Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lrd«ttoi»r H/8. Leopoldsgasse 2 a. Telephon-N,. 14798. U»r«chft»U»e»r aut Murttmaaen »on 4 btf 6 vhr nachmtttaa» »8»N»e» «sMtetatt, Wiem, U,8. W»k0,k»»rdr« oder gar nicht «kfolater Kchewma eroitttv Ntt iki bttaoeob. - Mamforffliic teert«* Nicht tNrünäefteÜt. S»DpareWfi«»r»«to H4MR7. g» da» Mowmnml kam» «an t»glich eiutretm. —.-■■■'■■ ■' ■ —...-.- ■■ ■ ■ ♦ MM jeden KÄng «tritt MMoirkrmg Vtt vom MMtzen Volk»- vsrrw ervrStzlbm KeeyttommssMm. HttMtt übernehme» feie Air»»! A Ssanrtoa, St «vite», Haas«» stete 4, Vogl«, «ubolf «ofse. «. Opperz «. ft) jtotutf, «. «cha« te «te», fern« alle Slmumtta»Lrpeditto««n im «u«aade. Gi»Kel°Or»m«er i» Wie» IG Heller. onan« Xd«tntlkstton: U/S. Leopoldsgssse 2». «eiehho».«-. 14798 «bounementSpreiSr r-eepho«.Rr. 14798 SS» nt« tu ve«erreich«UugarN fontsti SrsocoMellung. Ganztährtg itährig Or.8.— Für das llefarmNte A»SU«d sammt Francozustrllmtg. e<mGhrtg... Mt. 10.- 958 Ur. 40 Mir«, 30. September 1904 (81. Ttschri 5665). VI. Jahrgang. D Ungarische Impressionen. I. Wenn dar Wort gilt: „Willst den Dichter du verstehn, mußt in Dichters Lande gehn," gilt noch vielmehr das Wort: „Willst du de» Politiker verstehn, mußt du in das Land des Politikers gehv." Ich habe das neulich bei meinem Aufenthalte in Ungarn erfahren. Nicht als ob mir die ungarischen Verhältnisse ganz fremd gewesen wären und nicht als ob ich dort bei meinem Aufenthalte grundverschiedene Eindrücke empfangen hätte — aber ich muß offen gestehen, daß ich in einigen Punkten meine Anschauungen berichtigen mußte. Wenn ich geistreicheln wollte, so würde ich sagen: Es ist nicht so arg, sonder« — viel ärger. 8s ist nicht so arg, wie man in der unabhängigen nichtungarischen Presse liest; denn die Praxis mildert viele Gesetze und Verordnungen, die auf dem Papiere jedem Objektiven höchst ungerecht erscheinen müffen. Nehmen wir zum Beispiel eine der ungarischesten Institutionen: die Honveds, die.ungarische Landwehr. Bekanntlich besteht bei dieser nicht nur das magyarische Kommando, sondern auch in allen Zweigen des Dienstes und des Verkehres mit auswärtigen Aemtern wird nur die magyarische Sprache gepflegt. Dies ist gewiß eine Ungerechtigkeit auf dev ersten Blick, wenn man bedenkt, daß eine bedeutende Minorität der Bewohner Ungarns (wenn nicht die Majorität) nicht dem magyarischen Stamme angehört. Aber in der Praxis sieht die Sache anders aus. ES werden den, verschiedenen Nationalitäten Konzessionen im Gebrauche ihrer Spräche gemacht, die zwar «icht gesetzlich verbrieft sind; aber deshalb doch ebenso tatsächlich existieren, wie verschiedene Gesetze eben nur auf dem Papier stehen. Ich will nun durchaus nicht behaupten, daß diese Konzessionen aus Liebe für die Nationalität oder aus Gerechtigkeitsgefühl gemacht werden (ich bin sogar von dem geraden Gegenteil überzeugt), aber das bleibt sich schließlich für den Effekt gleich. Der Honvedpaß wird nicht nur in der magyarischen Staatssprache, sondern auch in der Sprache der betreffenden Nationalität ausgestellt. Das Kommando ist allerdings rein magyarisch, aber die sonstigen Erklärungen, Befehle und Erläuterungen werden in der Muttersprache gegeben, der die Mehrzahl der Soldaten angehört, und diese Muttersprache ist eben in vielen^ sehr vielen Regimentern nicht die magyarische. So bildet sich auch bei den Honveds derselbe Zustand heraus wie bei der gemeinsamen Armee. Dort besteht außer der deutschen „Armeesprache" bei den meisten Regimentern «ine oder sogar mehrere nichtdeutsche „RegimentssPrachen".So ist es Feuilleton. Brief eines jüdischen Soldaten vom