Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 46 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir haben bereits in unserer jüngsten Nummer die Mitteilung gebracht, daß der sozialdemokratische Tag in Krakau auch diesmal de« Antrag der jüdisch-sozialistischen Gruppe auf Gründung einer eigenen sozialdemokratischen Organisation der jüdischnationalen Arbeiter im Sinne eines Referates Daszy»Skis wieder abgelehnt hat. - Ueber die diesbezügliche Debatte entnehmen wir polnischen Blättern folgenden Detailbericht: Herr Großmann vertritt den Standpunkt, daß die jüdischen Arbeiter nicht mit den polnischen in eine Organisation gezwängt werden dürften. Es ist ein grober Fehler der Parteileitung, der sich noch später bitter rächen wird, daß sie so beharrlich den assimilatorischen Standpunkt vertritt. Das praktische Leben spricht gegen die Assimilation und die jüdischen Volksmassen werden sich niemals assimilieren. Er könne eS nicht begreifen, daß sämtlichen Nationalitäten Oesterreichs das Recht eiugeräumt wird, sich selbständig zu organisieren und nur den Juden, welche doch auch eine Nation bilden, dieses Recht ungerechterweise abgesprochen wird. Redner erklärt zum Schlüsse, daß die jüdischen Arbeiter nur dann imstande sein werden, an der gemeinsamen Arbeit kräftig mitzutun, wenn ihnen dies in einer besonderen jüdischen Organisation möglich gemacht wird. Delegierter Hecker wendet sich gegen die Ausführungen seines Vorredners und spricht die Meinung aus, daß die jüdischen Arbeiter mit ihren christlichen Genossen in schönstem Frieden beisammen leben. So haben die christlichen Schneider in Krakau einen jüdischen Delegierten gewählt und die jüdischen Schneider einen christlichen Delegierten entsendet. Das eigentliche Merkmal einer Nation bestehe in seiner Sprache und dennoch sehen wir, daß die jüdischen Arbeiter zu einem Vortrage DaszynskiS in Masten strömen, während sich bei einem jüdischen Vortrage nur äußerst geringe Beteiligung zeigt. Früher gab es nie eine jüdische Partei und wir hatten stets einen großen Einfluß auf die jüdischen Arbeitergenossen. Der Zionismus könnte auch durch die Schaffung einer besonderen jüdischen Organisation nicht besiegt werden, hingegen würden wir Gefahr laufen, daß die Gründung einer solchen jüdischen Feuilleton. Vom alte« israelitischen Friedhof am Börneplatz in Frankfurt. Bon Dr. phil. Julius Hülse« (Frankfurt). •' (Schluß.) Zu -er Geschichte des Friedhofes hat auch eine früher erschienene Abhandlung*) von Direktor Dr. Baerwald gediegenes Material geliefert. Interessant ist die Tatsache, daß das wohlerworbene, volle Eigentumsrecht der jüdischen Gemeinde schon durch eine Urkunde vom 15. Oktober 1316 ausdrücklich beglaubigt wird. Kriegerische Ereignisse haben die Stätte des Friedens nicht verschont; schon im vierzehnten Jahrhundert waren die Mauern verstärkt worden, da sie wehrfähig sein mußten. Währender Belagerung der Stadt im Jahre 1882 wurden Geschütze und Mannschaften auf dem Friedhöfe aufgestellt. Um eine andere wichtige geschichtliche Erinnerung noch herauszugreifen, sei hier jener Schreckensnacht vom 1. zum 2. September 1614 gedacht, in welcher die durch den Fettmilchschen Aufstand ihrer ganzen Habe beraubten Juden aus Furcht vor der blinden Wut der von Fettmilch aufgestachelten Bottsmenge auf den Friedhof flüchteten, „Alt und Jung, Männer und Frauen, alle waren da verfamnrelt und bereiteten sich in SterVekleidern auf den Tod vor, ihn hier in Treue zu Gott bet den Gräbern der Borfahren erwartend". In geringerem Maße als der Historischen Sette ist bisher den Grabsteinen selbst in bezug auf ihre künstlerische Einzelerscheinung Beachtung geschenkt worden; hier vlei.bt ein sehr reiches Material noch zu sichten und zu verarbeiten. Zwar weifen die Denkmäler durchgängig die attüberlieferte, einfache längliche Gteleuform auf, die aber in mannigfachen, reizvollen Umrisse« abwechselt. Hauptsächlich der obere Abschluß des Organisation in Galizien auch auf die Gestaltung der Partei in anderen Ländern einen sehr bedenklichen Einfluß aus üben würde. Nun sprach für die Organisation Delegierter Rose, worauf als nächster Konlraredner Delegierter Salamander das Wort ergriff, um mit mehr Wut als Ueberlegung gegen die verderbliche Tätigkeit jener Genossen loszudonnern, welche durch ihre fortwährende Forderung