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Jüdisches Volksblatt · 1904-10-14 · 42 (14.10.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
42 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Irr einem steten Kreisläufe wiederholen sich in Oesterreich mit geringen Variationen immer dies e l b e n „Ereignisse"; ohne daß die Staatslenker und Gesetzgeber daraus die endlich unvermeidlich gewordene Konsequenz eines System Wechsels ziehen und zur Tat werden lassen. Blickt man auf den bisherigen Verlauf der Landtage, auf die in der eben begonnenen Saison gehaltenen Reden im ungarischen Reichstage, so treten die sattsam bekannten, aber keineswegs lieb gewordenen Erscheinungen zutage. Die alten abgedroschenen Schlagworte, Obstruktion oder Ankündigung derselben, einige antisemitische Phrasen abwechselnd mit Nationalitätenhetze, Skandale und Straßend emon strationen kennzeichnenauch die jetzige Lage, sowie das Bestreben der Parteien, die Bevölkerung aus ihrer vollständigerr-politischen Apathie aufzurütteln. ■ Diese Teilnahmslosigkeit eines großen Teiles der Bevölkerung, speziell auch der jüdischen, äußert sich in gleichem Maße durch Abstinenz bei den Wahlen. Durch ihr Fernbleiben von allen Versammlungen, sowie durch stets wachsende Gleichgiltigkeit gegenüber dem gesamten öffentlichen Leben und steht in einem drastischen Gegensätze zu dem lärmenden Treiben der verschiedenen Volkstribunen in den einzelnen Vertretungskörpern. Der Grund liegt zum nicht geringsten Teile darin, daß die wirklichen Wünsche und Bedürfnisse der Bevölkerung, ganz besonders der Juden, daselbst kein Echo fanden und alle die Programme und Hochziele der einzelnen Parteiführer die Volksmassen kühl bis ans Herz lassen. Wenn der wirtschaftliche Notstand der Bevölkerung infolge der L e b e n s m i t t e l t e u e r u n g wächst und der böhmische Landtag durch Obstruktron verhindert wird, derselben zu steuern, wenn im niederösterreichischen Landtage dies wieder durch unfruchtbare Debatten geschieht, so ist es nur allzu natürlich, daß man allmählig überall begreift, daß die derzeitigen L a n d t a g e in ihrer jetzigen < Zusammensetzung ebenso wenig als der R e i ch s r a t berufen sind, eine Stätte positiver fruchtbarer Arbeit für Volk und Reich zu sein. Was insbesondere die I u d e n betrifft, so hoffen dieselben auch dann nichts von dem gegenwärtigen Parlamentarismus, wenn die Obstruktion ausgeschaltet ist, weil der ausgesprochen oder verhüllt antisemitische Geist besonders auf wir ts ch a s t l i ch e m Gebiete in allen Vertretungskörpern vorherrscht. Das Gesagte gilt aber nicht nur für Cisleithanien, sondern auch für N n g a r n. Ob Obstruktion oder nicht, der u n g a r i s ch e Reichstag, das ausschließliche Sprachrohr eines magyaris ch-chauvinistischen Klüngels steht infolge des reaktionären Wahlgesetzes außer allem Zusammenhang mit den großen Massen, nicht nur der Nicht magyaren, sondern auch des magyarischen Volkes. Die großen Volksmassen läßt daher das ganze Gezanke der parlamentarischen Coterien unberührt, die ja alle mit einander von der äußersten Rechten, den strammsten Anhängern Tiszas an bis zu B a r a b a s und Konsorten ein einig Volk von Brüdern sind, einig darin, alle Nicht magyaren zu vergewaltigen und Cisleithanien unter ihr candinisches Joch zu beugen. In Cisleithanien aber, in den im Reichsrate vertretenen Ländern, führen die alten bestehenden Parteien ihre banalen Komödien wieder auf, die deutschbürgerlichen Abgeordneten obstruieren im böhmischen Landtage, weil die tchechischen wieder im Reichsrat obstruieren wollen. Der eigentliche Grund beider Obstruktionen ist, der Bevölkerung Sand in die Augen zu streuen und deu vollständigen Bankrott der „deutschen Linken" und der -Jungtschechen zu verhüllen. Es ist aber'alles vergebene Mühe! Die Dezembern erfass ung und das durch dieselbe gebannte alte Partei wesen sind tobt