Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lr»«ttorrr 11/8. Leopoldsgaste 2 a. Tekepho«^»». 14728, >m Mm ««qeataam kou 4 vt» 5 llhr «achmMaoä. ^bi»Rft: g8Mfl|tf M»P»Hirt<) «Vitt», 11(8. VirsqMKrdim »eg« »erw Steter oder g« nicht erfolgter gustellnna erSitterr ni dringend. - WbnwfnfM« Im («ft tu »ßcht »«NckgefteM. «»«vnrenfien-GHNto MWVl. An k«l »onnonent kann mm täglich rintrete». Erscheint jeden Freitag emttr Mwvtrrvmg der vom Milchen Volk», verein erwählten Prelvrommtsvon. »Ufentte Sv «nehmen die Airmeu! I. Vannederg» R. DvkeS, Haas«. Sein 4k «ogler, »udols «off«, N. Oppel». «. «ozsontzi, A. Schale» in Men, ferner all« Uttn»n«n.chrpedttton« im Uuälande. Mnzel-Wtnmmer in Wie» I« Heller. mmmb&imomrmmm>mmmm>mmm>m>>bmmmmm«m>mm>bbbmm«mmm>mmmm LdminMraKon r 11/8. Leopoldsgaste 2 a, Telephon.»«. 14788 Ubo««eMe»tSpreiS: Telephon.»«. 14788 SS« «ie» R. Oeflerretch.Unaar« sammt Fraucozoffeklung. GaaztShrtg Halbjährig BierteljSHrig Kr. 8.— : Lr FS« baS gefammte VluSlaaft sammt Arancozustellung. Ganzjährig . . . tzalbAhrig . . . vierteljShrtg . . Kr. 10.- * S.- , 210 Ur. 41 Wie«, V. Oktober 1904 (28. Mschri S66S). VI. Jahrgang. d IM trVW» mefay*» w.% <** rMMfe-4Jb'*to#»*e4MUUu8 Z«m sozialdemokratischen Tag in Salzburg. Der Salzburger sozialdemokratische Tag, sein Verlauf und sein Ergebnis haben wieder einmal deutlich bewiesen, daß unsere Auffassung des österreichischen Parteiwesens, unsere Kritik, die nicht Halt machte bei den bürgerlichen Parteien, sondern sich^auch auf die marxistische Sozialdemokratie ausdehnte, nur allzu berechtigt war. Immer und immer wieder haben lvir im Gegensätze zur „großen" Tagespresse einen scharfen Unterschied gemacht zwischen der sozialen Bewegung, dem Sozialismus im allgemeinen und zwischen der m a rx i st i s ch e n Sozialdemokratie im besonderen. Wiederholt haben wir auf deren Inkonsequenzen in der N a t i o n a l i t ä t e n- und Judenfrage hingewiesen. Wiederholt haben wir ferner gezeigt, daß die Juden schon infolge der sozialen Struktur ihres Volkskörpers ebensowenig eine kapitalistische als eine marxistische Politik verfolgen können und .daß die Sozialdemokratie, ganz abgesehen von allen übrigen Momenten, schon mit Rücksicht auf ihre Marxistisch e Grundlage es nicht vermöge, den Antisemitismus zu überwinden, geschweige denn die Juden frage zu lösen. Aber das Gros der österreichischen Juden blieb blind und taub für alle Vorgänge im marxistischen Lager und für alle Strömungen und Unterströmungen im Sozialismus. So wie einst die Juden Oesterreichs ihr Schicksal an die „liberale" Partei ketteten und auch dann diese Partei nicht verließen, als deren nationale und wirtschaftliche Politik den Rassen- und wirtschaftlichen Antisemitismus gezüchtet hatte, und sie sogar sich mit deren Repräsentanten vereinigten, ganz dasselbe traurige Spiel setzt man nun mit der marxistischen Sozialdemokratie fort. Mit Stimmen und Geld und mit dem ganzen Machtapparat der kapitalistischen Presse fördert mcmr?]oon der haute finance bis zum letzten jüdischen Hausierer die marxistische Sozialdemokratie in dem törichten Glauben, durch die „ehernen Tritte der Arbeiterbataillone" den Antisemiten Furcht einzujagen und die österreichischen Machthaber es büßen zu lassen, daß sie die Christlichsozialen als „lieb Kind" behandeln. Wenn die Führer der österreichischen. Judenschaft nur einen Funken politischen Verständnisses'aufzuweisen Feuilleton. Der Antisemit.