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Jüdisches Volksblatt · 1904-11-18 · 47 (18.11.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
47 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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HUMmmM Zur Eröffnung des Reichsrntes. Am 17. d. M. ist der Reichsrat wieder zusammengetreten, jene seltsame Körperschaft, von der kein moderner Oesterreicher mehr etwas hofft und erwartet. Das österreichische Parlament ist eben sterbenskrank mit und ohne Obstruktion, die einzelnen Parteien zeigen hypokratische Züge, es existiert keine parlamentarische Majorität für die jetzige oder eine andere Regierung, keine Arbeitslust und doch sollten düs Budget, der Ausgleich mit Ungarn, die Handelsverträge mit Deutschland und Italien und auch andere Reichs- und Volksbedürfnisse erledigt werden. Unter solchen Umständen würde auch das Aushören der jungtschechischen Obstruktion nicht allzuviel bedeuten, denn so sehr ein. großer Teil der tschechischen Politiker obstruktionsmüde ist, so groß ist andrerseits aber auch die oppositione l l e Strömung nicht nur auf tschechischer Seite, sondern auch in den Kreisen der „Deutschen Linken", der Italiener, Südslawen und Ruthenen. Also nationalchauvinistische Krawalle stehen wieder in Aussicht, keinerlei positive wirtschaftliche Arbeit. Was können also die Völker Oesterreichs, was die Jud en von diesem Parlament erwarten? Nichts! Jedenfalls nichts Gutes! So sehr die nationalen Chauvinisten sich auch wieder befehden werden, im Antisemitismus werden sie sich finden. Das zeigt sich in Gesamtösterreich. Daß das österreichische Problem aber nicht unter dem Gesichtswinkel des Prager Kasinos betrachtet und gelöst werden kann, haben wir in den Spalten dieses Blattes wiederholt bewiesen; daß die so aufgebauschte »böhmische Frage" tatsächlich nur ein kleiner Bruchteil der österreichischen ist, beweisen die traurigen Innsbruck er Vorgänge neuerlich. Sie zeigen aber auch in gleichem Maße bett Jesuitismus und die moralische Verlotterung des .deutschchauvinistischen und italienischnational-fanatischen Demagogentums wie die Kurzsichtigkeit der österreichischen Regierung und die Verbohrtheit des a s f t nt t l a torischen Judentums. Nachdem die deutscheit und italienischen Exaltados in der nichtswürdigsten Weise das Volk in Tirol verhetzt haben, statt wirts ch a f t l i ch e Reformen der Bevölkerung zu bieten, stets ttur lustig den Natiottalitätenhader und Antisemitismus schürten, wollen sie jetzt die Schuld an den schmachvollen Exzessen' nationalen Wahnsinns uttd barbarischer Brutalität von sich abwälzen. Und doch trifft alle Faktoren die Schuld, das chauvinistischeFexentum in beide n nationalen Lagern, die Regierung wie auch die sogenannte, öffentliche Meinung, die Presse. Aber typisch ist es für die Unaufrichtigkeit der deutschbürgerlichen Politiker, daß sie — (wohlgemerkt nicht Sch ö.nereroder Wolf — sondern die deutschfortschrittlichen und deutschvolklichen Wortführer) — im Schlepptau der Nationalradikalen einerseits an der Hetze gegen die Italiener in Tirol und gegen die Universität in Innsbruck redlich teilnahmen und auf der anberen Seite im Interesse der Herstellung des deutschitalienischen Friedens für die Verlegung der Universität — nach Triests!) eintreten. Dabei stammelt die deutschen und italienischen Chauvinisten darin überein, daß an allem Unheil in Innsbruck das Ministerium K o e r b e r der Hauptschuldige ist, währettd dieses durch die offiziösen Blätter nur die Agitatoren für die wilden Ausbrüche des nationalen Fanatismus verantwortlich macht. So zweifellos es ist, daß der mometttane Anlaß das nicht genug verdammenswerte Treiben der deutschen und italienischen Hetzaposteln ist, so trägt auch die Regierung an den Vorgängen in Innsbruck schuld, weil sie dort einen unfähigen Statthalter am Platze beläßt, ferner die italienische Universitätsfrage auf falsche Weise zu lösen versuchte und vor allem darum, weil sie noch immer trotz aller Erfahrungen nicht begreifen will, daß auch die italienische Frage nur im Zusammenhänge mit. dem ganzen übrig en Nätionali taten- Problem des Doncfur ei ch es im Sinne einer national-autonomiftisch en R evision der Reichsverfassung gelöst werden kann. ~ Die gegenwärtige Reichsverfaffung hat ja nirgends m der