Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jedem unvoreingenommenen Politiker war es klar, haß nach demPreßkongresse, öei dem Lu eg er bekanntlich „beide Augen zudrückte^, etwas geschehen mußte, damit das „ Volk" vonHernals, Ottakring und den umliegenden Bier- und Weindörfern" nicht an seinen politischen Erziehern irre werde. Die radikal^ blutrünstige Strömung unter den Christlichsozialen, die eben ihren geliebten G r e g o r i g opfern mußte, forderte eine Satisfaktion dafür, daß soviel christlichsozialer Champagner von liberalen Journalisten ge—trunken wurde, sind Lueger warf ihr einen Knochen hin, jenen berühmten Beschluß des hohen niederösterreichischen Landtages, nach dem zwei neue Stipendien für „arische" Bewerber an der Exportakademie kreiert wurden^ - Für uns Juden bleibt es sich schließlich gleich, welcher Strömung zuliebe jener famose Beschluß gefaßt wurde; für uns existiert nur das Resultat. Und da müssen wir den „Herren von Wien und Umgebung" in aller Ruhe folgendes erklch:en: „Wenn diese ich r i st l i ch s o z i a l e n Machthaber so jeder Gerechtigkeit in. das Gesicht s ch l ag e n, d a ß sie wohl von Juden in liberalster Werse Lande s u m l a g e n erheben, aber in illiberalster Weise sie von dem Genüsse von Stiftungen und Stipendien ausschliesten, so werden die Juden sich gewöhnen,'diesem ^-LüstdL, das ihnen wohl Pflichten auferlegt, aber keine Rechte gewährt, auch keine Steuern zu z a h l e n>" Die Herren B i e h l o h l a w e k, Schneider', Sturm und Konsorten werden dann freundlichst eingeladen werden, das Desizit aus ihren Diäten und Sporteln zu decken. Auf der einen Seite unter den Äugen der „Steyrermühl" in „Brüder und Schwestertheorien" zu machen, auf der anderen Seite aber die feierlich. beschworenen Staatsgrundgesetze mit Füßen treten, dieses Spiel geht auf die Dauer nicht. Die Herren werden sich erklären müssen. Hier hilft kein Mundspitzen, gepfiffen muß werden. Entweder aus dieser oder aus jener Tonart. Wir sind die letzten, die die Hanswurjtiaden B i e l o h l a w e k s und die Kognakphantasien S ch n e id e r s ernst nehmen; aber das eine möchten wir dem Herrn August — pardon — Hermann Bielohlawek doch entgegnen. Er sprach von der „unheimlichen Solidarität" des Judentums. Du lieber Gott, wenn das wenigstens wahr wäre! Wir w ü r d e n e s a u f Feuilleton. Ei« monotheistisches Semitenvolk in Deutsch-Ostasrika. Hochinteressante Studien über ein monotheistisches Semitenvvlk in Delltsch-Ostafrika veröffentlicht Hauptmann M. Merker, Kompaniechef der k. Schutztruppe, in einem Werke, das „Die Masai" betitelt, bei Dietrich Reimer in Berlin erschienen ist und dem Dr. Eduard Schulte in der „Boss. Ztg." eitle sehr eingehende Besprechung widmet. Wir haben schon seinerzeit ans einem Vortrage Merkers von seinen Hypothesen berichtet und teilen ergällzenö folgendes mit: Zwischell dem Nyarlsasee und dem Kilimandscharo, nördlich llllö östlich auch über letzteren hiltansgreifend, wohnen zum größeren Teil auf deutschem, zum kleineren ans britischem Gebiete die Masai, ein eitlen stretlgen Monvtheismlls bekennender Semitenstamm. Die Masai haben die Reinheit ihrer semitischen Abstammung bewahrt. Ihre Hautfarbe ist bralllt, vom hellett bis zum dunklen Braun, ihre Gestalten sind hoch nttd schlank, ihre Hällde und Füße schtnal, oft groß, aber auch nicht selten zierlich, und sie haben weder den Wollkopf ltvch die wulstigen Lippen des Negers; ihre Lippen sind öütllt lllld schinal. Sie siilö Nomaden, die sich mit ihren Rinder- und Ziegerlherden bald hier, bald dort ntederlassen. Ihre Wvhnullgen sind Hütten oder Zelte, als bereit Wände Häute ansgespannt rverden. Man baut immer eine Anzahl voll Wvhlltlllgelt so aneitlander, daß kreisförmige „Kraals" elltstehen, lllld die Kraals werden zum Schutz gegen Diebe und ivilde Tiere mit einem Dornengehege umgeben. Ehe der junge Masai Heiraterl darf, muß er eillige Jahre dem Kriegerstande angehört, d. h. sich an den gegen die llmwohnenden Negerstämme gerichteten Belitezttgerl beteiligt haben, deren das f r e u d i g st e b e g r ü ß e n. Leider fehlt aber der großen Masse der Juden jede Solidarität, außer der, die ihnen durch die Antisemiten aufoktroyiert wird. Noch ist dieser Schlag nicht vergessen irnd schon plant die christlichsöziale Partei einen zweiten Einbruch