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Jüdisches Volksblatt · 1904-10-28 · 44 (28.10.1904) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 28. Oktober 1904 Nr. 44 ist der Zittritt in das Judenviertel verboten worden, -essen Strafen militärisch überwacht werden. Ein Dutzend Tirailleurs, die mit gefälltem Bajonnett in Juöenhäuser eindringen wollten, wurden entwaffnet und in das Arrestlokal geführt. „Die Juden in Sibiren", so lautete das Thema, welches Herr Privatdozent Dr. Georg Huth Berlin am 11. Oktober im „Verein fiir jüdische Geschichte und Literatur" (Königsberg) in mehr als einstttndigem Vortrage im Artushvf behandelte. Der Vortragende, der zu Studienzwecken Sibirien längere Zeit hindurch bereist und dort bet den Behörden und Einwohnern bereitwilligstes Entgegenkommen gefunden hat, erörterte in seinen einleitenden Ausführungen zunächst die Frage, woher und auf welche Weise Sibirien seine Juden erhalten habe, deren Kopfzahl heute 0,3 Prozent bei zirka sieben Millionen Einwohnern betrügt. Zumeist, so führte er aus, sind die sibirischen Juden aus dem inneru russischen Reiche dorthin verbamtt worden. Biele ihrer Familien folgten ihnen freiwillig ins Exil und zahlreiche der heute in Sibirien lebenden Juden sind deren Nachkommen. Es gibt aber auch eine größere Anzahl von Juden, die freiwillig nach Sibirien ausgewanöert sind. Kaiser Alexander der Erste hegte den Wunsch, daß sich jüdische Familien in Sibirien niederlietzen, um dort Ackerbau zu treiben, ebenso Nikolaus der Erste, der ihnen anfangs besondere Privilegien bewilligte, die aber bald unter allerlei Motiven wieder zurückgezogen wurden, so daß schließlich die Uebersiedlung russischer Inden nach Sibirien völlig eingestellt wurde. Sie wurden nunmehr wie früher in Südrußland angesiedelt. Was die Arbettstätigkeit der sibirischen Juden anbetrifft, so erstreckt sie sich insbesondere auf Handel und Gewerbe. Das Beamtentum ist ihnen verschlossen. Hervorragendes leistet eine Anzahl von ihnen als Aerzte, die an russischen und deutschen Universitäten ihre Vorbildung genossen haben. Die meisten sibirischen Juden sind nach den persönlichen Erfahrungen des Vortragerröen, was ihre materielle Lage anbelangt, durchaus zufrieden, die Gewerbetreibenden haben allerdings ein ziemlich unsicheres Los. In größeren Städten Sibiriens gibt es dagegen eine größere Anzahl reicher Judenfamilien. Die soziale Stellung der sibirischen Juden darf als eine durchaus gute bezeichnet wevden. Sie leben mit den anderen russischen Untertanen nicht nur in friedlichem, sondern oft auch in freundschaftlichem Verkehre, so daß man der christlichen Bevölkerung in dieser Beziehung das beste Zeugnis ausftellen darf. Mit einer kurzen Betrachtung über das Bildungs- und Schulwesen in Sibirien, das auf eine große geistige Regsamkeit schließen laffe und an dem das jüdische Element nicht den letzten Platz einnehme, schloß der Redner seinen Vortrag und gab dem Wunsche Ausdruck, daß Sibirien auch weüerhin zum Lichte der Freiheit fortschreiten möge. Papst Pius der Zehnte «nd die Inden. Alle Welt weiß, in welch gutem Verhältnisse Papst Pius der Zehnte mit der Paduaner hochangesehenen jüdischen Familie Romanin-Jacur steht. Dieses gute Einvernehmen rührt noch von der Zeü her, wo Papst Pius der Zehnte auf einem der Güter der Familie Romanin-Jacur, in Salzano, ein Dezennium hindurch Pfarrer war und wie er sich oft äußerte, in den Romanin-Jacurs die Juden ehren und schätzen lernte. Vor kurzer Zeit besuchte