Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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SaaMrtg... «r. 10.- Halvjährig ... . » SierteMtzrig. , 9.80 asm HM».' 91 Ar. 36 Wir«, S. September 1904 (22, Etat 5664). VI. Jahrgang. Mnisterpräfidettt v. Koerber aus Reisen. Ministerpräsident v. Ko erb er hat nach zwei von Juden stark bevölkerten Kronländern, nach Galizien und der Bukowina, eine Inspektionsreise angetreten, die den Gegenstand der verschiedensten Betrachtungen, Wünsche und Befürchtungen bildet. Solche Inspektionsreisen sind gerade in Oesterreich überaus notwendig und wünschenswert, damit man in den maßgebend st en Kreis en erfahre, wie die großen Massen des Volkes über die herrschenden Zustände denken, was s i e vom Staate fordern und was auch zu Nutz und Frommen des Volkes und des Staates endlich in Angriff genommen werden muß. . Wirtschaftliche Reformen, Herstellung des Nationalen und religiösen Friedens, Förderung des politischen und kulturellen Fortschrittes sind die gemeinsamen Postulats der produzierenden Stände aller Volksstämrye Oesterreichs, deren Erfüllung sie aber von den jetzigen Parlamentariern nicht erwarten. w Diese Parlamentarier sind kein Dolmetsch der Bevölkerung gegenüber der Krone und der Regierung, sie geben gewöhnlich die kleinlichen Wünsche einzelner Cliquen, welche die Volksmassen kühl bis ans Herz lassen, als Volkswünsche aus und ignorieren dagegen vollständig, was die Bevölkerung am dringendsten benötigt. Dies gilt insbesondere auch von den Abgeordneten Galiziens polnischer Zunge. Daß es mit den galizischen Verhältnissen schlecht bestellt ist, daß die galizische Verwaltung sehr viel zu wünschen übrig läßt, daß Recht und Gesetz vielfach gebeugt werden, insbesondere den Juden und Ruthenen gegenüber, und auch der kulturelle und soziale Fortschritt im Lande der Schlachzizen durch das dort herrschende System nicht gefördert wird, scheint man in Wien in den maßgebenden Kreisen allmählich einzusehen. Diese Erkenntnis spricht deutlich aus den nachfolgenden Worten des Ministerpräsidenten K o e r b e r an die Krakauer Gemeindeverwaltung und Beamtenschaft: „Ein großes Gemeinwesen hat seine Traditionen, welche geachtet werden sollen« Aber es ist die Kunst einer weisen Verwaltung, auch die Brücke zu den Zarengna-e. Bon Jakob Kransz. lJm Empfangssalon des Zars. Der diensthabende Adjutant. General D u r a k o w geht auf und ab. Nach einigen Minuten erscheint Zar Nikolaus der Zweite mit dem Kronprinzen Alexis auf dem Arme. Der Zar wiegt den schreienden Kronprinzen auf den Armen, um ihn zum Schweigen zu bringen. General Durakow bleibt stehen, salutiert, dann küßt er dem Thronfolger die Hand. Kronprinz Alexis schreit hierauf noch lauter und strampelt mit den allerhöchsten Füßchen. Nachdem sich Se. kaiserliche Hoheit zu beruhigen geruhten): D e r Z a r: Se. kais. Hoheit der Zäsarewttsch sind heute etwas unruhig. Durakow, du glaubst gar nicht, welche Angst ich um Alexis habe. Wenn das Volk nur nicht aufhören würde, für die Gesundheit des Stolzes von Rußland zu beten. Das Gnadenmanifest sollte ja auch nur den Zweck haben, das Volk zu veranlassen, daß es für den Urheber dieser Gnade bete und sein Erscheinen segne. Wie ist die Stimmung nach der Kundmachung des Gnaöenmanifestes im Reiche? Durakow: Das ganze Reich steht unter dem Eindrücke des Gnadenaktes Ew. Majestät. Das Volk ist von der kaiserlichen Huld überwältigt, einfach niedergedrückt, es vermag vor Freude und Staunen keinen Laut hervorzubrsngen. Und erst das Ausland! In langen Artikeln huldigt die gesamte ausländische Presse dem lievespenöenden und für die Zukunft vielversprechenden Kaiser und durch den ganzen Blätterwald rauscht eine vielsagende Stimme: „Das haben wir nicht erwartet!" Der Zar lmit glückstrahlendem Gesichte den inzwischen eingeschlummerten Kronprinzen betrachtend): Wie verhalten sich die Finnländer zum Manifeste? Durakow: Sie sind beschämt, Majestät, aufrichtig beschämt. Sie können es nicht fassen, woher Ew. Majestät