Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 8 (24.2.1905)
- Date
- 1905-02-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wisches Msblalt r-.—.—* Redaktion: IX/l, Servitengaffe 4. Telephon Nr. 11723. Sprechstunden: tln Wochentagen von 4 bis ß Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches lvolksblatt, Wien. IX!'. Erscheint jeden Freitag. Ejgriiljimr und Keruusgebtr: Jakob Kraus;. P H Administration: IX/l, Seroitengaste 4. Telephon Nr. 11733. Abonnements « PretSr BftctWtrdtn wegen verspäteirr oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Ittaniukripte Wfdtu Hiebt xNTÜckaeiteiit. Postsparkaflen-Konto 847037. In das Abbonement kann nian täglich eintreten. d ä Inserate übernehmen di« firmen: M. Dukes Nachf., Haasenstein & Vogler, Rudolf Masse, 111. pozsonyi, fl. Schale! in Wien, ferner alle Nnnoncen- Expeditionen im Nuslande. Einzel -Nummer in Wien 30 Heller. z Für Wien u. Oesterreich» Ungarn s. Frankozustellung: Ganzjährig .... X 13,- Halbjährig . . . . K 6.- Bierteljährig . . .K 3 - Für das gesamte Ausland samt Frankozustellung: Ganzjährig . . . 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Ein solcher uns aufoktroyierter Führer sind Sie, Herr Kultuspräftdent Dr. Alfred S t e r n. Mit denn Unterschiede jedoch, daß Sie nicht offen und ehrlich eingestehen, welchen Weg Sie die Ihnen anvertraute große Kultusgemeinde zu führen gedenken, sondern in echt autokratischer Weise Ihren eigenen, von der großen Masse mißbilligten Weg wandeln, ohne Rücksicht darauf, ob dadurch die Interessen der Kultusgemeinde nach außen und nach innen gefördert oder gefährdet werden. Es liegt in Ihrem! autokratischen Regime, daß Sie, Herr Kultuspräfident, die leichtgläubige, friedfertige und durch! wirtschaftliche Sorgen gedrückte Masse über Ihre Absichten täuschen!, indem Sie scheinbar Die Sonne entsendet ihre letzten Strahlen. Im Dorfe läuten die Abendglocken. ■- Im Graben an der Landstraße sitzt staubbedeckt ein alter Jude, neben ihm in einem Bündel liegen seine wenigen Habseligkeiten. Er ist müde.-Er möchte ruhen, einmal friedlich sein Haupt hingegen können, ohne fürchten zumüssen, weiwrgehetzt, zu werden. Weitorgehetzt! O, er ist gewöhnt, gehletzt zu werden, von dev Zeit an, als ihn sein Vater als 13jährigen Knaben hinaussandte in die Welt. — Gejagt von Ort zu Ovt, auf ihm ruht ja das Schändmal — Jude!-Bauernburschen ziehen vorüber. Sie rufen ihm Schmähworte zu. Demütig schweigt er. Sie hätten ihn ja auch schlagen können'.-— Die Schatten der Nacht senken sich über die Fluren. Im Westen ballt sich drohend schwarzes Gewölk zusammen. Der Alte evh!ebt sich mühsam und humpelt weiter. Vielleicht erhält er ini Dorf in einer Scheune Unterkunft, ehe das Unwetter hereinbricht, vielleicht beißen ihn die Hunde im Dorfe tot. Er weiß es nicht. -- Langsam! nu'v schleppt sich der Alte vorwärts. -- — — — — — Ahasver! Dem Juden folgt ein Gespenst. Seine Fratze lächelt höhnisch, wenn der Jude seine Schritte beschleunigt, als wollte er ihm eutauf ihre Wünsche eingehen, sich sogar an die Spitze jeder die Erfüllung dieser Wünsche anstrebenden Bewegung stellen . und dadurch den Schein erwecken, daß Sie mit dem Volke eines Sinnes sind. Kaum haben Sie jedoch all diese Unternehmungen an sich gerissen, verschwinden sie sozusagen von der Oberfläche und kein Mensch erfährt, daß in all den vitalen Fragen, welche unsere tägliche Sorge bilden überhaupt je ein Schritt getan worden wäre. Es fällt allgemein auf, daß Sie, Herr Kultuspräsident, Ihr nationales Herz immer zu einer Zeit entdecken, da Sie von den Kultuswählern irgend etwas haben wollen, und es macht Ihrem altliberalen politische Renommee sicherlich alle Ehre, daß Sie stets das bessere Geschäft machen, indem Sie für die sicheren! Wählerstimmen immer nur Versprechungen von Aussichten auf Konzessionen zahlen. Es scheint jedoch, daß dieser Politik nicht nur die harmlose Absicht, von Wahlzeit zu WaWeit über die Stimmen der Wähler zu verfügen, zu Grunde liegt, wir haben vielmehr die Befürchtung, daß Sie, Herr Kultuspräfident,. mit kühler Berechnung nur deshalb dm Einfluß auf jede neue jüdische Sache an sich! reißen, um sie nicht aufkommen zu lassen, und für immer zu begraben. Man sicht förmlich die Angst, die Sie beherrscht, wenn eine neue jüdische Angelegenheit an die Oeffentlichkeit tritt, die Angst nämlich, daß sich-wirklich arbeitslustige und arbeitsfähige Menschen finden könnten, die die betreffende Angelegenheit auch wirkliche durchzuführen imstande wäre. Die dm Juden angestammte Achtung vor der Autorität kommt rinnen. Es folgt ihm ja seit seiner Geburt. Es ist sein Verhängnis. Das Verhängnis eines ganzen Volkes. Martern und Leiden eines Jahrtausends stammen von ihm.-..Ist Leiden Glück?" Das Gewitter hat sich entladen. Ein schöner Morgen bucht an. -— Wann wird er auch für ein armes Volk anbrechen? — Paul Vierer, Wien. Der Rangstreit. Skizze von Max Racher. Der Hausherr war eben zu Bette gegangen. Die letzten müden Sonnenstrahlen waren hinter die Berge gewichen und die Nacht! hüllte die Stube in ihren dunklen, geheimnisvollen Mantel. Nur der prächtig ziselierte Schläger ander Wand blinkte noch im fahlen Moudlicht. Rings tiefe Stille. „Wer wagt es, sich mit mir zu messen," sprach kühn das Schlvert. „Ich lmr seit der Jugend des Herren Schutz und Schirm, sein steter Begleiter." „Nur nicht so groß getan!" ließen sich die änderten Zimmergegenstände vernehmen. „Was, ihr tragt zu zweifeln! Nicht nur des Herrn starker Hort, die ganze Welt habe ich bezwungen. Wer kann sich mir gleichen!? Wer hat jemals für die Menschheit mehr geleistet?" Ihnen zu Hilfe und Sie, Herr Präfix dent, nützen diese Wische Tugend dahin aus, indem Sie die bestm jüdischen Pläne durch Ihre Autorität von vornherein begraben und zunichte machen. Auf solche Weise habm Sie, Herr Präsidmt, die sicherlich gesunde Idee des jüdischen Gemeindebundes begrabm und dadurch dm Zusammenhalt der verschiedmen Gemeinden Oesterreichs untereinander in fast sträflicher Weise gelockert. Seitdem Sie Präsident dieses Gemeindebundes sind, schlafen die Gemeindm den Schlaf der Ungerechten. Diese Institution, die sich zu einem Machtfaktor hätte ansbilden können, ist in Jhrm Händen zu einer Farce geworden, über die man sich lustig macht. Sie haben sich auch an die Spitze eines jüdischen Kolonisationsvereins gestellt. Mit Freuden begrüßten wir Nationaljuden diesm Jhrm Schritt. Wir warm leichtglänbig genug, an den Ernst dieses Schrittes zu glaubm, und in unserer Friedfertigkeit vergaßen wir auch alle Ihre politischen Sünden, die Sie in Ihrer ganzen Karriere begangen habm, und willig wollten wir Jhnm bei dieser nationalen Arbeit zur Seite stehen. Nun denn, diese Hoffnung war auch!, wie je&e, die sich an Ihren Namen knüpft, trügerisch. Der Kolonisationsverein schläft uNd ist sicherlich begrabm und Sie, Herr Präsident, haben es auf dem Gewissen, daß diese schöne Idee, für welche der. Boden gerade in Oesterreich so günstig ist, aus lange Zeit hinaus hier unmöglich gemacht wurde. Der Kolonisationsverein ruht sanft neben dem! Gemeindebund. Neuerliche tiefe Stille. Da rief ein kleines schwarzes Ding, das in der dunkelsten Ecke im letzten Ladenfache lag: „Ich!" Erschrocken sah alles nach! dem Tollkühnen, dem es g< lüstete, mit dem« gefürchteten Schwert in die Arena' zu treten. Doch dieser ließ sich nicht bange machen und stieg — vertrauend auf seine Stärke — aus seinem unfreiwilligen Versteck hervor. „Wie heißt di«?" fragte das Schwort. „Die Bibel", klang es als Antwort zurück. llnd das Schwert verstummte. Buntes Feuilleton. Kulturhistorische Bedeutung der kaleubarischen Daten. lieber dieses Thema hielt der BudNipester Musenmskustos Eduard Majler in der Ungarischen Akademie der Wissenschaften einen Vortrag. Nachdem Vortragender in der Einleitung seiner Studie die Wichtigkeit der Kalenderforschung, insbesondere in bezug auf die Geschichte der Astronomie erörtert, befaßte er sich mit der Entstehung der Sabbatfeier bei den Israeliten. Sabbattl bedeutet im chronologischen Sinne einen Zeitzyklus und war ursprünglich der Dag des Vollmondes. Später wandten die Babylonier, von denen diese Benennung stammt, ihre Aufmerksamkeit auch den anderen Phafen-Tagen des Mondes zu und gaben daher den Namen Sabbatu nicht nur dem Tage des Vollmondes,