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Jüdisches Volksblatt · 1905-02-03 · 5 (3.2.1905) · page 9

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
5 (3.2.1905)
Date
1905-02-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Auswanderung und Kolonisation Beilage zu Nr. 5 des „Jüdisches Volks bl alt". Das Auswanderungs- und Kolonisationsßroblem. Ueber dieses Thema veröffentlicht Herr- Davis Trietsch im „Frankfurter Israelitischen Familienblatt" einen sehr beachtenswerten Artikel, welcher schon wegen der Aktualität der Frage, als auch der Persönlichkeit des Verfassers, die weiteste Verbreitung verdient, wenn malt altch die in demselben ausgesprochenen Ansichten nicht durchwegs teilen kann. Herr Trietsch, der rnrs um den Abdruck des Artikels ersticht, schreibt: „Im folgeiiden sott in allerkürzester Darstellung die Aufnierksamkeit größerer Kreise bataiif gelenkt werden, was nach Meiner Ansicht die dringendsten Aufgaben eines jüdischen Emigratioilsbureatis in gegenwärtiger Zeit wären. Wir haben auf der euren Seite aus ben verschiedensten Ursachen momentan ein bedeutendes Anschwellen der Emigratioli 31t konfttttieren, während auf der anderen Seite — nämlich in den ©tnroauberungSlctubern — sofort Maßregeln und Stimmungen zu Tage treten, die gegen eine weitere jüdische Einwanderung gerichtet sirrd. Aus dieser steigenden Auswandertingsliist inr Osteir und den Einwanderungserschwerungerr resp. Verboten att beit bisherigen Emigrationszielen muß Nun zweierlei geschlossen werden: 1. Es muß Mit allen Mitteln versucht werden, . die Auswanderung einzudämmen. Durch die kürzlich begründeten Einrichtungen zur Regelung der Auswanderung und zum Schutze der Emigranten gegen Uebervorteilung usw. ist in weiten Kreisen der östlichen IudeNheit die Hoffnung erweckt worden, daß die Auswanderungen nun leichter oder sicherer vor sich gehen könne): als früher und daß im Notfälle mit Rat und Tat den Auswanderern an die Hand gegangen werde. Dieser Anschein war nur zu geeignet, die Auswanderrüng zu vergrößern, und wein: die neugeschaffene Emigrationszentrale sich auch gegen diese Auffassung gewendet hat, so kann und MUß doch in dieser Beziehung viel mehr geschehen. Es muß tm Osten und im Westen mit aller Energie betont lverden, daß ein Anschwellen des Auswanderungsstromes die bösesten Folgen für die Auswandernden, wie auch für die Juden der Einwanderungsländer habei: mutz. Wenn also ei::erseits die Emigrationszeutrale eitle segensreiche Wirkung ausübeu kann» indenr sie beneu, die nach Fähigkeiten ulld Mitteln zur Auslvanderung geeignet sind» zu guten Informationen und zu bequemerer Uebersiedlung verhilft, so ist es in: Augenblick fast die wichtigere Anfgübe dieser Institution, die Auswanderlulg mit alle:: Mittel:: der Ueberredung u::d der Aufklärung hintanzuhalten. 2. Da' lvir bamit nicht rechnen könne::, daß durch die Eindämmung der gegenwärtigen Auswanderung die Lage im Ästen gebessert wird und da es ein unverzeihlicher Leichtsinn wäre» mit Bestimmtheit damit zu rechne::» daß aus anderen Gründen in nächster Zeit die Lage der Juden in Rußland, Rumänien, Galizien und anderwärts sich derart definitiv bessern werde, daß das Probten: von selbst verschwindet, so wird man darauf bedacht sein müssen» sich endlich mit der Frage zu beschäftigen, wohin die jüdische Auswanderung gelenkt werden t'ann, ohne auf die Sch:vier:g° Fetten der bisheriger: Emigrationen zu stoßen. Und hier komme:: nun wieder inehrere Gesichtspunkte in Betracht. Es ist beispielsweise eines der Hauptprobleme jeder Massenauswanderung (und die unsrige, die an die 100.000 per Jahr heranreicht, ist sicherlich als eine solche aufzufassen) daß ein Gebiet zu finden