Monarchie Wurzel gefaßt ttub überall mehren sich die Gegner, überall ist natiottaler Zündstoff angesammelt, wie die Verhandlungen der verschiedenen Landstuben und im ungarischen Reichstage beweisen. Der Chauvinismus ist überall Trumpf! Aber auch der Antisemitismus!! Im galizischen Landtage hat Pater Stojalowski seine antisemitische Brandreden vom Stapel gelassen, im u n g a r i s ch e n Reichstage find ebenfalls antisemitische Aeußerungen gefallen und auch in Triest ist der Antisemitismus in Ausbreitung begriffet!. Nirgends in der Monarchie — vielleicht mit einziger Ausnahme der Bukowina — scheinen die österreichischen Juden die Zeichen der Zeit aber zu verstehen nirgends stellen sie sich auf eigene Füße, nirgends kultivieren sie eilte Politik, welche ihren nationalsozialen Interessen und beu Lebensinter essen des Reiches entsprechen würde. Die große Masse unserer Volksgenossen steht entweder vollständig teilnahmslos dem öffentlichen Leben gegenüber oder befindet sich im Banne der Koterien, die zum Fluche für die Juden, die Gesamtbevölkerung und die ganze Monarchie geworden sind. Solange dies d e r F a l l i st, würden abgesehen von allen anderett Momenten der Reichsrat und sämtliche anderen Körperschaften der Monarchie unsere national sozialen Interessen nur schädigen. Soll dies anders werden, wollen die Juden eine für sie und für die Gesamtheit nutzbringende Tätigkeit leisten, dann' müssen sie endlich sich vom alten Parteitrödel emanzipieren und eine moderne jüdische Volkspolitikf im national sozialen und sozial-österreichischen Sinne inaugurieren. Ein Epilog zum Krakauer Parteitag. Das sozialdemokratische Programm besteht heute bekanntlich aus drei Teilen, dem alten sogenannten. HainfelderProgramm, derBrünner Resolution betreffs der Nationalitätenfrage und dem Grazer Agrarprogramm. Die nationale Bewegung wurde innerhalb der Sozialdemokratie durch die Tschechen eingeleitet, die 1893 am Budw eiser Kongreß die Losung ausgaben: Nationale Selbständigkeit, internationale Verständigung^ Gegen den Willen des Gottsöbersten Viktor Adler mußte sich die Parteileitmtg, gezwungen durch die Macht' der Verhältnisse, der nationalen Richtung fügen. Der Brünner Parteitag erklärte feierlich, ,-d a ß er das Recht jederNationalität auf nationale Existenz und nationale Entwicklung anerkenne". Allerdings blieb der Brünner Parteitag auf halbem , Wege stehen und erklärte sich nicht ausdrücklich für .' die 'Personalautonomie, sondern er bestimmte nur, daß ’ die Rechte der nationalen Minoritätett durch ein eigenes, vom Reichsparlament zu votierendes Gesetz geschützt-' werden sollen. Aber trotzdem war die Brünner Reso*' lution ein Schritt nach vorwärts und es bildeten sichre in Oesterreich sechs nationale Organisationen, dw deutsche, die tschechische, die polnische, die südslawische, Im Emigranteuqnartier. Czernowitz, 12. November 1904. „Kennen Sie Fjodor Dostojewski?" Mit dieser Frage trat im Quartier der. russischen Emigranten, das ein Hilfskomitee in Czernowitz errichtet hat, mir ein junger Mann entgegen. Er war ein jüdischer Student, der gleich tausenden seiner Volksgenossen das rauhe Rußland verlassen hatte, um nicht auf dem ostasiatischen Kriegsschauplätze für ein liebloses Vaterland verbluten zu müssen. „Wozu diese Frage?" gab ich zur Antwort. „Wollen Sie angesichts der trostlosen Lage dieser Heimatlosen, denen man hier helfend beispringen soll uud die über ein Reiseziel zunächst belehrt werden müssen, ein Literaturgespräch anknüpfen?" „Eben deswegen,^ erwiderte der Student, der Tartarowski hieß. „Ich bin der einzige Intellektuelle im Quartier und es drängt mich, ein bischen aufzuklären. Sie sehen hier durchwegherabgekommene Gestalten, Bettlerphysiognomien, was einen naheliegenden^ Schluß auf das ganze Rußland -»lassen könnte. Und wir sind nicht so, das muß ich sagen." Der junge Mann hatte diese Worte in erregtem Tone gesprochen, Seine Stimme vibrierte und er blickte um fich^ als ob er Zustimmung unter den auf den» Stroh lagernde,t Emigranten erwartete. Doch keiner nahm Interests am Gespräch. Die Bedauernswerten besprachen lieber ihre Familienverhältnisse. Der eine klagte, daß sein Weib samt Kindern daheim Hungers sterben müßte, wenn nicht ein Wohläter sich fände, der sich ihrer erbarmen wollte. Der andere wechselte Rubel und Kopeken