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Jüdisches Volksblatt · 1904-10-28 · 44 (28.10.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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VI. Jahrgang. Singer und Lueger. Wir Juden Oesterreichs sind wahrlich nicht verwöhnt!! Das extreme Assimilantentum hat hier förmliche Orgien der Selbsterniedrigung gefeiert. Aber jener Leitartikel, den vor wenigen Tagen ein sogenannt „demokratisches" Blatt brachte, dürfte selbst in den Annalen jüdisch-österreichischer Entmannungskunst für immer einen ersten Platz behalten. Im „Neuen Wiener Tagblatt" antisemitelt es schon lange. Der Herausgeber Herr Wilhelm Sing e r hat Geld genug und es dürstet ihn schon seit längerer Zeit darnach, auch die Anerkennung seiner „christlichen Mitbürger" um jeden Preis zu erringen. Zu diesem Behufs schien ihm keine Speichelleckerei zu stark und seine erbärmliche Haltung zur Zeit deS Wiener Journalistenkongresses ist wohl noch in Erinnerung aller. Da kam der große Luegertag und siehe da, Herr Singer findet es für gut, seine eigenen Leistungen durch einen Rekord an Selbsterniedrigung zu übertreffen. Der Jude a. D. verschwindet aus Wien, eilt nach Florenz, um in seiner Eigenschaft als Präsident des internationalen Preßkomitees, Lueger gratulieren zu können, und der „Renommierchrist" des Blattes, Herr P ö tz l, schreibt jenen famosen Leitartikel, mit dem wir uns nunmehr beschäftigen werden. Der Sonntagshumorist verwandelt sich zu diesem Zwecke in Zeinen Lyriker, der pathetische Stil, über den sich der triviale Wiener Feuilletonist sonst so lustig macht, hier kommt er zu großen Ehren. Das Lob des Bürgermeisters Dr. Lueger, meint er, ^,flammt aus den Straßenkandelabern, es dröhnt aus den Motoren, es rauscht aus den Wipfeln der herrlichen Parkanlagen". So hat nicht einmal B e rg a n i gelobt, einen solchen Hymnus hat man in keinem antisemitischen Blatte gelesen. Dann heißt es weiter: „Und fein Lob würde aus dem Munde aller klingen, wenn er eben nur Bürgermeister und nichts anderes als dieser wäre, wenn er nur allenfalls eine sachliche Opposition im Gemeinderate, wenn er, mit einem Worte gesagt, bloß Gegner und keine Feinde hätte." Man traut seinen Sinnen kaum, man reibt sich ganz erstaunt die Augen und fragt: Ist dawahr, ist das möglich? Das wagt ein liberales Organ zu schreiben? Lueger hat also gar keine sachliche Opposition? Wir wollen hier nicht so abgeschmackt sein und bei dieser billigen Gelegenheit in Bekämpfung des Antisemitismus „machen". Unseren Lesern ist ja zudem unser jüdischer Standpunkt, ist unsere nationalsoziale Gesinnung bekannt genug. Aber das muß denn doch gesagt werden, wie elend unserLiberalismuS auch sein Feuilleton. „Sozial". Bon Graf Adalbert Sternverg. .... In Nom und in Athen war deshalb kein Boden für den sozialen Geist, weil diese Städte atheistisch und glaubenslos waren. Nur ans einer hochstehenden Moral heraus kann Sozial entstehen. Und so sehen wir in Israel,'dem einzigen Lande, wo schon viele hundert Jahre vor Christi Geburt der soziale Geist mit dem kapitalistischen gekämpft hat, einen erhebenden Steg des sozialen Geistes. Wohl waren die Nolkstribunen in Rom Träger des sozialen Gedankens, Vertreter sozialer Bestrebungen der Massen, wohl waren die Philosophen in Griechenland soziale Apostel,' sie hatten gewiß auch das Recht für sich, ihnen fehlte die Macht, das