Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 7 (1905)
- Issue
- 1 (6.1.1905)
- Date
- 1905-01-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt Nr. 1 Dinge zurückgereist. Es itutj; also ultbediugl eine Institution geschaffen werden, die größere Parzellen Landes ankaufen und dann dieselben parzellieren soll. Wenn einer mit einem gewissen Kapital liinüberkonunt, geht er in dieses Bureau und man sagt ihm, welche Grundstücke seht zu haben sind, er sucht sich eine Parzelle heraus, se nach seinen Verhältnissen, itiiD kommt so zu einem Resultat. Diese Aufgabe hat sich die „G e u l a h" in Warschau gestellt. Die Gesellschaft ich schon gegründet, aber unser nächstes Ziel müßte sein, das; sie nicht nur auf dem Papier bestehen, sondern in Wirklichkeit existieren soll. Für die Eröffnung der Tätigkeit braucht die „Geulah" ein Kapital von 100 000 Rubeln, vorläufig sind nitu 20 000 Rubel da. Da kann nian natürlich nichts anfangen. Als Grund für das Mißlingen der Unternehmung halte ich den Umstand, das; man die Sache auf zuviel Pietät aufgcbaut hat. Eine solche Sache mus; auf r e i n g e - s ch ä f t l i ch e Basis gestellt werdeit, dann wäre sie auch längst verwirklicht. Eine solche Gesellschaft könnte seht ohne Zweifel eine Dividende von 10—12 Prozent abwersen. Diejenigen, die die Verhältnisse Palästinas kennen, wissen, das; ein Dunam Boden, der früher In bis 20 Francs gekostet hat, seht auf 30—85 gestiegen ist, und wo sich eine Kolonie gründet, steigen die benachbarten Flächen des Bodens ganz bedeutend. Wenn also eine Gesellschaft wie die „Geulah" große Strecken ankaufen würde, würde sie sehr gut reüssieren, ohne irgendwelchen Schaden für die zukünftigen Kolonisten. Der meiste Boden liegt nämlich tu den Händen von großen arabischen Großgrundbesitzern. Diese wissen die Gelegenheit der Kolonisation sehr gut auszunühen. Diese würden durch eine solche Unternehmung, wie wir sie früher geschildert haben, geschädigt werden, nicht aber die jüdischen Kolonisten. Ich will hier nicht von besonderen Ausnahmen sprechen, wo die Leute durch rechtzeitigen Ankauf Volt Boden reich geworden sind. In P e s s a ch T i k w a h war sehr sandiger Boden, der spottbillig gekauft werden konnte. Später hat sich herausgestellt, daß dieser Boden für Orangen sehr gut war, und zwar hat er dieselben Eigenschaften wie der Boden neben I a f f a, der die besten Orangen der Welt gibt. Man zahlt jetzt für diesen Boden 150—200 Francs per Dunam. So ist es auch, an vielen anderen Orten. In der Nähe von G e d e r e h stieg der Preis des Bodens von 2—3 Frcs. auf 60 Frcs. Durch Erweiterung der Kolonisation werden die Bodenpreise unbedingt steigen und je mehr Landstrecken jüdische Institutionen ankcnlfen, desto besser für die zukünftigen Kolonisten. Das sind also zwei Dinge, die ebenso praktisch sind, wie leicht und bald ausführbar, und es wäre sehr wünschenswert, wenn die besser situierten Kireise der Zionisten und die Kolonisationsvereine dieser Gesellschaft „Geulah" beitreten und zur Gründung des Fnformationsbureaus zugreifen würden. Das ist aber noch nicht alles, was lvir tun können. Palästina ist ein Land, das unkultiviert ist. Ein Jude hat schon jetzt ziemlich bedeutende kulturelle Bedürfnisse, so daß wir nicht verlangen können, daß ein jüdischer Bauer sich einfach wie ein arabischer niederlassen soll. Er muß sich im Zusammenhang mit anderen zu einer Gruppe zusammenschließeit, um dann gleichzeitig diese sänttlichen kulturellen Bedürfnisse befriedigen zu können. Wenn man z. B. in einem Orte eines Kulturlandes, in Wien, Berlin oder dergl., ein geschäftliches Unternehmen gründet oder eine Werkstätte errichtet, ntuß man nur darauf achtelt, daß dieses Unternehmen einen gewissen Nutzen abwirft, daß mait davon leben kann, daß das Nnternehmen rentabel ist. Es wird niemandem einfallen, sich darum zu kümmerit, ob hier eine neue Straße zu errichten sei, ob neue Verkehrsverbindtingen herznstellen seien, ob tnan Beleuchtnitg einführen, ob man eitte Schule grültden könrte oder eine Synagoge. Dartlnt hat sich keilt Privater zu kümmern, man weiß, daß die Negicrttng oder die Gemeinde alle diesen gemeinnützigen Dinge Herstellen wird, so weit sie ltoch nicht vorhanden sind. In Palästina ist das ganz anders. Da lnüssen wir durch diese gesellschaftlichen Anstalten die elementarsten Kulturbedürfnisse