Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 35 (26.8.1904)
- Date
- 1904-08-26
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jücbeehee Volksblatt. 26. August 1904 Nr. 35 Grünbtt -ort gesammelten Erfahrungen diese so hochwichtige Institution endlich einmal auch in Wien inS Leven rufe. DaS provifortsche Komitee -eS oben erwähnten Delegiertentages besteht aus den Herren: Dr. S. K i r ch h e 1 m, Dr. G ü n - Vu r g, Philipp Schiff in Frankfurt a. M., Frau Julie Gerson - Liebermann und Herrn Louis SachS in Berlin. Ausland. Krnfchema« redivivus. Kruschewan hat wieder eine Geldtnfel entdeckt. Der geistige Urheber der Greueltaten von Kischenew und Homel, der berüchtigte Schacherer mit BolkSleidenschaften, hat, wie es scheint, wieder einen Gimpel erwischt, der ihm das nötige Geld vorschießt, um fein Schund- und Hetzblatt, die „Z n a m j a", zum xten Male zu neuem, verj -erblichem Leben zu erwecken. Die „Znarnja" wird wieder erscheinen, Juden zittert! Soll das etwa den „neuenKurS" in Rußland bedeuten? j Eine Erbschaft der Natioualbibliothek in Jerusalem. Der vor kurzem in Rußland verstorbene jüdische Schriftsteller I. I. Weißberg hat feine reichhaltige Bibliothek letztwillig der Nationalbibliothek „Bajith Neeman" in Jerusalem vermacht. Sobald die im Zuge befindliche Sichtung der Bibliothek, in welcher sich sehr wertvolle Werke befinden, beendet fein wird, wird der Transport derselben nach Palästina vorgenommen werden. j Die Bagdadbah«. Einer Konstantinopeler Depesche der „Frkf. Ztg." zufolge hat die Bagdadbahngesellfchaft mtt den anatolischen B ahnen eine Vereinbarung gettoffen, laut welcher die anatolischen Bahnen gegen Pauschale den Betrieb der ersten zwanzig Kilometer langen Teilstrecke für Rechnung der Bagüadbahn übernehmen. i Göttingen. Vor einigen Tagen wurde eine junge Dame aus Rußland, die an hiesiger Univerfttät Psychologie studiert, zum Doktor promoviert. Frl. P. E p h r u s s i aus Kischenew erwarb den philosophischen Doktorgrad magna cum laude. Ihre Dissettation ist betitelt: „Experimentelle Beiträge zur Lehre vom Gedächtnis". l Die „Göttin Thorah". Sogar die eingefleischtesten Judenfeinde können dem Judentums nicht das Verdienst avsprechen, Begründer und Berbretter des Glaubens an den einig einzi- 1 gen, unsichtbaren Gott zu sein. Der Monotheismus des Judentums verbietet ihm auch die Verehrung von Heiligenbildern ufw. Alle diese Tatsachen hindern unsere christlichen „Nächsten" nicht, über unsere Religion Ansichten an den Tag zu legen, deren Komik nur durch die krafie Unwissenheit, welche sie hervorgerufen, übettroffen wird. Da setzt z. B. die Agentur H a v a s folgendes Telegramm in die Welt: ' | „Pens a, 11. Juli. Der Kaiser und der Großfürstthronfolger sind am 15. ds., morgens 9 Uhr, hier angekommen. Sie wurden am Bahnhofe von den Behörden' begrüßt. Der Kaiser nahm von einer Deputatton das dargebotene Brot und Salz, sowie von den Vertretern der Juden eine von der Göttin Thora geheiligte Rolle (un rouleau sacre -ela deesse Tora) entgegen." j Und Blätter, wie der „M a t i n", drucken solchen ausgewachsenen Unsinn nach! O sancta simplicitas! j Vermählung. In Luxemburg führte am 9. August der! Oberrabbiner des Großherzogtums Luxemburg, Dr. Samuel! Fuchs, ein geborener Ungar, das Fräulein Alice Blumen-i stein, die Tochter des verstorbenen Oberrabbiners weiland Dr. Blumenftein, zum