Recht zur Geltung zu bringen. Nur in Israel konnte der soziale Geist, der einen streng religiösen Charakter trug, zur Geltung kommen. Hosea klagt: „Israel, Jahwes Volk, ist zum Kenaan, zum Krttmervolk geworden, das da spricht: Bin ich doch reich geworden, habe Wohlstand erlangt, alle meine Erwerbungen werden mir zu keiner Verschuldung gereichen, die Verbrechen wären." Im achten Jahrhunderte entflammt der Prophet Jesaja eine mächtige Bewegung für die Besitzlosen. Es entsteht ein Schuld-, Arbeiter- und Armenrecht. Und als der junge König Josias die Regierung antrat, kam der soziale Geist erst recht zur Wirkung. Nach Julius Wellhausen sehen wir das Deuteronomium eutfteöen und damit die erste Grundlage zu unserem sozialen Jahrhundert. Georg Adler sagt darüber: „Damit war endlich greifbar formuliert, was die Propheten bisher in dunklen Worten zur Um- und Einkehr Israels gepredigt hatte,«. Und diese prophetischen Ursprünge *) Aus der „Wage" Nr. 46. mag, wievielSünden er auch begangen hat, das verdient er denn doch nicht, daß ihm am Luegertage ein liberales Blatt vorhält, er bekämpfe den Bürgermeister nicht fachlich. Ja, verstößt dem Lueger nicht jeden Tag pegen die liberalen Grundsätze? Wissen Herr Singerund Pötzlwirklich davon kein Sterbenswörtchen? Kann man ohne ein Gefühl der brennenden Scham behaupten, daß die so milden Herren und rücksichtsvollen, allzu rücksichtsvollen Politiker vom Schlage der Vogler und Mittler, die mit Lu eg er zudem auf dem Duzfuße stehen, den Mann aus persönlicher Feindschaft, bekämpfen. Wir bekennen es frei, eine solche Presse hat nicht einmal der Wiener Liberalismus verdient. Aber es wird immer schöner. „Er, der gebildete Mann", heißt es wörtlich, „der liebenswürdige Wiener, der auch politischen Gegnern als Gentleman gegenübertritt." Lueger als Gentleman. Diese Worte wagt ein Schriftsteller zu schreiben. Wie würde der alte Spaßvogel gelacht haben, wenn sein Auge aus diesen Versuch einer „psychologischen Würdigung" gestoßen wäre. Der große Agitator, aber vollendete Durchschnittswiener, will ebensowenig ein Gentleman sein wie der Wiener Fiaker, wie der Wiener Greißler. Das liegt ihm wahrlich nicht. Lueger als Gentleman! Man müßte glauben, hiermit wäre selbst in diesem Artikel der Höhepunkt erreicht, das Schlimmste geschrieben worden. Doch es kommt noch ärger! Plötzlich vernehmen wir die demokratische Phrase, auf einmal bekommen wir es ins Gesicht geschleudert, daß wir es hier «it einem unabhängig-freisinnigen Blatte zu tun habe»! Das ist doch, um den mildesten Ausdruck zu gebrauchen, der Gipfelpunkt der Dreistigkeit! Herr Singer will, dem ihm eigentümlichen Triebe'der Selbsterniedrigung folgend, um „christliche Gunst" buhlen. Er mag es tun, aber gefälligst ohne demokratisches Umhängtuch, ohne den schmählichen Versuch, sich hierbei einer liberalen Verbrämung zu bedienen, denn das wird wirklich unerträglich, ja das ist schon mehr als Dreistigkeit, das ist Korruption!!! Geschäfte machen mit dem Liberalismus und im selben Atemzuge den Liberalismus ohne Vorbehalt aufs unverblümteste, dem kurzsichtigsten Auge weithin sichtbar, zu verraten, das ist dreiste Korruption. Wir Juden Oesterreichs sind wahrlich nicht verwöhnt, auch durch unsere judenliberals Presse nicht, aber so etwas war noch nicht da. Es blieb Herrn Singer-Vorbehalten, zu zeigen, was man auf diesem Gebiete wirklich leisten könne. Man