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Jüdisches Volksblatt · 1904-09-16 · 38 (16.9.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
38 (16.9.1904)
Date
1904-09-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Es ist nun einmal unser Schicksal, nicht mit dem Strome, sondern gegen den Strom zu schwimmen, uns stets in?Opposition gegenüber der »kompakten Majorität" zu befinden. Anläßlich des in Wien tagenden Preßkongresses sind wir wieder in dieser Lage. Wir sind die allerletzten, welche die große Bedeutung der Presse verkennen, die Aufgaben, welche diese erfüllen sollte und könnte, wir halten manche Angriffe, die gegen oie Gesamtheit der Journalisten und Schriftsteller gerichtet werden, für unberechtigt und wir bedauern insbesondere die Beschränkungen und Rückständigkeiten des österreichischen Preßgesetzes, welche eine wirklich nach oben und unten unabhängige Volkspresse unmöglich machen. Aber diese Umstände können uns nicht verhindern, sondern nötigen uns geradezu, anläßlich des tagenden Preßkongresses mit aller Schärfe und allem Nachdrucke zu betonen, daß die österreichische Presse ohne Unterschied der Partei ihren Ausgaben gegen die Gesamtheit und ihren Pflichten speziell gegen unser jüdisches Volk nur zum geringsten Teile nachkam. Ja, noch mehr, die österreichische Presse, sowohl, die „Juden"presse wie die Antisemitenpresse, sind die Hauptschuldtragenden, wenn in Oesterreich nicht nur der Antisemitismus, sondern auch die Nationalitätenhetze solche Dimensionen angenommen Haben, daß darunter Reich und Bevölkerung aufs empfindlichste leiden. Die Presse sollte ein Anwalt des Friedens sein, daß sie es aber nicht oder nur zum geringsten Teile in Oesterreich ist, das beweisen im selben Maaße die nationalen Brandartikel, mit dem sie ihre Spalten füllt wie die a n t i s e m i t i s ch e Hetze, die wahre Orgien in einem sehr großen Fragmente derselben feiert. Und die „J u d e n"presse? Wann ist sie, deren Sünden, deren Gebrechen stets auf das Konto unseres gesamten jüdischen Volkes ges etzt wurden und werden, für die wirklichen nationalsozialen Interessen desselben eingetreten? Kein Faktor hat zur Ausbreitung und Vertiefung des Antisemitismus in Oesterreich so beigetragen, als die fälschlich so benannte Wiener Judenpresse! ' Feuilleton. Wie Drei aßen. Von D. Frischmann. — Deutsch von Julie Goldbanm. Meine Erzählung ist kurz und einfach und ich könnte sie mit wenigen Worten wiedergeben: es ist bloß die Erzählung von dem, wie drei aßen. Und das war nicht an einem gewöhnlichen Samstage geschehen, ja nicht einmal an einem gewöhnlichen Jom Kippur, sondern an einem Jom Kippur, welcher auf einen Samstag fiel, auch war diese Tat nicht in einem verborgenen, ungekannten Winkel, fern von jedem Menschenauge vollbracht worden, sondern ganz öffentlich vor aller Augen in der großen Synagoge. Diese drei Männer waren keine jungen Hitzköpfe oder leichtfertige, gottlose Menschen, sondern die höchsten, die ehrwürdigsten Repräsentanten der jüdischen Gemeinde: es waren — der Rabbiner selbst und seine beiden Gehilfen — die Dajonim, zu welchen alle, erstaunt über die Größe ihrer heiligen Heldentat, mit Beben und Ehrfurcht hinaufblickten. Ich erinnere mich, wie ich, damals noch ein Kind, mich bemühte, mir diesen fürchterlichen, mir unbegreiflichen Fall zu erklären. Wie hätte auch eilt kindlicher Verstand die Tiefen einer komplizierten Menschenseele ergründen können. Und dennoch flüsterte mir üarnals schon eine zaghafte Stimme zu, daß die Beweggründe dieser Männer rein und heilig und ihre Tat groß und bedeutungsvoll sei. Es ist nicht leicht, dachte ich, sich zu einer solchen Handlung zu entschließen! Wer weiß, welchen qualvollen inneren Kampf diese Männer damals durchkämpfen mußten und welche Empfindungen sie in jenen Augenblickett erfüllten! Und niemals, niemals, bis an das Ende meines Leben, werde ich Jenen Tag, jene Menschen und das, was damals geschah, vergessen — niemals ... Ja, und wie könnte ich auch diese Helden vergessen? Mögen nun aus politischen Rücksichten Herr v. Koerber und Herr Dr. Lueger sich mit dieser Presse verbrüdern, unser Volk, das jüdische