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Jüdisches Volksblatt · 1905-03-31 · 13 (31.3.1905) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Und wir wären die letzten, die sich weigern würden, in deil Lobeschor solcher fremden einzustimmen, wenn wir ebenfalls — Fremde waren und nicht, hier lebend, es täglich und stündlich erfahren müßten, daß in diesem Lande gerade diejenige Konfession sich des größten und nachhaltigsten Schutzes erfreuen darf, die schon zufolge ihrer iuternationaleu hierarchischen Organisation auch ohnedies die größte Macht besitzt und selbst in der Lage ist, sich zu schützen, hingegen die jüdische Konfession mit ihren Riten und Dogmen, mit ihren Bekennern und Anhängern nicht einmal denjenigen Schutz immer genießt, den ihr die Staatsgrnndgesetze zusichern. Diese zum banalen Axiom gewordene Ansicht ist bereits so sehr ins Volksbewußtsein iHrüPJMflttwwniiiimm urif hmui rrnuiTHiii Feuilleton. Von Fabius Schach. Es war das gewöhnliche, alte Bild: Tingeltangel dritter Güte. Abscheulicher Moschnsgeruch, freche und abgelebte Franengesichter, blasierte Stutzergreise, Jünglinge, lind alte Lüstlinge, die jedes Frauenzimmer mit ihren Blicken entkleideten. Schwüle Luft, aus Sinneslust und Schmutz zusammengesetzt, herrschte im Raume. Diese Atmosphäre benahm einem den Atem und erzeugte krankhafte Gefühle. Noch war es früh. Es brannten nur einige Lampen im Saale. Das Publikum war dünn gesät. Die Musikanten saßen da, trüb, schlaff, als wollten sie dem glänzenden Elend Trauerweisen spielen. Die „Künstlerinnen" waren teils noch im anstoßenden Restaurationszimmer, teils hinter den Kulissen. Da der Vorhang noch nicht heruntergelassen war, konnte man nicht nur jeden Ton des Gesprächs, sondern auch jede Bewegung von droben beobachten. Unten im Zuschanerraum unterhielt man sich ungeniert. Die Männer sprachen von den Weibern, naturalistisch, wie etwa die Metzger von ihren Schlachttieren. Allmählich füllte sich der Raum. Die Lampen wurden primitiv mit einem langen Stocke unten und auf der Bühne angesteckt und die Vorhänge heruntergelassen. Ein Blättübergegangen, daß die einflußreichsten Parteien mit frechem Zynismus die Vernichtung der Juden als ihr faktisches Ziel proklamieren und baS Verbot der Ausübung unserer wichtigsten, in der Bibel begründeten Riten einfach zum Beschluß erheben dürfen. Für den gläubigen Inden ist das Gebot des Schächtens genau so heilig wie dem gläubigen Katholiken sein Sakrament, und dennoch ist es denkbar, daß eine beliebige Körperschaft ungestraft die Abschaffung des Schächtens dekretieren kann, während auf der anderen Seite das Unterlassen des Lüftcns des Hutes vor dem Kreuze hinreicht, wegen Verletzung der katholischen Religion in strafgerichtliche Untersuchung zu geraten. Dem gläubigen Inden ist das Gebot vom Genüsse des PassahbroteS genau so heilig, wie dem gläubigen Christen das Abendmahl. Was würde nun einem Inden geschehen, der es sich einfallen ließe — wenn auch in einer wissenschaftlichen Abhandlung — die Behauptung auszustellen, daß es fanatische Christen gebe, die das Abendmahl nicht nur symbolisch, sondern buchstäblich halten, indem sic hierzu anstatt des Weines Menschenblut genießen. Aber den Inden gegenüber ist es ohne weiteres gestattet, jährlich das niederträchtige, bewußt lügenhafte Märchen von der Verwendung des Christenblutes zum Passahabend in allen Tonarten aufzusühren. ohne Rücksicht darauf, daß dieses verbrecherische Beginnen in den meisten Fällen zil Blutvergießen, zur Ruinierung unschuldiger Existenzen führt. Diese wenigen Beispiele reichen schon hin, chen mit der Aufschrift „Nr. 1" ans dem Klavier verkündete den Anfang der Vorstellung, die, lvie üblich, durch zwei Musikpiccen eingeleitet wird. Ohne das sonst übliche Stimmen der Instrumente begann das „Konzert". Irgend ein Tanz, ein Walzer, wurde gespielt, süßlich-traurig, sinneeinschläfernd. Das Publikum reckte sich. Die jungen Leute kreuzten gemütlich die Beine, die Mädchen flüsterten. Ich