untersuche das grandiose Werk Singers nach allen Richtungen hin und man wird finden, es kann nicht überboten werden. der im Deuteronomium vorliegenden Volksgesetzgebnng treten in dessen sittlich-religiösen Grundgedanken klar genug hervor: der Mensch soll sich in allen Lebensbeziehungen zu einer höheren Moral bekennen und gegen seine Mitmenschen, zumal die armen, stets humaner Handlungen befleißigen. Der starre Egoismus soll abgetan werden und eine Sozialethik heranfkommen, die dem Gesetzgeber möglich und praktikabel dünkt: „Die Forderungen, die ich an dich stelle, sind nicht unerreichbar für dich und nicht fernliegenö,' nicht im Himmel, so daß man fasen könnte: wer kann hinauf tu den Himmel und sie herabholen und uns Mitteilen, daß wir sie erfüllen! Nicht jenseits des Meeres, so daß man sagen könnte: wer kann herüber über das Meer mtö uns Mitteilen, daß wir sie erfüllen! Sondern sehr nahe liegt dir die Sache, in deinem Munde und in deinem Herzen, so daß du sie tun kannst." Die sozialen Reformen, die das Deuteronomium anordnet, bezwecken in erster Linie die Erleichterung der Lage des Schuldners; ganz begreiflich in einer Zeit, wo sich der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit vornehmlich in der Kreditnot der kleinen vermögenslosen Bauern und im Druck des Leihkapüals darstellte. Im einzelnen werden — in Anknüpfung an die vorhin erwähnten altisraelitischen Vorschriften — die folgenden Anordnungen zugunsterl des Schuldners erlassen. Erstens wird es nicht gestattet, vom Volksgenossen Zins fiir geliehenes Kapital zu nehmen. Dann wird das Pfandrecht des Gläubigers beschränkt, indem, die zum Leben notwendigen Dinge von der Pfändung ausgeschlossen werden. Weiters soll der Schuldsklave im siebentett Jahre entlassen werden, und zwar nicht bettelarm — so daß er wieder in die alte Misere verfällt — sondern er soll von den Schafen, der Tenne und der Kelter seines Gläubigers eilte gehörige Hast erhalten. Fermer wird jedes siebente Jahr als sogenanntes Erlatzjahr proklamiert, in dern jedes Darlehen ohne Rückzahlung verfallen ist. „Der! Gläubiger," heißt es im Gesetz, „soll seinen Nächstell und' Bolksgenossert nicht drängell. Was du voll deinem Volksgenossen zu fordern hast, sollst du erlassen. Hüte dich jedoch, daß irr deinem Herzen ein nichtswürdiger Gedanke aufsteige, Weder an Speichelleckerei noch a« Dreistigkeit noch an Korruption noch an Geschmacklosigkeit kann Herr Singer überboten werden. Gebt es auf, ihr jungen Assimilantrn, jemals so weit zu kommen, der Meister in grauen Haaren hat euch mit seiner Kunst noch immer geschlagen. Es bleibtjgjden Epigonen nichts mehr zu tun übrig. Werden die Juden Wiens auch diese grandiose Leistung Singers ruhigen Blutes hinnehme«? Werden sie weiter das führende demokratische Blatt nach Kräften unterstützen?! Das Abonnement auf das „Neue Wiener Tagblatt" hat wahrlich schon längst keine „ästhetische Entschuldigung" mehr. Eine Fülle bleierner Langweile strömt uns förmlich anS diesen Spalten entgegen. So grau in grau, tso dunkel schmutziggrau ist kein anderes Blatt in Wien gehalten. Welcher Mann von Bildung und Geduld kann sich, es sei denn, daß ihn journalistische Psiicht dazu zwingt, sich je rühmen, einen Leitartikel des „Neuen Wiener Tagblatt" zu Ende gelesen zu haben, welcher geschmackvolle Mensch verträgt den Stil dieses Blattes? Es gab schonj längst keine ästhetische