Traualtäre. Der Vater der Braut wirkte! im Jahre 1871 im deutsch-französischen Feldzuge als Seelsorger; und wurde für seine ausgezeichneten Dienste mit dem Ordens des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet. Dem Trauungsakte wohn-! ten außer den Staatswürdenträgern auch die Witwe Michael Munkacsy's bei, die in ihrem Kastell zu Kolpach wohnt. Judendebatte im Anthropologenkongreß. Aus Greifswald wird berichtet: In der letzten Sitzung des 35. Anthropologenkongreffes am 6. ös. kam es zu einer intereffanten Debatte durch einen Antrag des Herrn Zunz, des Schatzmeisters der Frankfurter Anthropologischen Gesellschaft, der im Hinweis auf die Stiftung des vor einigen Jahren verstorbenen Kölner Nervenarztes Dr. Mies, der er antisemitische Tendenzen unterschiebt, beantragte: Die Mies'sche „Stiftung zur Förderung der anatomischen und physiologischen Anthropologie in Deutschland" enthält Bestimmungen, welche mit den Bestrebungen der deutschen Gesellschaft für Anthropologie nicht vereinbar sind. Da es sich überdies herausgestellt hat, daß das Legat vom Erblasser nicht der Gesellschaft vermacht, sondern ihr nur zur Verwaltung! überwiesen worden ist, so beantragt der Unterzeichnete, diese Verwaltung abzulehnen." Der Atltragstcller sah in der Aus-> führung dieser Bestimmungen antisemftische Tendenzen, weil, der Testator verfügt hat, daß nur immer zum fünften Male' die Stiftung einem Juden zufallen dürfe. Zunz hob hervor/ daß er an sich durchaus neutral sei, er sei aber fortschrittlich freisinnig, und deshalb meinte er mit Recht, daß bei der Beutteilung wissenschaftlicher Arbeiten nur die Qualität, nicht aber die Frage entscheidend sein dürfte ,ob der Verfasser Christ oder! Jude sei. Die Gesellschaft dürfe sich nicht dazu hergeben, solchen Bestrebungen Vorschub zu leisten. Der Redner glaubte, die Annahme der Stiftung, die auf dem Kongreß in Lindau erfolgt, könne rückgängig gemacht werden, da sie unter falschen Voraussetzungen erfolgte. Man möge sie daher den Erben zur Verfügung stellen rrnd sagen, diese Bestimmung patzt sich nicht siir die Gesellschaft. In der Versammlung fanden diese Ausführungen entschiedene Ablehnung. Herr Sökeland-Berlin, Geheimrat Waldeyer-Berlin und Dr. Birkner-Mttnchen sprachen sich dagegen aus und bestritten namentlich die Behauptung einer antisernitischen Tendenz. Die Ablehnung sei jetzt, nach Jahren, gar nicht mehr möglich. Herr Zunz schloß mit der Erklärung, er hätte nur verhindern wollen, daß die Sache überhaupt totgeschwiegen werde. Dienstbefreiung jüdischer Soldaten «ährend der hohe« Feiertage. Aus Amsterdam wird uns geschrieben: Der holländische Kriegsminister hat bestftnmt, daß den jüdischen Soldaten auf ihren Wrlnsch an den diesjährigen jüdischen. Herbstfeiertagen wie folgt Urlaub zu geben sei: 1. Denjenigen, die Angehörige und Verwandte in ihrer Garnison haben, Befreiung vom Dienste am Neujahrsfeste, 10. und 11. September, BersöhnungSfeste, 18. und 19. September, und am Laubhüttenfeste, 28. September vis 2. Oktober, zu gewähren. 2. Den übrigen Soldaten einen Urlaub vom 9. September bis 8. Oktober zu gewähren. S. Den Soldaten, die auf 10., 17. oder 24. September einen unbestimmten Urlaub nachgefucht haben, diesen bereits am 9. September beginnen zu lasten. 