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Jüdisches Volksblatt · 1904-09-09 · 37 (9.9.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
37 (9.9.1904)
Date
1904-09-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Gl«1 5664). vr Zatzrgany. m iiHKatinwi De« Abonnenten. Äsern rrnd Freunden nnseres Ktnttes entbieten mir zum Jahresmechsel unsere herzlichsten Gliickmünfthe.! N2« HDTim mTD Die Redaktion u. Administration. Rosch-haschouoh am Sabbat. Das jüdische Neujahrsfest fällt diesmal aus den Sabbat. Unsere alten Gesetzeslehrer haben einem solchen Zusammentreffen der beiden Feste eine besondere "Aufmerksamkeit zugewendet. Sie hielten es für ein hervorragend nationales Fest, war doch das ganze bürgerliche Privatleben unserer Altvordren auf nationaler Grunoläge geregelt. Mit der Diaspora der Juden tritt auch^ die traurige Erscheinung zutage, daß der nationale Charakter unserer privaten und öffentlichen Einrichtungen allmählich schwindet und ihnen ein rein religiöser Anstrich gegeben rbird. Je länger die Zerstreuung der Juden unter den Völkern der Welt anhält und je intensiver die Assimilationsbestrebungen unter den Juden Platzgreifen, desto eifriger sind sie bemüht, dasreligiöseMomeytim Leben des Judentumsin Formeln zu bringen,' die dann, weil sie keine nationale Unterlage haben, ebenfalls allmählich dem Bestreben zum Opfer fällen, den anderen Völkern in. allem, also auch in der religiösen Formel gleich zu werden. So wurde auch das Neujahrsfest nichts anderes als ein religiöser Brauch, dem dasselbe Schicksal widerfuhr, das allen anderen religiösen Gebräuchen im Lager des sogenannten modernen Judentums wiederfahren ist. Nicht der Gedanke, daß das Judentum ein Volk für sich ist, das zur Zeit seiner Selbständigkeit auch seine selbständigen,seinem Nationalcharakter angepaßten sozialen Einrichtungen hatte, führt jetzt die große Menge in die Synagogen und die zuSynagogenadaptierten Betlokale, sondern ein unbewußter Rest eines während Jahrhunderte getrübten religiösen Gefühls, das mit der Ueberzeugung nichts zu tun hat. Ein wundersames Lied. Bon I. L. Perez. (Fortsetzung.) Wahrhaftig, eine Melodie lebt und stirbt. Dann wird sie vergessen, wie man einen Verstorbenen vergißt. Einst war sie jung, schön und begehrt gewesen. Nach und nach verblühte sie,'ward siech und alt. Und eines Tages hauchte sie ihren letzten Seufzer aus und war tot. Aber eine Melodie kann auch auferstchcu. r-V aiu Sang lebt plötzlich wieder. Unwillkürlich - av . ,.;au chiu ein neues Gefühl, eine neue Seele ein --nd hat dann fast eine neue Melodie. Das ist die Seelenwanderung der Melodie ... Ihr versteht mich nicht recht? Redet einem Blinden von Licht! Wißt ihr was? Geschichten hört ihr doch gern. Ich werde euch also eine Geschichte erzählen. * * * Drei, vier Meilen hinter Berdyczew, bald nach dem Wald, liegt ein kleines Städtchen namens Machnowka. In diesem Städtchen gab's eine recht gute jüdische Musikkapelle. Der Kapellmeister, Reb Chaimel hieß er, war ein wundervoller Musiker, ein Schüler P'dohzur Berdyczewers. Zwar war er kein selbständiger Komponist, aber eine Melodie durchzuführen, erklären, verständlich machen, ihr gewissermaßen ein Herz eingeben, darin war er Meister. Seinem Aeutzeren nach war er dünn und unscheinbar. Kaum fing er jedoch zu spielen an, war er ein ganz anderer. Die allezeit gesenkten Augen hoben sich allmählich, und aus den stillen, tiefen Augen fiel ein Schein von Durchgeistigung ans das fahle Gesicht. Man sah förmlich, daß sein Geist im Augenblicke abwesend war, irgendwo hoch oben auf Flügeln des Gesanges schwebte. Seine Hände führten den Bogen mechanisch. Manchmal vergaß er sich und sang auch zur Musik. Und er hatte eine Stimme — wie der Ton eines Silberglöckleins, sanft und rein . . M Wie sehr die Religion der Juden zum großen Schaden derselben nicht mehr jene starken Wurzeln im terzen ihrer Anhänger besitzt, welche sie trotz aller chicksalschläge bis heute erhalten hat, beweist mcht nur der traurige Umstand, daß oie Abfallsbewegung gerade unter denjenigen am schrecklichsten wütet, die