m unsere Rechte'.' Düs neue'niederösterreichische Landesschulgesetz enthält nämlich die Bestimmung, daß die Vertreter der nichtkatholischen Glaubensbekenntnisse nur an den Sitzungen des Ortsschulrates teilnehmen dürfen, in denen Gegenstände beraten werden, die den durch sie vertretenen Jnteressenkreis berühren. Eilt prächtiger Kautschukparagraph, mit dem die Vertreter der Nichtkatholiken auf „gesetzli-chem" Wege mundtot gemacht werden können. Wahre Bärendienste leisteten die Herren Liberalen den Juden durch die Art ihrer Verteidigung. Wohlgefällig registrierten die antisemitischen Abgeordneten und die antisemitischen Zeitungen die Kannegießereien des Herrn Blach, um sie sofort in ihr Repertoire für ihre Agitation aufzultehmeu. Rührend war auch die Uebereinstimmung beider liberalen Sprecher in dem Auskunftsmittel, das sie detr Christlichsozialen cm Stelle der famosen Klausel vorschlugen. Beide meinten, die Klausel sei ganz überflüssig, man könne auch ohne der Klausel die Juden von dem Genüsse der Stipendien ausschließen. Eine echt liberale Gedankenassoziation. Sie erimtert an die schönsten Blüten der liberalen Herrschaft, wie sie heute noch in Mähren besteht, wo ohne Klauseln die Juden von den Benefizien ausgeschlossen werden, mit Ausnahme einiger Protektionskinder. Wie sagte nur Herr Bieloh l aw e k: „Der Landesausschuß wird wohl keinen: Juden Stipendien geben. Aber wir sind so offen und sagen es auch. Ich kentte jedoch viele Liberale, die ebenso antisemitisch find wie wir, es aber nicht zu sagen getrauen, weil sie in der Handelskammer oder noch wo anders sitzen möchten!" Rührend war es auch, anzuhören, wie Abgeordneter Dr. Kolisko von der seligen deutschfreiheitlichen Koalition bei den letzten Landtagswahlen die Christlichsozialen im Antisemitismus zu übertrumpfen suchte, ein edles Wettrennen, bei dem schließlich die Christlichsozialen mit einer Nasenlänge siegten. Der Sieg bestand bekanntlich darin, haß für dje Bewerber die Zugehörigkeit zur arischen Rasse verlangt wird. Darob vergießt die „N. Fr. Pr." bittexe Thränen. Weint bloß die Zugehörigkeit zur christlichen Religion verlangt worden wäre, so bestand für ihre besonderen Schützlinge, ,die getauften Juden, keine Gefahr; aber diese bösen Christlichsoziäle'n schätzen das „Taufsakramettt" tticht so hoch pxe die „N. Fr. Pr.". Und das ist bös. Ganz melancholisch sagt das edle Blatt: »Die (die arische Herkunft) kann auch die Kirche nicht geben und her Glauben nicht verschaffen. Christ katm jeder durch sich selbst werhcn (sie!), Arier nur durch die Ahnen." Wirklich schade. _ Den Vogel schießt natürlich wie immer die „Arbeiter-Zeitung" ab. Sie findet es höchst deplyMft, . daß überhaupt das Unrecht gerügt wurde, das den' Juden geschieht. Nach ihrer Meinmtg sollte Herr Seitz ent wirkliches Redemönopol haben, der Iich Natürlich hüten muß, über oder für Juden zu sprechen.. Und die Juden lassen sich das von der lieben „Arbeiter-' Zeitung" ruhig gefallen. Zn Pen Wiener Zweck das Erbeuten von Vieh ist. Der Stamm der Masai ist überzeugt, daß Gott ihm die Herrschaft über die ganze Welt gegeben hat; wenn die Neger für sich Vieh züchten und behalten wollen, anstatt cs den Masai zu übergeben oder zu überlassen, so beruht das nach der Auffassung der Masai auf einer unverschuldeten oder auch böswilligen Verkennung der Willensmeinnng Gottes; nimmt also der Masai den Negern Vieh weg, so erfüllt er nur Gottes Anordnung. Man sieht, was für einen theoretischen und praktischen Wert eine solide Theologie hat. Das merkwürdigste, was über die Masai zu berichten ist, ist ihre monotheistische Religion in Verbindung mit religiösen Ueberlieferungen nttd Sagen, die mit denen der Israeliten bis zur G e s etz g e b n n g a u f e i n e m heiligen Berge große Aehnlichkeit haben, znm Teil auch mit denen der Babylonier. Merker, der sich auch mit der Geschichte Assyriens und Israels beschäftigt hat, ist aus Gründen, die er ansführlich darlegt, zu der Ueberzengung gekommen, daß die Masai, die Hebräer und die Amoriter einem Urvvlk, dem Amai, entstammen. Die Möglichkeit, daß irgend eine Missioustätigkeit die monotheistischen Ueberlieferungen in das Land der Masai gebracht habett könnte, lehnt er ab. Er erkennt in dem Ngai, wie die Masai den einen Gott des Himmels und der Erde nennen, den Jahve der Israeliten