Entschuldigung für das Abonnement. Es gibt seit geraumer Zeit keine politisch-ethische mehr. Werden die Jude« Wiens^wirklich fortfahren, das Blatt zu lesen und zu halten? Wir haben keine besonders gute Meinung von den assimilierten Judenschichten, aber soviel hoffen wir auch von ihnen, von ihrer Redlichkeit und von ihrem Geschmacke, daß sie wenigstens das Abonnement dieser Zeitung aufgeben werden. Die Wiener Juden verdienen ihren antisemitischen Bürgermeister. Der politischen Unterlassungssünden ungeheure Zahl hier wieder einmal aufzuzählen, wäre mehr als abgeschmackt. Man hat in Oesterreich, man hat in Wien de« Antisemitismus förmlich künstlich gezüchtet. Sollten aber die Wiener Juden ihre politische Entmarmungskunst fortsetzen und noch weiter das „Neue Wiener Tagblatt" unterstützen, dann,,ja dann verdienen sie nicht Lueger, sondern den ehrenwerten Mechanikus Schneider als Bürgermeister der Haupt- und Residenzstadt. Regelung der jüdischen Auswanderung. Dev Hilfsverein der deutschen Juden versendet folgendes Comumnique: Wiederholt hatten wir auf die großen Unzuträglichkeiten hingewiesen, welchen die auswandernden Glaubensbrüder aus nämlich: das siebenteJahr, das Jahr des Erlasses ist nah' — und daß du nicht einen mißgünstigen Blick auf deinen armen Volksgenossen werfest und ihm nichts gebest; wenn er dann deinetwegen zu Jahwe schreit, so wird eine Verschuldung auf dir lasten; vielmehr sollst du ihm geben und sollst, wenn du ihm gibst, nicht verdrießlichen Sinnes sein." Andere Gesetze verpflichten zu einer weitgehenden Barmherzigkeit gegen Me, die Hilf- und suvsistenzlos sind, verlangen vom Israeliten, daß' er in jedem dritten Jahre öeu Zehnten von seinem gesamten Ertrage zugunsten von Witwen, Waisen und verarmten Priestern verwende, und erklären schließlich den Diebstahl auf dem Felde oder im Weinberge des Nächsten zum Zwecke un-. mittelbaren Genusses für gestattet. Und nun übergebe ich zum Jubeljahre. Alle fünfzig Jahre wurde jede Schuld aibgeschrieben, der verkaufte Bauerngrund fiel in die Hände des ursprünglichen Besitzers oder seiner Erben zurück. Die Gelehrten streiten darüber, ob dieses Jubeljahr je praktisch durchgeführt wurde, mrd den Behauptungen Georg Adlers, daß es nie durchgefüh'rt wurde, stehen die Behauptungen Dr. B e r n f e l d s gegenüber, der im Jahre 1868 in. der „Zukunft" einen sehr interessanten Artikel darüber veröffentlicht hat. Er behauptet, daß seit dem Auftreten Esras um 460 vor Christi Israels religiöses und soziales Leben Norm geworden ist, und bezieht sich auf die rabbinische, richtiger sopherische Literatur. Das Ziel der tm Pentateuch ent- HMenen Vorschriften war, „daß kein Armer im Lande lebe". Dr. S. Vernfeld behauptet im Gegensätze zu Wetthanseu, daß die Thora bereits im ü. Jahrhunderte bekannt war und daß der Prophet Amos sich auf sie beruft. Auch der Prophet- Jeremias beruft sich in seinem Kampfe gegen die Sklaverei auf die Tbora. Ich zitiere Dr. Bentfeld hier wörtlich; „Daß die mosaische Sozialreform tatsächlich während des Bestehens! des ersten Reiches praktisch niemals durchgeführt wurde und sich also auch weder bewähren noch als undurchführbar erweisen konnte, geht klar aus eitler in den Petckateuch später hitleingekommenen Glosse hervor. In der Strafandrohung für die Vernachlässigung der sinaitischetl Lehre heißt es (8. Buch

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