Volk, kann nimmer die tiefen Wunden, welche ihm diese Presse, die „Judenblätter" wie die antisemitischen, versetzt, so rasch vergessen, ja es wäre ehrlos, wenn es etwa noch an dem Freudenräusche dieses Preßkongresses ohne Protest teilnehmen würde. Ueber ein ganzes Volk ist diese Presse zur Tagesordnung übergegangen! Die philosemitische, indem sie unsere staatsbürgerlichen Rechte, unsere sogenannten Menschenrechte uns gnädigst konzedierte um den Preis, daß wir aus der Reihe der Völker verschwinden und uns Juden als Anhängsel der jeweiligen tonangebenden Parteien betrachten, die antisemitische Presse wieder hat für alle Taten und Unterlassungssünden dieser angeblichen Judenpresse, ^.kapitalistischen Presse, für die zelotischen Bornirtheiten einer Clique unser gesamtes Volk verantwortlich gemacht, sie hat täglich und stündlich unsere Ehre mit Füßen getreten, uns zu Auswürflingen der Menschheit gestempelt und uns in gleichem Maße, unsere Rechte als Volk und als Menschen abgesprochen. — Aber wir sind den Kampf gewohnt, den Kampf gegen unsere äußeren Freunde und gegen unsere inneren Feinde, die die Bresche in unsere Reihen geschossen, durch die die Feinde eingedrungen. Die Assimilation hat dem latenten Antisemitismus zu einer ungeheueren Blüte, zum.Wachstum und zum olitischen Triumph verhelfen und nun soll angeblich iese Assimilation das Rezept gegen den Antisemitismus sein! Und die Antisemitenpresse! Einerseits nennt sie uns einen Fremdkörper am Leibe der anderen Nationen, andrerseits verhöhnt oder ignoriert sie die jungjüdische Renaissancebewegung; sie fordert das eine Mal die Auswanderung der „jüdischen Parasiten" und das andere Mal bespöttelt sie das Streben nach einer Heimstätte. Nein, die »Juden"- und Antisemitenpresse haben sich gegenseitig gezeitigt und stützen einander. Nie haben sie sich verstauchen, aber in der Begeiferung unserer Bewegung haben sie sich stets gefunden. Unter solchen Umständen hat unser Volk gegenüber einer solchen Presse nur ein Gefühl, das Gefühl des tiefsten Widerwillens. Es waren damals schwere, kummervolle Tage, wie es früher keine gegeben und wie es wahrscheinlich später keine mehr geben wird. Es war damals die Zeit der Choleraepiöemie. Der Geist der Vernichtung hauste überall. Aus dem fernen Osten war er, der Engel des Todes, herangestürmt und hatte, auf den Straßen und in den Häusern unerbittlich mühend, in unserem Städtchen seinen Einzug gehalten. Die Epidemie wütete in dunklen Nächten und am hellichten, sonnigen Tage und der Tod erschien bald da, bald dort . . . Wer könnte seine Opfer zählen? Wer die Namen jener nennen, die unter den sich jeden Tag mehrenden Grabhügeln schliefen? In unserer Straße, der jlidischen, tobte die Epidemie mit besonderer Wut und traf erbarmungslos jung und alt. Es gab kein Haus, in dem nicht einige Tote beweint wurden. In dem Hanse meiner Eltern, in der über uns gelegenen Wohnung, starben an einem Tage neun Personen; unten, in der Kellerwohnung, raubte der Tod eine Mutter mit vier Kindern; in dem gegenüberliegenden Hause aber, wo man die ganze Nacht weinen gehört hatte, war gegen Morgen niemand mehr am Leben geblieben . . . Die Totengräber waren durch die übermäßige Arbeit ganz erschöpft. Ueverall lagen Tote herum und sie bildeten eine formlose Masse. Man beachtete sie gar nicht . . . Die Zeit aber verging. Der Sommer nahte seinem Ende. Die „fürchterlichen Tage" — die Jomim neroim — waren gekommen und mit ihnen der fürchterlichste von allen — der Jom Kippur. An diesen Tag eben werde ich nie vergessen! Die Dämmerung hatte sich herabgesenkt. In der Synagoge hat man sich zum Kvl-Nidre versammelt. Der Kantor und die beiden wtiröigsten Porsteher der Gemeinde sind nicht wie sonst vor dem Altar zu sehen; der Rabbiner und seine beiden Gehilfen haben jetzt ihre Plätze eingenommen. Ringsherum brennen hell unzählige Kerzen, und man hört, wie ihre Flammen zuckend und schwankend mit einem ganz leisen Geknister zur Höhe steigen. Die Betenden stehen in weiße Taleß, weiße Totenhemden gehüllt, mit ebenfalls weißen Käppchen und Die ökonomische Lage der Jude» in Galizien. Erwiderung. Die schwierige Aufgabe, welche