Dr. Romanin-Jacur den Papst in Rom, wo ihm die selten große Ehre zuteil wurde, daß er sich neben den Papst setzen mutzte und fast eine Stunde hindurch über die verschiedensten Dinge konferieren durste. Zum Andenken an die angenehm verbrachte Stunde überreichte der Papst Herrn Doktor Romanin-Jacur seine Photographie in großem Format und schrieb vorerst eigenhändig folgende Widmung darauf: Deus omnipotens repleat te omni benedictione. Pius X. Warschau. Die Eidesformel fürJuden ist, nach dem. „Herold" beanstandet worden, und zwar von einem Rechtsanwalt, der als Zeuge zttiert war. Fm Text des Eides befindet sich eine Phrase, durch welche der zu Vereidigende gelobt, alles zu sagen, was er zur Sache wisse, und zwar in. dem Sinne, welchen der Vereidigende erwartet, nicht in vorbehaltenem, verheimlichtem Sinne. Diesen Passus finden nun viele Juden beleidigend und weigern sich, ihn nachzusprechen. Der Advokat erklärte vor dem Bezirksgericht, daß er, wenn er gelobe, jetzt ohne geheime Vorbehalte aussagen zu wollen, er damit zugestehe, fähig zu sein, solche Vorbehalte überhaupt vor Gericht gelten lassen zu können. Ferner verlange die Formel, er solle die Wahrheit sagen im Sinne einer anderen Person, deren Denken er nicht durchschauen könne — aus solchen Gründen verweigere er den Eid. Dafür sollte der Advokat einer Disziplinarstrafe unterworfen werden, jedoch beschloß das Bezirksgericht auf einer besonderen Versammlung, nach Anhörung wetterer Motivierungen desselben Advokaten, davon abzustehen. Die Formel wird offenbar zuständigenorts geprüft und geändert werden. Ein russisches Dokument. In den „Oöeßkija Nowosti" fft ein Dokument abgedruckt, welches beweist, daß es in Rußland noch immer nicht recht Helle werden will. Besagtes Dokument ist ein Wohnrechtsschein, welchen ein Hetman einem jüdischen Kaufmann e r st e r G i l ö e ausstellt und besagt, daß Herr Salomon N ... das Recht Hat, in dem Kurorte Kislowodsk (Sauerbrunn) sechs Wochen lang sich aufzuhatten. In dem Scheine wird nun ausdrücklich betont, daß genannter Jude „nur das Recht habe, während dieser sechs Wochen seine Geschäfte zu erledigen, ihm aber verböten wird, das Mineralwasser der dortigen Heilquelle zu trinken!" Friedrichstadt (Schleswig-Holstein). (Israelitische Schulkinder.) Der Kreisbauinspektor Peters und Regierungsassefsor Fischer aus Schleswig werden hier in den nächsten Tagen eintreffen, um mst den Schulkollegien der lutherischen und der israelitischen Gemeinde über den Verbleib der israelitischen Schulkinder zu verhandeln. Die lutherische Gemeinde hat diesen Kindern zu Ostern n. I. gekündigt (!), da ihr die Anstellung einer siebenten Lehrkraft wegen Ueberstillung auferlegt wurde. Die Israeliten werden unter diesen Umständen eine einklassige Schule einrichten. Die deutsche Orientgeseüfchaft versendet soeben zwei stattliche neue Hefte ihrer „Mitteilungen". Die Nr. 23 wird ausgefüllt von dem Bericht der Herren Dr. Thiersch-München und Dr. Hölscher-Leipzig über ihre im Sommer v. I. im Aufträge der D. O.