sei, nach welchen: möglichst geringe Uebersiedlungskosten in Frage kommen. . D:e. Kürze, und Billigkeit der Reffe ist eine der Haupterfordernisse für das Funktionieren des Sicherheits-Ventils, das die Auswanderung in: Falle von Massennot irgend welcher Art darstellt. Sodann ist auch zu überlegen, welche Folgen eine anhaltende Einwanderung in verschiedene Länder, oder in ein Land nach sich ziehen muß. Hiervon ausgehend werden wir für die Juden Osteuropas beim Anblick einer Landkarte und der primitivsten Kenntnis von: Verhalten der europäischen Staaten darauf kommen lnüssen, daß der türkische Orient, wenn nicht zwingendes dagegen spräche, in erster Linie in Betracht gezogen werden müßte. Denn die Uebersiedlung von den russien und den rumänischen Häfen des schwarzen eeres aus nach dem türkischen Orient kostet nur etwa den zehnten Teil der Summen, die für eine Auswanderung aus gleichen Gegenden nach Amerika nötig sind. Auch ist trotz der langsamen Beförderung die Reise kürzer und bequemer, als nach den bisherigen überseeischen Auswandernngsgebieten. Außerdem ist nach der ganzen, vielhundertjährigen Erfahrung, die wir über die Verhältnisse der Juden in: Orient haben, nicht auzunehmen, daß eine wesentliche Zunahme des jüdischen Elementes im türkischen Reiche oder an einzelnen Teilen desselben, zu irgend welchen Mißstanden führen könnte. Und was die Rechtsverhältnisse und Zustände in der Türkei betrifft, die von Vielen als ein Argument gegen die jüdische Ansiedlung geltend gemacht werden, so ist einerseits zu konstatieren, daß dies meist große Uebertreibungen sind, uno andererseits, daß ^u diesem Länderkreis, wenn auch nicht admunstrativ zur Türkei, einige Gebiete gehören, die unter englischer Verwaltung stehen. Namentlich Cypern und die an das türkische Gebiet anstoßenden ägyptischen Grenzgebiete. Hier ist sicher von irgend welchen Verwickelungen nichts zu befürchten, sowohl was die Landesverhältnisse, als auch was die Bevölkerung und Regierung betrifft. Gegen diese Teile des Orients spricht die mangelnde Kenntnis auf jüdischer Seite und eine gewisse Kulturrückständigkeit. Was unsere mangelnde Kenntnis betrifft, so kann diese behoben werden durch eine ernsthaftere Beschäftigung mit den betreffenden schwebenden Fragen. Mit unserer zuUehmenden Kenntnis der unvergleichlichen Chancen, die der Orient der jüdischen Einwanderung bietet, wird auch unser Interesse än diesen Gebieten wachsen und es müßte Mit sonderbaren Dingen zugehen, wenn jüdischer Unternehmungsgeist und jüdische Energie, .'die sich in der Weiterentwicklung der zivilisiertesten Kulturländer so glänzend bestätigt hüben, nicht auch im primitiven Orient die besten Resultate erzielen sollten. Mit der Einführung jüdischer Unternehmungen aber wird schrittweise auch die Kulturruckständigkeit ausgeglichen :verden und der Vorteil, den heute England und Amerika bieten, nämlich die Möglichkeit innerhalb gewisser Grenzen doch zahlreiche Massen in Industrie und Handel aufzunehmen :vird dann ebenso für den Orient gelten und niemand kann heute übersehen, welche großen Entwicklungsmöglichkeiten sich den Juden im Orient dann auftun werden. Es handelt sich also in: Wesentlichen dar:::::, sich heute über ein Gebiet und ein Vorgehen zu einigen. Die dann gewonnene Klarheit wird keineswegs sofort den: ganzen Auswanderungsstrom eine neue Richtung geben. Aber das kann und :vird so erreicht werden, daß sich neben den ungangbar gewordenen Answanderungswegen ein neuer eröffnet, der :::it Mühe Arbeit und Zeit derart erweitert werden kann, daß er sich zu den: Wichtigsten von allen entwickeln dürfte. Bleibt noch die Frage, ob die Auswanderungen nach irgend welchen oder nach bestimmten Teilen