Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 10 (10.3.1905)
- Date
- 1905-03-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Synagoge, Schule und Haus. Verlage zu Nr. 10 des „Jüdisches Volksblatt". Kuttnsvriefe, die ihn erreichen mögen. II. Lieber Freund! Zwei Punkte Deines Antwortschreibens sind es, mit denen ich mich heute beschäftigen will, weil sie von allgemeinem' Interesse sind. Zunächst. gönne mir die Genugtuung, daß Du. Dich darüber freust, mit Deiner Wanderung zmn Taufbecken nicht voreilig gewesen, zu sein, denn sonst wärest Du ebenfalls an den Pranger gestellt worden, wie es in voriger Woch-e mit einer ganzen Anzahl von Renegaten geschehen ist. Es freut mich aufrichtig, daiß Du die Taufliste als Pranger empfindest, un!d du erweckst in miir die, Hoffnung, daß sich gar viele, welche djank der Halsstarrigkeit unseres altklugen K'ultusvorftandcs die Taufe leisten Ml! können glaubten, ohne dein öffentlichen Urteile preisgegebenzu feilt, sich vielleicht doch, abhalten lassenwerden-, einen Schritt 511 tun, den man gelneinhin. eine Gefinnlmgslumperei nennt. Nicht minder freut es mich!, zu sehen, daß Du der Frage, die ich! in meinend vorigen Brief angeschnitten, mit gutem- Willen nähertrittst und- Einwände erhebst. Das i!st> schon ein bedeutender Fortschritt. Du behauptest, die ganze Frage der Zirkmnzision sei nur vom hygienischen Standpunkt zu beurteilen, unld wenn man> sich zur Vornahme dieses Aktes an einem neugeborenen jüdischen Kinde entschließt, so dürfe dies nur durcheinen. Arzt geschehen. Mein- Standpunkt hinigogen ist, daß der Mohel zunächst ein guter Jude irnb -dann ein guter Operateur sein müsse, denn es handelt sich hier nicht nur darum«, daß ein operativer Eingriff geschickt bürchgeführt werde, sondern daß die Familie vollder Bedeutung dieses Aktes schon durch« die Art, wie und durch« wen! die Zeremonie durchgefüh-rt tvrvd, ganz erfüllt werde. Nun sindmir aber Fälle bekannt, wo gerade unsere sogenannten geschiekteu und medizinisch geschulten! Mohielim« 'diesen, ihren« Beruf so« sehr, als Geschäft betrachten, da.ß sie sich gar nicht scheuert, auch die schwerste Gese tzesübertretu 1 lg zu begehen, itiit mt-i' einen fetten« Schn-itt nicht zu verpassen. Andrerseits wird es Dir sicherlich interessant fein«, Ml erfahren, daß Verblutungen undandere Unglücksfälle den nredizinifch geschälten! Mohelinr in verMtmsmäßig häufigeren Fällen passieren, als d-en «medizinisch nichtgeschulten. Aber gen>ug hiervon! Die Fälle, die mir in dieser Beziehung -bekannt würden, sind zu kraß und gehören« nicht in die Oeffentlichkeit, laß uns tttttn. lveitergehen«. Das neugeborene Kind muß« immatriknliert werden. Warst Du scholl-, lieber Freund, xininal in d-iesein! -eil'gen«, finsteren, dumpfen Gelasse, dasunser geliebter KMnAvmftalld „Matrikelaimt" schimpft? Hast Duschon einmal. das Unglück gehabt, zu schieNi, wie hier die mitunter mterquicklichfien intiNlsten- und Privatesten Angelegenheiten, einzelner Personell oder Familien beh«an-delt werden? Unser Matrikelami ist! das Stiefkind der Kultusgemeinde. Eine eigenartig fttlscho Beurteilung, der Situation hat es dahin« gebracht, >daß dev Kultusvorstalld diesen Zweig der Verwaltll-ng als ein« notwendiges Xlcbef, das n-nr Geld kostet und nichts einträgt, betrachtet uinb d-em-entsp rechend dieses Departenrent sowohl in bezug, auf die lokale Ans-gefialtlmg« wie auch! in bezug cintf die Entlohnung und das Avaneement der hier beschästkgten Beamten vollsiän«d!i'g verirachlässigt. Ich will Dir nur -einige Ultzuläugllchkeiterl aus dem- Matrikelamte schildern. Ein neugebovemÄ Kind soll angemeldot werden. Dlc besorgst das entweder allein oder durch eilte zweite Persoil. Das reicht nicht aus. Du erhältst dann eine Zuschrift, in welcher Du aufgefordert wirst, persönlich zu-erscheinen und Deine Identität durch zwei Zeugen zu« legitlmieven«. Mit Not findest Dilzwei Freunde, ‘biiei in. dem Glauben, daß es sich bloß tun eine