*) Eine Charakterstuöie. Von G. v. Forell (Luzern). .„u (Fortsetzung.) „Ach was, Abel!" pflegte er zu sagen, „Wir sind alle aus demselben Holze geschnitzt!" Eine solche Stimmung hielt aber in der Regel nur zehn Minuten vordenn im Grunöe fühlte er sich als Negiernngsrat natürlich als Aristokrat. In dieser Hinsicht machte er es, wie alle die Menschen, die sich nicht entschließen können, sich eine eigene Meinung zu verschaffen, weil sie sich dann zu einer Bestimmten Partei schlagen müssen: er hielt sich Ansichten mit doppeltem Boden. Vierzehn Tage nach jener Begegnung erhielt er vom Grafen eine Einladung zum Diner, die von einigen liebenswürdigen Zeilen begleitet war: „Er habe ihn zwar noch nicht besucht, aber unter alten Kameraden usw." Das rührte unseres Antisemiten hart gewordenes Herz, ohne daß er es sich etngestehen wollte. Im Gegenteil: er murmelte etwas von Leuten, die sich aufdrängen usw., setzte sich indes am nächsten Tage in die Droschke, ausgerüstet mit neuem Zylinder und nellen Glacees. Er wußte doch auch noch zu leben! Wie er so im Wagen lehnte, die Beine übereinander geschlagen, den kleinen, dunklen Schnurrbart aufgestrüubt und leicht gekräuselt, den Hut ein klein wenig auf die Seite gerückt, hatte er wirklich etwas vornehmes, zumal er die Lippen recht pövelverttchtlich — was er als Antisemit ansgebildet hatte — zu verziehen verstand^ Er sah gut aus, hatte einen aristokratisch schmalen Kopf, eine leicht gebogene Nase, volles haben und ihrer Geschicklichkeit in geschäftsmännischer Tätigkeit nicht eine gleich große Ungeschicklichkeit auf politischem Gebiete entgegensetzen würden, dann müßten sie nach dem Salzburger Parteitag der marxistischen Sozialdemokratie reuig die Hand an die Brust schlagen und wehmütig ausrufen: ,Nostra culpa, nostra maxima culpa.“ * . * Was ist das Ergebnis dieses Kongresses? Das offene Eingeständnis der marxistischen Führer, nicht etwa nur, nicht zu wissen, wie der Zukunftsstaat aussieht, (danach zu fragen ist ja nach marxistischer Auffassung eine Narrheit und für eine mit dem kapitalistisch-liberalen und dentschnationalen Klüngel verbündete Partei überflüssig, ja sogar schädlich), sondern auch nicht zu wissen, was in dem unglückseligen Gegemvartsstaate Oesterreichs zu unternehmen sei. Eine Partei, welche erklärt, allein imstande zu sein, den politischen und sozialen Fortschritt herbeizuführen und den großen Augiasstall in Oesterreich zu säubern, und deren Wortführer sich auf der anderen Seite beklagen über diesen boshaften, versumpften Staat, der nich teinmal „eine Handhabe bietet, anznfassen", sich gegenseitig „Komödienspiel und Unwissenheit", „was zu tun ist", vorwerfer: und auf deren Kongreß die Einsetzung einer Kommission zur Erforschung der Ursachen der Stagnation in ihren Reihen gefordert wird, hat alle Ursache, in Zukunft weniger prätenziös aufzutreten. Mit diesem Parteitage hat sich diese Partei, die behauptet, ihr Programm zur Losung der sozialen Frage beruhe auf dem Fundament der Wissenschaft, des Rechtes begeben, als die einzige und zielbewußte Wortführerin der arbeitenden Stände aufzntreten, als jene Partei, die' berufen ist, den Ausweg aus den allgemeinen Wirrsal zu weisen. Vorläufig herrscht das Wirrsal in der marxistischen Partei selbst, die aber nicht über die eig entli ch en Ursachen ihrer Stagnation sich Rechenschaft geben will. Würden.die marxistischen Führer,die so