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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-16 · 51 (16.12.1904) · page 9

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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-MHKM? ■vt -y,y 'r»E< .'.7/^7 Synagoge, Schule und Haus. Beilage $it Nr. 51 des „Iirdisches Volksblsti". Der Religionsunterricht um Sabbat. Qnr freien Diskussion gestellt von Dr. Adolf Kurrein. Seit Jahrzehnten werden unaufhörlich die Klagen immer lauter über den stetig zunchmenden Verfall des jüdischen Lebens und noch besonders über die gänzliche Religionslosigkeit der Jugend und die schwache Aussicht infolgedessen, das Judentum der Zukunft 51t erhalten. Es ist nicht zu leugnen, daß an diesen traurigen Zuständen doch zumeist der Verlust der Sabbatheiligung schuldträgt. Abgesehen von dem mehr als schwachen Besuche des Gottesdienstes in den Landgemeinden — in vielen wird auch aus Mangel an Teilnehmern keiner abgehalten — existiert der Sabbat für die Juden in diesen Gegenden mit Ausnahme von Galizien und Ungarn gar nicht mehr. Es wird nicht nur Handel getrieben, es werden alle Arbeiten und Handwerke von den Juden selbst öffentlich verrichtet. Es ist geradezu empörend, wie jüdu üe Näherinnen und Schneiderinnen am Samstag in jüdischen Häusern nähen, bannt sie Sonntag frei haben. In Wien, in der Hauptstadt, läßt man sogar die Bettler in Reihen Freitag abends und Samstag vor dem Tempel stehen und von den Betern Gaben in Empfang nehmen, ohne daß jemand diesen Unfug vor dem Gotteshause rügt. Wenn nun die mit ihren Berufen und Fabriken vollauf am Sabbat in Anspruch genommenen Juden abends und mittags zu Hause nicht in der Sabbatstimmung sind, um den Kindern das weihevolle Sabbatleben vorzuleben, so ist das ganz in der Natur der Sache gelegen. Die Kinder können ja auch die Weihe des Sabbats nicht in sich aufnehmen, denn was bei den Eltern das Geschäft, das zerstört bei den Kindern die Schule am Sabbat. Es wäre heute zu spät, den damaligen liberalen jüdischen Vorständen den Vorwurf. zu machen, daß sie nicht schnell genug die jüdische Jugend aus dem Ghetto und dem Judentum in die Assimilation führen zu können glaubten und es unterließen, den Samstag schulfrei zu machen, was ohne Schaden für den Unterrieht noch, heute möglich wäre. Tatsache aber ist es, daß die jüdischen Schüler durch den Unterricht am Sabbat ihre Religion einbüßen. Sie müssen sich Freitag abends für die Schule vorbereiten, somit ist der schöne Freitagabend! und auch der Gottesdienst an demselben für die Jugend verloren. Die Kinder schreiben und zeichnen zu Hause lind in der Schule, selbst frömmere Eltern können zumeist dem Drängen der Kinder nicht widerstehen, wenn diese immer und immer wieder den Eltern Vorhalten — Kinder sind ja in dieser Beziehung sehr ängstlich und zaghaft — sie bleiben zurück und werden schlechte Klassen bekommen. Dann werden zum Uebersluß Samstag -nachmittags Ausflüge zu Fuß und auch mit der Bahn gemacht, es wird botani- ■ffett und dergleichen mehr. An alles denkt das jüdische Kind, nur nicht an Sabbatruhe. Dagegen weiß das christliche Kind, daß es die ganze Woche arbeitet, am Sonntag seinen Ruhetag hat und festlich gekleidet am Sonntag seinen Gottesdienst und seine Exhorte besucht und den Rest des Tages zum Vergnügen und zur Erholung verwendet. Das geht dem jüdischen Schüler verloren, der keinen Sabbat hat, ganz werktägig, oft noch mit ben Schulbüchern und Federkastel, beim Sabbatgottesdienst erscheint und weiter auch nichts vom Sabbat erfährt. Hingegen gewöhnt sich der jüdische Schüler, den S 0 n n t a g it n d bi e ch r i st l i ch e n Feier t a g e a u ch als seine R u he - tage 3 u b e trachten, da er an diesen schul- und arbeitsfrei sein kann. Nun kommt noch in jüngster Zeit rin weiterer Umstand hinzu : I ü d i s ch e R e l i g i 0 n s l c h r e r u u d sogar orthodox s ch e i n e n- oder sein w 0 l l e n d e R a b b i n e r, alle