kurze Amtshandlllng handle, Dich m das Matrikelaiilt begleiten. KommstDn hin, so findestDu das kleine, feuchte Zimlmer mit Parteien vollgepfropft, und bist Ohrenzeuge, lvie gerade das Nationale l eines unehelichen Kindes und feiner Mutter laut I abgenommen wird. Du lvirst un-geduldig, wirst etwas lallt, unld« der arm-e, geplagte Beamte wird unhöflich. Es entsteht ein Streit, der zu einer Anzeige beim Borstande führt, und Du begreifst ilicht, daß nicht der Beamte schiuld daran i«st, daß Dü aus oinem entlegenen Bezirke ko-nimen-, den halben Tag hier vertrodeln und anhören mußtest, wie die intimsten Ailgelegenheiten irgend einer unglücklichen Person« den gelangweilten, Wartenden aufgedeckt werdeil. Du weißt -es nicht, daß die Schuld an diesen Unzukömnllichkeiteu einzig und allein! an dem Kultnsv-o«rstande liegt, der mir Liebe und Sinin für das Steueramt und Friedhofamt hat, während das eriträgnislose Matrikelamt bloß, wie bereits erwähnt, als ein notwendiges, lästiges Uebel behandelt wird. Ich halte -es für unerläßlich, daß gerade das Matrikolamt aus moderner Basis eingericht-ct werde, daß der eine nicht gezwungen, werde, vor dem anderen seine Angaben 31t; machen, und daß, wenn! ansder schriftlichen Anmeldung ersichtlich ist, daß es sich! u-m ein illegitimes Kind handelt, die Einladung der Mutter behufs Abgabe weiterer Daten« in einer Form geschehe, welche ilicht einem Spießrutenlaufen gleichkom.-m«t, wie -d-ies jetzt der Fall ist. Der Amts-Vorstand rmd d-ie Beamten dieses Departements bemühen sich wohl, -diesen! unmodernen Zuständennach! Tunlichkeit abzuh elfen', aber die Zahl der Beamt eildieser Abteilung ist so gering, die Lokalitäteil! sind so unzulänglich, daß sie beim« besten Willen« d-en, Ansordernngen. die an sie gestellt w!c«rden«, nicht gerecht werden können. Die Art der Legitimierung des« Vaters oder d-er Mutter halte ich. auch für unzulänglich und mitunter schikanös. Der B-eaimte ist ebensowenig in der Lag«, die Verläßlichkeit d-er mitgebrachten Zeugen 31t! prüfen, als er es beim Vater tun kann. Hat mm die Zeugenschast überhaupt oi-non WelA uiüd ist sie überhaupt voll Wichtigkeit, s-o« ist -es auch un-bedingt ilo«twendig, daß wenigstens« d-ie Zeugen dorn b-etrosfenden Matrikelbeamten! bekannt seien!. Ich glaube mm, daß auch hier eine Dezentralisation der Matrikelführunig! am« Platze wäre, weil die Feststellung der Identität bei Personen, die in 'demselben. Bezirke wohnen-, wodas' Matrikel- -amt sich befindet, -eine wahrschemlichi-'re ill. als lvenn, sagenlvir, irgend -ein Ju!d!e ans Favoriten« sein Kind in« der Inneren, Stadt immatrikulieren lassen muß. Wichtig, erscheint mir in dieser Frage auch der Umstand, daß aus die Steuerzahler und sp-eziell auf die ärmere Klape der Bevölkerung. Rücksicht gonominten, werden muß, der -essicherlich nicht leicht an!ko-m.mt, ihre in der Regel verkaufte Arbeitszeit durch solche Formalitätenzu vertrödeln. Vielleicht bietet sich' -die Gelegenheit bei der Reorganisation der Nabbinatsbezirke, auch« in dieser Richtung Abhilfe z-u schaffen«. Jn.zw-isch«en aber ist es unerläßlich, daß die Nä.nMlichkeiteu des Matrikelamtes -rrlveilert und nach Ressorts voueinandrr vollständig golrcnnt werden, damit eine raschere, modernere und peinliche Szenen bermeidende Abwicklung der Geschäfte dieses Amtes schleunigst durchgeführt werden. ■ lieber die verschiedenen llirzukonunlichkeiten anderer Art, wie z. B. die Eintragung der hebrälschen Namen, die Erledigung der Trauungen tiistv. lvitt ich Dir in m«einem nächsten Briefe einiges an die Hand! geben. Die Familienüberliefernug im Dienste der völkische« Idee. Dos jüdische Volk hat sich im Zeichen« des Zioniisinns zu neuem« Leben« erm'annt und ist nun mit allen« Mitielltam Werke, dies Leben auszu-gestalteir oder doch«, wodas die Schranken des Golns verhlllidern-, lvenigstens für eine künftige Forten-tlvicklung im Vaterlande zu erhalten'. Die zionistische Organisation« umfaßt das Gesamtvolk