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Jüdisches Volksblatt · 1904-11-25 · 48 (25.11.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
48 (25.11.1904)
Date
1904-11-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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VI. Jahrgang. An unsere Gesinnungsgenossen! Am 27. d. M. schreitet die Wählerschaft der Wiener Jüdischen Kultusgemeinde abermals zur Urne. Der „Jüdische Volksverein" hat in diese Kultusw'ahl nicht: aktiv eingegriffen, wie dies bei den Wahlen in den Jahren 1898, 1900 und 1902 der Fall war. Der Grund hierfür liegt in der Entschließung des „Jüdischen Volksvereines", dem zu Beginne! dieses Jahres gewählten neuen Präsidium Gelegenheit und Zeit zu bieten, den von uns bisher bekämpften Kurs im Wiener Kultusvorstande zu ändern. Mir diesen Fall war der „Jüdische Volksverein" entschlossen, den Frieden in der Wiener Kultusgemeinde anzustreben und zu fördern. Er ging in seiner Friedensbeftrebung so weit, daß er in das vereinigte Zentralwahlkomitee Delegierte entsandte und an der Schaffung eines die alten Wünsche der Opposition wenigstens zum Teile berücksichtigenden Kultusprogrammes mitarbeitete. Die von uns dargebotene Friedenshand wurde brutal zurückgestoßen und das Präsidium des Kultusvorstandes hät damit die Absicht kundgetan, daß es nicht gewillt ist, dm Frieden in der Gemeinde herzustellen und auch weiterhin beabsichtigt, nur solchen Kandidaten den Eingang in den Kultusvorstand zu gewähren, welche der alten von uns bekämpften Clique angehören oder sich ihr anzuschließen geneigt sind, hingegen das Recht einer Minoritätsgruppe, welche im letzten Wahlkampfe des Jahres 1902 fünf Zwölftel der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigte, auch weiterhin in schnöder Weise zu konfiszieren. Man hört so oft gegen die Machthaber in anderen Körperschaften den Vorwurf erheben, daß sie alle Gewaltmittel anwenden, um die Rechte der Minorität einzuschränken. Was sollen wir aber erst von den Machthabern in der Kultusgemeinde sagen, die einer so namhaften Minorität, und zwar einer, welche den Kultusangelegenheiten das größte und aufrichtigste Jüteresfe stets entgegenbrachte, überhaupt keine Rechte einräumt?! Die Handhabe zu dieser gewaltsamen Entrechtung einer arbeitswilligen Minorität bietet einzig und allein die jetzt bestehende ungerechte und unjüdische Wahlordnung, welche einer Clique die Herrschaft für alle Zeiten sichert und die Möglichkeit, die Minorität zu ihrem Rechte gelangen zu lassen, vollständig ausschließt. Für uns ergibt sich aus alledem nur die eine Konsequenz: Wir müssen und werden den Kampf gegen diesen Kultusvorstand und gegen diese ungerechte Wahlordnung aufnehmen und werden nicht eher ruhen, bis diese einer gerechteren jüdischen Wahlordnung Platz macht, welche der Minorität ein gedeihliches Mitarbeiten in der Verwaltung der Wiener Kultusgemeinde möglich macht. Wir müssen diesen Kampf nicht nur der gerechten Sache selbst, sondern auch des Friedens willen führen, weil nur diese ungerechte Nichtberücksichtigung der Minorität den Kampf derselben so verbittert hat. Unsere Kampfparolö wird unbeschadet unserer anderen Poftulate,, lauten: „Heraus mit einer gerechten, modernen, jüdischen W a h l o r d n u n g!" I ü d i s ch e! r V o l k s v e r e i n. Richard R a p p