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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-02 · 49 (2.12.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
49 (2.12.1904)
Date
1904-12-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Die Richtigkeit oder Unrichtigkeit von Ideen wird gewöhnlich nach der Anzahl der Anhänger und der Stärke der sie vertretenden Organisation beurteilt. Diese Auffassung ist eine sehr oberflächliche; denn das Schicksal aller Wahrheiten ist es immer gewesen, nur von einzelnen oder Minoritäten vertreten zu werden, und nur sehr langsam gelangten dieselben zum Durchbruche; andrerseits sind alle großen Parteien und Organisationen nur zu oft Vereinigungen von Gruppen mit den entgegengesetztesten Anschauungen, nur durch Parteidisziplin und taktische Momente zusammengehalten. Dies muß man in Erwägung ziehen, wenn man den Grund des langsamen Fortschreitens der im „Jüdischen Volksblatt" vertretenen Anschauungenverstehen, andrerseits aber die Erfolge entsprechend würdigen will, die wir zu verzeichnen haben. Wir sind mit einem Programm vor die Judenschaft getreten, welches einerseits imschärfsten Gegensätze zur bisherigen assimilatorischen Judenpolitik sich befand, andrerseits aber doch Wege und Mittel zeigte, wie jene Mehrheit der österreichischen Juden, die auch nach Erlangung Palästinas, hierzulande bleiben will, ihre national soziale Lage in Oesterreich verbessern kann. Langsam, aber sicher ist d i es e s Programm in Fleisch und Blut eines großen Teiles der österreichischen Juden übergegangen.. So bedeutete der Ausruf des offiziellen Wahlkomitees anläßlich der letzten Wahlen in die Israelitische Kultu sgemeinde insofern einen Sieg unserer Anschauungen, als eine ganze Reihe unterer Postulate M demselben enthalten sind. An die ehrliche Absicht, sie auch zu verwirklichen, werden wir freilich erst glauben, wenn man an deren Realisierung schreitet. Aber nicht nur die j ü d i s ch e Kultuspolitik betreffend, können wir ein siegreiches Fortschreiten unserer Ideen konstatieren, sondern auch in den anderen Zeit- und Streitfragen innerhalb des Judentunis. Immer deutlicher zeigt es sich (die zunehmende Verlotterung des Parlamentarismus dies- und jenseits der Leitha sind neue Beweise dafür), daß jene jüdische Politik eine total falsche war, welche die österreichischen Juden als Kanonenfutter für die bestehenden parlamentarischen Parteien und Anhängsel national-chauvinistischer Cliquen and erer Völker mißbrauchen ließ. Feuilleton. Die Makkabäer. Von M. D. Riwkiu. Deutsch von Julie Goldbaum. In dem finsteren, versteckte» Winkel unseres engen, erbärmlichen Kämmerchens, wohin selbst am Tage nur selten ein wohltuender- Sonnenstrahl dringt und wo in der stillen Winterdänimerung bloß das traurige Heulen des Windes in dem schiefgewordenen Ofenrohre oder das eintönige, jämmerliche Zirpen einer Grille hinter dem Herde hörbar wird — dort ist es heute ungemein licht und traulich. Fünf dünne Wachskerzchen lehnen so sonderbar an der Wand ganz in der Nähe der Türe und kleben fest mit ihren dünnen, glattgedrückten Füßchen an dem asten, geschwärzten und durch die Zeit rissig gewordenen Türstock. Fünf zarte Lichtlein haben herrlich die über diesem Winkel seit so langer Zeit hängende undurchdringliche Finsternis verscheucht, sie blicken freundlich von der Höhe herab auf die morsche Bretterwand, - auf die rauchgeschwärzte Ecke des nach einer Seite sich neigenden Ofens und auf das niedrige, schneeverwehte Fensterchen. Und beim Scheine dieses wundersamen Flämmchens Int die ganze sich im Halbdunkel verbergende Armseligkeit unseres finstereu, versteckten Winkels sonderbar scharf hervor: der wackelige, an vielen Stellen durchgefaulte Fußboden, der niedrige, schief herabhängende Plafond und die nackten, tralirigen, rauchgeschwärzten Wände ringsum . .. Bloß an dem Türstocke, dort, wo der grelle Widerschein der lustig blinkenden Lichtlein einen rote», zitternden Kreis auf der Wand bildet, lugt freundlich aus dem Halbdunkel eine alte, fettige Rolle mit dem deutlich geschriebenen „Schabaj" hervor und von dem an der gegenüberliegenden Wand befestigten Holzgestell blickt auf mich ein anderes Andrerseits bestreitet auch von den begeistertsten Anhänger einer Heimstätte nur mehr ein geringer Teil die Notwendigkeit, früher oder später, nach vorangeKangener