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Jüdisches Volksblatt · 1904-11-04 · 45 (4.11.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
45 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Neue Minister — das alte System. Der österreichische Ministerpräsident Koerber hat den für österreichische Politik sich interessierenden Kreisen eine „Ueberraschung" bereitet. Unmittelbar vor Beginn der Reichsratssession erhielt Oesterreich einen neuen Finanzminister, einen neuen Ackerbauminister und einen neuen tschechischen Landsmannminister. Ueberflüssigerweise erklären die offiziösen Blätter, der Ministerwechsel bedeute keinen Shstemwechsel. Wer das nicht ohne den Kommentar der offiziösen Blätter sieht, wird es auf Grund desselben erst recht nicht glauben. Wir aber, die wir einen wirklichen, radikalen Systemwechsel in Oesterreich ernstlich wünschen, ja für notwendig halten als unerläßliche Vorbedingung für die Gesundung des Reiches, die nationale, fortschrittliche und soziale Entwicklung der österreichischen Völker,, insbesondere auch der Juden, wir müssen leider bestätigen, daß auch der diesmalige Ministerwechsel keinen Systemwechsel bedeutet. Aber seien wir aufrichtig, so lange eine vermorschte, in ihren Fundamenten verfehlte und bis, in das innerste Mark kranke Reichsverfassung weiterbesteht, so lange sämtliche parlamentarischen Parteien ausnahmslos entweder selbst nicht wissen, was sie wollen, oder Utopien nachstreben und ihr wirkiches Ziel nur Erlangung von Ministerportefeuilles und Wahrung, respektive Eroberung von Mandaten ist, bedeutet alles Gerede von einem. Systemwechsel Mr ein leeres Gefasel,' sind alle Expektorationen der einzelnen Parteiführer sowie ihrer Sprachrohre über die Zukunft Kannegießerei oder demagogische Komödien. . Der österreichisch-ungarische Parlamentarismus in seiner heutigen Formation mit allen seinen Repräsentanten hat endgültig abgewirtschaftet, die politisch wirklich reife Bevölkerung, insbesondere aber auch der jungjüdische Teil erhofft von fast sämtlichen Vertretungskörpern der Monarchie gar nichts mehr und es ist rhr auch ziemlich gleichgültig, welche Minister die Ministergehalte beziehen. Natürlich von den verschiedenen ewigen Ministerkandidaten „rechts" und „links" im „hohenHause", die auch bei den jetzigen Ministerernennungen leer ausgingen, werden wir wieder Obstruktionsdrohungen hören und vielleicht auch Obstruktionskomödien erleben — möglicherweise werden die scheinliberalen, christlichsozialen, oft- und alldeutschen Komödianten nun zur Abwechslung mit den jungtschechischen die Rollen ver- Feuilleton. Aus meiner Reisemastste. Bon I. Bernhardy. I. < Hochverehrter Herr Redakteur! Sie hatten die Liebenswürdigkeit, an wich dir schmeichelhafte Aufforderung zu richten, Ihnen einige Beiträge für das Feuilleton Ihres geschätzten Blattes zu liefern, und ich komme, wie Sie sehen, der freundlichen Einladung sofort nach. Ich setze, voraus, daß es Ihren Lesern und Leserinnen nicht unwillkommen sein wird, manches über die Zustände und Berhältniffe in den jüdischen Gemeinden Ungarns zu erfahren, z» deren Landsmannschaft doch Viele von jene« gehören, deren Lokalpatriotismus immer von neuen wach wird, wenn man von ihrer Heimat spricht. Also ich werde frei von der Leber sprechen und da ich, Gott sei dank, nicht im geringste« leberkrank bin, — so soll diesen meinen Berichten nicht der geringste Schatten eines hypochondrisch verbitterten MtßtoneS anzumerken sein. Ich stelle Ihnen meine Reisemappe ganz zur Verfügung. Entnehmen Sie derselben «ach Ihrem Gutdünken der Briefe so viele Sie wollen, die ich während meiner diesjährigen Ferienreiss an einen Freund gerichtet habe. Die Serie umfaßt zunächst eine Reihe von Skizzen über einige Gemeinden in den nördlichen Komitaten Ungarns, wo ich seit Jahre« mit Vorliebe einen Teil des Sommers verlebe, und schließe daran noch einige, aus österreichischen Orten. Ich empfehle mich dein Wohlwollen Ihres Rotstiftes und zeichne ergebenst I. Bernhardy. II. EperjeS, im Juli 1904. Mein lieber Nathan! Ällzuscharf macht schartig, und wenn ich bis heute in meiner ««gebundenen Reiselust deinem tauschen — aber die Völker Oesterreichs und speziell die österreichischen Juden lassen sich nicht weiter von den parlamentarischen Scharlatanen zum Narren halten, welche nun vor Eröffnung des. Reichsrates in den verschiedenen Variationen