eines jüdischen Kolonisten befriedigelt. Wenn sich, »eine Gruppe von 20—25 Kolonisten zur Gründung einer Kolonie zusanlntenfindet, kann man von ihnen nicht verlangen, daß sie sich selbst alle diese nötigen Anstalten errichten. Da wir aber ein Jitteresse haben, daß die Kolonisation erweitert werde, Dann müssen wir den Letiten, die sich mit eigener Kraft und eigenen Mitteln in einer Kolonie niederlassen ivollen, an die Hand geheit bei der Errichtuitg dieser gemeinnützigen Anstalten. Wir müssen die Leute in dieselben Verhältnisse versetzen, wie sie bei normalem KUtttirverhältnisselt gegeben finD. Ich will etwas näher auf diese sogenannlen a l l g e m c i n e n S p e s e n eingehen. , Zu allererst müssen lvir eilte juristische Beihilfe schaffen, damit die Dokumente in Ordnung seien. Die Leute utüssen mit genauen Informationen versehen lverden, nur eventuelle Grenzstreitigkeitelt zu vermeiden. Wir müssen sehen, daß die Leute keilten Boden ohne Baukonzession kaufeil. Die bedauerlichen Vorfälle, daß Leute lange in Hütten wohnen mußten, da sie keine Baukonzession hatten, sind allerdings jetzt viel seltener als früher. Wenn eine Grlippe von Leuten sich niederläßt, wo keine Verkehrswege vorhanden sind, utüssen wir ihnen helfen, eine Verkehrsstraße mit der benachbarten Kolonie zu bauen. Hat sich eilte Kolonie unglücklicherweise bei einem sumpfigen Boden niedergelassen, da kölrnen die Kolonisten nicht selbst die Entwässerung und Bepflanzung des Bodens mit Kalyptusbäumen durchführen, diese Last müssen wir ans uns nehmen. Sie kennen die traurige Geschichte der Kolonie Gederah, die durch das Sumpffiebcr fast die Hälfte der Bevölkerung verloreit hat. Jetzt macht sie eilten ganz erfreulichen Eindruck, nachdetn die Administration des Baron Rothschild und der Odessaverein ihnen beigesprungen sind und alle Vorkehrungen getroffen haben, um die sanitären Verhältnisse zu verbessern. Manhal ganze Wälder von Kalypttisbäumen angepflanzt und nirgends findet man solchen L o k a l P a t r i o t i s - m u s, eilte solche A lt h änglichkeit an den Bode n, wie dort. Eine sehr wichtige Rolle spielt in dieser Kolonie gutes T r i n k w affe r, und wenn malt zwei Kolonien miteinanber vergleicht, so findet ntan stets, daß die Kolonie mit besserem Trinkwasser auch immer bessere sanitäre Verhältnisse hat als die andere. In den meisten Kolonien ist die Versorgung mit Wasser nicht schwer. In R o s ch Pina h, I a nt tn a, R t s ch o n L e z i o n sind Wasserleitungen wie hier in Wien. Die Kolonien liegen am Fuße des Berges, etwas höher stieß ntan auf eine gute Quelle und man hat eine Wasserleitung eingerichtet. Aber nicht überall ist es so leicht, eine Wasserversorgung herzustellen, oft muß man tief graben; das kostet schon viele Opfer. Dazu ist der Kolonist, besonders in der ersten Zeit, nur schwer zu bewegen, da er seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit auf die Ergiebigkeit des Bodens lenken ntuß. Da mttß eine allgemeine Tätigkeit einsetzen. Die Wasserversorgung sollte eingerichtet und während einer Reihe von Jahren amortisiert werden. Alle großen Ausgaben, die nicht jedem Kolonisieit einzeln, andern der ganzen Kolonie zugute konnnt. tnüffeit besonders in den ersten Jahren von der Gesamtheit getragen werden. Diese Reihe ist aber noch nicht erschöpft. Die E r z i e h u n g der K i n d e r spielt ei lt e g r o ß e R o l l e b e i d e n I u d c n. In jeder Kolonie ist eilte nute Schule eine der wichtigsten Sorgen der Kolonisten. Die Errichtung eines Schulgebäudes, die Erhaltungsspesen einer Schule sind nicht gering ttnb in den ersten Jahren ist es ziemlich schwer, einer jungen Kolonie diese Lasten aufzubürden. Die Kindergärt e n, lute sie in der letzten Zeit fast überall errichtet wlirdeit, verursachen schon aeringere Kosten, diese bestreiten die Kolonisten gern und leicht. Diejenigen Kolonien — und es gibt ltoch einige — die keilte Schulen haben, fühlen sich recht unglücklich. Neben der Schule ist auch eine kleiite Bibliothek notwendig, die Kolonisten fehlten sich in ihrer Muße nach einer geistigen Nahrung: Zeitungen, Bückern. Auch medizinische Hilfe braucheit sie. Apotheken sind in jeder Kolonie und der Verwalter der Apotheke leistet auch die erste Hilfe. Alle diese allgemeinen matcrieXCen und kulturellen Bedürfnisse müffeit wir, da wir alt der