oft betonte Selbstkritik nicht nur im Munde führen, sondern einer-wirklichen Kritik zugänglich sein und die Kritiker in und außerhalb des eigenen Lagers nicht brutal vergewaltigen, anstatt anzuhören, dann würden die Ursachen der Stagnation klar vor ihren Augen liegen; die Verständnislosigkeit gegenüber dem österreichischen National ft a a t e n pro b l e m e, das gänzliche Nichterfassen und teilweise Leugnen der Judenfrage, welche noch verschlimmert wird durch den Terrorismus der jüdischen und nichtjüdischen Führer *1 Aus der „Frankfurter Zeitung". dunkles Haar. Und seine ehrlich offenen Züge sowie seine fast fanatisch düsteren Augen verrieten, daß hier Geisteskräfte brach lagen, die zu wecken sich wohl der Mühe lohnen würde. Als er vor dem schönen Hause des Grafen in der Hünöelstraße vorfuhr, fiel ihm ein, daß sein ehemaliger Vorgesetzter kein sehr großes Vermögen gehabt, nach der Wohnung zu schließen also eine sehr gute Partie gemacht haben müsse. Die Gräfin empfing ihn sehr liebenswürdig und mit großer Natürlichkeit. Trotzdem dauerte es lange, ehe er seine Verlegenheit überwunden hatte. Er bemerkte jetzt erst mit Schrecken, wie fremd ihm der leichte Umgangston der Gesellschaft geworden. Und mit geistreichen Frauen war er überhaupt noch nie zusammengekommen. In den Beamtenfamilten, in denen er verkehrt hatte/war das Hervortreten der Fran nicht üblich. Und die Gräfin war geistreich, ohne daß sie es besonders heryorkehrte. Im Gegenteil, da sie sofort begriff, wetz Geistes Kind er war, drückte sie den ihren auf das Niveau des seinen herab. Nur das lebhafte Mienenspiel und die zuweilen aufblttzenöen Augen verrieten, daß ihr lebhafter Geist sich nur mühsam in die Situation hineinschrauvte. Die Gräfin war mittelgroß, voll, nicht eigentlich schön. Dafür war ihr Gesicht zn scharf geschnitten, die Nase zu kühn gebogen. Aber um so interessanter erschien es. Und die Augen, die immer etwas zu suchen schienen — was denn nur — ein Ideal? — waren gewiß schon manchem gefährlich geworden. .Sie hatte ohne Frage etwas exotisches, vielleicht spanisches Blut in den Adern,' das tiefschwarze Haar und der leicht gelbliche Teint waren schwerlich germanischen Ursprungs. Der Graf, erinnerte sich der Negiernngsrat, war viel gereist. ' Aber wie kam er nur zu dieser Frau, da er, wenn auch gerade, kein dummer, so doch ein rechter Durchschnittsmensch war. Der Grafentitel spielt ja allerdings in unserer demokratischen Zeit noch immer eine große Rolle. Vielleicht war gegen alle nicht nach der marxistischen Schablone denkenden Sozialisten, sowie endlich durch ihr starres Festhalten an den schon längst abgetanen marxistischen Thesen. Diese Momente alle haben es dahm gebracht, daß die vom Sozialismus n i ch t durchdrungenen, Elementeder Arbeiterschaft, die der marxistischen Partei als der „einzigen Arbeiterpartei" sich vorübergehend anschlossen, abgestoßen von dem sich Parteidisziplin nennender: Terror, den christlichsozialen und dentschnationalen Gauklerr: anheimsteler:. Sind diese mm, wie deren Organe schon frühzeitig jubelnd verkürrden, die einzigen Erber: der marxistischen Sozialdemokratie.? Ir: S a l z bu r g rvurde von sozialdemokratischer Seite auch auf einer: anderer: Faktor hingerviesen, der die marxistischer: Zirkel störe. Es sind dies die „freier: Soziaiisten", derer: Zentralorgan die in Falkenau erscheir:er:der: „Freien Worte" sind. Die fr ei e n Sozial ist e