einer eigenen jüdischen Organisation die Einigkeit und den Frieden der Partei zu stören trachten. Redner vermochte diesen Störenfrieden kein größeres Verbrechen vorzuwerfen, als daß sie ein Jargonblatt der Partei aus ihren Lesezimmern hinauswarfen und a« Stelle desselben ein ausländisches Blatt („Die neue Zeit") bezogen, welches nicht unter Kontrolle der Parteileitung stehe. „Und da sprechen diese Leute von einem jüdischen Gefühle l" rief Genosse Sal amander unter Heiterkeitsausbrüchen der Minorität. . Delegierter Einäu g l er spricht sich, auf die Tradition der Juden berufend, für den Antrag aus. Dr. Gumplowicz beurteilt die ganze Frage vom rein objektiv wissenschaftlichen Gesichtspunkte. Er glaubt nicht an die Assimilation der Iuden. Seine wissenschaftliche Ueberzeugung ist, daß die Juden sich niemals assimilieren werden. Die jüdische Nationalfrage ist ein viel schwierigeres Problem als die polnische und in viel wichtigen Belangen grundverschieden von diesen. Man müffe^ die Geschichte dieser beiden Völker genau studieren,, um zur Ueberzeugung zu gelange«, daß sie nicht unter demselben Gesichtswinkel beurteilt werden dürfen. Delegierter Drogner wendet sich gegen die Ausführungen Einäuglers und behauptet, daß die jüdische Tradition nichts anderes als die Ueberlieferung der Armut und der Finsternis sei, welche zu erhalten nicht in unserem Interesse gelegen ist. Jeder zivilisierte Jude sei durchdrungen von der polnischen Kultur, während von einer jüdischen Kultur «icht die Rede sein könne. Delegierter S t e n g e l wendet sich auch Kegen die Separatisten, weil der Separatismus ein Unglück für die Arbeiterpartei bedeutet. Er ist entschieden für die energischesten Maßnahmen gegen die separatistische Gruppe. Wt* eine Entzweiung der Partei anstrebt, dem müsse man einfach die Türe «eisen. Er glaubt konstatieren zu dürfen, daß die Mehrheit der jüdischen Arbeiter nicht auf dem Standpunkte einer jüdischen Separatorganisation steht. Steines ist es, auf dessen Lösung die Steinmetze ihre Erfindungsgabe verwandt haben. Das hierzu offenbar beliebteste Motiv ist ein flacher Rundbogen, zu dessen beiden Seiten, etwas erhöht, gleichsam auf den Schultern des Steines, zwei walzenförmige, freie Endigungen liegen, die an ihren Stirnsetten mtt einer zierlichen, oft vielglieörigen Rosette geschmückt sind; oft wiederholt sich ein solches Gebilde auch noch über der Mitte des Bogens als oberer Abschluß, in der Regel dann als ein besonderes Werkstück mit einem Dübel aufgesetzt oder mtt einem Zapfen versehen, so daß es nicht mtt dem großen Block aus einem Stück zusammenhängend gearbettet ist. Diese letztere technisch nicht ganz solide Art der Ausführung ist bedauerlicherweise die Ursache, daß viele dieser mittleren Endigungen herabgefallen und für ttnmer verloren gegangen sind. Aber auch volle Rundbogen und streng geradlinige Abschlüsse ohne diesen Zierrat kommen vor, ferner solche, die freier in gebrochenen Schwingungen gezeichnet sind, und auch rein bekorgtiv-oriramentale Bekrönungen, die dann von settlichen Ziersäulchen und verkröpften Gesimsen getragen werden. Neben diesen reicheren Typen, die der Renaissance und den späteren Stilen angehören, erinnern einfachere Maßwerkbtlöungen an die Zeit der Gotik. Unter den ältesten Steinen, von denen einige aus einem harten, weißlich-grauen Kalkstein gearbettet sind, kommt mehrfach eine ganz schlichte Form vor, die halbkreisförmig nach oben abschlietzt und deren Setten geradlinig sich nach unten verjüngen, so daß sie etwa nrit dem Umriß eines altägyptischen Mumiensarges Aehnlichkeit hat. So liefert der Friedhof eine fast lückenlose, höchst interessante Reihe von ausgezeichneten Beispielen für das Gebiet der Sttlvergleichung vom Ende des dreizehnten Jahrhunderts bis zum Beginne des neunzehnten Jahrhunderts. Die Denkmäler des Friedhofes lehnen sich eng an die für Alt-Frankfurt charakteristische Art der Stilfolgen an: es ist mtt größter Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß Frankfurter Steinmetzen sie geschaffen haben, nicht jüdische, denn den Juden war die Ausübung des Handwerkes verboten. So nmncher seine, spezifisch Delegierter Broß wünscht die Einsetzung eines besondere» jüdische« Agitationskomitees, von welchem e* sich besondere Erfolge im Kampfe gegen den Zionismus verspricht. Hierauf nahm Daszynski