politischer Erziehung und Organis ierung der jüdis che nVolksmassenOe st erreich s, den Boden einer zweckmäßigen jüdischen Volkspolitik betreten zu müssen, nachdem die w i r tschastliche Betätigung schon seit geraumer Zeit als unerläßlich allgemein anerkannt wird. Wenn man weiters in Erwägung zieht, daß selbst in Kreisen, denen das Schicksal der Ostjuden bis vor kurzem gleichgültig war und in denen man den Gedanken einer Kolonisation Palästinas bespöttelte, man immer eingehender mit diesem Problem sich beschäftigt, so muß man objektiverweise zugestehen, daß wir berechtigt sind, von unseren Erfolgen zu sprechen. Immer deutlicher werden so die Konturen jener jüdischen Politik der Zukunft sichtbar, welche eine Einigung, Verständigung und Zusammenfassung der Besten unseres Volkes zu seiner Renaissance ermöglichen wird, die einerseits darnach strebt, den heimotlosen Brüdern im Osten eine Heimstätte zu verschaffen,^andrerseits aber durch wirtschaftliche, kulturelle und politische Reformarbeit die Lage der jüdischen Volksmassen in den einzelnen Staaten in jedweder Hinsicht zu verbessern sucht. Speziell hier in Oesterreich tritt immer drastischer die Richtigkeit des von /'uns vertretenen politischer) Glaubensbekenntnisses zutllg's, daß die bestehende JR e icf) sv erf assn n g und sämtliche Parteien ln beid e n Reichshälften? zum a l t e n Trödel gehören, und jede Sitzung in den einzelnen Bertretungskörpern der Monarchie beweist immer von neuem, daß die Umgestaltung der Verfassung im Sinne der Autonomie der einzelnen Völker sowie die Bildung neuer Parteien nureine Frage der Zeit sein kann. Auch dafür sprechen zahlreiche Symptome, insbesondere die Arbeitsunfähigkeit der Parlamente in Wien und Budapest sowie der Zersetzungsprozeß in den alten Parteien, der sich nicht nur auf die bürgerlichen Parteien erstreckt, sondern auch ans die marxistische Sozialdemokratie ausdehnt. Wiederholt haben wir aus die freisozialistische Bewegung und ihr Organ, die „Freien Worte" in F a l k e n a u, hingewiesen, welche sowohl in der Nationalitätenfrage wie in der Judenfrage und in der Kritik der marxistischen Theorie und Politik sich auf derselben Linie bewegen wie w i r. Dasselbe gilt von der unter Erbe der Väter herab: älte, verstaubte, halbzerfetzte Folianten... Ich durchforsche mit den Blicken diesen mir unbekannten, aus der Finsternis emporgestiegenen Winkel, ich bemühe mich, mit den Augen zwinkernd, in den Sinn dieses herrlichen Scheines, welcher so viel Licht nnd so viel Wärme hierhergebracht hat, einzudringen, und mir deucht, als würden diese wie die Sterne vor einem müden Wanderer vor mir blinkenden Flämmchen mir geheimnisvoll yyn einem fernen, leuchtenden Lande, von gewesenen, längst vergangenen Tagen erzählen... Und jetzt erstehen vor meinen entzückten Blicken, eine nach der anderen,, ferne, herrliche Gestalten, die Schatten der großen Volkskämpfer... Hier, abseits, ein wenig entfernt von den fünf in Reih und Glied stehenden Kämpferflämmchen erlischt ein niedergebranntes Leben. Es^st M a ttch a ti a sderselbe, welcher diese herrlichen Fackeln angezündet hat, derselbe, welcher ihnen streng befahl, mit der sie umringenden Finsternis unentwegt zu kämpfen und kühn die von ihm allein mitten unter der Gewalttätigkeit und der Finsternis hegonnene große Sache fortzuführen. Und die ihn eng umstehenden Flämmchenhelden schwören ihm, nicht zu erlöschen, bevor die wohltätige Sonne ihnen zum Entsätze nicht aufgegangen, bevor nicht die ewige Wahrheit in das unglückliche Land als Herrscherin einziehen wird. Das niedergebrannte Kerzchen stuckert ein letztes Mal grell auf. Der alte Matthatias schickt seinen Kindern den väterlichen Abschiedssegen. Ein bläuliches, dünnes Wölkchen steigt empor und wird mit dem letzten Seufzer des Heldenkämpfers zum fernen Himmel emporgetragen. Der Funke, welcher die herrliche, göttliche Flamme entfacht hat, ist erloschen, doch die Flamme lebt noch, die Lichtlein leuchten noch und die Helden, welche die Hüter einer großen Sache geworden sind, erheben stolz ihre strahlenden, von einem herrlichen Scheine umrahmten Köpfe und tragen mit neuer Kraft Freude und Licht dorthin, wo bis dahin bloß Trauer und Finsternis geherrscht hatten ,. . der Führung des Professor Masaryk stehenden realistischen Gruppe der tschechischen Volkspartei. Feste Formen haben die von uns vertretenen