Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 39 (23.9.1904)
- Date
- 1904-09-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jeden Freitag Rrd«tton: II/8. Lsopol-Vgasss 2». Telephon-Nk. 147»« ta »on 4 dl» 5 Uhr nachmtttaa». «„», 11(8. »,schw«»»« »ea« »etzpätet« »da zar nicht erfokater gustellmlg «rötttn, »u ttt» drta«ead. - MBMtteewI« ütrtui irtriR NMUk-efteM. Prß1p«resffm»U«lt, »47017, In da» KBomttsntttl kann «an täglich etntretm. «ü»r MrvvttKnng der vom W-Achen Volksvmervr rrwSHUr» PrryttommisMm. Bafttsll üderurhmen dl« Staunt I. »amt ed erg, 8. »«re», Haas««« ßta * Beate, Rudolf Mo ff«. 9. Op-rlik, M Pozsontzt. A. Schate ta «len, ferner alle «nnoncm-Srpebtttoue» tat KuJlanbe. Gimzel-r««mer i» Wie« 16 Heller. Ldminiftratton r n/8. Leopoldsgasts 2«. relephomNr. 147»» Abo»ue«e«tSpreiS r rele-hon-Nr. 147»» Für 8fn tu Vefterreich'Ungarn gür ball gefammte NnSlanll samml Franco»ustelluna. säumt Franeozustellung. «r.S.- San,jährig . BierteljShrig Kr. 10.- , &C- " »Lv i Kr. 39 Wien» 83. September 1904 <14. Tischri 8665). VI. Jahrgang. Jüdische Gotteshäuser. Bor wenigen Wochen hat die Affäre des Overhofmeisters eines jüdischen Gottesdienstes zuschaüön kann. In den kleineren, noch echt jüdischen Gemeinden mag es ja noch der Fall sein, daß die Synagoge ein Haus ist, welches, auch der deutschen Kaiserin, des Grafen Mirbach, viel, sehr viel am Neujahrs- und Bersöhnungsfeste, für jeden, der da Jude Staub aufgewirbelt, und speziell die deutschen, österreichischen' ist und an einen einzig einigen Gott glaubt, offen steht, ob und anderen „Juöenblätter" konnten nicht genug über dem er nun Geld hat oder nicht, ob er ein Heimischer oder Fremder Fall berichten. Graf Mirbach Hat eine Anzahl protestantiist. In den anderen, den großen, modernen Gemeinden aber: scher Kirchen erbaut, das Geld hierzu — manchmal auch in ist es eben nur den wenigen, mit Glttcksgtttern gesegneten etwas zudringlicher Weise — von laueren Protestanten, von Auserlesenen gestattet, in den Gemeinöetempel zu gelangen j Katholiken und sogar vonJnöen erbeten und gewissermaßen als! und wenn irgend einer, in seiner Einfalt glaubend, daß in i Belohnung den Spendern besonders großer Beträge Orden ein jüdisches Gotteshaus zu gehen jeder Jude berechtigt sei, und Titel verschafft. Die protestantischen Kirchenbauvereine,' auch ohne Entreekarte unbedingt mindestens zum Maskirj zu deren Gunsten das Geld eingeflossen ist, haben sofort die gebete in den Tempel gehen will, so kann es ihm leicht, sehr! Zurückgabe der gestifteten Summen an die „Bankiers" und leicht passieren, daß er den Bersöhnungstag wohl bis zum ' alle jene, bei welchen angenommen werden kann, daß die' Schlüsse fasten kann, aber nicht im Tempel, sondern im Po- Spenden nicht freiwillig kamen, angeorönet, und es wurde von lizeiarreste. Denn unsere jüdischen Tempel müssen ja durch hervorragender Seite betont: „lieber der Gottesdienst in einer1 Polizeigewalt nicht etwa vor Judenfeinden, sondern vor dem reinen Scheune als in aus unlauteren Mitteln erbauten Ka-' Ansturm jüdischer Beter geschützt werden! Außer ihren Getheöralen". Es muß aber besonders betont werden, daß die meinöetempeln sorgt die „jüdische Gemeinde" nicht für das einzelnen, auch die Stifter der größten Summen, keine, aber religiöse Bedürfnis der Massen und überläßt dessen Befriedigar keine Rechte an den neuerbauten Kirchen hatten. So gung dem Privarfleiße. So finden wir auch in diesen Tagen haben wohl die Protestanten den Makel, der eventuell in der in Wien, Budapest usw. alle erdenklichen Lokalitäten, von den ganzen Affäre an ihrer Kirchenverwaltung haftete, bereits großen Kuppelsälen der Vereine bis zu leerstehenden Kellervollkommen gelöscht und auch die „I u ö e n b l ä t t e r" müssen' räumlichkeiten dem jüdischen Gottesdienste