sich auf das religiöse Judentum zurückgezogen, ohne der Religion die notwendige Pflege angedeihen zu lassen, sondern auch die unbestrittene Tatsache, daß der jüdische Nationalismus gewisse Kreise nur dadurch für sich gewinnen konnte, daß er in bezug auf Religiosität keine allzuhohe oder auch gar keine Anforderungen stellt. Alle diese Erscheinungen finb tieftraurig. Das Judentum ist von seiner Religion und die jüdische Religion von ihrem Volkstum nicht loszutrennen. Sie gehören zueinander und sind ohne einander ein Unding. Nimmt man dem Judentume seine ihm spezifische Religion, so hat es ebensowenig ein Recht zu weiterer Existenz, wie wenn man der Religion das nationale volkstümliche Gepräge nimmt. Auf der einen Seite bemühen wir uns immer festzustellen, daß wir ein eigengeartetes, physisch und psychisch von den übrigen Völkern zu unterscheidendes Volk bilden, und vergessen dabei, daß wir gerade deshalb, weil wir so sind, auch die unserer Eigenart am besten passende Religionsbetätigung haben müssen. Auf der anderen Seite wieder steht jene Gruppe, welche behauptet, daß das Judentum als Volk nicht mehr besteht, sondern eine Religionsgenossenschaft bildet, und läßt dabei? außer . acht, daß diese - Religion nur dem Volkstum des. Judentums diejenigeWorm zu verdanken hat, für deren weitere Erhaltung sie heute alles aufbietet. Nicht trennend und zerstörend dürfen und sollen diese Anschauungen auf das in aller Welt zerstreute jüdische Volk einwirken. Wenn jemals, so ist es jetzt geradezu eine Lebensbedingung für unser Volk, daß wir alle einig seien in dem gemeinsamen Bestreben, unseren Stamm und unsere angestammte Religion zu erhalten und weiter zu pflegen. Vielleicht, bringt dieses zeitliche Zusammentreffen des Rosch-Haschonoh mit dem Sabbat sämtliche Kreise des Judentums, zum Nachdenken darüber, daß wir nur dann ein Ganzes bilden, wenn wir von unseren ererbten Gütern nichts veräußern, sondern alles in Ehren halten, sowohl unser Nationalgefühl als auch unsere Religion. Wäre Chaimel kein frommer, einfältiger Jude gewesen, so hätte er sich mit seinen acht Kindern nicht in Machnowka geplackt. Er hätte schon längst irgendwo in einem Theater gespielt oder wäre ein neumodischer Kantor in Berlin oder Paris gewesen. So aber saß Chaimel daheim und nahm monatelang in allen Lebensmittelhandlungen Waren auf Borg, welche man ihm auf Rechnung einer Hochzeitsfeier in einem besseren Hguse — die doch einmal stattfinden müßte — kreditierte. Einmal sollte eine reiche Hochzeit in einer sehr vornehmen Familie sein: bei Berl Kätzners Witwe. Der alte Berl Katzner — mag er mich immerhin würgen kommen — war ein großer Wucherer und ein noch größerer Geizhals gewesen. Den Bissen im eigenen Munde hatte er sich nicht vergönnt. Ein steinernes Herz hat er gehabt. Knapp vor seinem Tode ließ er seinen ältesten Sohn rufen und sich die Geschäftsbücher reichen. MU zuckendem, braunblauem Finger wies er auf die Posten hin, bet denen noch keine Raten gezahlt worden waren . . . „Um Gottes willen, nicht prolongieren!" rief er mit ersterbender Stimme. „Hörst du? Ich befehle dir's kraft meiner väterlichen Autorität!" Dann rief er seine Frau und befahl ihr, die Kupfergeräte, die an der Wand hingen, zu verbergen. „Schließe ich einmal die Augen," sagte er, „so ist alles herrenloses Gut." Und mit diesen Worten hauchte er die Seele aus. Er hinterlietz eine halbe Million . . . Nun verheiratete die Witwe ihre Tochter und sie beeilte sich damit, weil sie selber heiraten wollte. Da Chaimel, der Musikant, gleichfalls eine heiratsfähige Tochter hatte, läßt es sich denken, daß er die Hochzeit sehnsüchtig erwartete. Da bekam aber die Witwe den unglückseligen Einfall, P'dohzur auS Berdyczew holen lassen zu wollen. Es würden Kiewer Verwandte, Kiewer Verwandte, Kiewer Sachverständige bei der Hochzeit sein, meinte sie, und da wolle sie einen neuen „El mole rachamim", nicht eine „abgedroschene Weidenrute". ES koste ohnehin Geld genug, da würbe es auf die Roch ein Wort zur Reise des Minister- -rSfidenten Koerder. Mandate und Ministerportefeuilles zu