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Jüdisches Volksblatt · 1905-01-06 · 1 (6.1.1905) · page 12

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
7 (1905)
Issue
1 (6.1.1905)
Date
1905-01-06
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Jüdi8ch«8 Volksblatt Nr. 1 Zweifelhaft sein, weil die eingeborenen Juden, die seither trotz aller Unterstützungen der Rothschilds und eines Sir Moses Montefiore vielfach in großer Armut lebten, sich wirtschaftlich ZU entwickeln beginnen. Und zwar strafen diese palästinischen Juden alle diejenigen Lügen, welche die Juden überhaupt als unnütz im Bauernstand erklären. Trotz aller Schikanen Per llirkischeu Regierung dehnen diese Juden ihren landwirtschaftlichen Besitz in der westlichen Küstenebene immer mehr aus. Und zwar sind sie in der Lage, immer gleich ganz stattliche Güterkomplexe anzukausen. die sie rationell und mit großer Energie kultivieren. In erster Linie legen sie sich auf Weinbau, dessen Erträgnisse sie in riesigen Kellereien verarbeiten. Daneben haben sie auch große Oel- und Mandelbaum- . plantagen angelegt, die zwar nicht so schnell wie die Weinnnlagen rentiercit, aber sehr wertvolle .Kapitalsanlagen werden. Da der auf den Ju'denkolonien gewonnene Wein trefflich ist, entsteht den weinbautreibenden schwäbischen Tempelkolonisten eine Konkurrenz." Jüdische Deserteure aus Rußland. Aus zionistischen Kreisen schreibt man der „Köln. Ztg.": In letzter Zeit sind in der Presse öfters Berichte aus Rußland erschienen, in denen aus die unverhältnismäßig große Anzahl von Juden hingewiesen wurde, die bei der Mobilmachung sich nicht zum Dienste stellen. Obwohl diese Tatsache durch die entsetzliche Behandlung der Juden in Rußland und durch die Ereignisse von Kischenew und Homel hinreichend erklärt wäre, erscheint sie doch bei gründlicher Prüfung in einem ganz anderen Lichte. Seit 26 Jahren vollzieht sich unter dem Drucke der sogenannten Maigesetze, die das Wahlrecht und die Erwerbsfreiheit der Juden in einer jede Menschenwürde vernichtenden Weise einschränkcn, eine stetig wachsende Auswanderung von jüdischen Handwerkern und Proletariern aus Rußland, die in den letzten fünf Jahren zwischen 50—60 000 Personen jährlich betrug. Unter diesen Auswanderern befinden sich naturgemäß außerordentlich viele Personen im besten Mannesalter. Das ergibt sich schon aus der Tatsache, daß nach dein Material, das der kürzlich in Frankfurt zur Regelung der Auswanderung tagenden Versammlung vorlag, der Prozentsatz der selbständigen Handwerker unter den jüdischen Auswanderern aus Rußland 33 Prozent ausmacht. Es ist also mit Sicherheit anzunehmen, daß ein sehr großer Teil der jüdischen Gestellungspflichtigen schon lange vor Ausbruch des Krieges im Laufe der letzten Jahrzehnte ausgewandert ist. Hierzu kommt, daß die Mobilmachung zum grüßten Teile gerade die Militärbezirke betroffen hat, welche die stärkste jüdische Bevölkerung haben, nämlich Grodno, Wilna, Kischenew, Kiew und andere, wo die jüdische Bevölkerung bis 20 Prozent und in den Städten bis 80 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Der verhältnismäßig große Ausfall der jüdischen Gestellungspflichtigen erklärt sich so auf die natürlichste Weise. Hinzu kommt allerdings die Abneigung gegen den Kriegsdienst aus religiösen Gründen, da die in der Mehrzahl streng an den Speisegesetzen hangenden Juden Rußlands trotz ihrer großen Zahl in einzelnen Regimentern keine ihren religiösen Vorschriften entsprechende Kost erhalten. In letzter Linie gehört auch viel Opferfähigkeit dazu, sich für ein Land totschießen zu lassen, wo mau nicht einmal wohnen darf; denn, wohl bemerkt, noch kurz vor,Ausbruch des Krieges war es den Juden verboten worden, sich in der Mandschurei niederzulassen. Selbst die verwundeten Soldaten werden kein Wohnrecht dort erlangen. Nach zuverlässigen Schätzungen beträgt die Zahl der zurzeit in Ostasien dienenden jüdischen Soldaten über 40 000 Mann, also ungefähr zehn Prozent der gesamten russischen Armee in Ostasien, und dib Zahl der zum Kriegsdienst eingezogenen Aerzte überschreitet sogar 60 Prozent der Gesamtzahl. Die Blutsteuer, welche die Juden für Rußland entrichten, dürfte demnach für die Wohltaten, die sie in ihrem „Vaterlande" durch