und es ist endlich an der Zeit, diesen.Kadaver wegzuschaffen, damit nicht länger Oesterreich vergiftet werde. Zur galizischen Hilfsaktion. II. (Die Industrialisierung Galiziens durch Juden. — Jüdischer Hausmeister und jüdisches Dienstpersonal. — Wirtschaftsschulen. — Jüdischer Realpolitik. — Juden, Polen und Rnthenen). Aus der Versenkung, in welche unsere Brüder in Galizien von kombiniert klerikal-antisemitischer Hand gejagt wurden, sie zu ziehen, erscheint uns fast utopistisch, wenn nicht diese ernste Arbeit mit großen Mitteln und Energie ausgenommen wird. Seitens der polnischen Antisemiten wird vor allem das Schlagwort „Heimische Industrie* ausgegeben. Allein diese Warenhäuser und jene Fabriken werden wohl dazu herhalten, um den Juden das letzte Stück Beschäftigung aus den Händen zu nehmen. Dies zu verhüten, insolange die christlich-polnische Alleinherrschaft noch nicht zur Tatsache geworden, erscheint uns als eine rettende Tat, ja eine Großtat, bei welcher der jüdische Arbeitgeber als Kapitalist, ebenso wie auch der jüdische Arbeitnehmer seine Rechnung finden wird. Unser Vorschlag geht dahin, eine jüdische Gesellschaft ins Leben zu rufen zum Zwecke der Industrialisierung Galiziens, Konsortien, wie solche, aus Engländern und Franzosen, zusammengesetzt, in den naphthareichen galizischen Ortschaften bereits bestehen. Die Produkte aus jenen Fabriken werden wieder jüdische Kaufleute und Kleinhändler abnehmeu und einen neuen Kreislauf Herstellen, der zum Leidwesen unserer Brüder noch nicht besteht. Die Frage, weshalb denn das galizische Israel vor 1867 und noch bis in die ersten achtziger Jahre des verfloffenen Jahrhunderts in der Lage war, die Seinigen ohne Industrie und Unterstützung zu ernähren, läßt sich wohl leicht damit beantworten, daß zur damaligen Zeit der Jude der Bankier des Edelmannes wie des Bauern war, somit leicht seinen Unterhalt fand, während wir heute eine Anzahl von Geldinstituten besitzen, welche ein Heer von Beamten reichlich besolden und Fonds für ihre Aktionäre häufen, deren Zahl aber in einer relativ geringen Proportion steht zur jüdischen Gesamtbevölkerung, zumal die unzähligen kleinen Geldverleiher auf dem Lande die in jüdischen Händen noch vorhandenen Kapitalien aus Furcht vor Verlust oder aber mangels industrieller Initiative in Effekten anlegten. Es soll aber damit nicht gesagt sein, daß der galizische Jude durchgehends für keinen produktiven Gedanken zu haben ist. Im Gegenteile, begrüßen wir freudigst die erkleckliche Anzahl von jüdischen Gutsbesitzern, Landwirten, Pächtern und Industriellen, die ganz ebenbürtig neben den raffiniertesten Schlachzizen sich zeigen dürfen, die wahrhafte Wunderdinge - auf galizischem Boden vollbracht haben, wie die Kolischer, Rosenstock rc. rc. Es darf auch nicht vergessen bleiben, daß ein Jude es war, welcher beim Fischkochen für Samstag die wunderbare Entdeckung des Petroleums machte und Galizien die erste Quelle des Millionenverdienstes zeigte, die nunmehr auch wieder polnisch-christlichen Landsleuten sehr gut zustattenkommt. Wir wollen nun diese Anregung schließen und zu einer anderen, nicht minder wichtigen übergehen: zur S e l b st h i l f e. Die Selbsthilfe ist nicht allein ein großes Wort, das man gelassen ausspricht, sondern die größte Tat, wenn man dieselbe energisch durchführt. Diese in der Geschichte der Menschheit Feuilleton. Jüdische Sonette. Ein Zyklus von Beda. 1. Das blanke Gold und nameufeiste Ehren Vermochten manchen unsres Stamms 31t blenden Und viele sahen wir wegab sich wenden, Um ihre Haut vor Not und Kot zn wehren. Wir können beiderlei recht gut entbehren: So die mit Gier und Geiz ihr Volkstum schänden, Als jene, die vor paar geballten Händen Dem Augestammteu ihren Rücken kehren. Mich dünkt sogar, die Scheiduug könnt' uns freuen: Sie rodet ans mit allen Unklarheiten Und sondert scharf die Schwachen von deu Treuen. Es nahen uns