Schlnchtselde. Mukdeo, Ende August. Lieber Freund! . Mei» kranker Fuß beginnt zu heilen. Der Arzt erlaubt mir schon, eine Stunde lang im Spitalgarten herumzugehen, d. h. herumzuhinken. Diese kurzen Spaziergänge tun mir besonders wohl, denn das ewige Einatmen von Karbol- und Jodoformgeruch, das Anhören des Aechzens und StöhnenS so vieler mit dem Tode ringender Menschen kau» ein Mensch mit Nerven und Gefühl nicht lange auShalten. Noch trauriger als die Tage find die Nächte im Hospital. An eine» Schlaf ist nicht zu denke«. Kaum schließe ich meine Auge« und beginne zu schlummern, werde ich von einem eigenartigen Geräusch aufgeschreckt. Ich öffne die Augeu und sehe, wie ein Transport von Opfern der „Friedensliebe" Kaiser Nikolaus' lärmend in die leeren Betten befördert wird: lauter zerschossene Leiber, ohne Fuß oder ohne Hand. Mitunter fehlt beides. Und so geht es Nacht für Nacht. Anfangs fragte ich mich bei jedem neuen Transpott: Wieso können in diesem kleinen Hospital so viel Menschen uutergebracht werden? Manchmal schien es Mir, daß das kleine Spital in Mukden mit der wunderbaren Eigenschaft, „sichnachBedarfauszudehnen", ausgestattet sei, wie Jerusalem zur Zeit der drei großen Jahresfeste, da sämtliche Juden in den heiligen Tempel wallten. Ich fand jedoch bald, daß im Mukdeuer Spital alles ganz natürlich zugeht. Die verwundete» und kranken Soldaten besitzen nämlich, trotzdem sie nicht aufgehört haben, ruffische Soldaten zu sein, mehr „Edelmut", als ihnen im allgemeinen zugemutet wird. Sie wissen ganz gut, daß unter dem Zwange der Verhältnisse auch bei den Honveds, ohne daß es gesetzlich fixiert wäre. Allerdings tut man für die magyarische Sprache noch «in übriges. Man hält eigene Kurse mit den Soldaten zur Erlernung der magyarischen Sprache ab. Aber damit erleichtert man nur dem eine» oder dem anderen die Möglichkeit, später vielleicht auch sein Brot in magyarischen Gegenden zu verdienen. Aber eutnationalisiere« kann man auf diesem Wege eine geschlossene Masse nicht. Und die Bauernschaft der verschiedenen Nationalitäten bildet eine solche geschlossene Masse. Ich will durchaus nicht leugne«, daß die Magyarifierungspolitik Erfolge erzielt hätte. Aber diese Erfolge erstrecken sich nur auf Städte und in den Städten nur auf die sogenannte Intelligenz und auf den Kaufmanvsstand, dessen größter Teil durch die Juden repräsentiert wird. Beamter kan« in Ungarn nur ein Magyare oder ein Magyare sein wollender, oder ein Magyare sein sollender werden. Und da der ungarische Staat eine große Zahl von Beamten aller Art hält (um so schlechter bezahlt er sie) uvd der Beamte in Ungarn wie in jedem noch wenig entwickelten Staate eine große Macht hat, so haben auch Städte, die in ihren Firmentafeln vielleicht 99°/0 uichtungarische Namen aufweisen, einen magyarischen Anstrich und magyarische — Abgeordnete. Damit ist den politischen Tendenzen der herrschenden magyarischen Nation Genüge getan. Ein wirkliches magyarisches Geistesleben entwickelt sich aber selbst in den Städten nicht; die Kultur steht daher auf einem niedrigeren Niveau als selbst in dem benachbarten Oesterreich. Das ist ein Krebsschaden, den derbegeistertste Verfechter der Fiktion einer einzigen magyarischen politischen Nation j nicht hinwegleugn«» kann. Und erst auf dem-flachen Lande. Da sieht man (speziell in der Gegend, wo ich weilte) eine geschlossene slavische Masse, die zu verdauen selbst ein magyarischer Magen nicht imstande ist. Das ist zu starker Paprika. Was dem Bauer an einer spezifischen nationalen Kultur abgehen mag, das ersetzt er durch seine Zähigkeit, Hartnäckigkeit