a p o r t dz. Präsident. Feuilleton. Die ersten Blatter der Bibel. Von Professor Meinholö. Ein nichtjüdischer Forscher spricht in der „Köln. Ztg." über die Bibel: Die Flut der Babel-Bibelschriften ist versiegt. Was Hat sie uns gebracht? Dem Forscher kaum etwas Neues. Ihm geht es wie weiland Noah. Als die Flut nachließ, tauchten die alten Berggipfel hervor, und als sie ganz verschwunden war, zeigte die Erde wieder ihr altes Angesicht. Für den Laien liegt die Sache allerdings etwas anders. Er stand vor dem Ausbruch des Streites, selbst wo er sich seiner freien Gesinnung rühmte, meist völlig unter dem Bann der orthodoxen Lehre, die ihre Auffassung von der Entstehung der Welt und der Menschheit den ersten Kapiteln des ersten der sogenannten fünf Bücher Mosis entnimmt. Von diesem Bann hat viele der Streit um Babel und Bibel befreit, aber nun, da sich die Flut verlaufen hat, erscheint ihnen wohl das Ganze als ein Trümmerhaufen, in dem sie sich nicht zurechtfiuöen können. Es wäre schade, wenn für die Latenwelt die Bewegung mit diesem Ergebnis endete, sie würde eines großen geistigen Schatzes verlustig gehen. Vielleicht gelingt es den nachfolgenden Zeilen, dem Leser den geschichtlichen Reichtum jener ersten Blätter der Bibel nüherzubringen,' wer Ausführlicheres wünscht, möge meine gemeinverständlich gehaltene „Biblische Urgeschichte", die vor kurzem bei Marcus und Weber in Bonn erschienen ist, zur Hand nehmen. Es ist bekannt, daß unser Altes Testament etwa von dem Jahre 400 v. Ehr. an von der jüdischen Gemeinde zusammengestellt worden ist, nicht ohne erhebliche Aenderungen und Zusätze, die man an den überlieferten Einzelschriften vornahm. Unsere heutigen fünf Bücher Mosis arbeitete man aus mehre¬ (Ein Vorschlag.) Nichtswürdig ist die Nation, die nicht . ihr.Alles freudig setzt an ihre Ehre. (Schiller.) Die Meute ist wieder einmal loS. Soweit die schwarzgelben Pfähle laufen, tobt es und herrschen die Argumente der Straße. Der längst zu widerlicher Monstrosität ausgewachsene nationale . Kampf der Völkerschaften zieht Wellen, die der kühlen Regierungskunst über den Kopf zusammenfchlagen, aller leidenschaftslosen Beharrlichkeit zum Trotze. - Uns Juden, die tpir — heute noch — obzwar mitten drin stehend, doch ruhig und ohnmächtig zusehen müssen, wie durch die Arbeit hungeriger Advokaten dieser herrliche Staat, das Werk von Jahrhunderten, elend sein Leben fristet, mutet ja das alles komisch an, wenn eS uns nicht soviel anginge. Wenn die so hochbedeutsame Frage einer Universität mit Revolverschüssen gelöst werden soll, wenn eine heulende, rasende, tobende Menge durch die Straßen einer ruhigen Stadt sich wälzt, Häuser zertrümmert, Türen in Splitter schlägt und die flüchtenden Angehörigen einer wehrlosen Minorität prügelt, Goethe und Schiller zur Schande, dann sollen die Faktoren sehen, damit fertig zu werden, die jahrzehntelang duldeten, daß Kampf gegen Minorität, gegen Staat, gegen Regierung, der jeder Vernünftige Vorurteilslosigkeit zur Pflicht machen muß, gegen Bildung und gute Sitte planmäßig gelehrt und gelernt wurde, daß Kulturbarbarei und Verhetzung zum obersten Grundsätze politischer Weisheit ward. Je schärfere Mittel die Regierung anwendet — ich meine keine Bajonette — um daS fressende Gift des Rationalilätenhaders auszurotten, um so feurigeren Dank wird sie sich erwerben bei den Millionen gut österreichischer Staatsbürger, denen die groß« Frage, ob man bei der Kontrollversammlung in Poäütek „Zde“ oder „Hier" zu rufen hat, nicht unverständlich scheint, sondern lächerlich, die nicht verstehen wollen, warum denn der Mob geschont werden muß, sei's der, dev gewerbsmäßig plündert, sei's der, der sich mit akademischen Graden brüstet. Wir Juden schauen untätig zu, opfern unsere beste Kraft fremden Interessen, treiben fremde Mühlen, erhitzen uns für fremde Fragen. Das wäre dumm, wenn es nur bloße Selbstlosigkeit wäre. Gesunder, kräftiger Egoismus täte not. Und mit der Dummheit könnte man sich zur Not »och adfinden und bedauernd die Achseln zucken. ES ist aber verbrecherisch. Wir sorgen nicht bloß für fremden Herd, wir lassen daS Feuer auf de« eigemn nicht aufflackern. Wir glauben genug getan zu haben, wenn wir vor dem Notschrei, der aus unseren Häusern dringt, die Ohren verstopfen, und kümmern uns um Dinge, die unS nicht das geringste angehen, lassen die Decke fallen und Haschen nach dem Flaum, der zur Erde fliegt. Wir bücken «nS und neigen uns, zahlen Steuern und — zahlen, zahlen. Unsere beste Intelligenz steht in der Avantgarde unserer bittersten Feinde, vergißt, daß im eigenen Heere die beste Arbeit wäre, vergießt ihr Blut für eine Sache, die nicht die ihre ist, und lacht und spottet des eigenen Leids. Wenn nun jemand käme und einmal untersuchen wollte, wie stark wir Juden au der Steuerleistung der Bevölkerung Zisleitha'niens beteiligt sind, wie sehr würde der lachen, wenn er diesen Aktiven die Passiven entgegenstellen wollte, den Sturzregen von blutigen Verhöhnungen, der täglich auf uns herabgießt und jedem ehrlichen Menschen das Blut in die Schläfen jagt, di« systematische Zurückdxängung des jüdischen Elementes aus Staat und Land, Heer und Verwaltung, aus Amt, aus Handel und Gewerbe, aus allen Linien, i« denen sich doch jeder Mensch, E seine Pflichten der Allgemeinheit gegenüber stets er- Mte, sollte betätigen dürfen. Und wir Juden tun nichts, nicht dageringste Wir kuschen und ducken unter, wir küssen die Peitsche, die unS schlägt. Wenn eS hoch kommt, gehen wir in Versammlungen, schauen nach, ob wir auch hübsch unter unS sind, und verfasieu eine hübsche Resolution und gehen dann wieder schön nach Hause. Ich kannte einen solchen Juden, der einmal — anonym natürlich — eine solche „Entschließung" schrieb und dann bei einem KommerS wunderschöne, von echt teutonischem Geiste durcherne ren Schriften zusannnen, von öenen zwei in Altisrael vor öew Jahre -er Zerstörung Jerusalems (686) entstanden sind, während eine dritte Quelle den Kreisen der jüdischen, Schristgelehr-5 ten entstammt und deren Ansichten wiedergibt. Naturgemäß treten uns auch in den beiden ersten Schriften Gedanken verschiedenster Art entgegen, je nachdem sie die Anschauungen einer älteren oder einer jüngeren Zeit widerspiegeln. Namentlich I in den ersten Blättern der Bibel ist dies der Fall. Israel war ein Nomäöenvolk ans der Sinaihalbinsel, mit den arabischen: Midianitern, Eöomitern, Keniten daselbst nüchstverwandt. So werden seine ältesten Sagen kaum über den Horizont jener Beduinen herausgegangen sein. Der Kainitenstammbaum ist . hierfür ein Beweis. Er hat natürlich ursprünglich die ganze' Menschheit vorftthren wollen. Diese Menschheit, auf