das alte Lied vom „bedrohten Deutschtum", vom „gefährdeten Tschechentum", vom „vergewaltigten christlichen Volke" und von den angeblichen Forderungen des „klassenbewußten Proletariates" wieder ertönen lassen. Der Glaube der österreichischen Bevölkerung und insbesondere der Juden an den ethischen Ernst und an die Ehrlichkeit der sogenannten „Volksvertreter aller Parteien ist für immer geschwunden und in den Worten Dantes: „Lasciate ogni speranza“ drückt sich am deutlichsten die ganze Hoffnungslosigkeit gegenüber der Zukunft der bestehenden Verfassung und den vorhandenen parlamentarischen Einrichtungen aus. Eine V e r f a s s u n g, welche stets die Quelle aller staatsrechtlich-nationalen Wirren der Monarchie seit 37 Jahren ist, ein Parteiwesen, welches seine Existenz nur von dem Kampfe der Nationalitäten, Rassen, Konfessionen und Klassen gegeneinander fristet, muß endlich hinweggeräumt werden. Eine Regierung, die aber dies nicht begreift, hat nimmer dasNecht, als Trägerin des neuösterreichischen Staatsgedankens zu gelten, sie' ist die Verbündete und eine Stütze jener altösterreichischen Parteien, welche Oesterreich an den Rand des Abgrundes geführt haben und überall in der ganzen Monarchie den antiösterreichischen Katastrophenpoliftkern den Weg ebneten. Herr v. K^o e r b e r, welcher auf die reaktionär e polnische Schlachta sich stützt, die in Galizien das polnische, ruthenische und jüdische Volk gleichmäßig vergewaltigt und im Reichsrate trotzdem aber als „ehrliche" Mäklerin zwischen Deutschen und Tschechen aufzutreten wagt; Herr v. Koerber der auch in Wien und Niederösterreich den antisemitischen Exzessen und den verschiedenen antisemitischen Gewalttaten gegen die Juden ruhig zusieht wird dauernde Erfolge mit seiner Schaukelpolitik ebensowenig erreichen, als seine Vorgänger; Herr v. Koerber, der das wirtschaftliche Moment, so oft in den Vordergrund stellt und als moderner Minister gelten will, die Gerechtigkeit gegen alle Nationen, Konfessionen und Klassen verkündet, sollte sich von nationalen Zeloten, Rassensanatikern. und sozial-rückständigen Elementen, wie es unter anderen die polnische Schlachta und die Christlichsozialen sind, nicht ins Schlepptau nehmen lassen und Geschmack an objektiver Darstellung in Dingen der Reisebeschreibungen zu nahe getreten sein sollte, so hoffe ich wieder Anerkennung dafür zu finden, daß ich von nun ab zur nüchternen Art Positiver Berichterstattung zurückkehre, um dir klipp und klar jene Eindrücke zu schildern, die ich von dieser im Norden Ungarns gelegenen Stadt empfangen habe, die ich zum ersten Male im Leben betreten. Eperjes in seiner äußeren Gestalt, macht auf den Ftemdeu den vorteilhaftesten Eindruck, den man sich nur denken kann. Die Stadt erstreckt sich vom Bahnhofe bis zu jenem weit vorgeschobenen Ende, wo man, wie es sprichwörtlich heißt, aufhört Tefillin zu legen — in einer langgestreckten, auf eine halbe Stunde Gehzeit sich hinziehenden schönen, gut gepflasterten und sehr breiten Hauptstraße. Ungefähr von deren mittlerem Teile gelangt man noch auf beiden Seiten des Straßenzuges durch zwei mächtige Schwibbogen rechts und links in viele andere Gaffen und Stadtteile. Hohe, zwei- bis dreistöckige Häuser mit manchem altvaterischen Wahrzeichen ziehen unsere Aufmersamkeit auf sich und die Geschäftshäuser, Warenlager und Auslagefenster mit ihren unter blankem Spiegelglas lockenden Herrlichkeiten haben sogar ein recht städtisches Gepräge. Da ich mir in vorgefaßter Meinung Eperjes nur al» ein-» größeren altungarischen Marktflecken vorgestellt hatte, so war ich über den Anblick des Ganzen geradezu überrascht. Ich war an einem Freitag-Bormittag hingekommen und beschloß, über den Sabbat da zu bleiben, um, was mich bei meinen Reisen hauptsächlich interessierte, auch in Fühlung mit der dortigen jüdischen Gemeinde zu kommen, von der ich schon früher durch unseren verstorbenen Freund, den guten, gelehrten Buchhändler Eh. D. Lippe, vieles erzählen gehört hatte. Lippe hatte nämlich, wie bekannt, hier viele Jahre gewirkt und war in den ungarischen Revolutionszeiten an der Seite seines Gönners, des einflußreichen Vorstehers LeoHolläuder, die Seele des damaligen Kulturkampfes gewesen. Mein erster Besuch galt dem Herrn Rabbiner Dr. A u st e r - litz, dessen Name mir schon seit Jahren durch Freund L-ppe fein Ministerium darf, insbesondere in Galizien, nicht eine