgänger Plehwe ist leider spurlos verschwunden — abzusenden, und lvird zur Verfassung dieser Resolution, die mein Freund, der Schriftsteller und Rituallnordforscher Hans Arnold Leicht, übernimmt, eine Pause von zehn Minuten anberaunlt. Die Pause kann dazu benutzt werden, einige jüdische Schaufenster einzuhauen. (Pause.) Nach zehn Minuten erscheint Herr Graf P ü ck l e r. Unser Freund, Hans Arnold Leicht, der, wie Sie alle wissen, ein ebenso großer Dichter ist, als die Juden Nasen haben, konnte es nicht unterlassen, Die Resolution in Verse zu bringen, die folgendermaßen lauten: (Spezinlberichterstatter des „Deutsches Volksblatt" stenographieren.) „Da der Zar durch den Krieg zu sehr in Anspruch genommen ist, wird die Adresse an dessen Vertreter, den kleinen Zarewitsch, geleitet. Heil dir, Rußland, daß du töten kannst, ohne zu denken, Ohne dir erst wie ich das sogenannte Gehirn zu verrenken, Du hast andere Leute, die immer die Juden schinden, Aber ich muß immer zuerst den Ritualmord erfinden. (Tosender Beifall. Unter den Klängen des von Moses Löwenstamm (!) verfaßten Pücklermarsches werden Pückler und Leicht auf den Schultern hinausgctrngen. In der Haustüre treffen sie mit Rabbi Bloch, der die Versammlung seines Leitartikels wegen besucht hat, zusammen; er wird jedoch, seines arischen Aussehens wegen, nicht behelligt. ) Thekla Blech. A la Klapphorn. Zlvei Herren jagen nach einer Maid, Der eine erwischte blos ihr Kleid, Der andere sucht sie in Klöstern, Die Geschichte war vor Ostern. Frau Kohn fixiert ihn mit dem Lorgnon, Frau Levv ruft dazu: Fi donc! Was die beiden irritieren tut? . . . Vorbei ging soeben ein polnischer Jud! . . . Vom russischen Kriegsschauplätze. (Von unserem Spezialberichterstatter.) Nü-Hängts-Enk, Anfangs April. Wer die russische Seele genau kennen lernen will, muß aus den Kriegsschauplatz gehen. Da sieht er erst, welcher Patriotisinus im russischen Volke lebt. Kaum verwickeln sie sich in einen Kampf mit dem Feinde, kaum macht dieser Miene, einigen tanfenb Russen ein Ruheplätzchen in japanischer Erde zuzuweisen, und schon gewinnt der Patritotismus im Russen die Oberhand und er flieht zurück in der Richtung seiner Heimat; er mag nicht in fremder Erde ruhen, es ist ihm viel lieber, zu Hause rastlos ztl arbeiten. Ein weiterer schöner Zug außer dein R ü ck z u g der Russen ist die Gleichheit aller Menschen. Juden, Polen, Tataren, A r m e n i e r, alle sind gleich, überhaupt das gleiche Sterbenlassen ist geradezu rührend. Im Gegenteil! Gerade die Angehörigen dieser angeblich unterdrückten Völker genießen hier Vorrechte, wie sie sie sonst in keinem anderen Staate genießen würden. Sie werden in die vordersten Reihen gestellt, trotzdem sie sich nie vordrängen (dies sollten sich unsere westlichen Brüder zur Lehre dienen lassen), man nimmt es ihnen auch nicht übel, daß sie von der Waffe Gebrauch machen, auch dagegen würde man nichts einwenden, wenn sie in großen Massen zusanunenkämen, kurz, es ist das Ideal der menschlichen Gleichheit, das man hier zu sehen bekommt. Diese bevorzugte Stellung der Juden und ihrer „Leidensgenossen" (wie die europäisch-jüdischen Blätter sich in ihrer Unwissenheit ausdrücken), ist um so höher anzuschlagen, als es (ich muß es zu meiner Schande und zur Schande des Gesamtjudentums gestehen) sich hier erwiesen hat, daß die Juden usw. in bezug auf Patriotismus hinter den Russen weit Zurückbleiben, indem sie oft trotz des Rückzugskommandos in den ersten Reihen ausharren, sich dem Feinde mutwillig ausliefern und es vorziehen, in Japan zu sterben, als „ztl Hause" zu leben. Ich war Zeuge einer erhebeltden Szene! Die Ankunft des Extrazuges mit M a z z o s für die jüdischen Kombattanten war für vier Uhr nachmittags angekündigt. Die jüdischen Soldaten waren am Bahnhofe versammelt. Der Feldrabbiner hielt eine Ansprache, in welcher er unter Tränen derer gedachte, die zu Hause sich des letzten Groschens enblötzten, um ihren Angehörigen das Symbol der Freiheit zum Passafestc schicken zu können .... Ein schriller Pfiff! Der Zug brauste heran . . . Man rnachte sich an die Entladung der Waggons . . . Doch, o Schreck! Zehn Waggons waren leer, im elften lagen ungefähr fünfzig Russen und schnarchten, auf ihren Bärten waren Mazzoskrümchen sichtbar, neben ihnen lagen einige Exemplare von Kruschewans judenfresserischem „Bessarabetz" . . . Bis der Zug an den Bestimmungsort ka:n, hatten die Russen zehn Waggons M a z z o s aufgegessen. Uno da sagen noch die Europäer, daß man in Rußland dem Blutniärchen, wonach zu den