Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 12 (24.3.1905)
- Date
- 1905-03-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion: IX/1, Servitengaffe 4. Telephon Nr. 11923. Sprechstunden: Kn Wochentagen von 4 bis 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches BolkSblatt, Wien. IX, 1. Bockwerden wegen verspäteier oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manurlrrlpl« werden Hiebt xtirficRftCttdil. Postsparkassen-Konto 847037. In das Abonnement kann man täglich eintretcn. M Erscheint jeden Freitag. Eigerrljimr mrd Herlmsgedrr: Ja Kot! Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: IN. Dukes Nachf., lsaasenstein & Vogler, Rudolf Masse, M. pozsonyi, N. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen» Expeditionen im Ruslande. Einzel-Nummer in Wien 30 Heller. Administration: IX/1, Srroitengastr 4. Telephon Nr. 14723. Abonnements - Preis Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Frankozustellung: Ganzjährig.... X 12.- albjährig .... X O.— ierteljährig . . . K 3 — fl- Für das gesamte Ausland samt Frankozustellung: Ganzjäbrig ... X 13.0« Halbjährig ... X 0.33 Vierteljährig ... X 8.42 Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenonnnen iverden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion'^ Wien, li/3, Untere Augartenstrasze 9; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse. Ur. 18 Wien, 84. Mär; 1908 (17. Weadar 5665). VII. Jahrgang Die neue Gewerbenovelle. Von Dr. Arnold Ascher. „Sotten lvir denn lvirklich in einer Zeit, wo die herrschenden europäischen Strömungen darauf zielen, große Wirtschaftsgebiete zu schaffen, weil mir diese dem Güterverkehr ausreichenden Spielraum gewähren und der Produktion einen stetigen Antrieb zu jener erhöhten Tätigkeit geben, die schließlich allen Schichten der Bevölkerung zugute kommt, sotten wir in einer solchen Zeit allein den Weg, den andere Stationen nach vorwärts gewandelt sind, nach rückwärts gehen, und sollen wir in gegenseitiger Abgeschlossenheit unser wirtschaftliches Heil suchen?" Diese unsere österreichischen Verhältnisse sicher richtig charakterisierenden Worte sind nicht etwa von einem oppositionellen, für die größte Gewerbefreiheit plädierenden Redner gesprochen tvorden, vor Dezennien etlva, wo man auch bei unS große Aufgaben im Auge hatte und nicht mit kleinen und kleinlichen Mitteln einzelnen Gruppen dienen wollte, der gegenwärtige Ministerpräsident Dr. Freiherr von G a u t s ch rief sie in der lebten Sitzung des Abgeordnetenhauses aus, als die Ausgleichsfrage mit Ungarn aus der Tagesordnung stand. lim so krasser muß aber dann der Widerspruch erscheinen, wenn man sich die Frage vorlegt, ob denn auch bei E i n b ring u n g und Behandlung d e r G e w e r b e - Novelle, die gleichfalls auf der Tagesordnung steht, an diesen Anschauungen sestgehalten wurde und ob das, was in dem einen Falle MMaHnmraBaHmnaaBnaaBinnBainanBaMBHMmnDBa j recht und billig erscheint, auch in dem anderen j beobachtet wird. Auch hier handelt es sich! darum, sott es sich wenigstens darum handeln,! „der Produktion einen stetigen Antrieb zu jener - erhöhten Tätigkeit zu geben, die schließlich allen! Schichten der Bevölkerung zugute kommt", auch j hier sollte es doch ausgeschlossen sein, daß wir j „in einer solchen Zeit allein den Weg, den andere Nationen nach vorwärts gewandelt sind, nach rückwärts gehen", auch hier kann es doch wohl