rd i n g s n i ch t m ehr i m A m t e, e rteile n d e n S ch ü l e r n z it d c n r e g c lmäßige n S ch u l st u n d e it n och d e n R e l i g i 0 n s u n t e r r i ch t a m S a b b a t. Nun erfährt der Schüler, daß dcr Sabbat von autoritativer Seite, von dem Religionslehrer oder sagen wir von der Kultusgemein'de als Religionsbehörde äbgeschaffi und ausgehoben i!st, denn wenn sogar der jüdische Religionslehrer am Sabbat unterrichtet, bannt die jüdischen Schüler Sonntag frei habeil, so ist der Sonntag und nicht der Sabbat der gebotene Ruhetag, denn in die Schul c g e h e n i st s ii r d i e S ch ü l e r W e r k t a g, und schulfrei ist Feier- und Ruhetag. Es muß daher die Frage beantwortet werden: Darf ein jüdischer Religionslehrer an S a b b a tu n d F c i e r t a g e n den 0 bligaten, w ö ch e n t l i ch z w e i st ü n! d ig e it Religionsunterricht i n der Schule erteilen, ohne sich und die Schüler der öffentlichen 'Sabbatverletzung schuldig Lu machen? Nach dem vorausgcgangenen müßte die Antwort schon mit einem entschiedenen Nein! lauten. Untersucht mau die Frage zunächst nicht vom theologischen Standpunkte, sondern von dem der Schulgesetzgebung, so gelangt man zu folgenden Schlußfolgerungen: Das Schulgesetz gestaltet den Unterricht an Sonn- und Feiertagen für die christlichen Schüler nicht; nach einem Erlaß sollen die Schüler an dem einem Feiertage folgenden Vormittage nicht rinmal geprüft werden, weil sie am Feiertage sich nicht vorbereiten konnten. Tie Schulgesetzgebung faßt nun Lehren und L cvne n für Lehrer und Schüler als eine Werktagstätigkeit auf, wovon beide am Ruhetage befreit fein müssen. Was nun für die christlichen Schüler am Sonntag gilt, das muß für die j ü d i s ch e n S ch ü l e r a m S n m stag it n d F c ft t a g gelten, wie ja auch die Schüler regelmäßig dem Religionslehrer die Frage stellen-:' „Warum müssen wir an unseren Feiertagen-die Schule besuchen?" Demgemäß müßten also die jüdischen Schüler an Sabbat und Feiertagen vom Schulbesuche gänzlich befreit sein! Gewiß wäre das ein Ideal einer Schnleinrichtnng, welche aus erziehlichen Gründen die Gleichberechtigung aus die jüdischen Schüler in so vollständigem Maße zur Anwendung brächte. Daran läßt sich aber in absehbarer Zeit nicht denken und der jüdische Schüler weiß ganz gut, daß er hier einer Force majeure unterworfen ist, und wenn die jüdischen Schüler nicht vom öffentlichen Studium ausgeschlossen sein sollen, so müssen sie als Minderheit der Mehrheit sich unterordnen. Nicht begreifen aber kann ein jüdischer Schüler, warum er, weil er ein Jude ist, am Samstag durch den Religionsunterricht eine Stunde länger als sein christlicher Mitschüler in der Schule bleiben muß. Gibt etwa ein regelmäßiger Religionsunterricht in demselben Klassenzimmer, wo er bisher seine werktätige Wochenarbeit verrichtete, mit einem Male die Scibbatstimmung dem Schüler, wenn der jüdische Religionslehrer in gewohnter Weise ivie an den Werktagen gleich den übrigen Professoren seinen Unterricht gibt? Wir wollen absehen, daß namentlich in den Oberklassen, wenn der Religionslehrer Wichtiges vorträgt und es sonst streng zu nehmen gewohnt ist, der Schüler sich vielleicht trotz des Verbotes des Lehrers seine Notizen macht und nichts weniger als den Sabbat durch den Religionsunterricht heiligt, so wirb, doch dieser Unterricht am Sabbat weder zur Wertschätzung und Heiligung des Sabbats noch des Religionsunterrichtes und des Religionslehrers beitragen, die sich ohnehin nicht der größten Liebe bei den Schülern erfreuen. Was würde denn der Lehrer antworten, wenn der Schüler etwa bei der Erklärung des vierten Gebotes: „Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Geschäft verrichten, am siebenten ist ein Ruhetag", dem Lehrer die Frage vorlegt: „Die Werktagsarbeit eines Lehrers ist Unterrichten, die des Schülers Lernen, wie dürfen wir also am Samstag dieselben Arbeiten wie an Werktagen verrichten?" So schlau