gegen östeÄeichischeS Geld um; die übrigen umstanden einen Schiffahrt-agenten, der sie über die Woltaten der Hamburg-Amerika-Lini« oder Austro-Amerieana zu belehren schien und sich jedesmal sehr unangenehm berührt fühlte, wenn ein Mitglied des Hilfskomitees aufklärend eingriff und so sein Profitchen schmälerte. »Wir sind zu Hause nicht alle so elend gewesen, wie wir hier aussehen," nahm Tartarowski »ach kurzer Pause wieder das Wort. „Ich habe mich darum unwillkürlich an den zweiten Gogol, wie ihn viele nennen, an Dostojewski erinnert. Seine „Notizen aus dem toten Hause" habe ich nicht oft genug lesen können. Das sibirische Zuchthaus mit seinen verworfenen Verbrechern und verzweifelten Bettlern, dachte ich mir bei Dostojewskis Schilderung, barg so manches lautere Herz, so manchen Begabten, und doch ein so trostloser Anblick, wenn alle in gleicher Weise der entsetzlichen Körperstrafe wiederholt unterzogen wurden. Ganz Rußland ist jetzt zu einem solchem Zuchthaus geworden, das auch außerhalb Sibiriens mit seelischem Leiden viel; erfüllt, namentlich uns Juden, die ohne das geringste Aequivalent, wie es anderwärts ein Vaterland bietet, der rasenden ostasiatischen Kriegsfurie ihren Tribut zollen sollen. Und so sehen Sie uns, Begabte Und Unbegabte, Reich und Arm, hier in gleicher Weise im Quartier, welches das edle Hilfskomitee uns überlassen hat, lagern. Wahrlich, ich muß an jene» sibirische Zuchthaus denken." ■ „Die Strapazen bei der Flucht über die Grenze scheinen Sie ein bißchen konfus gemacht zu habem Sie ziehen Parallelen zwischen einem Zuchthaus und diesem' Quartier? Dort gab es körperliche Züchtigung, hier werden die russischen Emigranten von wohltätigen Menschen empfangen, die in aufopferungsvoller Weise sie unterstützen." Diese meine Worte schiene» den junge» Studenten verletzt zu haben. Er schwieg eine Weile »nd es dauerte lange Zeit, bis ich ihn wieder zum Reden brachte. Der schwarze Lockenkopf, dageistreiche Gesicht mit der Leidensmiene begannen mich zu interessieren uud ich versuchte wieder da- Gespräch anzuknüpfen. Er verweilte gerne bei der russischen Literatur und ich erfuhr, daß er sogar selbst einige Erzählungen geschrieben hatte. Gogol nannte er den .Tschinownik*. Als ich ihn um die Ursache dieses Epithetons befragte, schien er verwundert und verwies darauf, daß Gogol auch eine der-. artige kleine Beamtenstellung vorübergehend bekleidete. Als ich ihn über russische Zustände befragte, verwies er auf Gogols „Revisor". Die dort geschilderte korrumpierte Beamtenschaft sei noch in netten, ausgewachsenen Exemplaren vertreten, meint« er, und so komme es. daß tausende, auch Offiziere und bereits ' eingekleidete Mannschaft, desertieren können. Der Grenzsoldat zählt die vom Agenten empfangenen Deserteure, streicht daS Geld ein und führt sie selbst hinüber. Die Flüchtlinge werden,^ bis sie über die Grenze kommen, förmlich ausgeplündert. Der' Rubel rollt von Hand zu Hand, und es sei schon de« Fall vorgekommen, daß abgefaßte Deserteure, die bereits in Ge-, wahrsam gebracht worden waren, nachdem sie einige hundert Rubel „zusammenlegten", wieder entlasten wurden. Einwaggüuierte Soldaten entweichen aus den Coupös, auf Strohwagen werde« Soldaten, wie Waren verpackt, meilenweit geführt. um über die Grenze desertieren zu können. Es sind zumeist Familienväter, die sich flüchten, und wer zahlt, findet so mancherlei Auskunftsmittel, wenn sich Schwierigkeiten entgegenstellen. Jeder neu« Erlaß für scharfe Grenzüberwachung bewirkt eine Tariferhöhung. Mehr Rubel! Mit einem gewissen Sarkasmus erzählte dies alle- Tartarowski und als ich einzuwenden versuchte, ob er das Desertieren nicht für eine Feigheit halte, antwortete er ganz gleichgültig: „Im Gegenteil. Wir bekunden damit Mut, der Ueberzeugung, einem Baterlande, in dem Kischenewer Mordtaten ««gesühnt sich ereigneten, so unsere Mißachtung, bekunden zu können. Rußland ist für die Juden überhaupt kein Vaterland und hat kein Recht, seine entrechteten jüdischen Bewohner zu den Waffen zu rufen." „Dies darf Oesterreich tun," fügte er «och lobend hinzu. Er sprach noch von T u r g e n j e w, von T o l st o i, den er wie einen Abgott zu verehren schien, von Puschkin, dem er es nicht verzeihen wollte, daß er der Hofgunst sich schließlich

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