das Wort, um mit gewohntem Zynismus sich gegen die Schaffung einer jüdischen Organisation auszusprechen. Er sei entzückt von dem Feuer, mit welchem einzelne Genoffen den Antrag aüf Gründung einer besonderen jüdischen Organisation ^verteidigten, doch beweisen dieser Eifer und die schönen Worte noch nicht, daß sie auch imstande sein würde«, allein diese besondere Organisation zu leiten. Ein echter DaSzynski war der Eiuwurf, daß alle, welche heute so schön gesprochen, noch nicht einen einzigen guten Artikel zustande gebracht haben. Gegen den Delegierten E i n ä u g l e r gewendet, meinte Redner: Genosse E i näugler wünscht eine Organisation, in welcher sich d ie jüdischenArbeiter frei entwickeln könnten. Wir wollen aber eine solche Organisation, in welcher sich E i n ä u g l e r entwickeln könnten, gar nicht haben, weil wir hierdurch nur den Zionisten einen geeigneten Kampfplatz böten (!), während bei der heutigen Situation die Arbeiter für die Zionisten nie zu haben sein werden. Zum Schluffe forderte Daszyuski die jüdischen Arbeiter auf, sich von den Nationaljuden nicht durch den Vorwurf beirren zu lassen, daß sie als Juden einer polnischen Partei angehören, sondern ausharren mögen im Kampfe zur Erreichung des gemeinsamen Zieles. Besonders unangenehm wirkte in dieser sozialdemokratischen Judendebatte die Stellungnahme des rmthemfcherr Delegierten H a n k i e w i c z. Auch er sprach sich gegen die Gründung einer jüdischen Organisation aus. Die Vehemenz, mit welcher er dies tat, blieb nicht hinter dem Eifer zurück, mit welchem er beim sozialdemokratischen Kongreffe in Amsterdam die Rechte des ruthenischeu Minoritätsvolkes verteidigte. Das mögen sich die Juden merken. Wie wir bereits mitteilten, wurde der Antrag abgelehnt, dafür aber die Schaffung eines jüdischen Agitationskomitees gestattet, doch müsse dieses Komitee von der Parteileitung eingesetzt werden und ständig unter der Kontrolle desselben stehen. Zur Schande des Judentums und des jüdischen Selbstbewußtseins sei es hier bemerkt, daß die jüdischen Sozialdemokraten diese Wohltat dankbarst entgegennahmen. Von anderer Seite wird dagegen gemeldet, daß die Juden ausgetreten sind, und eine selbständige Organisation bilden werden. altsrankfurterische, durch jahrelange Verwendung ausgereiste Zug ist in dem ornamentalen Schmuck der Steine bemerkbar; die Bewohner des Ghettos hätten sich in ihrer Abgeschlossenheit nicht leicht diese Merkmale aneignen können, um sie etwa bei gelegentlicher, eigener Anfertigung von Grabsteinen anzuwenden. Da infolge des fortgesetzten Emporhebens aus den tieferen Schichten schließlich verhältnismäßig zahlreiche Grabsteine auf dem einzelnen Grabe Platz finden mußten, so mußte naturgemäß die übliche Stelenform in bescheidenen Abmessungen bleiben, denen auch die Dicke des Blockes sich unbequemen mußte; ein geringer Spielraum war eigentlich nur in der Höhe möglich, und dies ist bei den reicheren Ausführungen mehrfach künstlerisch ausgenützt worben. Immer ist der Querschnitt -eS Grabsteines länglich-schmal und die sonst als Grabdenkmal so häufig angewandte Form des quadratischen oder annähernd so breiten Pfeilers oder des Obelisken und der Säule fehtt hier gänzlich. Auch noch einen anderen uralten Typus des Grabmales, die schlichte SMophagform auf einen: Sockel, tiberdeckt von einem satteldäch-sörmigen Decket, suchen wir hier vergebens; diese ist auf anderen Juöenfriedhöfen, denen mehr Raum gewährt worden war, eine häufige, so zum Beispiel in Prag, wo sie manchmal noch durch zwei an den Schmalsetten des riesigen Steinsarges sich erhebende Stelen bereichert wird, die den Sarkophag um Beträchtliches überragen und einen Umriß von packender, ernst-monumentaler Wirkung abgeben. Auch im Orient, namentlich auf türkischen Friedhöfen, ist diese Form vielfach anzutreffen; sie breitet ttnmer über den Friedhof eine Sttmmung der Melancholie. In einem der besten Werke der holländischen Maleret des siebzehnten Jahrhunderts, in dem „Judenfriedhof" von Jakob van Ruisdael in der Dresdener Galerie, das eine Gruppe von einfacheren, mächtigen Stetnsarkophagen darstellt, ist diese Stimmung festgehalten; wer einmal dieses wunderbare Gemälde gesehen hat, der wird nachgefühlt haben, wie der große Malpoet gerade diesen Borwurf zu einer gewaltigen, tief ergreifenden Apotheose der un-