geweiht. Im größlangsam das ihnen lo liebe Thema verlassen. Es ist eben 1 ten politischen Witzblatte Ungarns, dem „Borszem Janko", eine psychologisch leicht erklärliche Vorliebe jüdischer und' war vor wenigen Tagen ein sehr bezeichnendes Bild zu sehen, judenstämmlicher Journalisten, sich gerne mit den Angelegen-' Ein Lanömann in einem Vororte Budapests baut zu seiner hetten der christlichen Konfessionen zu befassen, um auf diese; Holzscheune eine Stiege, und auf die Frage eines Passanten Art zu beweisen, daß sie eigentlich, nur durch den Zufall der' erwidert der biedere Bacsi, daß heuer der Kukuruz mißraten Gebürt Juden, sonst, aber der Erziehung, dhn Anschauungen sei und er daher ans.der WckmWMenne ein Möisches Bethaus und der Schreibart nach „gut christlich" sind. Und doch hätten mache . . .! Die Errichtung von Stätten^ wo die jüdischen diese und alle anderen Herren viel, viel mehr an der heutigen * Gemeindemitglieder an ihren Höchsten Feiertagen ihren reli- Art der jüdischen Gottesdienste auszusetzen, denn es herrschen' giösen Pflichten obliegen, welche doch die erste und notwendigste bei uns Juden solche Zustände, welche mtt dem Worte Skandals Aufgabe jliöischer Gemeinden wäre, ist heute in den Grotznur ungenügend bezeichnet sind. Es ist jetzt die Zett öer.stäöten eben ein bloßes Gewerbe geworden, wobei der Untergroßen Herbstfeiertage und darum mutz wieder einmal diese nehmer aus dem Gelde der Frommen, Md gar mancher Hand-' Frage in ihrer ganzen traurigen Form besprochen werden.! werker und kleine Geschäftsmann darbt sich schwer die etlichen Gibt es überhaupt jüdische „Gotteshäuser"? Wenn man Kronen für den Sitz ab, einen ganz hübschen Betrag verdient, unter einem Gotteshause einen Ort versteht, wo Leute, welche j Was geschieht aber mit den vißlen Tausenden, welche kein Geld, > derselben Religion angehören und denselben Glauben haben,' weder für einen Sitznoch für einen Stehplatz, besitzen und doch frei und ungehindert im heißen Gebete zu ihrem Gotte beten gerne zu ihrem Gotte beten möchten, was mtt den Kindern, > können, so müssen wir diese Frage mtt einem entschiedenen' deren Eltern in der Fremde sind, was mtt den Witwen und „Nein" beantworten. Wohl gibt es aber Erwerbsunterneh- > den Waisen, den Alten und Kranken, den Erwerbsunfähigen; mungen, seien diese nun den Gemeinden oder Privaten ge- und Obdachlosen? Wenn diese Leute, welche dringend und. hörig, welche in der Weise, wie man Theater, Orpheums sehnsüchtig in einer Stunde des inbrünstigen Gebetes Erleich- und Zirkusse errichtet, auch Tempel und Bethäuser gründen, > terung in ihrem Jammer und Unglück finden wollen, haben; in welchen derjenige, welcher sich veretts früher mit einem diese Menschen, wenn sie Juden sind, keinen Gott und keinen entsprechend bezahlten Billett versehen hat, den Funktionen Zutritt zu demselben? Einen Gott haben sie wohl, denn sie sind Juden, aber keine israelitische Kultusgemeinöe, denn sie sind keine Steuerzahler und keine Tempelsitzinhaber, und bas einzige, was ihnen eine Gemeinde gibt, ist ein israelttisches Begräbnis nach der letzten Klasse. Der Tempel und der Gottesdienst an Feiertagen ist nur für jene, welche ihn — außer der obligaten Kultussteuer — reichlich bezahlen können. Es gibt aber sogar noch Leute, welche sich freuen, was für hohe Herren man doch am Versöhnungstage im Tempel sieht. Es gibt ja auch Leute, deren Kinder schon längst getauft sind und welche sich trotzdem „an den hohen Festen" ihrer israelitischen Konfession erinnern und einen Sitz im Tempel mieten, wenn ihnen ein solcher nicht etwa schon gratis als Mttglied des Gemeindevorstandes gebührt, denn solche „Höchstvesteuerte" wühlt man mit Vorliebe in „aufgeklärten" Gemeinden in den Gemeindevorstand. (Bitte hier nicht nur an Wien und an den Herrn von