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Jüdisches Volksblatt · 1905-04-07 · 14 (7.4.1905) · page 9

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
14 (7.4.1905)
Date
1905-04-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Synagoge, Schule und Haus. Beilage zu Nr. 14 des „IKdifchrs Volksblatt". Kultusbriese, die ihn erreichen mögen. III Lieber Freund! Du bist ein sehr ungeduldiger Schüler! Nach dem zweiten Unterrichtsbriefe entwindest Du Dich meiner Leitung und glaubst, mir weiß Gott welchen Gefallen dadurch erwiesen zu haben, daß Du ohne Aufsicht in die erstbeste Synagoge läufst, Dir diePredigt des erstbestenRabbiners anhörst und mir dann Dein Entzücken über den Gesehenen und das Gehörte mitteilst. Diese Erscheinung ist mir nicht neu. Es ist die alte Art der Neophyten, daß sie, kaum getauft oder kaum von der Beschneidung genesen, aus den Kirchen bezw. Synagogen nicht mehr herauszukriegen sind. Ich wollte Dich aber gerade auf den Synagogenbesuch vorbereiten, Dir allmählich eine Anleitung zum Besuche unserer Synagoge in Wien geben, dann glaube es mir, nur wenig Juden verstehen es, eine Synagoge zu besuchen, in einer Synagoge dasjenige zu suchen und zu finden, was ihrem Herzen nottut: Trost und Erbauung, Stärkung für den Volkskampf und vor allem die unerläßliche Achtung vor demjenigen, der in der Synagoge zu Dir spricht. Hierzu ist vor allem die Kenntnis der Verhältnisse und der Personen notwendig. Es ist viel unschädlicher und ungefährlicher, niemals eine Synagoge zu besuchen, sich niemals einem Rabbiner anzuvertrauen, als sich von ihm enttäuscht abwenden zu müssen. Denn Menschen, deren Judentum nur in Synagoge und Rabbiner besteht, verlieren dann mit ihrem Glauben an Synagoge und Rabbiner auch ihren Glauben an das Judentum. Du warst also anläßlich des 40 j ä h r i - gen I u b i l ä u m s d e r F ü n f h a u s e r E h e w r a - K a d i s ch a zum ersten Male in einer Synagoge. Das war sehr unvorsichtig von Dir! Du bist von diesem Besuche ganz entzückt heimgekehrt. Das ist verdächtig! Du fandest die Koryphäen unserer Gemeinde in der Synagoge, der Prediger ist ein schöner Mann mit einem wunderbar sorgsam gepflegten Barte, seine Hände und Nägel lassen eine besonders peinliche Manicure vermuten. Er spricht mit einer Stimme, wie Du sie im gewöhnlichen Leben noch nie gehört hast. Und erst die Predigt! Wie hat diese Dir erst gefallen! Und Du hast sogar die Genugtuung, daß sie nicht nur Dir, sondern, wie Du aus verschiedenen Gesprächen zu urteilen in der Lage warst, auch den meisten Anwesenden gefiel. Dein Interesse steigt, Du erkundigst Dich nach dem Rainen des „glänzenden Redners", er heißt Dr.Max G r u n w a l d, dann rennst Du nach Hause, fixierst rasch die schönsten Stellen der Predigt, sendest mir eine Kopie ein und schreibst in sichtlicher Verzückung: „Volle! Ich bin wieder Jude, sogar ein Synagogenjude!" Armer Freund! So schnell wird man nicht Jude, zumal in Wien nicht! Man muß manche Bitternis und Enttäuschung durchkosten, um die Widerstandskraft zu erlangen, der ein Jude im Kampfe gegen den mächtigen Feind bedarf. Durch Bitternis zur Neberwindung der Bitternis! Das ist mein Rezept, das ich auch Dir gegenüber anwende! Nun denn zur Predigt selbst! Sie hat Dir und den übrigen Zuhörern außerordentlich gefallen! Dieses Schicksal widerfuhr dieser Predigt — wenigstens ihren: wesentlichen Teile — schon viel früher. Dieser Teil der Predigt hat schon in den 70er Jahren gefallen, als sein u r - sprünglicher Auto r, Dr. Benjaistjn R i P p n e r in Glogau ihn vor einer andächtigen Versammlung gehalten hatte. Die Predigt gefiel damals so außerordentlich, daß sie unter dem Titel „D e r T o d M o s e s" (sic!) im fünften Jahrgange von Dr. Rohmers Magazin für Predigten, Seite 169, abgedruckt wurde und in der „Sammlung ausgewählter Predigten von Dr. B. R i p p n e r - Magdeburg, Verlag der Expedition der Magdeburger Israelitischen Wochenschrift" einen ehrenvollen Platz fand. Ich empfehle Dir das Nachlesen der angeführten Stellen, und Du wirst sehen, , daß gerade der von Dir so sehr bewunderte Midrasch und seine gei st reiche Deutung in der genannten Predigt des Dr. R i p p n e r Wort fürWort abgedruckt sind. Du siehst Dich hier wieder jenem Psychologischen Rätsel gegenüber, welches jetzt unsere modernen Psychopathen und Kriminalisten beschäftigt. Sie nennen eine solche Erscheinung ein abnormales Gedächtnis, welches dem Behafteten im Momente seines Schaffens ein Schnippchen schlägt, indem es ihm einmal Gelesenes als soeben Erdichtetes vorgaukelt. Es dürfte Dir bekannt sein, daß die seit ihrer Kindheit blinde Schriftstellerin Keller dem Vorwurfe des Plagiates auch nur durch die Formel des bei ihr erviesenen abnormalen Gedächtnisses entgehen konnte. Nun, lieber Freund, stehe ich wohl auf dem Standpunkte, daß eine Predigt nicht den Zweck hat, originell zu fein, sondern auf das Gemüt des Zuhörers zu wirken, aber eine Predigt kann meiner Ansicht nach nur dann zum Herzen der Zuhörer gehen, wenn sie aus dem eigenen Herzen des Predigers kommt, und zwar ursprünglich, normal und nicht auf dem Umwege des abnormalen Gedächtnisses. Es steckt eine unbewußte Unehrlichkeit in einem solchen Charakter, die ich gerade bei einem Rabbiner lieber vermisse. Diese Abnormität des Gedächtnisses, die Unnatürlichkeit der Stimme, die Unnatürlichkeit seines Verhältnisses zur Kultusgemeinde durch die Verwandtschaft mit dem in einem Abhängigkeitsverhältnisse zur Gemeinde stehenöen Dr. Bloch (auch dieses Verhältnis ist unnatürlich) machten es mir zur Pflicht, seiner Zeit gegen die Berufung dieses „schönen" Rabbiners anzukämpfen, und machen cs mir auch heute noch zur Pflicht, gegebenen Falles den Beweis für Berechtigung meines Kampfes zu erbringen. Ich halte dieses Reklame-Rabbinertum (nicht alle sind so) für ein Unglück, das sich auf allen Gebieten unseres Gemeindelebens fühlbar macht. Ehe ich diesmal schließe, will ich Dir noch andeuten, daß dieser Mann mit dem abnormalen Gedächtnisse sich diesmal wieder an der Konkurrenz der R a P p a p o r t - S t i ft u n g beteiligen wird, in deren Komitee auch sein Schwiegervater, Dr. Josef Samuel Bloch, sitzt. I. Kr. Der Lehrplan für den israelitischen Religionsunterricht an den Wiener Schulen. Von Dr. S. Krenberger, Schuldirektor. Im Jahre I960 führte der Vorstand derj Wiener israelitischen Kultusgemeinde einen neuen Lehrplan für den jüdischen Religionsunterricht ein, der für Volks-, Bürger- und jene Mittelschulen, die zugleich Erziehungsschulen sind, verbindlich ist. Trotzdem ich der speziellen Praxis als Religionslehrer entbehre, lvill ich diesen Lehrplan nach wissenschaftlichen Grundsätzen zu beurteilen versuchen. Als Anhänger der Lehren Herbarts und Zillers habe ich stets dem Religionsunterrichte meine Allstnerksamkeit zugewendet und mit dem Rüstzeug dieser Schule trete ich auch an die Beurteilung heran. Ich fasse aber nur die Prinzipien, die gedankliche Grundlage der Lehrpläne ins Auge und gehe nicht ins Detail. Dieses bedeutet ja nur die Ausführung der Grllndsatze, welche das Handeln bestimmen. Während uns fortwährend und stetig Besprechungen und Arbeiten für und über den katholischen und noch mehr über den evangelischen Religionsunterricht begegnen, da es kaum eine deutsche wissenschaftlich-pädagogische Zeitschrift oder ein Jahrbuch gleicher Tendenz gibt, in den: wir nicht auf Erörterungen über den genannten Unterricht stoßen, sehen wir in betreff des jüdischen Religionsunterrichtes eine furchtbare Oede und Sterilität. Auch der katho- *) Gestatteter Abdruck aus der „Zeitschrift f. d. Oefterreichische Volksschulwesen", XVI. Jahrg, 4. u. b. Heft. Wien. Verlag von F. Tempsky, 1905. lische Religionsunterricht wird nicht in den: Maße wie der evangelische pädagogisch behandelt, immerhin aber mehr als der jüdische. Thrändorf, Staude, Dörpfeld, Just und Lietz haben sich durch Arbeiten über den evangelischen Religionsunterricht dauernd einen Namen in der Geschichte der deutschen wissenschaftlichen Pädagogik erworben. Auf den katholischen theologischen Fakultäten sind allgemeine Pädagogik, Katechetik und Methodik obligate Lehrfächer. Der jüdische Religionsunterricht hat aber weder eigene Orte noch eigene Lehrer zu seiner speziellen Ausbildung und findet nirgends literarisch-wissenschaftliche Besprechung. Dem Wiener Nabbinerseminar sind Kurse zur Ausbildung von Religionslehrern angeschlossen; es gibt Prüfungskommissionen und Prüfungsvorschriften für Religionslehrer. Aber dort lehrt man vor allem das Sachliche, das Wissen für Geschichte, Bibel, hebräische Sprache und Bibelkommentare; hier prüft man vor allem das Wissen; die Methodik und die pädagogische Ausbildung werden nur oberflächlich und im allgemeinen gepflegt. — Soll vielleicht dieProbelektion ein vollgültigerNachweis pädagogischer Bildung, methodischer Einsicht, wissenschaftlich-pädagogischen Interesses sein? Werden die einviertelstündigen Fragen des bestellten Prüfungskommissärs ein Urteil über den pädagogischen Takt des Kandidaten ermöglichen? Sind den Lehramtskandidaten methodische Vorträge über den ganzen jüdischen Religionsunterricht oder über Teile desselben gehalten worden? Es gibt oft Anwärter auf die Stelle eines jüdischen Religionslehrers, die den Schulunterricht nur aus ihrer eigenen Jugend kennen! Und selbst diejenigen, welche als Volks- oder Vürgerschullehrer pädagogische Kenntnisse gesannnelt haben, sind in der wirklich pädagogischen Verwertung des Religionsstoffes nicht selten Laien, weil ihnen die spezielle Vorbildung fehlt. In der Tat findet man in den Kreisen der jüdischen Religionslehrer selten eine lebhafte wissenschaftliche Betätigung mit Fragen des Religionsunterrichtes. Wo wird über Aufgabe, Ziel, Methode, Lehrplan und Lehrbücher wissenschaftlich gesprochen?Jn den sogenannten Lehrerkonferenzen werden einzelne Themen behandelt. Hat diese Besprechung aber eine besondere Wirkung? Formt sie die pädagogische Gebarung der Lehrer um? Wirkt sie auf den Unterricht gestaltend ein? Sind die Anregungen des einen Fachmannes für den Gedankenkreis des andern bestimmend und befruchtend? Es gibt leider so gut wie keine wissenschaftliche Bereicherung der pädagogischen Literatur über den jüdischen Religionsunterricht, die aus den Kreisen der Religionslehrer stammt! Und doch hat der jüdische Religionsunterricht sicher auch die Bedeutung des Religionsunterrichtes der anderen Bekenntnisse. Welches ist nun diese? Die Aufgabe der Schule ist es im allgemeinen, einen konstanten guten Willen in den Zöglingen zu erzeugen und sie so zu bilden, daß ihr Charakter dem Ideale der menschlichen Persönlichkeit entspricht. Mit der Bildung solcher Charaktere ist dem Staate, dem Volke, der Religionsgemeinschaft und der Familie am besten gedient. „Nicht jene Menschen sind für die Gesellschaft am wertvollsten, die sich den jeweiligen gesellschaftlichen Anschauungen und Forderungen unterwerfen, sondern die, welche die Kraft besitzen, sittlichen Unvollkommenheiten entgegenzutreten, gegen den Strom zu schwimmen und der glatten Mittelmäßigkeitsmoral zum Trotz die Fahne des Idealismus hoch zu halten." (Thrändorf in Neins Enzyklopädie 6, S. 828.) Die bloße Sitten- oder Morallehre, wie sie z. B. in Frankreich propagiert wird, kann diese Aufgabe nicht allein leisten, denn es muß der Glaube dazu kommen, damit die Erreichbarkeit des Zieles sicher ist. Die einen sehen diesen Glauben in der sittlichen Weltordnung, im immanenten Gesetz des Sittlichen. Andere halten an einen: über der Welt stehenden unpersönlichen Wesen fest, das aus Natur, Ver-

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