Anschauungen bereits in der Bukowina angenommen, wo eine aus Deutschen, Juden, Ruthenen und Rumänen im Zeichen der nationalen Autonomie, des politischen und sozialen Fortschrittes gewählte Majorität ihren Einzug in die Czernowitzer L a n d st u b e gehalten hat und wo das Schulbeispiel erbracht wurde, daß die Juden Oesterreichs unbeschadet ihrer jüdischpolklichen Interessen mit den dieselben respektierenden Elementen anderer Volksstämme im Zeichen einer s o z i a l-österreichischen Politik kooperieren können. Was nun endlich die Wiener Frage betrifft, so haben wir erst recht einen Triumph zu verzeichnen. Dieselben Blätter, welche durch ihre verkehrte nationale und wirtschaftliche Politik die christlichsoziale Bewegung großgezogen, die alte Demokratie zertrümmerten, Adolf F i sch h o f meuchelten, Dr. Lueger ins antisemitische Lager trieben, haben beim Champagner anläßlich des Preßkongresses mit demselben Dr. Lueger sich verbrüdert. Und die Abgeordneten jener j u d e n liberalen Wählerschaft, welche noch immer in den Christlichsozialen die einzigen Repräsentantendes Antisemitismus sehen, sitzen gemeinsam nicht nur mit den antisemitschen Deutschnationalen aller Schattierungen, sondern auch mit — Dr. Lueger in der „deutschen G e m ei n b ür gsch a ft". Derartige Anbiederungen aber, wie wir sie beim Preßkongreß erlebten, sowie die gesamte übrige Politik der angeblichen Vertreter des jüdischen Volkes in der Israelitischen Kultus gemein de sowie in allen übrigen Körperschaften in Gemeinde, Land und Reich sind nicht oarnach angetan, die Lage der österreichischen Juden zu verbessern, noch viel weniger aber die I u d e n f r a g e zu lösen. Die Juden Oesterreichs müssen neue Bahnen betreten, sie müssen eine starke, moderne, jüdische Volksorganisation bilden, die bei Wahrung der nationalen Solidarität mit den Volksgenossen der übrigen Staaten ein Programm und eine Taktik sich zu eigen macht, welche den jüdischvolklichen Interessen wie der Natur des österreichischen Staatswesens, seine E x i st e n z b e d i u g u n g e n und seiner Existenzberechtigung gleichmäßig entsprechen. Wenn wir dies erreichen, dann werden wir, aber auch unser Volk den Haupterfolg zu verzeichne): haben. " ■' Alles ist ruhig ringsum. Die Flammen brennen hell und einmütig an der Wand. Ihr herrlicher Schein ergießt sich in zarten Strahlen/ es vergoldet den Plafond und flackert auf den gefrorenen Scheiben des weitabliegenden Fensterchens. Die dichten, schwarzen Schatten, welche so trostlos herabhingen, haben sich in den entfernten Winkeln hinter dem Ofen versteckt. Solange die zum Kampfe mit der Gewalttätigkeit und der Finsternis berufenen, sieghaften strahlenden Lichter an der Wand neben der Türe noch leuchten, wagen sie es nicht, aus ihrem Schlupfwinkel hervorzutreten. Doch jetzt muß das auf dem äußersten Ende stehende Lichtlein dem Anstürme der feindlichen Kräfte weichen, es macht eine letzte Anstrengung — und stirbt vorzeitig. Es ist Eleasar, der erste von den Brüdern, welcher unter der Wucht des plötzlich auf ihn losgestürzten Feindes zusammengebrochen ist . .. Jetzt' beginnt auch das zweite Flämmchen, das so friedlich zum fernen Himmel emporstrebte, das ringsherum so freundlich Wärme und Licht verbreitete, zu zittern und zu schwanken. Schatten, unsichtbare schwarze Schatten drängen sich langsam von allen Seiten an das Flämmchen heran. Es windet sich jammervoll, es drückt sich auf die Seite, es lehnt sich zu seine» Brüdern und —. erlischt dann einsam und machtlos. Verlassen stirbt der heldenmütige Johannes in einer fernen, wildfremden Wüste. Die Schatte» verdichten sich, die Finsternis wird immer stärker, sie ist jedoch noch nicht Alleinherrscherin! Mächtig strahlt die sieghafce Flamme — Juda. Dreimal schon hatten sich ihm die Schatten genähert und vergeblich sich bemüht, den Glvrienkranz von seinen, Haupte herunterzureißen, besiegt durch sein festesherrliches Leuchten, sind sie für Augenblicke zurückgeworfen worden. Poch die Schatten ballen sich immer mehr zusammen, die schwarze Finsternis rückt immer näher heran, die schwarze Nacht hängt schon über seinem Kopfe... Noch ein verzweifelter Ansturm und die a»' der Wand niedergebrannte Kerze flackert zum letzten Male auf. Grell wie der Blitz zwischen den Wolken leuchtet JudaS letztes

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