Lieben zu denken, denn auch anderswo gibt es in Gemeindevorstünden und im Schulausschuß solche Vorbilder „jüdischer Kindererziehung"!) Zur Begründung des Verkaufs der Tempelsitze und der Stehplätze in den jüdischen Gotteshäusern wird stets angeführt, daß die materiellen Opfer der Sitzinhaber unbedingt zur Erhaltung des Gotteshauses notwendig sind. Wir wollen diesen Satz auf seine Nichtigkeit untersuchen. Von einem Opfer könnte man nur dann reden, wenn alle Träger desselben davon gleichmäßig getroffen werden. So ist es lächerlichaber nur einen Vergleich ziehen zu wollen, zwischen den K 100,—, welche der millionenschwere Kommerzienrat für den ersten Platz im Tempel.bezahlt, und dem Geldverlust, den einem „kleinen Mann" die rituelle FührungHes Haushaltes, das Ruh enlassen der Arbeit am Samstage, der Zeitverlust durch die tägliche Teilnahme an dem Gottesdienste, beösittet, und doch kann dieser kleine Mann an den Feiertagen keinem Gottesdienste beiwohnen, denn er kann nicht noch das Geld für einen Sitz auftreiben. Für diesen Menschen ist aber das inbrünstige Gebet auch an diesem Tage an der vorgeschriebenen und gewohnten Stätte ein -ringendes, ein Herzensbedürfnis,-während für den Herrn Großindustriellen die zwei Stunden Gottesdienst am Jom Kippurtage vor dem Mtttagessen — wobei selbstredend das großinöustrielle Unternehmen auch an diesem Tage nicht ruht — nur eine Macht der Gewohnheit und ein „Schließlich bin ich ja doch noch Jsraeltte" bedeutet. Der kleine Mann, welcher etwa den hundertsten Teil des Einkommens des Großindustriellen besitzt, der aber an Einbuße und an direkten Ausgaben vielleicht viermal so viel für sein Judentum opfert, als der vornehrne Hundertkronensitz kostete, mutz ohne Sitz bleiben, wenn er eben nicht noch zehn Kronen für sein Judentum auftreiben kann. Erklären, wenn auch nicht begründen, ließe sich eine Tempelsitzgebühr, wenn dieselbe eine Feuilleton. Wissenschaft und Bibel. (Archäologische Forschung. — Die nettesten Ausgrabungen und -ie Angaben -er Bibel. — Literatur zur Zelt Moses'. — Der Pentateuch. — Kanaan zur Patriarchenzeit. — Hittiter in Palästina. — Die Begründer Aegyptens. — Keine Märchen mehr. — Die Sintflut. — Tatsachen.) Ueber die in jüngster Zett vielfach erörterte Frage, zu welchen Ergebnissen -ie archäologische Forschung gegenüber den in der Bibel mttgeteilten Tatsachen gelangt ist, macht einer der bekanntesten englischen Sprachforscher und Archäologen, der Oxforder Professor A. H. Sayce, sehr interessante Ausführungen. Er stellt die beiden Methoden der philologischen Kritik und der archäologischen Forschnng in einen starken Gegensatz und kommt zu dem Resultat, daß die Skepsis, mit der die Wahrheit vieler biblischen Stellen auf sprachliche Kriterien angezweifelt worden sei, unrichtig gewesen wäre, daß vielmehr die neuesten Ausgrabungen die Angaben der Bibel selbst bestätigt hätten. „So haben uns die Philologen oft erzählt, daß eine Literatur in Palästina zu Zetten Moses' noch nicht vorhanden gewesen sei, daß -er Pentateuch unmöglich in so friihen Zetten verfaßt sein könnte, wie durch die UeVerlieferung behauptet werde, weil die Schrift damals zum Aufschreiben noch nicht verwendet wilröe. Doch diese ganze Annahme ward durch das Auffinden einer Korrespondenz erschüttert, die ein Jahrhundert vor -em Auszug aus Aegypten zwischen der ägyptischen Regierung und den Statthaltern in Kanaan geführt wurde. Daraus ging deutlich hervor, -atz die Kenntnis des Schreibens und Lesens damals schon weithin durch die Welt -es Orients verbreitet war, daß in Kanaan Schulen und Bibliotheken bestanden haben müssen, in denen die Tontafeln mit der fremden babylonischen Schrift studiert wurden. Man suchte zunächst diese Tatsachen dahin einzuschränken, daß man Kenntnis der Schrift nur den Vertretern der