Herr Ch. N. Reich enberg-Wien unter dem vorstehenden Titel sich gestellt hat, dürfte präziser gefaßt lauten: »Wie kann man dem Judentum in Galizien abhelfen?" Gewiß kann es kein erhabeneres, humaneres Ziel geben, als seinen Nächste« aus Not, Hunger und Elend zu ziehen. Dieses humane, gut jüdische Streben soll bereits vom Jahre.1883 her datieren. Herr Reichenberg gibt uns auch seine Hilfstätigkeit an, welche dem unsäglichen Elende, das Über unsere Brüder in Galizien seitens der jesuitisch-hamanistischen Bande verhängt wird, entgegenzuwirken hätte. Seine Hilfsaktionen bestehen in Einführung von Hausindustrie», wie die der Haarnetze, und zweihundert Strickmaschinen. Herr Reichenberg empfindet es ferner sehr schmerzlich, daß dieses Hilfswerk nicht von Massenvereinen unterstützt wird, und fordert zum Anschlüsse auf. Ob aber dieses edle Streben in irgend einem meßbaren Verhältnis zu der Ungeheuerlichkeit des jüdischen Massenelends steht, muß mit mir jeder urteilsfähige Kenner der galizischen Verhältnisse verneinen. Wir im Vereine „Schomer Israel", die wir seit seiner Gründung 1867 auf der Warte unserer Brüder in Galizien stehe», gehen stets auf den Urquell jenes Niederganges ein und fanden auch, die Alleinschuldtragenden nicht in einer moralischen und physischen Depression unseres. Bolkselementes, nicht etwa in eingeschleppte» Lastern, deren sich Israel in Galizien schuldig macht, wie etwa Trunk, Spielsucht, Völlerei und Luxus, sondern in dem gewaltigen Drucke des Klerikalismus und Jesuitismus, in dem Hinarbeiten geheimer und offener Gesellschaften wie auch der Behörden zum Niederringen des jüdischen Elementes, zur Proletarifierung desselben, um es zu verderben und aus dem Lande zu jagen, wenn auch nicht mit blutiger Esaushand, da derlei Massenmorde in Oesterreich nicht gut möglich sind. Scho» mit der Verfassung die uns auf dem Papiere die völlige Gleichberechtigung brachte, begann — augeregt vom Erzhaman Jan Dobrzanski — der Kampf gegen die Judenemanzipation und kaum sechs Jahre später, also 1873, begannen die geheimen Anschläge sich in ihrer Verderblichkeit zu zeigen. Noch aber saßen hunderttausende Juden unter ihren Apfelbäumen und Getreidetennen; die Rinder- und Schaf Gürteln an die Wand gelehnt. Auf der Wand zittern und schwanken da und dort unklare Schatten, auf welche manche von den Betenden ihre verwunderten Blicke richten. Sind es nicht die Schatten von Menschen, die heute, gestern oder vorgestern gestorben sind? Sind es nicht sie, die sich bewegen und auf der Wand vorüberhuschen? Sollten sie im Grave keine Ruhe gefunden haben und auch in der Synagoge erschienen sein? Pst . . . Die Stimme des Rabbiners, gefolgt von den Stimmen der Dajonim, erschallt mitten in der Stille . . . Ein tiefes, zurückgehaltenes Stöhnen durchläuft die Synagoge und bald hört man die Worte: „Im Namen Gottes 'und im Namen der Gemeinde erlauben wir euch, mit den Abtrünnigen zu beten!" Ich horche allfmcrksam. Weshalb, denke ich verwundert, spricht der Rabbiner so? Wo sind sie, diese leichtfertigen Menschen, mit denen er uns gestattet, heute zu beten? Weshalb erwähnt er heute die Abtriinnigen? Fürchtet er sich denn nicht? Es sind traurige Zeiten und der böse Geist ist mächtig. Wer weiß ... Ein unbeschreibliches Entsetzen erfaßt mich und mir scheint, daß auch alle um mich herum, groß und klein, von demselben Entsetzen erfaßt sind. Jetzt besteigt der Rabbiner den Platz vor dem Altar. Wird er eitle Predigt halten? Ist es denn heute an der Zeit, dem Volke zu predigen — jetzt unter Toten und Leichen? . . . Doch nein: der Rabbiner hält keine Rede. Er beginnt diesesmal etwas ganz Neues, Ungewohntes: er „gedenkt" der in den letztell Tagetl Verstorbenen, er gedenkt der Seelen der Toten . . . Wie dauert es doch lange und wie groß ist doch die Zahl der von ihm erwähnten Namen! Minuten vergehen und der Rabbiner ist immer noch nicht zu Ende. Wann wird es ein Ende nehmen? ... Und plötzlich kommt mir der Gedanke, daß der Rabbiner wohl besser daran täte, tvenn er die Namen der am Leben Gebliebenen nennen würde; es sind ihrer viel weniger und sie

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