-G. unternommene Forschungsreise durch Palästina, deren Zweck es war, an Ort und Stelle zu prüfen, welche Stellen für Mnftige Unternehmungen in Frage kommen könnten. Die fünf Monate währende Reise führte zu-, nächst von Beirut aus durch das alte Phöntzien, dann von Haifa in die Ebene Jisreel, über Liberias und durch das galiläische Bergland bis zu den Jorüanquellenr alsdann im Ostjvrdanlande durch den Dscholan, die welle Ebene des Hauran und quer über den Dschebel Adschlun zurück ins Westjordanland nach Samaria und Jerusalemvon wo ein Abstecher ins Gebirge Juda und eine Rundtour um das Tote Meer über Jericho und durch Moab gemacht wurde,' endlich von Jaffa aus durch das alte Philisterland bis zur ägyptischen Grenze und an der Küste zurück bis nach Haifa. Alle diese Landstriche in ihrer wechselnden landschaftlichen Eigenart, eine schier zahllose Fülle von einzelnen archäologisch wichtigen Ortslagen, Bauwerke und Kunstöenkmäler aus allen Epochen der Geschichte des Landes — das alles zieht, in Wort und Bild lebendig geschildert, an dem Leser vorüber. Da sind gewaltige kyklopische Mauern vorgeschtchtlichenUrsprungs, Reste kanaanitischer Ansiedlungen, Synagogen, griechische und römische Tempel, Theater und Säulengänge, Paläste arabischer Fürsten und feste Schlösser der Kreuzfahrer, deren zum Teil höchst malerische Ruinen in zahlreichen vortrefflichen Abbildungen nach neuen, von den Reisenden selber gefertigten Aufnahmen vorgeführt werden. Als ganz besonders geeignetes Terrain für Ausgrabungen empfehlen die Herren Dr. Thiersch und Hölscher die Ebene Jisreel, deren Schutthügel in ihrem Jnllern voraussichtlich die letzten Spuren der ältesten Kultur Palästinas bergen. Die tiefsten Schichten dieser palästinensischen Tells führen in die älteste kanaantttsche Zeit zurück, deren Kultur zuerst unter babylonischem und später teilweise unter ägyptischem Einflüsse stand. Heber diesen tiefsten Schichten liegen jüngere, deren Bauten meist eine sehr rohe und mangelhafte Technik zeigen. Erst die griechisch-römischen Schichten bieten ein erfreuliches Bild. An der Oberfläche treten dann vielfach spätrömisch-byzantinische Reste zutage; häufig aber sind auch diese noch durch mittelalterlich-arabische Schuttmassen überdeckt. Da die Ausgrabung, welche die Wiener Akademie ebenfalls in der Jisreel-Ebcne, in Taannuk, veranstaltete, so wertvolle Ergebnisse geliefert hat, kann man sich von weiteren Untersuchungen auf diesem Gebiete wichtige Ausschlüsse über die vortsraelitische Geschichte Palästinas versprechen. Zunächst freilich hat sich die Gesellschaft eine andere Aufgabe gestellt: sie will die zahlreichen Synagogen-Ruinen in Galiläa, die aus römischer Zeit stammen, erforschen lassen. Der Stil dieser Synagogen ist im allgemeinen der römische. jener Zeit, doch fehlen nicht gewisse provinzielle spezifisch jüdische Eigentümlichkeiten,' sehr beachtenswert ist die häufige Verwendung bildlichen Schmucks an diesen Bauten. Schon die kurze Rekognoszierungsreise durch das Land hat eine Anzahl von Einzelfunden ergeben, welche, in dem Berichte zum Teil abgebildet sind. Eine Beschwerde gegen den preußischen Kriegsminister. Aus Berlin wird gemeldet: Der Stabsarzt der Reserve Dr. Lachmann in Berlin hat im Mai dieses Jahres nachstehende Beschwerdeschrift bei dem königlichen Bezirkskommando eingereicht: „Am 7. März dieses Jahres haben im Reichstage die Abgeordneten Liebermann v. Sonnenburg und Böckler gegen die jüdischen Soldaten, Offiziere, ja selbst gegen die jüdischen Veteranen der letzten Feldzüge, die im Besitze der höchsten Kriegsehrenzeichen sind, Schmähungen der gröblichsten Art gerichtet. Die Abgeordneten haben die jüdischen Soldaten der Kriegsuntüchtigkett, Feigheit und Unlust am Heeresdienste geziehen und dieselben vor dem Reichstage und dem deutschen Volke der Lächerlichkett preisgegeben. Se. Exzellenz der Kriegsminister v. Einem hat zu diesen schmählichen Angriffen, die bei ihrer Haltlosigkeit und