n, v erw erfen die ganzen bisherigen Grundlagen d e s M a r x i s m u s und betrachte:: als die Kerrrfrage einer modern-sozialistischen Bewegung die Verbindung der Bodenreform mit G erv erks ch aste r: und Genoss er: s ch a f t e n, also eine Tätigkeit, die keineswegs die Proletarisiernng des Mittelstarkes notwendig rnacht und im Rahmen der heutigen Wirtschaftsordnung ohne Revolution möglich ist. Auf dem sozialdemokratischer: Parteitage erklärten die Führer übereinstimmend, daß Oesterreich derart versumpft sei, daß die sozialdemokratische Parte: keinerlei Arbeiter: zu. verrichten imstande sei, die den Staat aus diesem Sumpfe heransziehen könne. Für eine prinzipiell opposition el l e Gruppe, die die wirtschaftliche Befreiung der arbeitenden Schichten nur unter Voraussetzung der Eroberung der politischen Macht für möglich hält, klingt dieses Geständnis komisch genug, da doch gerade die kranken wirtschaftlichen und politischen Zustände sowie der nationale Wirrwarr direkt die Ar beit dieser Opposition heraussordern und fördern und für eine gesunde und sozialisttische Bewegung den besten Nährboden abgeben würden. Alle diese Fehler des marxistischen Sozialismus, von denen die Christlichsozialen, Deutsch- und Slawischnationalen förmlich leben, scheint die Freisozialbewegung, wie aus ihrem Organ „F r e i e W o r t e" ersichtlich ist, erkannt zu haben. Sie erstreben faktisch, vor: der Voraussetzupg ausgehend, daß Oesterreich viel zu lebenskräftig ist, als daß dessen Zerfall in absehbarer Zukunft zu befürchten die Gräfin eine Amerikanerin? Die Amerikanerinnen sollen ja schrecklich wappennärrisch sein. Ja, ja, die Aristokratie war nicht so leicht anszurotten, wie die Herren Demokraten hofften. Auch der Bürgerliche braucht die Vornehmen, um sich an ihnen zu erbauen. Trotz aller Gewandtheit der Gräfin drohte die Unterhaltuüg auf den toten Strang zu geraten. Da trat der Graf ein, Auf den ersten Blick fiel dem Besucher auf, welch ungleichartiges Paar doch die beiden Gatten abgaben: der Graf erschien ihm wie eirr Landjrrnker, der sich mit einem guten Abendessen, einer Partie Whist und einem schönen Mondscheinabend im Park vollarrf zufrieden gibt. Da war am Ende die Einladung auf die Gräfin, weniger auf den Grafen zurückzuführen. Sollte sie vielleicht in ihn verliebt-Unser Antisemit war eitel genug, um auf diesen Gedanken zu kommen, aber doch nicht närrisch genug, ihn gleich zu Ende zu denken. Auch muß zu seiner Entschädigung angeführt werderr, daß er selten mit Frauen zusammenkam. Immerhin: warum sollte die Gräfin nicht kpkett sein? Ausgefttllt wurde ihr Leber: durch diesen Mann schwerlich, und von der Korruption in den obersten Kreisen wurde ja so viel geredet. Nachdem er noch einige höfliche Redensarten mit dem Grafen getauscht, verabschiedete sich der Negiernngsrat, froh, so schnell losgekornmen zu sein, und stellte sich gleich vor das nächste Schaufenster, um zu sehen, welchen Eindruck er gemacht haben könne. Wahrhaftig, er sah jetzt so recht, wie gut er gewachsen rvar, hoch und breit. Und er freute sich, daß er.noch eine tadellose Figur und nicht den üblichen Bierbauch hatte, der bet Siechen Signatur der Stammgäste und Philister war, Zeichen von Wohlhabenheit und Würde. Seine lebhafte Phantasie, die ihn ja auch im Judenhaß zrun Extrem geführt hatte, fing an, ihrn allerlei vorzumalen: Nein, nein, ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau,