Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr* 48 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 21. Oktober 1904 Seite Ti ( wir bitten unsere Leser, ihren vedars bei unseren Inserenten zu decken nnd sich dabei aus unser Statt zu beziehen. I Der Antisemit. Eine Charakterstudie. Bon G. v. Forell (Luzern). (Fortsetzung.) So gieng der Winter hin. Der Frühling kam. Und beim vorletzten Male jour fixe erfuhr unser Freund, daß Mutter und Tochter jetzt in ihre Billa am Rhein übersiedeln würden. Als er an diesem Abend nach Hause kam, fing er an, ernstlich über sich nachzudenken: eigentlich zum ersten Male in seinem Leben. Was war er denn eigentlich für ein Mensch? Was wollte er denn? Wozu sich auf die alten Tage noch mit Studien und Weibern plagen? Es war ganz gut, daß sie abreisten; denn man hatte ihn bloß aus seiner Ruhe gerissen und ihn in ein Meer des Zweifels gestürzt. Er fing schon an, die Langeweile des endlosen Aktenstöberns zu empfinden. Wo sollte das hinführen? Für einen Beamten war es am besten, wenn er seine Pflicht tat, und damit basta. Zum Weltverbeflern war er nicht da. Die ewigen Sticheleien seiner antisemitischen Schoppenfreunde war er auch leid. Er sei wohl unter den hohen Adel gegangen; ob er etwa Ordens- oder gar Adelsgelüste habe, oder ob etwa „oü est la femme“ dahinter stecke? So kam der letzte jour fixe heran. Im Augenblick, da er hinfahren wollte, wurde er telephonisch von seinem Bruder angerufen: „Komm sofort zu Siechen, bin auf der Durchreise hier, eine dringende Angelegenheit!^ Immer kam er ihm in die Quere, wenn er etwas Wichtiges vorhatte. Der Regierungsrat war sehr ärgerlich, fuhr aber doch zu Siechen. Sein Bruder fiel ihm gleich mit der Türe ins Haus. „Man munkelt, du wolltest dich verloben; wie steht es damit?" „Unsinn! Denke nicht daran!" erwiderte er kurz, wurde aber feuerrot, was jedoch der Bruder nicht beachtete. Beruhigt reiste dieser nach ein paar Stunden weiter. , Am nächsten Tage sollten die Meyerfchen Damen abreisen. Markgraf sah im Kursbuch nach dem besten Zuge und fuhr um die Zeit der Abreise nach dem Bahnhof Friedrichstraße. Richtig, da waren sie schon! Als Hilde ihn kommen sah, lächelte sie, wie wenn sie ihn erwartet hätte. Erentschuldigte sich, daß er den Tag vorher nicht; hatte kommen können. Inzwischen ging der Graf mit der Schwiegermama fort, um das Gebäck zu besorgen. Er blieb mit der Tochter allein. Beide schwiegen befangen. Endlich sagte sie: ,.,.r „Wann besuchen Sie uns mal am Rhein?" - „Sie sind sehr liebenswürdig, ich —- ich/ erwiderte er verlegen. Er vollendete den Satz nicht. Die Frage seines Bruders kam ihm in dem Sinn. Stumm saßen' sie nebeneinander auf der Holzbank; plötzlich fragte er fast ärgerlich: „Warum bleiben Sie nicht in Berlin?"^.' Sie sah ihn groß an, antwortete aber nicht. „Es ist gräßlich!" stöhnte er. „Was?" erwiderte sie. Und nun fing er an, erst langsam und stockend, dann lebendiger, aufzuzählen, was sie ihm gewesen. Sie wäre die einzige, die sich interessiert hätte für das, was ihn bewegte. Jetzt, da er angefangen hätte, aufzuleben, sich wieder als Mensch zu fühlen, als voll empfindender, da reise sie ab. „Siewerden bald darüber hinwegkommen," meinte sie. „Nein, im Gegenteil!" stieß er hastig hervor. Dan» schwieg er. Plötzlich sagte er mit einem energischen Ruck: „Wie wäre es, wenn wir uns heirateten?" Sie war wie mit Flammen übergossen. Einen Augenblick schwieg sie, dann sagte sie sehr langsam: „Wenn sie es nicht bereuen werde«, eine Jüdin geheiratet zu haben." Er wurde kreidebleich, er wollte etwas erwidern, aber die Worte versagten ihm. Da kamen die andern zurück. Er flüsterte ihr noch zu: „Ich werde Ihnen schreiben!" Daun empfahl er sich und verschwand so schnell als möglich, den Dienst vorschützend. Wenige Tage später schrieb er folgenden Brief: „Wohl noch niemals hat sich ein Mann in einer traurigeren, verzweifelteren Lage befunden als ich. Seit drei Tagen habe ich keinen ruhigen Augenblick gehabt und ich darf wohl sagen: Ich habe in schwere« Kämpfen mit mir selbst gerungen. Wie soll ich Worte finde», um Ihnen zu sagen, daß ich keinen Sieg über mich davongetragen habe und daß ich den Antrag, den ich ihnen gemacht, zurücknehmen muß. Nie habe ich tiefer empfunden, welch erbärmliches Geschöpft der. Mensch ist. All mein stolzer Glaube an die Freiheit des Menschen ist dahin. Ich bekenne Ihnen gegenüber offen, daß ich meine Schwächen habe, daß ich nichts vermag gegen meine Borurteile und von dem Urteil anderer leider noch sehr abhängig bin. Wie soll ich Ihnen erklären, daß ich nur deswegen zurücktrete, weil Sie Jüdin sind, während die Stimme iu meinem Innern mir sagt, daß Sie gerade die am meiste« für mich geschaffene Frau sein würden? Was habe ich mir nicht alles vorgehalten, um die Kraft z« gewinnen, gegen die Welt ankümpfen zu kännen! Aber was haben eine engherzige Erziehung und ein ängstliches Leben aumir gemacht! Tausendmal habe ich mir gesagt daß ein Wesen wie Sie, mit so zarter Empfindung, entsetzlich unter dem allgemeinen Borurteil gegen die Juden leiden muß. Um so schrecklicher ist es mir, durch mein Geständnis Ihre Qualen noch vermehren zu müssen. (Schluß folgt.) au/ Xose und Wertpapiere Rebe ich zu jedem Betrage zu billigsten Bedingungen. Rückzahlung auf einmal oder geg. monatliche Teilzahlungen. mcm» Kquj vön Losen mwmm und deren sofortiger RUckverkauf. gegen monatliche Teilzahlungen. Lose, die bei mir verkauft werden, können sofort gegen kleine monatliche Teilzahlungen rückerworben werden. Es steht dem Inhaber auf diese Weise der ganze Kurswert abzüglich einer Rate zur Verfügung und derselbe behält das Gewinnrecht auf seine Lose und ist in der Lage, dieselben leicht zurückzuerwerben. 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