Unwahrheit leicht zurückzuweffen waren, geschwiegen. Ich fiihle mich als Stabsarzt der Reserve und der mosaischen Religion angehörenö durch dieses Schweigen des Kriegsministers in meiner Ehre gekränkt und erhebe Beschwerde darüber, daß ich als Angehöriger der Armee im Reichstage nicht in Schutz genommen worden bin, trotzdem ich fast 18 Jahre dem Heere aktiv und in der Reserve angehöre und weder mein Mut noch meine Liebe zum Baterlande angezweifelt werden können. JH-ha.be, wie die dortigen Akten ergeben, im Jahre 1892 mit eigener Lebensgefahr ein Kind vom Tode des Ertrinkens gerettet, habe mich im Jahre 1900 freiwillig nach China gemeldet. Das Verhalten des Herrn Kriegsministers ist für mich der Grund dafür gewesen, jetzt meinen Abschied zu erbitten. Wenn ich die Ehre habe, Sanitätsoffizier des Heeres zu sein, so glaube ich auch, ein Anrecht darauf zu haben, bei so maßlosen Angriffen an einem Orte, an dem ich mich nicht selbst, verteidigen kann, von dem berufenen Vertreter der Armee verteidigt zu werden. Ich erhebe aus diesem. Grunde Beschwerde gegen Se. Exzellenz den Kriegsminister v. Einem und bitte ganz ergebenst, diese meine Beschwerde höheren Orts zu unterbreiten und unterstützen zu wollen. Dr. Lachmann, Stabsarzt der Reserve." Gleichzeitig erbat Dr. Lachmann seinen Abschieo. Der Abschied wurde ihm durch kaiserliche Kabinettsordre vom 20. Juli bewilligt. Auf seine Beschwerde ist ihm ein Bescheid nicht zuteil, geworden. Uns interessiert an diesem Tatbestände nicht die — wohl unbedenklich zu bejahende — formelle Zulässigkeit der Beschwerde, sondern ihr materieller Inhalt und das vom Kriegsminister trotz dieser Beschwerde beobachtete Stillschweigen. Daß es die Pflicht des Kriegsministers gewesen wäre, sofort in jener Reichstagssitzung die haltlosen Schmähungen der antisemitischest Abgeordneten aus die jüdischen Heeresangehörigen energisch zurückzuweisen, kann keinem Zweifel unterliegen. Wie er die Angriffe der Sozialdemokraten auf die Offiziere jedesmal mtt Worten schneid^er Abwehr beantwortet, so hätte er auch die Verunglimpfung der Juden im Heere, die ihre Pflicht in Krieg und Frieden jederzeit treu erfüllt haben und erfüllen, mit gebührender Schärfe zurückweisen sollen. Er hat es unterlassen und auch auf obige Beschwerde kein Wort gefunden, das diese Unterlassung rechtfertigen oder die in ihr für die jüdischen Staatsangehörigen liegende Kränkung abschwächen könnte. Die preußische Heeresverwaltung hat damit ihren Standpunkt, der aus der Nichtbeförderung jüdischer Einjähriger zu Offizieren hinreichend bekannt ist, aufs neue gekennzeichnet. Und doch haben wir seit 1869 ein Reichsgesetz, betreffendie Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung. Sollte das Gesetz mtt diesem vielversprechenden Tttel in Vergessenhett geraten sein? Miszellen. Im russischen Ministerium des Innern wird gegenwärtig die Liste der Dörfer innerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons noch weiter vermehrt, um diese Dörfer in Flecken umzubenennen und der jüdischen Bevölkerung dadurch die Möglichkeit zu geben, sich in ihnen anzusiedeln. Zu diesem Zwecke werden hauptsächlich solche Dörfer gewählt, welche sich eines lebhaften Handels erfreuen. Diese Maßnahme entspringt keiner. Verfügung -es neuen Ministers, sondern ist noch die Fortsetzung der vom früheren Minister v. Plehwe angeregten Reformen. — In Saloniki lief dieser Tage ein Schiff mit dem Namen „Esther Estrogo" ein, welches eirr reicher Jude aus Smyrna seiner