die Gesetzgebung genießen, vollkommen genügen. Die gestellungspflichtigen Polen sind übrigens anscheinend derselben Auffassung, vielleicht mit geringerem Rechte, aber sie desertieren gleichfalls, wenn sie über die Grenze kommen können. Wer will den ersten Stein auf sie werfen? Die Landung verweigert wurde auf Ellis Island unter anderen folgenden jüdischen Emigranten: Breine R o b e r t samt zwei Kindern aus Jaffa in Palästina, N. S l o z k i aus Slonim (Rußland), Nathan F i n k e l st e i n (.17 Jahre alt) aus Golsitz (Ungarn?), Ascher K u r z aus Sendresczow (Galizien), Jtzig Löb Grün aus Zloczow (Galizien), Gitl F r e - d e r saun drei Kindern und einer alten Mutter aus Strachiskenowe (Galizien). Die Auswanderung der Juden aus Ru mänien. Das Ministerium des Innern veröffentlicht eine sehr interessante Statistik über die Auswanderung der Juden ans Rumänien iit den letzten Jahren. Im Jahre 1800 betrug die Zahl der jüdischen Auswanderer bloß 4376, stieg in: folgenden Jahre infolge der landwirtschaftlichen Krisis aufD.6 678, mn in den nachfolgenden Jahren wieder zu sinken und zwar: 3301 im Jahre 1001, 8047 im Jahre 1002, 0071 im Jahre 1003 lind bloß 2682 im Jahre 1004 (vom 1. Jänner bis 1. Oktober). Tomche Jehude Russin. Unter diesem Titel hat sich in I a r i t s ch o lv (Galizien) ein Verein zur Unterstützung der russischen Emigration gebildet, welchen: fast sämtliche Mitglieder der jüdischen Gemeinde angehüren. Der Verein gewährt, in: Nahmen der verfügbaren Mittel, während 24 Stunden Kost und Quartier und leistet eventuell auch einen Beitrag zur Weiterreise. Handwerker, welche sich in Jaritschow niedcrlassen wolle::, werden für die Dauer einer festgesetzten Frist in Werkstätten untergebracht. Ein Jude als Regicrungskommissär von Ellis Island. Aus Nelv Jork komn:t die Nachricht, daß dar Einwanderungskommissär Markus Brau n, ein aus Ungarn schon vor vielen Jahren ausgewanderter Jude, demnächst an Stelle Williams, des Schöpfers des in Ellis Island zur Zeit herrschenden strengen Regimes, zum Regicrungskommissär ans Ellis Island gewählt werden soll. Brau n spielt auch sonst im politischen Leben New Jorks eine hervorragende Rolle und hat sich auch bei der jüngsten Präsidentenwahl für dir Wahl Roosrvelts eingesetzt. Rituelle Verpflegung aus den Dampfern der Hamburg-Amerika-Linie. Der Andrang von Auswanderern nach Amerika namentlich aus Rußland, hat zur Zeit einen solchen Umsang angenommen, wie noch nie zuvor um diese Jahreszeit. Unter den Auswanderern, die ihr Heil in der neuen Welt versuchen wollen, befindet sich ein großer Prozentsatz von streng orthodoxen Juden. Für diese jüdischen Zwischendecker war schon seit einiger Zeit sowohl vom „Norddeutschen Lloyd" als auch von der „Hamburg-Amerika-Linie" die rituelle Verpflegung eingeführt worden, jedoch wurde den Auswanderern keine Fleischkost verabfolgt. In neuester Zeit hat nun die rituelle Verpflegung für die strenggläubigen jüdischen Auswanderer, dank dem Entgegenkommen der Direktion der „Hamburg-Amerika-Linie", einen wesentlichen Fortschritt gemacht. Es wird den Zwischendeckern jetzt täglich eineFleischration verabfolgt. Die beiden letztenvon hier abgegangenen Dampfer „Pretoria" und „Graf Waldersee" haben von einer hiesigen unter Aufsicht des Oberrabbinats stehenden Schlächterei ein Quantum von je 4000 Pfund Fleisch, Wurst usw. für die jüdischen Auswanderer mitgenommen. Außerdem macht ein von Herrn Oberrabbiner M. H i r s ch beauftragter Aufsckeher die Reise nach New Jork mit; diesen: Aufseher ist von der Direktion bereitwilligst die Aussicht über die jüdische Küche gestattet Ivorden. Diese Neueinrichtung hat bereits bewirkt, daß die jiidischen Auswanderer aus Rußland fast nur noch über Hamburg fahren wollen. Auch für die in den nächsten Wochen von Hamburg abgehenden Amerikadampfer sind fast alle verfügbaren Plätze bereits belegt. Der Hamburger „Israelitische Verein für Obdachlose" (Vorsitzender Rechtsamvalt I. Alexander), der sich in anerkennenswerter Weise der Auswanderer annimmt und auf dessen Initiative hindie Neueinrichtung geschaffen worden ist, kann kaum den an ihn gestellten Anforderungen genügen. Die Mittel des Vereines sind sehr beschränkt und reichen kaum in normalen Zeiten aus, geschweige