wieder, mit denen die Masai auch die Beschneidnng gemeinsam haben. Er nimmt an, daß die Masai bald nach der Ausbildung der Erzählung von der Gesetzgebung auf dem Sinai, vielleicht durch Uebervölkerung oder Hungersnot getrieben, ihre syrisch-arabische Heimat verließen, die Landenge von Suez überschritten, die Küste des Roten Meeres streiften und so in das jetzt von ihnen bewohnte Gebiet gelangten. lieber den Uranfang oder über die Schöpfung der Welt! kennt das Alte Testament drei verschiedene Berichte. Zwei davon sind in den beiden ersten Kapiteln des ersten Buches« Mose «der Genesis) verarbeitet; da heißt es (nach berichtigter Uebersetzungj: „Die Erde war Wüste und Leere" und auch! „Finsternis war über die Flut hiy und der Geist Gottes « (Wahlvesprechnngen und Wählerversammlungen.j Die herannahenden Kultuswahlen beschäftigen bereits alle jüdischen Vereinigungen und Organisationen Wiens. Fast ' jeden Tag findet irgendwo irgendeine Besprechung, ein Konvcntikel oder eine öffentliche Versammlung statt. ,? Vergangene Woche lud die „U n i o n" die. Vertreter ■ einiger Beihartsvereine zu einer Beratung ein, in welcher. die Situation besprochen, jedoch in bezug auf die Stellung-:/ nähme der' „Union" und der Bethausvereine den Kultus-- wählen gegenüber kein Beschluß gefaßt wurde. Am letzten Samstag abends fand im Sitzungssaale des. BethaNsvereines für den 9. Bezirk ebenfalls eine Besprechung der Bethausvereine statt, im Verlaufe welcher der Vorsitzende der Konferenz, Herr Gottlieb Bettelheim, die Kultus-/ wählen zur Sprache brachte. Fast sämtliche Redner betonten' die Notwendigkeit, den Bethünsern noch einen Sitz im Vorstande der Kultusgemeinde zu sichern, wobei jedoch allenthalben anerkannt wurde, daß den nationalen Gruppen ebenfalls die entsprechende Vertretung i h r e r I n t e ressen im Kultusvorstanöe eingeräumt werden soll. Es kam auch hier zu keinem eigentlichen Beschlüsse und wurde : die Führung der Angelegenheit einem ad hoc gewählten fünfgliedrigen Komitee übertragen. Unter Vorsitz des Obmannes des Vereines „Machsike hadath", Herrn Salomon Meisels, fand in den Lokalitäten^ des gedachten Vereines, 2. Bez., Nestroygasse 4, am Sonytag'- den 16. ös. eine Versammlung von Vertretern orthodoxer über den Wassern". Das eine Mal ist also die wüste, l^ere Erde vorhanden gedacht, das andere Mal eine finstere Urflut. Die letztere Auffassung wird im Nest des ersten Kapitels beibehalten, Gott scheidet Licht und Finsternis und läßt die Wasser sich sammeln, so daß neben dem Meere das Festland entsteht. Im zweiten Kapitel tritt in den Versen 4 bis 6 die erstere Auffassung wieder hervor, wonach die Erde eine Wüste war, über die Gott dattn einen befruchtenden Regen schickt; die Urflut ist da vergessen. Nun gibt es noch einen dritten Bericht, von dem man sagen darf, daß er erst neuerdings entdeckt worden ist. Stach Psalm 74 und 89, Jesaias 61 und Hiob 26 und 40 zieht Jahve in den Kampf gegen den Drachen (?) Rahab oder Linajwtan und zerschmettert seine Häupter; dann trocknet er das Meer ans, dessen Bezeichnung „Tehom" ursprünglich ein Ungeheuer zu bedeuten scheint, und eröffnet damit seine. Schöpfertätigkeit. ' . - Die babylonische Erzählung der Schöpfung beginnt mit der Urflut, die bald als männliches, bald als weibliches Wesen persorlifiziert ist; in letzterem Falle heißt sie Tiamat. Hieraus entstehen die Götter, unter denen der Mardnk der oberste ist. Die Tiamat, die mit beit Göttern unzufrieden ist, empört sich und schafft sich Drachen, um gegen die Götter zu kämpfen. Der Gott Mardnk tötet die Tiamat und macht ans ihrem in zwei Teile gespaltenen Leichnam die Wasser über und unter dem Himmel. Tann erschafft er Sonne, Mond und Sterne, das , Festland, die Pflanzen und Tiere und zuletzt den Menschen. . Nach dein Mythus der SNasai war die Erde im Anfang - eine öde, leere, dunkle Wiiste, in der ein Drache hanste. Dieser starrd der Belebltrrg der Erde mit Menschen tmd Tieren entgegen: und darum tötete ihn Gott. Das Blut des Ungeheuers war das Wasser und befruchtete unn das bisher trockene Land. Dann schnf Gott durch sein Schöpferwort Sonne, Mond und Sterne, Pflanzen und Tiere. Zuletzt ließ er das erste Menschenpaar entstehen: den Mann Maitnmbe sandte er vom Himn:el herab, das Weib Naitrvgvl entstieg auf sein Geheiß dem Schoße der Erde.