Kain, den* 1! ersten Menschen, znrltckgehend, setzt sich wesentlich aus arabi-, scheu Nomadenstämmen zusammen. Der Stamm Kain, der Keniterstamm, gilt als der älteste. Israel ist sich diesen Wüsten- ’; stammen gegenüber seiner Jugend noch klar bewußt. Keiner der Namen jener Stämme kann als Name eines Stammvaters von Israel gedeutet werden. Wir merken fermer, daß jenen > Nomaden die Flutsage nicht bekannt war: sie letten die bei ihnen allein geltenden Berufsarten, Hirtenberuf, Musikerstand, Schmtedezunft ohne Unterbrechung durch eine Weltkatastrophe von jenel^, ersten Männern ab. | Als Israel das Larrd Kanaan eroberte, vollzog es den Uebergang vom Nomadentum zum Bauernleben, wohnte in den „Hütten der Kanaanäer" und übernahm damit eine Reihe .kanaanüischer Sagen: ebenso sind die von jener Zeit an in Israel selbst entstandenen Erzählungen durchaus vom Standpunkt des Bauers aus zu beurteilen. Die Urgeschichte bietet nus Muster von beiden Arten. Als von Kanaan libernommen bat zweifellos die Geschichte vom Turmbau zu Babel, wahrscheinlich auch die Geschichte vom Paradiese zu gelten. Die Erzählung vom Ban eines großen Turmes zu Babel uud der mit ihm verbundenen Sprachverwirrung ist nicht babylonisch. Die Babylonier haben sich nicht darüber gewundert, daß man Backsteine anstatt Hausteine zum Bauen nahm. Der gebrannte Ziegel war ihnen das gewohnte Material. Einem Bewohner vergreichen Gebietes bot der Felsen seine Steine. Aus solchem Gebiet nmß unsere Erzählung kommen, und zwar von einem Volke, das balalu in der Bedeutung „verwirren" kannte. Denn Babel wird aus Babel — Verwirrung, verkommend von balalu — verwirren, erklärt. Der Babylonier dachte aber bei „Bab-ili" an das Tor der Gottheit, konnte den Ort auf Grund seiner Sprache gar nicht als „Verwirrungsort" auffassen: ebensowenig fiel es ihm ein, die Gottheit als erzürnt über den Bau der großen Türme in seinem Lande hinzustellen. Er baute sie ja gerade zu Ehren seiner Götter auf. Vielmehr nur ein Fremdling, dem neben dem babylonischen Ziegelwaterial die eben wegen dieses Materials leicht erklärliche Unfertigkeit der Stadt Babel sowie ihres Gvttesturmes auffiel, konnte zu der Reflexion kommen, wie sie in der Turmbaugeschichtr vorliegt. Die Sprachverschiedenheit mit ihren mancherlei Beschwerden konnte leicht als auf göttlichen Zorn zurückgehend angesehen werden. In der alten Handelsstadt Babel hat man von jeher viele Sprachen nebeneinander hören können. Nimmt man nun noch die angebliche Bedeutung von Babel hinzu, so hat man die Stoffe, ans denen die Erzählung sich bilden konnie. Uebrigens redet die Gottheit hier in dem göttlichen „Wir". Es ist ein Götterrat, der die Verwirrung auf Grund des vom obersten Gott gemachten Vorschlages verhängen soll und verhängt. Hier also wie auch anderswo liegen noch Reste pvlythetstffcher Anschauung vor. Das aber führt von Israel als dem Urheber dieser Sage ab: denn eigentlichen, ausgebtldeten Polytheismus hat Israel nie gehabt. Aus dem sogenannten Henotheismus, d. h: den Glauben an einen Nationalgott, entwickelt sich allmählich der Glaube an eine Gottheit überhaupt, und dieser Glaube ist in Israel nicht etwa ein leerer Gedanke einiger erleuchteter Geister gewesen, sondern ein Besitz des ganzen Volkes. .?■!!■ - iß VI ' w > ’{" l.

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