denn bei dein jetzigen außergewöhnlichen Andrange von Alkswanderern, die fast alle auf Vereinskosten verpflegt und mit Reisegeld versehen werden. Der Verein wäre daher für die Zuwendung von weiteren Geldmitteln, Kleidungsstücken uftv. sehr dankbar. Die Einwanderung nach den Vereinigten Staaten tut Jahre 1904. Gemäß dein soeben publizierte:: Berichte des Einwanderungsköinlniffärs Frank P. Sargent hat die Einwanderung in die Vereinigten Staaten in dem abgetanfenen Fiskaljahre eine, lvenn auch nicht sehr bedeutende Abnahine erfahren. Sie betrug 812 870 Personen, ist daher mn 46 176 geringer als die Einlvanderung des Jahres 1003. Beinahe 80 Prozent der Einwanderer (667 166) waren zwischen 14 und 46 Jahre alt, befanden sich sonnt in: arbeitskräftigsten Alter, 100 150 hatten das vierzigste Lebensjahr noch nicht erreicht und 46 666 waren über -45 Jahre alt. Es ist mit Rücksicht auf die Wirkung der vorgeschlagenen gesetzlichen Einführung einer Bildungsprobe bernerkenswert, daß die Gesamtzahl der Analphabeten einschließlich der Kinder sich auf bloß 168 903 belief. Der von den Einwanderern bei der Landung vorgewiesene Gesamtbetrag belief sich auf 2(1 894 383 Dollars und übersteigt nur 4 776 870 Dollars die von -den zahlreichen Anköminlingen des Vorjahres nutgebrachten Barmittel. Mr. Sargent spricht sich in seinem Bericht über die Qualität der diesjährigen Einwanderung äußerst lobend aus und erklärt, dieselbe libertreffe in physischer, intellektueller wie moralischer Hinsicht die Einwandrung der früheren Jahre. Der Kommissär klagt allerdings darüber, daß infolge der lückenhaften Gesetzgebung ein großer Teil der Einwanderer unter geheimein Kontrakt nach Amerika gebracht^ werde, und proponiert die Ergreifung gesetzlicher Maßregeln gegen gewisse, die Einwanderung begünstigende Gesellschaften. Es ist jedoch als nahezu ausgeschlossen zu betrachten, daß der Kongreß sich in absehbarer Zeit zu einer Verschärfung des ohnehin, abgesehen von den Arbeiterverbänden, allgemein als unbillig und undurchführbar erkannten Arbeitskontraktgesetzes entschließen werde. Es ist allerdings richtig, daß viele Einwanderer sofort nach der Landung in die ihnen teils von ihren Angehörigen in Amerika, teils von anderer Seite bezeichneten Arbeitsplätze einrücken, um die in den großen Etablissements entstandenen Lücken auszufüllen. Der geborene Amerikaner — ob deutscher, österreichischer oder englischer Abkunft — liebt es nun einmal nicht, mit der Hacke und Schaufel zu arbeiten, und so rekrutierten sich denn, je nach dem Ueberwiegen der betreffenden Einwanderung, die Arbeiter der Bergwerke und großen Eisen- und Stahlwerke sukzessive von den Engländern, Irländern usw., während gegenwärtig in diesen Branchen das einwandernde ä st er rei ch i s chui: g a r i f ch e Arbeiterelement, insbesondere das galizische, prädominiert. Da zudem die Einführung von Kulis gesetzlich ausgeschlossen ist und gegen die Negerarbeit in den Jndustriedistrikten des amerikanischen Ostens und Westens eine unüberwindliche Abneigukig herrscht, so ist man notgedrungen auf die in genügenden Mengen zur Verfügung stehende osteuropäische Einwanderung angewiesen. Bei den wichtigsten Arbeiten der großen Städte, den Tunnel- und Brückenarbeiten in New Jork, den Unternehmungen des Stahl-, Kohlen-, Fleischtrust usw. sind gegenwärtig hauptsächlich osteuropäische, insbesondere österreichisch-ungarische Arbeiter beschäftigt, in deren Ermangelung manche großartige Arbeit fast undurchführbar gewesen wäre. Italiener, Slaven und Ungarn lieferten mit 421 844 Personen mehr als die Hälfte der diesjährigen Einwanderung. 103 296, um 37 326 weniger als im Vorjahre, kamen aus Italien, welches den ersten Rang behauptet, während Oesterreich-Ungarn mit 177 166 (Abnahme 28 866) Einwanderern an zweiter Stelle steht. Oesterreich zunächst kommt Rußland mit 146 141 Personen, mn 0 148 mehr als im Vorjahre. Die deutsche Einwanderung erhöhte sich nur 6294 Personen und betrug 46 380, während die englische Einwanderung absolut und relativ die höchste Zunahme aufweist. Sie betrug 38 626, was eine Zunahme von 12 407 gegenüber 1903 bedeutet. Die Heilage pn? nächsten Dummer: Synagoge» Schule «nd Haue.

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