und gliedert es nach Ländern, Provinzen und Gemeinden«. Die hebräische Sprache ist neu! erwacht uud webt, in Bücheru, Broschüren, Zeitrmgeni and in lebendiger Rede sich regend, eine a-nmjntige, eine feste Hecke n,m das jüdische Volkstum«. In die bis mmoerödeten Schulen und Gotteshäuser drängelt die wiedergefu«ndenen Söhne, umsich aiuch in Liebe und Dan-kbarkeit zu den fernen, großen Ahnen und zu Gott, deren Schutz uud Hort, zu einen. Aus Turn- und Fechtplatz, in Wald und Feld tnnrmelt sich die jüdische Jugend, um, ihre Körperkraft zustählen und denr geliebten Bol ko bere itzustellcu. Alles regt sich, strebt und lebt in Jnlda«! Unddoch, noch« gibt es so inanches Feldaw zubau-eu-, dasdem werdenden Gemeinwesen köstliche Frucht tragen könnte. Eine der festesten Säulen, ans denen« jüdischo Sondemrt riu-d jüdisches Volkstum-, vom Sturmd-er Jahrtaufe«nde unberührt, geruht haben, ist «dev rege Fainillensinn, die sorgsam gepflegte Familienüberli eferun g. Uns ere Freunde wissen-, warn-m. sie uns diese Vorzüge rühmien, unsere Feinde, wa«ru.m. sie uns dies-el'benneiden-! Ein- Volk ist ja schließlich nichts anderes als eine -erweiterte Familie, als eine Zusamiuenfaffung von Menischen gleichen« Blutes, gem«etnsa«m-er Schicksale tu Gegenwart und Vergangenheit, einer gante infamen Ueberliefe-run'g. Und gar bei uns Juden, di«ö wir nicht wie andere itt zusam-m«enhängendcr dichter Schicht über die Länder hin siedeln, sondern v-ielinehr in kleineren- und» größeren Gruppen unter die Wirtsvölker versprengt i'inib, findet das Konnubium, die Kreuzung zweier Famiilieit, meist innerhalb dieser Gruppen« statt, so «daß hier sch-ließlich ein« jeder Jude mit dem nächsten u«achw-e.isbar v-erwaudt oder v-erschwägert ist, und so die Begriffe Volk und Familie schier veirschmelzen. Jener a'ltjüdisch'e Fami'lienflnn., jene altbeivührte Familienüberlieferung- -mm erscheinen -durch, dasmodörnv Lebengleich! mainchem anderen Volksgut argbedroht. Der Jude lebt nicht mehr isoliert in seiner« Gasse, sondern inmitten seiner mchtjüdischm Mitbürger, v-ou deren Tugen«d-en und — das ist leid-er eine alte, bet der Berührmrg verschi-odjener Völker stets gemachte Erfahrung — noch viel m,ehr von deren Lastern« berührt und beeinflußt. Der Ehemaml, die Söhne des Hauses, welche ehedem, nur einen Erholungsort, ihr Fam«ilienheim, gekannt hatten, verbringennun- '.hie Muße im Wirts- und Kaffeehaus, im Kasino, in ihren Klubs und Vereinen, die Ehefmui samt Töchtern, aus )vvhlhaben'd«elt- Häu-sern verreisen. zur Sommerszeit in Kurorte und Bäder -dazu, treten, vom« modernen. Erwerbsleben« diktiert, allgemeine Bedingungen, welche die Bande der jüdischen Familie noch weiter locker-ir. Die Statistik erw-eist, daß in den. letzten- Jahrzehnten die Kinder, zumal die Söhne, in stcits steigendem Maße undin. immer jüngeren Jahren, dem- Elternhause entfremdet werden; sie suchen, sich draußen ein-e Existenz lind gründen dort ihren Haushalt. Diese Entwicklung war bei den österreichischen! Juden -eine noch viel rapidere. Nach 1848 haben« hier die Gh'etti, die alten Jud-eng-emelnden, ihre männliche Jugend an die bis nun verwehrten- Städte und Märkte, nach denen« gewinnverheißender Handel n«nd Geiuerbo lockten, abgeben! müssen. Daheim, blieben die Alten und wohl auch endgiltig ein- Teil d-er Mädchen« zurück. So« Verfallen die alten. Gemeinden« und die jungen« sind mit einer ans allen Endenzusnmlnengela-llsenelt, von« keiner einheitlichen Tvadittön. verbundenen« nnd geadelteit. Jüdenschaft erfüllt.- Und wenden wir gar unser Auge den Verhältnissender galizischen, rumänischen, nufftscheu! Juden zu, müssen wir fchmerztEvegt das Haupt verhüllen. T«o«rt reißt die nackte Not, gesetzwidrige oder, gesetzmäßige Geivalttat die Glieder einer Familie roh« auseina-nder und verstreut sie an beide Ufer des Weltmeeres. Wie schwer muß da der Familiieltsimt leiden! Im Westen mehren sich« die Mischehen«, die Lockerung der Ehebande wirddurch Ehe-