Und seinen Konservatismus. Er läßt die Herren in der Stadt ruhig ihre magyarischen Künste treiben, läßt ruhig allerlei magyarische Verordnungen über sich ergehen und bleibt doch der, der er war. Allerdings entschließt er sich nur selten «nd nur höchst ungern zu einer faktische« Opposition; aber wen» Tisza wirklich von allen guten Geistern so verlaffen ist, daß er in ihren Dorfschule« den Unterricht in der Muttersprache beschränken will, so wird er auch das erleben. Eine auffallend geringe Rolle spielen die Juden sowohl in politischer als anch in gesellschaftlicher Beziehung. Man darf sich da nicht durch den Umstand täuschen lassen, daß es verhältnismäßig vielen jüdischen „Machern" gelingt, Abgebald nach ihnen wieder andere in das Spital gebracht werden sollen, und so sterben sie ohne Murren und ohne Widerrede, um ihre Bette« ihren «achkommeuden Kameraden zu überlassen... Mit mir scheint der Todesengel ein wenig „Einsehen" zu haben, er behandelt mich etwas „rücksichtsvoller" wie die anderen. Genau wie in Port Arthur macht er eS mit mir hier in Mukden. So oft er seinen Weg durch das Hospital nimmt, überspringt er ostentativ mein Bett. Unter »ns gesagt, bin ich dem Todesengel für diese Rücksichtnahme gar nicht dankbar. Denn hat er schon ein Drittel meines rechten Beines an sich genommen, so wäre es schon viel besser, er nähme mich im ganzen mit. Er scheint z» vergessen, daß ich ein — jüdischer Soldat bin und daß es jüdischen Soldaten, die ganz oder nur teilweise de« Krieg überleben, ganz anders, ergeht, wie christliche« Soldaten. Der christlicho Soldat findet, wenn er aus dem Kriege zurückkehrt, wirklich ein Heim, der jüdische Soldat hingegen höchstens eine Wohnung auf Z eit, aus welcher ih« der „Besitzer" zu jeder Zeit verjagen kann. Kehrt Iwan der Raffe «ach absolvierter Tätigkeit in seinem Regiment« mit heiler Haut zurück, so nimmt er sich wieder z« seiner Landwirtschaft, bearbeitet sein Stück Feld, das ihm sein Auskommen bietet. Hat aber Awromel, I tz i g l oder I a n k e l das Glück, aus der kaiserlichen Schlachtbank unversehrt heimzukehre«, ist er gezwungen, wieder ein „Luftmensch" zu werden, um sich von der Luft zu ernähre«, vorausgesetzt, daß er für diese Luft hunderterlei Abgaben entrichtet, von deren Existenz Iwan der Ruffe gar keine Ahnung hat. Iwan der Ruffe hat auch andere Auswege. Ist sei« Feld für seine Familie zu klein oder zu mager geworden, so läßt er seine Familie zurück, macht eine Rundreise durch andere Gouvernemeut-, bis er irgendwo Arbeit findet. Ganz Rußland steht ihm offen! Awromel, Jtzigl oder Jankel hingegen kann, falls die „Lust" auf seinem Aufenthaltsorte für seine Familie nicht mehr ausreicht, solche Rundreisen in andere Gouvernements nicht machen, denn die russische Gesetzgebung ordnetenmandate zu erringen. Di^e Mandate verdanken ste nicht den Joden und die Juden verdanken nichts diesen Ma«- dataren. DaS jüdische Solidaritätsgefühl ist hier, sehr wenig entwickelt. Der Jude ist im allgemeinen zufrieden, wenn er ungestört sein Geschäft betreiben kann, hie und da schwingt er sich sogar dazu auf, in Sachen seiner jüdischen Gemeinde Stellung zu nehmen, aber weiter reicht sein Gesichtskreiselten. Eine organisierte politisch-antisemitische Partei gibt es bekanntlich hier nicht; aber Nichtorganisierte ungarische Antisemiten gibt es genug. Dieses Geheimnis hütet aber der ungarische Jude im allgemeinen sehr sorgfältig vor den Fremde«. Aber man braucht nicht lange in Ungarn zu weilen, um ihm auf die Spur zu kommen. Alles in allem kam ich zu dem Schluffe, daß die Zustände in Ungar» allerdings nicht so