des Orients gelenkt werden sollen; und da will es mir scheinen, daßwir ein Gebiet zu bevorzugen hätten, für welches seelische Momente, die'besonders in der östlichen Judenheit lebendig sind, so schwer in die Wage fallen, wie für Palästina. Auch rein sachliche Erwägungen lassen uns diesen Teil des Orients vorziehen. Kleinasien ist in seinen Küstengebieten ziemlich entwickelt. Die dortige Bevölkerung ist eine vorwiegend christliche von der Art, die uns im Orient am meisten zu schaffen macht. In: Innern ist Kleinasien noch wesentlich unentwickelt. Arabien konunt kann: in Betracht und nach Mesopotamien ist es heute von der syrischen Küste aus noch eine Reise von vielen Wochen, während wir auf eine sehr baldige Fertigstellung der Bahn heute noch nicht rechnen sollten. So bliebe Palästina und Syrien mit den anstoßenden Provinzen Kleinasiens, Adana im Norden, im Süden das Sinaigebiet und weiterhin, die unter englischer Verwaltung stehende Insel C ypern. Die letzteren beiden Gebiete werden hauptsächlich jene interessieren, die da glauben, daß die türkische Verwaltung für eine jüdische Ansiedlung größeren Stils zur Zeit nicht günstig sei. Andere sind der Ansicht, daß die seelischen Arguinente, die für Palästina sprechen, die Nachteile auf die wir dort stoßen, mindestens ausgleichen. Beide Richtungen finden ihre Gemeinsamkeit auf einem Programm der Tätigkeit in dem oben skizzierten „palästinensischen Länderkreis". Das, was hier oben ausgeführt wurde, ist nicht Zionismus. Es ist ebenso die An-' sicht der übrigen Bestrebungen für eine jüdische Kolonisation im Orient. Der Verein „LeMaan Zion" in Frankfurt, der „Esra" in Deutschland und beispielsweise die „Jca" in Paris, arbeiten in einem ganz ähnlichen Sinne und^ auf Grund ähnlicher Voraussetzungen. Es ist also sicherlich nicht Zionismus. — Das aber die Zionisten hier sehr wohl mittun könnten und hoffentlich im vollen Umfange dieses Programmes auch bald werden, das kann von denen, die unbeeinflußt durch Voreingenommenheit und Schlagwörte sich mit der Lösung jüdischer Probleme befassen, sicherlich nur mit Freude begrüßt werden." Interessant ist auch die Beinerkung, welche die Redaktion des „Frankfurter Israelitischen Fainilienblatt" diesem Artikel hinzufügt: Nachdem nun einmal keine Möglichkeit vorhanden ist, die Massenauswanderung aus Osteuropa zu verhindern — aus Vergnügen wandern die Leute nicht aus — bleibt den großen jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen nichts anderes übrig, als dem Gebote Englands, in Uganda den jüdischen Auswanderern ein autonomes Gebiet abzutreten, mit Ernst näherzutreten. Sollte die Ugandae^pedition einen günstigen Bericht nach Hanse bringen, dann wäre es Pflicht der „Alliance Jsraelite", der „Jca", des Hilfsvereines der deutschen Juden usw., die Grvßkolonisation in Uganda in die Hand zu nehmen, besonders, da die Zionisten, solange eine Veränderung ihres Programmes nicht vorgenonunen rvordeu ist, die Ausführung der Sache nicht übernehmen können. Die ökonomische und rechtliche Lage der Inden in Rußland. Nach dem vertraulicher: Bericht des Wilnaer Gouverneurs. Veröffentlicht vom Jüdischen Arveiterbund, Genf.') Vielleicht Hat niem-and mit ähnlichem Erfolg die zarifche Regierung Lügen und Zweideutigkeit gestraft, ihre völlige weitere Unzulässigkeit aufgedeckt wie ihre eigenen Diener. In: Jahre 1902 ist im Ausland eine Denkschrift des ehernaligen Jtnanzminifters und jetzigen Ministerpräsidenten Witte erschienen: „Selbstherrschaft und S e rn st w 0", die klar und unzweideutig die Un» Versöhnlichkeit der Selbstherrschaft mit dem Selbstverivaltttugspriuziv anfdeckt und den wahren

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