wirtschaftliche Gesetzgebung des galizischen Landtages fördern oder dulden, eine Gesetzgebung, welche ganze Schichten des jüdischen Volkes direkt dem Hungertode preisgibt. Allerdings müssen andrerseits ,:/ auch die Juden Oesterreichs — es wäre schon hoch . an der Zeit — zur Vernunft kommen. Anstatt sich auf- <v zuregen über das alberne Geschwätz in den verschiedenen , Vertretungskörpern, über die wahnsinnigen Tiraden pathologischer antisemitischer Demagogen einerseits und V an heuchlerischen philosemitischen Phraseuren andrerseits 0, sich zu berauschen, sollten die Juden Oesterreichs sich 1 endlich klar werden, worauf sie ihre Arbeit, ihr Geld ' und ihre Stimmen zu konzentrieren haben. Die Antwort darauf lautet: Für ihre eigenen . nationalsozialen Interessen, für die Renaissance des ", jüdischen Volkes, für eine j u n gösterreichische, sozial-- österreichische Reichspolitik, welche dte Umgestaltung des alten Donaureiches zu einem modernen Wirt- \ s ch aftssta at e, aufgebaut auf der Autonomie und Gleichberechtigung aller seiner Völker, zu ihrem Pro-- gramm erhebt. -J;' „Die „Närodm Jednota eesko.-zidovskä* hat ihr HiMM-- erreicht!" So triumphierenbi« „Cesko^zidovsk6 ListyM ouiTi V^r J 15. Oft. Die Denunziation gegen den Jsr.iLandeSlehrerverem -' -V j hat gewirkt, insofern gewirkt, als die Landesjudenschaft-» - Repräsentanz sich infolge der publizistischen Hetze dazu. bringen ließ, gegen den obgenanuten Verein aufzutreten »nd offen in ihrem Erlasie die Assimilation der Juden y in Böhmen zu propagieren. Der Beschluß, den wir nach- ' stehend in wortgetreuer Uebersetzung folgen lassen, dokumentiert das jetzige Niveau unserer liberalen Macht- Haber, die das Judentum in Böhmen und seine Verwaltung gepachtet haben wollen. Die Jüdischnationalen ä , werden wohl nun nicht mehr sich vor den „Allgewaltigen"1; ducken sondern einsehen, daß es auf diesem Wege nicht mehr gehen kann, wenn das Judentum in Böhmen nicht ganz und gar zugrunde gerichtet werden soll! "4 Der Erlaß hat folgenden Wortlaut: „Die Landes- '* judenschaftsrepräsentanz in Böhmen äußert sich zu \ Ihrer Eingabe vom 24. November 1903, Z. 430, -? folgendermaßen: ,-\V; genannt und bekannt geworden. Er empfing mich mit großer, den wahren Weisen bezeichnender Freundlichkeit. ,'b Wir unterhielten uns über Politik, Literatur, Gemeindewesen. Zionismus und Jugendunterricht und ich stimmte vollkommen : , mit den Ansichten dieses Mannes überein. Von ihm erfuhr ich zu ‘ , meiner Ueberraschung, daß in Eperjes zwei Gemeinden existieren,. . > die 0 r t h 0 d 0 x e nämlich, als dje Hauptgemeinde und neben ihr ' die sogenannte reformierte oder neöiüge Gemeinde, deren Seelsorger eben Dr. Austerlitz ist. Für den Abendgottesdienst 5 hatte ich die Einladung angenommen, den neuen Tempel zu besuchen. * Das Tempelgebäude repräsentiert sich als ein mittelmäßig ge- 1 räumiger Neubau, der von außen dem ästhetischen Feingefühle äußerst geringe Rechnung trägt, da die grellroten breitenZwetschkenstreifen, die rings um die Mauern laufen, eher abstoßend als an- ... ziehend wirken. Ich hatte in der ersten vordersten Bankreihe den ' Sitz eingenommen und folgte, ohne mich umzusehen, dem Bortrage '? des Kantors, der mit schöner, starker Gesangsstimme das ", :£ „Komme, mein Freund" intonierte. ES herrschte dabei im Gotteshause eine lautlose Stille, die mich fast befremdete; umso tiefer fühlte ich die Pflicht, mich ruhig und andächtig auf meinem Platze zu verhalten, um nicht durch geringste Bewegung eine Störung zu verursachen. Als ich mich aber bei der letzten Strophe der Sabbathymne, wie es üblich ist, mit \ dem Angesichte zur Türe wendete, da war mir ein Rätsel , H gelöst: Ich sah nämlich viele, die gar nicht da waren, und wenn ich in diesem Augenblicke die Häupter meiner Lieben gezählt hätte, ich würde kaum auf ein Doppel- V3 minjan gekommen sei». Das Tempelche«, welches einen Fassungsraum für ' 300 Personen bietet, war eigentlich leer und die Ruhe und , . Lautlvfigkeit, die ich einer inbrünstigen Andacht zugeschrieben hatte, erklärte sich nun von selbst. Mit einem wahren Mißmut verließ ich das Gotteshaus, mich an einen rabbinifchen Ausspruch erinnernd, der mir jetzt klar wurde: „Wenn der liebe Herrgott in einen Tempel kommt und keine Beter dort findet, so wird er böse." Ich konnte dies so deutlich nachempfinden.

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