rosig sind, wie die magyarischen und freiwillig-magyarischen Blätter schildern, daß aber die Nationalitätenbewegung eine viel langsamere Entwicklung nehmen wird, wie die antimagyarischen Blätter glauben und — hoffen. Aus Sachsen. (Antisemitismus und Sozialdemokratie. — Mittelstandspolitik. — „Leipziger Tageblatt".) Der Sieg der sozialistischen Partei in allen Wahlkreisen Sachsens beherrscht heute die allgemeine Begeisterung nicht mehr. Solche „Begeisterungsersch'einungen" halten nie lange an, denn das wahre Wesen der- Sozialdemokratie ist im Mittelstände auch erkannt imb die Neigung zum Antisemitismus nun einmal in dieser Gruppe unüberwindbar. Wir haben es bei der Nachwahl in Zschpppau gesehen. Daß dieser Kreis in die Hände der Antisemiten gelangte, liegt nicht an der Kandidatenfrage, denn Mhre oder Pinkau — das war,ganz gleich— sie konnten nicht siegen! Der verstorbene Abgeordnete R o f e n o w hat t selbst die Schuld daran; er war eine Art Antisemit, wie viele Sozialdemokraten — nämlich parteiprogrammäßig ein Gegner des Antisemitismus, aber als Mensche und Privatmann durch und durch Antisemit. Der verstorbene Mg. Franz H o f m a n n hat einmal gesagt: R o s e n o w macht sein Kreuz, wenn er 'n'en Juden in seiner Nähe hat! Hieran ist Wahrheit. Rosenows Schwiegervater, der Buchdruckereibesitzer Lüdewig, wurde, als er aus der Partei schied, auch ein stiller Antisemit — und Rosenow selbst hat mehrfach in Zschoppau zu allerhand Elementen geäußert: Ein Antisemit ist Mir schließlich lieber wie ein Judenliberaler! Eine solche und ähnliche Aeußerungen sind nicht selten bei den hat diese anderen Gouvernements für ihn mit tausend Verordnungen und Verboten gewiffermaßen umzäunt. An der Grenze „seines" Gouvernements starrt dem Jude» das Verbot entgegen: „Bis hierher und nicht weiter!" Kehrt Iwan als Invalide vom Kriege zurück, so ist er auch nicht verloren: er kann Aufseher, Polizeidiener rc. werde». Für Awromel und seine Stammesbrüder aber hat Rußland keine solchen - Stellen zu vergeben, wenn sie ganz gesund, geschweige denn wenn sie invalid sind... . Wie du siehst, habe ich, lieber Freund, gar keine Ursache, dem Todesengel für seinen Edelmut dankbar zu sei«. Es wäre mir wohler gewesen, hätte mich seine Kugel mitten'ins Herz getroffen, anstatt mir ein Bein wegzuschießen. Ich läge jetzt irgendwo mit meinen Kameraden in einer Grube verscharrt, die mandschurischen Würmer hätten sich an unsere« Weichteilen gütlich getan und wir hätten uns inzwischen Geschichten Über die „Heldentaten" der russischen Armee im fernen Osten zum besten gegeben. Aber jetzt ists mir, ehrlich gestanden, gar nicht so wohlig zumute! Ich kan» mir. die Ehrenbezeugungen und Unterstützungen, die meiner bei meiner Heimkehr in Kischenew harren, lebhaft vorstellen. Am ersten Sabbat werde ich zur Thora gerufen werden, u. M „vor Acharon", eine andere „Aliah" ist zu vornehm. Bei dieser Gelegenheit werde ich.Gomel benschen", das heißt Gott danken müffen für die wundervolle Errettung. Tags darauf werde ich dann ansangen, einen Erwerb zu „suchen", und ich weiß es im vorhinein, daß ich denselben Erwerb wiederfinden werde, den ich zurückließ, als ich in den Krieg zog, nämlich dicke und dünne Luft! Aber wir Juden in Rußland haben ein eigenartiges Geschick! Sogar um Luft zu suchen, muß man unversehrt und gesund sein! Man muß dazu ganze, starke Beine zum Laufen «nd beide Hände zum — Fangen haben. Es gibt bei uns Juden gar so viele Luftschlösser und auch diese Luf wird ihnen von der Regierung nur spärlich zugemessen. Des halb herrscht die große Not: man sucht und drängt sich, eine