warf einen Blick ans das Programm. Es war eine kleine Karte mit einer drei Viertel nackten Figur an der Außenseite. Das Innere zierte eine Eaneantänzerin, die mit ihrem rechten Bein die Köpfe ihrer Galans berührt. Die eigentliche Vorstellung begann. Die Ueberschrift lautete: „Chansonette ereentrigne", der Vorname G r a z i e l l a. Sie sang und drehte sieh mit mathematischer Genauigkeit, so daß man nach fünf Bewegungen alles sah, was ihr winziges Kleidchen nicht gerade bedeckte. Es war eine sentimentale Musik, mit widerlich zotigem Text, mit heiserer, frecher Stimme gesungen — ein Bild des Jammers. Der obligatorische Beifall blieb nicht aus, damit die Heldin dreimal komme, was sie übrigens auch sonst getan hätte. Die zweite Nummer folgte. Zur Abwechslung hieß es jetzt: „Koftümsoubrette Parisienne". Du lieber Himmel! Was sich die arnre Sächsin mit ihrem unverfälschten Bliemchendialekt für komische Titel gefallen lassen muß. Sie sang Zoten, so durchsichtig... kreischte mit ihrer harten Bierstimme und der Jubel der Menge bildete das begleitende Orzu beweisen, daß es den Rednern in der jüngsten Hauck-Debatte um die Gleichheit aller Konfessionen nicht ernst war und daß es auch vom Abgeordneten R i e g e r nur eine „Dreh'" war, als er behauptete, daß es sich ihm tatsächlich um den gleichen Schutz aller Konfessionen handle. Am bedauerlichsten aber ist es, daß gerade die Klerikalen und ihre geistlichen Führer es sind, die wohl bei dem leisesten Versuche, die katholische Religion herabznsetzen, den ganzen Apparat, der ihnen zur Verfügtmg steht, in Bewegung setzen, um ein solches Vergehen mit aller Strenge zu ahnden, aber dabei vergessen, daß sich an ihnen nur dasjenige erfüllt, was sie anderen Konfessionen, besonders der jüdischen gegenüber, täglich und stündlich selbst verbrechen. Aber auch die Richtung des Judenhasses als Rassenhaß wird insolangc ein aufgelegter Schwindel bleiben, als die Führer dieser Richtung die Taufe der Juden als Heilmittel verschreiben und der Seelenschacher ein politisches Geschäft dieser Parteien bleiben wird. Wir Juden werden immer dort zu finden sein, wo die ehrliche Absicht besteht, die Gleichheit aller Konfessionen und aller Nationen aus der Theorie in die Praxis umzusetzen. Sollte aber auch in Zukunft diese Gleichstellung gerade uns gegenüber nur Theorie bleiben, so werden wir schon des Selbstschutzes wegen andere politische Bahnen Anschlägen müssen, und es ist fraglich, ob dies im Interesse gerade der katholischen Konfession geboten ist. chester. Sie war nicht schön, aber frech, über alle Maßen frech. Darin lag wohl das Geheimnis des Beifalles. Eine kleine Pause trat ein. Jetzt kommt die „tolle Russin", hörte ich einen Nachbar sagen. „Ach, die glühende Annuschka", seufzte ein anderer schmachtend. Ich schaute auf den bunten Zettel: „Annuschka Parusoff" stand darauf. Ach, Unsinn! Wird wohl Anna Müller oder Käthe Schulz heißen und aus Pankow bei Berlin stammen. So dachte ich im ersten Moment. Aber ich weiß nicht, .wie es kam, plötzlich schoß mir der Gedanke durch den Kopf: das muß eine wirkliche Russin, ja eine russische Jüdin sein. Und als ob da Autosuggesion im Spiele wäre, war ich bald davon überzeugt. Nach einem leisen Schellen stand sie auf den Brettern. Eine schlanke Gestalt, mit selten schönen Formen. Ein paar Augen lvie Kohlen, bleiche Wangen, melancholischer Zug um den Mund. Ich hatte mich nicht getäuscht. Es war eine russische Jüdin. Sie war bedeckt mit eineln armseligen Flitter, zigeunerartig, mit nackter: Armen und entblößter Büste. O, lvie muß sie einst schön gewesen sein! Aber das Gesicht spricht von Romanen, erotischen, glühenden Romanen, und die Spuren des Elendes haben sich heimisch gemacht. Aber diese Augen, kllig, sinnig uild in traurigem, schmerzvollem Schmachten auflodernd! Sie sang anfangs kalt, mechanisch, wehmütig. Allmählich aber wurde sie wärmer, wilder, und entblößte im Sange ihren Körper

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