und sophistisch die gewundene Antwort des Religionslehrers ausfalleu würde, der Lehrer, die Religion und der Sabbat würden im Geiste des Schülers den Kürzeren ziehen und der Religionsunterricht ist dann ein Widerspruch in sich selbst, hebt sich selbst auf, ist mehr moralischer Schaden als gar kein Unterricht. Und in 'der Tat, wodurch unterscheidet sich der jüdische, und wäre er auch ein orthodox sein sollender Rabbiner oder Religionslehrer, der am Samstag sein Wochentagsgeschäft ausführt, um am Sonntag frei zu sein, oder auch nur uni m e h r Stunden geben, also am und durch den Sabbat m ehr v e x. b i 'C n e n zu können, von dem jüdischen Fabrikanten, Geschäftsmann oder Handwerker, der aus denselben Gründen den Sabbat entweiht? Der Hausierer, welcher am Freitag abends sein Pack zur Ruhe legt und erst Sonntag früh aus den Rücken nimmt, ist orthodox e rundfr 0 m m e r a l s der Rabbiner oder R e I i g i 0 tt 8 lehre r, der am Sabbat den gesetzlich bestimmten, wöchentlich zweistündigen Religionsunterricht aus gewinnsüchtigen Gründen erteilt. Das ist eine össentlicheEntweihu n g d e s Sabbat s, ein wahrer Chillul schabbos, weil der Schüler dadurch die Ueberzeugung erhält, der j ü d i s ch e Religi 0 nsl c h r e r tutdas a m Sa b b a t, w a s der ch r i stl i ch e a n s e i n e m S 0 ii n t a g n i e m a l s t u t. Die Herren werden gewiß sofort mit einem „Wörtchen" aus Talmud und Dezisorenzur Hand sein und haarscharf Nachweisen, daß das nicht nur erlaubt sei, sondern sogar ein gottgefälliges Werk. Ehe wir ihnen aus diesem Wege folgen, müssen wir denn doch erklären: Jeder Talmudkundige weiß, daß viele Dinge im Talmud noch erlaubt scheinen, die später sehr streng verboten sind, weil die- Meinungen und Anschauungen darüber im Lause der Zeit sich ändern mußten. Von unserem Unterricht hatte der Talmud und auch die Rabbiner bis in unsere Zeit keine Vorstellung und ein Lernen, das zur Zeit des Talmud erlaubt sein konnte, hat auch nicht die entfernteste Analogie mit dem gesetzlich bstimmten, wöchentlich zweistündigen und nach Stunden bezahlten Religionsunterricht in der werktägigen Schule, die den Schüler an alles, nur nicht an den Sabbat erinnert. Wenn schon unterrichtet wurde, wurde der Abschnitt, der in der Synagoge vorgelesen, mit den Kindern wiederholt, oder die Sprüche der Väter gelesen und es wurde mit den Kindern das, was wir heute Exhorte nennen, abgehalten. Hat man etwa in den Jeschiwoth den Wochentagsschiur am Sabbat fortgesetzt? Ge wiß nicht. Wenn in alter Zeit am Sabbat a u ch gelernt wurde — und das a u ch muß betont werden, weil man die ganze Woche ununterbrochen lernte, jedoch am Sabbat das Thema änderte, um die Schüler au den Sabbat zu erinnern — so ist dieses Lernen nicht! im entferntesten mit dem zweistündigen wöchentlichen 9le'ligionsunterrichte, der nach der Stunde bezahlt wird, zu vergleichen. Nun ivollen wir auch den Talmud sprechen lassen. Im Talmud (Nedarim 37a) heißt es: Mau darf am Sabbat mit den Kindern d a s n i ch t l e r n e n, w a s s i e n 0 ch n i ch t g el e x n t h a b c n, nur wiederholen darf mau, was sie bereits gelernt haben. Dazu bemerkt, der Kommentar Nascht: Weil sie das heute zum e r st e n M nie l c r n c u, so nimmt der Lehrer der Blühe wegen am Sabbat Bezahlung, das ist n i ch t fl csta t t et; das Wiederholen aber macht weniger Blühe und wird nicht bezahlt, folglich ist es g e ft atte t. Der Kommentar Ran zur Stelle sagt: Die eigentliche Bezahlung ist für das erste Lernen, welches eine große Blühe ist, darum darf man am Sabbat nichts Neues lernen, denn da s B e r d i e n e u a m S a b b a t ft st der - boten; für das Wiederholen wird nicht bezahlt, da rum ist es gestattet. Diese Art des Verdienens wird noch im Talmud weiter erörtert, daß auch das Wiederholen als ein Verdienen wegen des Hüteus der Kinder betrachtet werden könnte und man gelaugt zu der Ansicht,

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