nicht das Richtige sein, daß wir „in gegenseitiger Abgeschlossenheit unser wirtschaftliches Heil suchen". Aber im Schillerjahre 1906 kommen auch wieder ans „Don Carlos" die Worte zu Ehren: Anders, begreif ich wohl, als sonst in Menschenköpfen malt sich in diesem Kops die Welt. Ganz j anders sind auf einmal die Erwägungen bei der > Begründung der Gewerbenovelle, deren erste Lesung in der 310. Sitzung am 23. Februar 1906 erfolgte und die nun schleunigst in den folgenden Sitzungen beraten wurde. Es ist hier nicht der Platz, aus die zum großen Teile vollständig verfehlten Prinzipien sowie auf die Details besonders genau einzngehen, dies wird > wohl trotz der bedauerlichen Lässigkeit und un- | verantwortlichen Gleichgültigkeit, die bei uns! in diesen Fragen selbst bei Beteiligten herrscht, i an anderer Stelle und von anderen Faktoren hoffentlich noch geschehen; uns interessiert es j heute, bloß in wenigen Punkten aus die Konse-! qnenzen hinzuweisen, derer sich d i e I u d e n! i n O e st e r r e i ch zu versehen haben, wenn! die Regierungsvorlage voraussichtlich Gesetzeskraft erlangen wird. Es braucht nicht erst her- TTffli m niiiw i!■ ui Feuilleton. Eine tschechische Esther. Von Oskar Donath. Als ich mich am Vorabend des 16. Adar mit der Lektüre der „Megilath Esther" beschäftigte, kam mir eine tschechische Novelle pou Johann Wenzel Fritsch in den Sinn, die den Namen „Ceska Ester, povidka z konce 14 veku" führt. Es ist mir nicht bekannt, daß der Estherstoff in der tschechischen Literatur noch einen Bearbeiter gefunden hätte?) Daß es gerade Fritsch char, kann uns nicht wunder nehmen, wenn wir uns seine Stellung in der tschechischen Literatur vergegenwärtigen. Johann Wenzel Fritsch gehört zu den „poetao ininorum «mitlum" ugd bildet den llebergang bvn der Romantik zur dritten Dichtevschule. Er geht von der Romantik aus und wird ein Verehrer und Nachahmer Byrons und des gnngen Delftschhuld. Das junge Deutschland läßt sich am besten durch die Schlagworte „Tendenz" nnd „Emanzipation" charasterisieren. Während die deutsche Dichtung in der Zeit der Aufklärung nnd der Romantik nur Selbstzweck hatte, stellen die Jnngdentschen ihre Poesie in den Dienst der Nation nnd der Freiheit, Gutzkow nnd Laube treten in ihren l) Andere jüdische Stoffe wurden bearbeitet voll Beyer l,,Dnhovy vtak", „Snlamit") und von Vrchlieky l„Bar Kochba"). Nomanen und Dramen für die Unterdrückten ein und eifern gegen die Unterdrücker. Das Schlagwort „Emanzipation" steht bei den Jungdeutschen im Vordergründe. Emanzipation des Fleisches, Emanzipation der Frau nnd der Ehe und Emanzipation der Juden sind Stoffe, die ihre unzähligen Werke füllen. Fritsch stand unter dem Einflüsse des jungen Deutschland und trat in Böhmen für die Emanzipation der Juden mit seiner Tendenznovelle „Ceska Esther" ein. Fritsch gehörte zu den Freiheitskämpfern des Jahres 1848 und bewies häufig feine Toleranz g e g e u die Juden, die gerade damals häufigen Plünderungen ausgesetzt waren. In seinen Memoiren (3. Bd., S. 45) schreibt er: „Der l. Mai unseres politischen Frühlings verging in Prag ziemlich traurig. Gleich am Morgen mischte sich in die fröhlichen Phantasien der Maitrompeter ein Alarm. Am Tandelmarkt wurden die armen Inden wieder überfallen; es verbreitete sich das lügenhafte Gerücht, daß bei ihnen Flaschen mit Vitriol gefunden wurden. Die Inden mußten ihre Buden und Stände schließen nnd unter