so viel wechselnden Bedürfnissen der Zeit zu schlafen, damit nicht die Ehrfurcht vor dein Alten den Einzug des Neuen verhindere." ... „Aber indem ich Sie vor mir sehe, will ich mit Nachdruck hinzufügen, daß der Staat nie anders als gerecht sein darf; keine List in der Auslegung der Gesetze, keine Laune bei ihrer Hand h abung dürfen in Betracht kommen; der politische Beamte, dem die wichtigsten Interessen der Bevölkerung anvertraut sind, soll nur von dem einen Gedanken erfüllt sein, daß er die V o r sch r i f t e n zum allgemeinen und zum Wohle jedes einzelnen anw enden solle. Die a l t e n Ze i t e n, in welchen eine, Hunderte und tausende Exist e nz en w eni g b ed eut et en, sind vorbei. Jetzt wird jeder gezählt und kein Dasein, selbst nicht das des Aermsten, darf mutwillig oder leichtfertig v ernichtetwerden. Wer schaffen hilft, ist der rechte österreichische Beamte. Sie haben einem Lande zu dienen, das von der fort sch r eilenden Kultur nicht immer auf ihren W egen mitgenomm en wurde; um so mehr ist es Ihr e Pflicht, das Versäumte nachholen zu helfen. Damit fördern Sie das Interesse Ihres'Volkes und des Staates, damit befriedigen Sie Ihr Gewissen und Ihren Mannesstolz." Diese Worte sind vernichtende Keulenschläge gegen das in Galizien herrschende System, das insbesondere alrch auf oie Juden-wirtschaftlich, geistig und physisch degenerierend einwirkt. Die Beseitigung dieser Zustände, die Etablierung einer Verwaltung, welche die Konsequenzen aus der Rede des Ministerpräsidenten zieht, fordern die Juden Oesterreichs und speziell Galiziens, aber an die Verwirklichung dieser Forderung glauben sie nicht, wenigstens nicht für — die nächste Zeit. Ministerpräsident K o e r b e r benötigt infolge des unglückseligen deutsch-tschechischen Streites den Polenklub und darum muß noch eine Weile das jüdische Volk sowie die Ruthenen und selbst die große Masse des polnischen Volkes, die nicht hinter den Schlachzizen steht, sich deren Herrschaft gefallen lassen. Was dieselben fürchen, wünschen und nicht wünschen, das verraten die Aeußerungen ihrer Organe. Die »Gazeta Narodowa" schreibt: „Esmüsse doch die Kompetenz der Landesbehörden Liebe nehmen, um den gerechten Groll über die letzten Vorgänge in Finnland zu unterdrücken. Als sie erst vernahmen, daß Ew. Majestät in Ihrer unendlichen väterlichen Huld zu befehlen geruhten, daß Finnland dem Petersburger Regimentsbezirke einverleibt werde, da wollten sie ihren Ohren nicht glauben und brachen in Tränen aus. In ihre Wohnungen verkriechen sie sich und schluchzen reumütig, indem sie unaufhörlich rufen: „Nein, das ist zu viel, das haben wir nicht verdient!" Der Zar (tief seufzend): Und die „Politischen"? (Er drückt geängstigt den Schlummernden enger an seine Brust, so daß er erwacht.) Durakow: Das sind die Verstocktesten. Ich habe es Ew. Majestät immer gesagt, diese Bestien haben kein Gefühl; weder Vaterfreuden noch Prozessionen und Wallfahrten vermögen sie zu rühren. Glauben Majestät, daß auch nur ein einziger von der großen Gnade Ew. Majestät, um die Rückkehr in die Heimat ansuchen zu dürfen, Gebrauch gemacht hat? Keine Spur! Und sicherlich würde dieser Punkt des Manifestes undurchgeführt bleiben, wenn nicht unsere liebenNachbarn im Deutschen Reiche für die unter ihnen lebenden russischen „Politischen" bei unserer Regierung sich verwenden und für deren feierlichen Empfang durch die Vertreter des Staates an der russischen Grenze sich einsetzen würden. Der Zar (seufzt. Nach einer kurzen Pause): Und wie nehmen meine Bauern, mein geliebtes Volk, die ihnen zugedachten Geschenke auf? Durakow (verlegen): Wenn ich aufrichtig sein darf, Majestät, so muß ich gestehen, baß die Bauern, sowie die unteren Schichten des Volkes enttäuscht sind! . . . Der Zar (erregt vom Sitze.springend): Was sagst du? -Und die Aufhebung der Prügelstrafe?! . . . Durakow: Das ist's ja eben, Majestät! Die Bauern und das niedere Volk sind mißtrauisch. Es weint, weil es nicht mehr geprügelt werben soll. „Weiß der