schwervange, dunkle Zeiten . . . Wir brauchen einen Sieb, um dnrchznseihen, Was zürn Berfanlen ist und was zürn Streiten! „Wir Jude« habelk schlechte Eigenschaften!" So hört ihr allerorts und allzeit klagen, Doch keiner lvill nach icite» Mängeln fragen, Die ihu, als Teil des Ganzen, selbst behafteu. Was ullsre Väter- Gutes, Schönes schafften, Vergessen wir als Werk voll toten Tagen, Und hellte — Großes skeptisch zn benagen, Heißt lltls „die Arbeit der Gewissenhaften". Ein jeder soll vor seiner Türe kehren Und schüttle Stallb voll feiltet’ eignen Sohle, Und so zu zeugen für die eig'ne Lehre! „Ein jeder rein vor Inda!" Die Parole Allein kann uns auch als ein Ganzes klären Und uns geleiten zum erträumten Wohle! 3. „Verschwindet, Inden!" Diese weise Lehre Erteilt' uns jiingst eilt philosophisch Weserk, ' Ulld ill der „Zuknllft" war es klar zu lesen, Verschont von Hardens sonst so scharfer Schere. WaS Volkstum, edler Stolz und nackte Ehre! Bor Qual, Verfolgltng, kurz von allem Bösen Gibt's einen sichern Weg, sich zu erlösen, Derr klltgen Weg, derl Weg der Deserteure. Der „Weise" gleicht dem Arzt, zu dessen Füßen Der Krallte sinkt, mn Hilfe zn erflehen, Da alle ihn ill seinem Leid verließen. Der Arzt bleibt eine Weile sinllend stehen Und meint danll: „Wollen Sie sich nicht erschießen? Ich glaube, so wird es am besten gehen!" 4. „Ihr seid doch alle krasse Utopisten! Wie könllt ihr Dichterträume ernstlich nehmen? Ihr Alteik llnö ihr Jungen könnt euch schämen, Statt stolz zu rufen: Wir silld Zionisten! Ihr helft doch rrnr den schlechtgesimtten Christen. Statt ihre Leidenschaftell zu bezähmen, Versuchet ihr, des Fortschritts Kraft au lähmen Und ballt euch Ghettomauern, ihr Sophisten!" Mit viel Geschrei urld wenig Ueverlegung Bedellken lllls mit solcherlei die „Zahmell", Urplötzlich in gewaltiger Erregung. „Jedwede Jndenpolitik ist Unsinn! Amen!" -und von der weltumspannenden Bewegung Ist ihnen grad zur Not bekannt — der Namen! Reifebriese aus Kanada.*) Der Westen Kanadas. Von Prof. Dr. Eugen v. P h i l i p p 0 v i ch. Eine Tatsache, die bisher, so weit ich zu urteilen vermag, in Oesterreich noch kaum gewürdigt worden ist, obwohl sie auch für uns wie für ganz Europa von Wichtigkeit ist, ist die Erschließung des Westens von Kanada. Man faßt unter dieser Bezeichnung die kanadischen Landgeviete zusammen, die westlich vom 95. Grad westlicher Breite und nördlich vom 49. Grad nördlicher Länge liegetk. Nicht das ganze ungeheure Gebiet von 1760 800 englischen Ouadratmeilen kommt für Besiedlungszwecke in Betracht. Unsere Anfmerksamkeit wird vor allein von der Provinz Manitoba und voll derr Distrikten Assiniboia, Alberta und Saskatschewan in Anspruch genommen, welche letztere Gebiete schon zu jenem Teil Kanadas gehören, der gewöhnlich als „nordlvestliche Territorien" bezeichnet wird. Manitoba umfaßt 116 021, Assiniboia 112 500, Alberta 106100, Saskatschewan 106 700 Quadratmeilen. Das sind zusammen 441321 Quadratlneilen. Es dürfte dieses Territorium an Ausdehnung llicht viel hinter dem europäischen Rußland zurückbleiben. Dazu wärell noch Teile von Athabasea zu rechnen, mit derren das hier als westliches Kanada bezeichnet Gebiet gewiß die Größe von Rußland erreicht. Und dieses ganze Land ist fiir den Betrieb der Landwirtschaft, für Getreidebau und Viehzucht in hohem Grade geeignet. Mehr als drei Viertel von Amerikas ganzem Hartweizenvoden liegen hier, nördlich des 49. Grades nördlicher Länge, der die Grenze zwischen den „Staaten" und Kanada bildet. Eine genaue Angabe der Größe dieses für den Weizetlbau geeiglleten Areals ist allerdings nicht möglich. In einer von dem Einwanderungsamt verbreiteten Broschüre wird behauptet, daß selbst nach sehr starken Abzügen *1 Wir publizieren mit Rücksicht auf jiidische Kolouisatiouspläne diesetl instruktiven Aufsatz der „Zeit". Red. d. „I. V."

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