Tochter als Mttgtft gab und es nach deren Namen benannte. Der Name ist auf der Schiffsfahne in hebräischen Zettern angegeben. — Englische Blätter melden, daß russische Juden, die aus den Dowlais Steel Works auf Veranlassung der Jca im vergangenen Mai nach Kanada ausgewandert waren, dort außerordentlich trübe Erfahrungen gemacht haben. Man hatte als sicher angenommen, daß die Leute bei der Nordeisenbahn in Winnipeg Beschäftigung finden würden und die Reisekosten wurden aus dem von Baron Hirsch gegründeten Fonds zur Ueberflihruna russischer Juden in geeignete Gegenden bestritten. Als die jüdischen Arbeiter in Kanada eintrafen, fanden sie die versprochenen Arbettsstellen nicht vor. Biele von ihnen waren vollständig vermögenslos und sahen sich zum Betteln genötigt. — Zn rechter Zett wird daran erinnert, daß der erste Sklavenbefreier — ein Jude war. Ein jüdischer Gutsbesitzer auf der Insel Jamaika machte am 28. Juni 1838, dem Krönungstage der Königin Viktoria, zu deren Reich Jamaika gehörte, den Anfang mtt der Sklavenbefreiung. Der Bericht des „Jamaika Despatch and Kingston Chronicle" vom 6. Juli des genannten Jahres über .die aus diesem Anlasse veranstaltete Feierlichkeit und die Reden, welche der Gittsbesitzer Herr Dante Hart und der Pfarrer Herr Atktns gehalten, sind jetzt reproduziert worden. — Nach den statistischen Angaben gibt es in Afghanistan ungefähr 40 000 Juden. Obwohl sie nicht als vollgültige Bürger betrachtet sind, genießen sie doch ziemliche Freiheit unter dem Schutze der freundlich gesinnten Mächte. Die Juden sind in 60 Gemeinden eingeteilt, von denen die größte die von Kabul ist, die 2000 Seelen zählt. New Uork. Hier ist vor kurzem Dr. Joseph Wiener da» hingeschieden, der Jahrzehnte hindurch an vielen philanthropischen und wissenschaftlichen Bestrebungen hierzulande hervorragenden Antell hatte. Wiener wurde am 6. April 1828 in Hauska (Böhmen) geboren. Er besuchte die Prager Urliversität und kam, nachdem er dort den Doktorgrad erhalten hatte, im Alter von 21 Jahren nach New York, wo er frühzettig unter seinen Kollegen eine geachtete Stellung einnahm. Durch einen Zeitraum von 36 Jahren gehörte er zu den bekanntesten und angesehensten Mttgltedern seines Standes. Mehrere Jahre hindurch hatte er mtt dem verstorbenen Professor William Detmold das Lehramt für Kriegschirurgie am College of Physicians and Surgeons inne. Er war auch einer der Gründer des Departements für Pathologie an dieser Anstalt, ehe dieselbe mit der Kolumbia-Universität vereinigt wurde. Vor etwa 20 Jahren zog sich Wiener von seiner Praxis zurück. Sein ganzes Leben hindurch war er ein leidenschaftlicher Liebhaber und Sammler von Werken der Kunst und Ltteratur. Als solcher war er Mitglied und Patron des kunstunö naturhistorischeu Museums. Bilder aus seiner Galerie waren wiederholt auf Ausstellungen zu finden, und dem Metropolitan-Kunstmuseum machte er wertvolle Zuwendungen, darunter eine große Bronzetafel von Michel Angelo, welche die Wand beim Haupteingang des Museums ziert. — Am 12. v. M. starb hier der ehemalige Rabbiner der Ohabe Schalom-Gemeinöe in Boston, Raphael Lasker, im Alter von 66 Jahren. Er war in Zirke, Provinz Posen, geboren, kam 1868 nach Amerika und bekleidete mehrere Rabbinerstellen, bis er 1876 nach Boston berufen wurde, wo er bis 1894 wirkte, um dann, wie so ziemlich alle in Europa gebildeten Rabbiner, einem Amerikaner Platz zu machen. Er lebte zuletzt in New Aork, wo er die illustrierte Monatsschrift „New Era" herausgab. Nach