heilige Cyrill, was respektiert werden, weil man sonst dieAuto^ rität der letzteren Behörden untergraben (!) würde. Es wurde genug lange dafür gekämpft, daß die Verwaltung des Landes aus den Händen der Deutschen in die Hände der Polen übergehe und daß die polnische Dienstsprache in Galizien eingeführt werde, was der Wiener Bureaukratie ein Dorn im Auge sei. Diese Errungenschaft dürfe nun nicht durch Klagen über Mißstände und Mißbräuche, die in einzelnen Remtern etwa (!) Vorkommen, diskreditiert werde:l. Mißbräuche und Unge- Hörigkeiten kommen in der Verwaltung der anderen Länder in noch größerem (!) Mjaßevor." Zum Schlüsse des Artikels begrüßt das Organ der p od olisch en Schlachzizen den Ministerpräsidenten sehr artig und fügt hinzu, „daß man sich freuen werde, wenn die Koerbersche Reise, die Wiener Bureäukratre endlich in betreff der wahren Bedürfnisse des Landes eines Besseren belehren werde"! Der „D zien" hofft: „DerAufenthalt in Galizien werde die Bande zwischen dem Kabinettschef und der galizischen Delegation fester knüpfen und die Legende von dem Mangel an, Wohlwollen, welchen Dr. Koerber vermeintlich Galizien gegenüber bekundet haben soll, ein für allemal gründlich zerstören." Der „Przegl^d" schreibt: „Das Bestreben Koerbers, die berechtigten Forderungen der einzelnen Volksstämme Oesterreichs tunlichst zu berücksichtigen, involviere die Ersprießlichkeit der gegenwärtigen Minist er reise. Dr. v. Koerber werde sich von den Bedürfnissen Galiziens und auch davon überzeugen (!?), daß das Verhältnis zwischen Polen und Ruthenen auf Gerechtigkeit (?) und Wohlwollen (?) beruhe." Die Ruthenen sind freilich darüber anderer Meinung. Der jungruthenische Nationalrat hat nach Lemberg für den 31. d., also für den Tag, an welchem Dr. v. Koerber in der Landeshauptstadt Galiziens weile, ein nationales Meeting einberufen, auf welchem die Beschwerden der Ruthenen vorgebracht werden, damit Doktor v. Koerber über die Lage der ruthenischen Bevölkerung z aufgeklärt werde. Den Aufruf zu diesem Meeting veröffentlichten die jungruthenischen Blätter „D ilo" und „Ruslan". Die Veranstaltung einer derartigenVolksnoch über uns kommen wird, welche Strafe die Herren jetzt für uns ersinnen werden, wenn die Knute, die heilige russische Knute, abgeschafft werden soll," hört man sie jammern. „Welche Freude bleibt uns noch übrig, wenn wir nicht einmal mehr sehen dürfen, wie ein Jude ausgepeitscht wird!" rufen die Schlaueren. Ich habe Berichte gelesen, in denen erzählt wird, daß das Volk in Scharen zu den Polizeimeistern läuft, sie weinend bittet, noch einmal gepeitscht zu werden, um von der Knute feierlichst Abschied zu nehmen. Es spielten sich Szenen ab, die sogar dem Polizeimeister von Kischenew eine Träne entlockten. Der Zar (sich räuspernd): Weil du gerade von den Juden spricht, Durakow, was sagen diese? Durakow (nimmt eine wütende Miene an): Die schlauen Juden rennen wohl nicht zu den Polizeimeistern, um sich von der Knute zu verabschieden, aber es scheint, daß das Gnaöenmanifest Ew. Majestät eine innige Verbrüderung der heterogensten Völkerfchichten im Reiche herbeigeführt hat. Die Russen lasten es sich nämlich nicht nehmen, die Juden an dem Abschiede von der Knute zu beteiligen, und da der Polizeimeister solche Berbrüderungsfeste nicht durch seine Anwesenheit stören will, so machen die Bauern selbst die Polizei, und es soll köstlich sein, zuzusehen, wie die Juden bet diesen volkstümlichen Belustigungen so völlig jedes Verständnisses für das echte, russische Volksleben entbehren . . . Der Zar (ungeduldig): Nicht das habe ich gemeint, Durakow. Ich möchte nur wiffen, was sie zu der Gnade sagen, die ich ihnen zuteil werden ließ? (Der Thronfolger beginnt wieder zu schreien, der Zar schreitet im Zimmer auf und ab.) Durakow (ergeben lächelnd): Majestät geruhen zu scherzen. Der Zar (plötzlich ernst werdend): Durakow, mir ist'S wahrlich nicht scherzhaft zumute. Durakow (ebenfalls ganz ernst): Aber Majestät, daS s a g t j a n i ch t s von Juden.