Fördertlltg der Kolonisation Interesse habeit, zu befriedigen suchen und die Budgets der Kolonien zu verringerlt tradjten. Es gibt auch noch viele aitdere „Allgemeine Spesen", so die B e w a ch it lt g d c v K o l o lt i e vor den Beduine it, die manchmal des Nachts sich einer Kolonie näherit imb das Vieh wegtvciben oder anderen Schadeit aitrichten. Als Wächter lverdeit interessankerlveise nt e i st B e d u i tt c n a it g c st eilt. So bildet also eine Kolonie eine kleine Kommune und hat eine ganze Reihe voll ziemlich bedeutenden Ausgaben, die lvir ihnen für die erste Zeit unbedingt abitehmen müssen. Die Gesamtheit muß dem Kolonisten das leisten, was in einem Knltnrlande von der Regierung und von der konmmnaten Verwaltung geteilt wird. Eilt lvcitcrer Punkt ist der O s ch e r, d. i. der sogenannte Zehent. In der Türkei wird das meiste Kapiial von der Landwirtschaft heransgeschlagen. Diese trägt die ganzen Spesen für die Regierung. Wenn malt nun Zehent sag^ so meint malt nicht 10 Prozent, sondern 12'/* Prozent. In der Zahlung dieses O scher beruht das ganze Verhältnis zwischen der Negierung und den Kolonisten. In die inneren Verhältnisse mischt sich die türkische Negierung fast gar lticht. Ntan kann Schulen errichten, in welcher Sprache, mit welchem Programm man will. Mait kamt sich sozialwirtschaftlich einrichtcn, wie man will, man ist in jeder Hinsicht sich selbst überlassen. Das einzige Verhältnis zur Regierung besteht nur in Leitmtg des Oscher und anderer kleinerer Abgaben. Die Kolonisten hätten eigentlich nichts gegen Den Oscher einzuwcnden, wenn er ltormal eingehobeit würde. Allein derselbe ivird nicht von der Regierung selbst einkassiert, sondern jährlich an den M e i st b l e t e n D e it v e r p a ch t e t. Die Pächter wollen natürlich soviel Kapital als möglich herausschlagen und da kommt es vor, daß der Oscher iticht 12'/t. Prozent, sondern oft 20—25, ja sogar 30 Prozent beträgt. Das ist natürlich einem Kolonisten zuviel, doch könitte der Sache leicht abgehoben werden. Es gibt Kolonieit, die nur 6—8 Prozent zahlen. Die Sache liegt eben in der Arrangierung des Eiitzahlungssystems tntd wenn lvir dort an Ort und Stelle eine tüchtige Kraft hätten, könnten wir durchsetzen, daß nicht mehr gezahlt werde, als gesetzlich bestimmt ist. Man, könnte es so entrichten, daß jeder Kolonist den Oscher der. Gesamtorgauisation zahle und diese die Sache im ganzen ordne. Sie wird vielleicht manchmal znsetzen müssen, öfter aber noch Vorteil erzieleu. Alles, lvas wir bisher besprochen habeit, betrifft nur jene Gruppe von Kolonisten, die selbst über eilt gewisses Kapital, über materielle Mittel verfügen und sich selbst niederlassen wollen. Nun wissen wir aber, daß, obwohl es eine bedeutende Zahl solcher Letite gibt, doch nicht die ganze Kolonisation Don solchen Leuten allein ausgeht. Die meiften, die nach P a l ä st i n a hiuüberkommen und die sehr gute Elemente der Koloitisatioit werden können, fomnieu mit der Mtiskelkraft allein und mit der Begeisterung, sich dort niederzulasseu. Wie soll man solche Leute kolonisieren? Besonders im Hinblick atrs die Schädlichkeit des philanthropischen Prinzipes? In Den letzten Jahren hat man eilten ganz passenden- Modus für diese Gruppe gefunden. Der Schöpfer dieses neuen Systems ist der bekannte Palästinafreund M a r g tt - l 1 e s si a l lv a r i s k i. Er hat das System erprobt und durchgeführt. Es ist dies das Systent der S e d s ch r a. K a l w a r i s k i hat sich vom Gedanken leiten lassen, man müsse bei einer groß angelegten Kolonisation mit beu g e riltgste n Mitteln die größten R e s u 11 a t e erzielen. Darunt dürfe man nicht solche kleine Gutsbesitzer erziehen, wie es R>othschild bisher getan habe. Er sagte sich, wenn Leute ohne Kapital herüberkommen, dann muffen sie wenigstens ein anderes ersetzendes Aeguivalent haben, Tüchtigkeit, Kenntnis der Bearbeitung des Bodens usw. Da hat er der I k a vorgeschlagen, eine große Gutslvirtschaft, Sedschra, anzulegcn. Dasselbe besteht aus 1200 Dunam oder noch mehr, welche auf rein kapitalisilsche Weise verwaltet wird. An der Spitze steht ein Oekoltom (Krauß). Die bestell Maschinen sind dort eiltgeführt. Der Bodert ist sehr mannigfach und für die verschiedensten Kulturen des Landes geeignet: gutes Weizenland, große Weideplätze für die Viehzucht, sogar «eil» ziemlich be-