erobern, eventuell zu behalten, auch um den Preis der Prinzipienlosigkeit und der vollständigen' Ignorierung der vitalsten Volks-und Reichsinteressen, das ist der wahre Kern aller Kämpfe der bis in das innerste Mark verfaulten österreichischen Parteien. Ch auvin ismu s und Antisemitismus, Christentum und Patriotismus, Sozialreform und politischer Radikalismus, Aufnahme und Einstellung der Obstruktion sind nur Mittel zu dem Zwecke * ehrgeiziger Parteiführer, den Einfluß auf die Massen zu festigen und zu vermehren. Unter diesem Gesichtspunkte ist es auch verständlich, wenn dieselben Politiker wegen inchtiger Lappalien heute Zeter und Mordio schreien und den Zerfall des Reiches ankünden und morgen nach Erlangung ctueS- Ministerportefeuilles und anderer Konzessionen alle Gebrechen in Staat und Gesellschaft.ignorieren. Darum sind auch die Wünsche und Bedürfnisse der verschiedenen Parteiführer in den seltensten Fällen der Ausdruck des Willens der Volksgesamtheit und I n s p e kt i o n s reisen von Ministern zur Information über die wirkliche Lage und die Bedürfnisse der Bevölkerung wünschenswert. Wenn aber dieselben die Gewinnung Volksfeind- - licher Fraktionen zur Unterstützung der Regierungspolitik . als Ergebnis zeitigen, dann sind die modernsten Ministerreden'^ünd auch die-"ME Belrrktzllimg* der Lage der Bevölkerung ohne praktischen Wert. * ' ' : Wenn Herr v. Koerber den Polenklub als Ausdruck des Willens der galizischen Bevölkerung betrachtet, wenn er ihn zu einem Hauptpfeiler einer-parlamentarischen Majorität machen will, dann kann die Lage der» galizischen Juden, der Ruthenen, ja nicht einmal der großen Massen des polnischenVolkes sich bessern. Der Polen- - klub, der nichts zu einer Verständigung mit den Juden und Ruthenen unternimmt, ist nicht geeignetem ehrlicher Makler zwischen Deutschen und Tschechen zu sein. Jene polnische Schlachta, welche kalten Blutes daK soziale Elend in Galizien, besonders unter den tausenden jüdischen Volksgenossen sieht und durch ihre wirtschaftliche Maßnahmen noch vermehrt, kann nimmer die. . Stütze des neuen Oesterreich sein. Besitzt Herr üon; K o e r b e r den Ehrgeiz, der Begründer desselben zuwerden, Kleinigkeit mehr nicht ankommen und die Kiewer sollen schon was sehen. Chaimel verzweifelte schier. In der Stadt gab's auch einen Lärm. Man hatte Chaimel sehr lieb. Und auch ohnedies hätte man sich deS blutarmen Juden angenommen. Man suchte also mit der Brautmutter einen Vergleich anzubahnen und schließlich kam man überein, daß Chaimel mtt seiner Kapelle wohl bei der Hochzett spielen, daß er aber vorher auf Kosten der Witwe'nach Berdyczew fahren und einen neuen „El mole rachamim" von P'dohzur mitbringen sollte. Chaimel bekam einige Rubel, ließ die größere Hälfte davon seiner'Frau zurück, mietete einen Wagen und fuhr nach Berdyczew. Und da beginnt eigentlich die Geschichte von der wundersamen Melodie. * * * Wie sagt doch bas Sprichwort: Ein armer Mann hat Glück. In dem Augenblicke, da Chaimel in Berdyczew an- . langte, fuhr P'dohzur am entgegengesetzten Stadtende von Berdyczew ab. Man hatte ihn nach Talno zu einer Sabbatausmahlzeit geladert. Der selige Talnoer Zaddik, müßt ihr wissen, hielt auf P'dohzur große Stücke. „Mysterien der Thora," pflegte er zu sagen, „find in seinen Melodien verborgen. Es ist nur schade, daß er selbst sie nicht kennt." Nun irrte Chaimel ratlos in den Gassen umher. Was sollte er tun? Ohne einen „El mole rachamim" nach Hause reisen durfte er nicht. Dem P'dohzur nachfahren oder abwarten, bis er zurttckkehren würbe, konnte er nicht. Er halte die Reisespesen knapp. Seine Auftraggeberirr hatte ihm wenig Geld gegeben unö er hatte feiner Frau viel zurückgelassen. Er war in schmerzlicher Verzweiflung. Plötzlich sah er ayf der Straße ein eigentümliches Schauspiel. Stellt euch vor: an einem schönen, freundlichen Werktag hiipft eine junge.Frau, feiertäglich gekleidet, über die Straße. Auf dem Kopfe trägt sie eine buntbebänderte Haube und in der Hand hält sie einen großen silberfarbenen Teller.

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