ägyptischen Negierung zu- .gestehen wollte. Doch sind durch österreichische Ausgrabungen, die an der Stelle des alten biblischen Taanach gemacht worden sind, keilförmige Täfelchen gefunden worden, durch die dargetan worden ist, daß die offiziellen Berichte kleinerer Städte Kanaans in fremder Sprache und Schrift abgefatzt waren und daß auch die Häuptlinge und^ Scheikhs kleiner Stämme über geringfügige alltägliche Dinge in dieser schwierigen und komplizierten Schrift korrespondierten. Eines der schwerwiegendsten philologischen Bedenken war durch diese Funde beseitigt: Moses konnte den P e n t at e u ch geschrieben haben. Aber noch blieb der Zweifel bestehen, ob die Annahme denn möglich sei, daß ein Gesetzeskodex in so friiher Zeit schon zusammengestellt worden sei. Auch dieser.Einwurf ist durch allerjttugste französische Ausgrabungen in den Trümmern Susas widerlegt worden. Man hat bekanntlich ein Exemplar einer Gesetzessammlung gefunden, die durch den babylonischen König Amraphel ausgezeichnet worden ist, der ein Zeitgenosse Abrahams war und nicht nur über Babylonien, sondern auch über. Kanaan regierte. Dieser Gesetzeskvdex steht auf einex* kulturell fortgeschritteneren Stufe als die Gesetze des Moses, und während die biblischen Verordnungen noch ein Nomadenleben einzelner Stämme voraussetzen, sind die babylonischen Gesetze an ein hochziviltsiertes Volk gerichtet. Eine Vergleichung der beiden Gesetzbücher zeigt, daß sie beide wenigstens ans der gleichen Quelle stammen müssen, nnd da der babylonische Kodex Verordnungen enthält, die sich im Exodus nicht finden, so ist es wohl wahrscheinlich, daß aus ihm die jüdischen Gesetze entnommen sind. Zudem ist es eine feststehende Tatsache, daß Kanaan im Zettalter der Patriarchen, wie die Keilinschriften lehren, eine Provinz des babylonischen Reiches war und den babylonischen Gesetze:: gehorchte. Dadurch wird auch die Wahrheit einer Erztthlurrg aus dem 14. Kapttel der Genesis bewiesen, deren Glaubwürdigkeit die philologische Forschung geleugnet hatte. Dieser Feldzug, den die babylonischen Körrige und ihr elamitischer Oberherr unternahmen, um ihre aufrührerischen Vasallen zu züchtigen, kann nicht nur sehr wohl zu so früher Zeit stattgefunden haben, sondern noch früher sind solche Kriegszüge belegt, und es ist erwiesen, daß die beiden babylonischen Königreiche damals unter der. Oberherrschaft von Elam standen. Auch noch anöereAngavendesAltenTestaments hat die archäologische Forschung als richtig erwiesen. Die Versicherung der Genesis, daß Hittiter im Süden von Palästina gewohnt hätten, hat man innner wieder fiir unhistorisch erklärt,' doch eine Inschrift auf einem ägyptischen Grabstein, der sich heute im Louvre befindet, meldet von Hittitern, die im Süden Kanaans saßen, nicht erst zu Abrahams Zeiten, sondern schon zwei Jahrhunderte früher, unter den ersten beiden Pharaonen der zwölften Dynastie; auch Erzeugnisse der Töpferkunst, die man in den uralten Ruinen der Städte von Palästina aufgefnnden, gehören aufs engste zusammen mit ähnlichen Funden, wie sie in dem Hauptsitz der Hittiter, in Capadoeien, gemacht worden sind. Auf alle die mythischen ältesten, für sagenhaft erklärten Zeiten frühester Geschichte ist in jüngster Zeit ein neues Licht gefallen. Die Gräber der Begründer eines einigen Aegypten sind allsgefunden; Griechenland zu Homers Zetten, Kreta unter der Herrschaft des Minos sind keine Märchen mehr. Auch die philologische Kritik, die den Pentateuch einer ganzen Anzahl verschiedener Verfasser zuteilt und ganz genau feststellen will, wo der eine aufgehört hat und der andere angefangen, kann wenigstens indirekt durch archäologische Beweise nachgeprüft werden. Der hebräische Bericht über die Sintflut beruht bekanntlich auf der babylonischen Schilderung, die am vvllstän-