der Wache der Gardisten und Legionäre nach Hanse gehen, was allerdings nicht ohne Beschimpfungen nnd Verhöhnungen der Juden durch den Pöbel vor sich ging. Allgemein wurde behauptet,, daß sich die Drucker in Smichov zusammenrotteten, um gegen die Judenstadt zu ziehen. Es war unsere Pflicht, diesen Stadtteil zu besetzen und ihn vor der drohenden Gefahr zu vorgehoben zu iverden, daß es niemand einfallen wird, im Ernste den Wunsch zu hegen, es mögen gerade für sie günstigere Bestimmungen angestrebt werden; lvir Inden sind ja gar nicht so verwöhnt, zu unseren Gunsten Ausnahmsbestimmungen zu erhalten nnd wären froh, wenn die zu unseren Ungunsten Getroffenen überall sielen, ja noch mehr, wenn die allgemeinen für alle Staatsbürger erlassenen Verordnungen stets gerecht und gewissenhaft Anivendung fänden. Am treffendsten bezeichnet dies wohl die Bemerkung, welche von dem verstorbenen, um die Wiener Gemeinde hochverdienten Kultuspräsidenten Arminio C o h n erzählt wird, der dem Ministerpräsidenten T a a s s e geantwortet haben soll, es handle sich den Jtiden durchaus nicht darum, daß neue Gesetze geschaffen, sondern daß die bestehenden gleichmäßig und gerecht angewendet werden sollen. An diese außerordentlich richtige Bemerkung fühlt man sich auch unwillkiirlich erinnert, wenn man an die Situation denkt, die durch die Gewerbeordnung geschaffen werden wird. Nicht bloß darin liegt die Gefahr, daß der Bereich des Befähigungsnachweises erweitert, daß der Genossenschaft mehr Einfluß eingeräumt, daß die Erteilung von Dispensen erschwert wird usw. Das soll doch theoretisch alle Nationen und Konfessionen gleichmäßig treffen und es wäre widersinnig, darin allein eine Benachteiligung der jüdischen Gewerbsleute zu erblicken. Daß aber mehr als die Möglichkeit, daß die Wahrscheinlichkeit besteht, daß alle die angeführten Erschwerungen zwar theoretisch -a l l c Gewerbsleute, praktisch aber in unverhältnisschützen.-) Es ist ihm tatsächlich gelungen, durch den großen Einfluß, den er aus die Volksmassen zu üben vermochte, eine Katastrophe, die der Jndenstadt drohte, zu verhüten. Wenn wir auch von dem Verdienste, das er sich damals um die Prager Jndenstadt erwarb, absehen, so können lvir schon aus der zitierten Schilderung aus seine Sympathien mit dem Judentum schließen. Woher kam die Sympathie für die Juden? Darüber _ klärt uns eine andere Stelle in seinen Memoiren auft): „Ich habe in meiner Bibeft) über die wilden Stürme des jüdischen Volkes und feine Losungsworte gelesen; die Schicksale der Jilden und ihre beständigen Kämpfe haben mit der Geschichte des tschechischen Volkes sehr viel Aehnliches und gemeinsames. Was ist denn die heilige Schrift des alten Testaments anderes als eine umfangreicheGeschichte eines auserwählten, in höchstem Grade interessanten, selbstbewußten, in der Zell des Verfalles fanatisch ansdauernden Volkes, dem Gott eher ein grausamer Herrscher, als gütiger Beschützer gewesen ist." Fritsch lernt viele Stellen ans den Propheten auswendig. Besonders rührt ihn der Vers, den er ans die damals noch unterdrückten Tschechen appliziert. „Aber um Zion werde ich nicht schweigen, um Jerusalem werde ich mich nicht beruhigen, so 2) Iritsch war damals Anführer der philosophischen Kohorte. 3) Band 4, Seite 188. 4) Als Revolutionär geriet er in den Kerker, wo ihm nur wenige Bücher, darunter die Bibel der böhmischen Brüdern nität, gelassen wurden.