Schluß des Blattes. Ein Ansrrahmsgeseh für Galizien und Bukowina, dasbezweckt, wieder zahlreiche jüdische Existenzen zu vernichten, ist am 26. d. M. erflossen. Nach dem Gewerbegesetze ist der Detailhandel mit gebrannten geistigen Getränken (Spiritus, Branntwein, Rosoglio, Rum, Likör, alkoholhaltigen Essenzen u. dgl.) in verschlossenen Gefäßen in Mengen von weniger als fünf Liter im allgemeinen ein freies Gewerbe, bedarf also bloß der Anmeldung bei der Gewerbebehörde erster Instanz. Eine gestern publizierte Verordnung des Handelsministeriums statuiert bezüglich Galiziens und derBukowina insofern eineAus nahme, als speziell für diese Gebiete der Detailhandel in Branntwein rc. unter die konzessionierten / Gewerbe ein gereih t wird. Die Konzession berechtigt den Besitzer lediglich zum Handel mit den aufgezählten geistigen Getränken, und zwar inhandelsü bl ich verschlossenen Flaschen. Eingesendet. Für diese Rubrik übernimmt die Redaktion keine Verantwortung. Aufruf. Liebe Brüder und Schwestern! Als ich vor zwei Jahre» die BE an euch richtete, für unsere schwer bedrängten und zur Auswanderung gezwungenen Stammesgenossen in Rußland, Rumänien mrd Galizien Geld und Kleidungsstücke zu spenden, flössen eure Gaben so reichlich, daß über zehntausend armen jüdischen Auswanderern an der Durchgaugsstation Basel Speise, Obdach und Kleidung gewährt werden konnte.*) In allen Teilen unseres Vaterlandes regten sich Tausende von Herzen und Händen, um den armen Juden auf ihrem modernen Wüstenzug beizustehen. Enrpfanget dafür meinen und meiner Freunde herzlichen Dank. Tief ergrfffen von dem grenzenlosen Massenelend, das sich nun schon seit Jahren ununterbrochen an ihren Blicken vorliberwälzt, haben die schweizerischen Eisenbahn-, Zoll- und andere Behörden den durchziehenden Auswanderern die menschenfreundlichste Fürsorge zuteil werden lassen. Hierfür gebührt ganz besonderen Dank den Herren Hui, Matter, Reinhardt und Siegfried in Basel, der ihnen hier herzlichst ausgesprochen sei. Wenn sich schon Nichtjuden so liebreich der heimatlosen jüdischen Auswanderer annehmen, um wieviel mehr ist es erst eine Ehrenschuld aller Juden, an unserem Liebeswerk tätig witzuarbeiten! Wer gleich mir das namenlose Elend jüdischer Ausroand rer, die ärmsten von allen, unterwegs, in den Hafenstädten und auf dem Meer, so häufig in unmtttelbarster Nähe kennen gelernt hat — „der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an" — der weiß wohl, was für diese arme Parias liebevolle Hilfe bedeutet. Jetzt, meine lieben Brüder und Schwestern, sind Kleidung und Gelder zur Neige gegangen, die Auswanderung geht aber noch nicht zu Ende, weil das jüdische Elend tu Rußland, diesem Niesengefängnis der Juden, endlos ist. Ungeachtet der bevorsteyeuden Wtnterstürme, die das Meer aufwühlen und mit ihren» Eiseshauch die Glieder durchschauern, ziehen wiederum verzweifelte Familienväter, arme jüdische Mütter mit ihren Kleinen auf dem Arm und au der Hand, auf ihren Waudcrstab geblickte Greise durch die Länder, um jenseits des Ozeans eine Heimat zu finden. Sie alle, die Männer, die Frauen, die kleinen schuldlosen Kinder, die schwachen Greise bedürfen unserer Hilfe, die ihr, denen ein gütiges Geschick Heimat, Haus und Schutz beschert, diesen Unglücklichen nicht versagen werdet. Besonders ihr jüdischen *) Der sehr interessante Bericht des Hilfskomitees für jüd. Auswanderer in Basel wird jedermann auf Wunsch zugesandt.

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