4. Den Militärpflichtigen, die am 29. August, 1., 5., 7., 8., 12. und 19. September eingezogen werden, eine Fristverlängerung bis zum 8. Ottober zu gewähren. — Ein ministerieller Regierungsbefehl, in liberalster Weise erlaffen zugunsten deS jüdischen ReligionSgesetzeS, dürste in Deutschland oder Oesterreich wie ein Märchen anmuten, doch dieses Märchen ist, wie die obige Verordnung zeigt, in Holland kein Märchen, sondern eine selbstverständliche Tatsache. Brand einer Synagoge. Die große und schöne Synagoge in der Str. Cozia in Piatra-Neamtz lRumänien), welche von den Juden dieser Stadt mit großen Kosten erbaut worden ist, wurde am 13. ds. ein Raub der Flammen. Gegen 4 Uhr morgens sah der in der Straße postierte Polizeisergeant aus einer neben dem Gotteshause befindlichen kleinen Hütte Flammen züngeln und in dem gleichen Augenblicke brachen die Flammen auch aus der Synagoge aus. Der Polizeisergeant schlug sofort Alarm und kurz darauf trafen die Vertreter der Behörden sowie die Pompiers am Brandplatze ein. Mittlerweile aber hatte das Feuer große Dimensionen angenommen und das Dach sowie das ganze Innere der Synagoge ergriffen. Trotz der dringenden Gefahr aber stürzten sich einige Juden in das Innere des brennenden Gotteshauses, um die Gebetsrollen und die heiligen Gefäße zu retten, welche sie tatsächlich unbeschädigt heraustragen konnten. Gegen 8 Uhr früh endlich gelang es den vereinigten Anstrengungen der Feuerwehr und der ausgerückten Soldaten, des Feuers Herr zu werden. Das Dach sowie die ganze innere Einrichtung der Synagoge sind vollständig abgebrannt und von dem so stattlichen Gebäude bloß die Mauern übrig geblieben. Der Schaden ist sehr groß und für die Kullusgemeinde in Piatra um so empfindlicher, als das Haus nicht versichert war. Die Ursachen des Brandes sind bis jetzt nicht bekannt, doch liegen Verdachtgründe vor, daß das Feuer von böswilliger Hand gelegtworöensei. Doktor Henri de Rothschild. Aus Paris wird berichtet: Auf Antrag des Ministers des Innern wurde Herr Dottor Henri de Rothschild zum Chevalier der Ehrenlegion ernannt. Das „Journal Officiel" motiviert diese Ernennung wie folgt: „Besondere Rechtstitel: Gründer der Armenapotheke Piepus, der Milchtrinkhalle für Arme, der Polyklinik und des Hospitals auf der Rue Marcaöet des Dispensatoriums von Berck-sur-Mer. Verfasser zahlreicher Arbetten über die Hy giene der Er nutz tu n g und die Pathologie des Säuglings." Todesfall. Aus Paris meldet man uns die Nachricht von dem Ableben des Chefarztes vom Pariser Rothschildspital, Dr. Anselm W e i l l. Der Verstorbene war auch Chevalier der Ehrenlegion und Chefarzt der französischen Nordbahngesellschast und spielte auch im öffentlichen Leben der Juden Frankreichs eine bedeutende Rolle. Dr. Anselm Weill starb nach langen und schweren Leiden im Alter von 72 Jahren. Ursprünglich war Dr. Weill Vorbeter bei der israelitischen Gemeinde, während welcher Zeit er sich für die Universitätsstudien vorbereitete. Bereits in vorgerückten Jahren gelang es ihm, sich ausschließlich dem Studium der Medizin zu widmen und Dank seiner außerordentlichen Begabung und eines immensen Fleißes sich rasch einen Namen in der medizinischen Welt, und zwar einen geachteten Namen zu erringen. Bor fünfzehn Jahren zur Leitung des Pariser Rothschildspitals berufen, erblickte er seine Hauptaufgabe darin, ein wirklicher Helfer seiner armen, kranken Stammesbrüder zu sein. Von einer jüdischen Berliner Hofsängcrin aus dem 17. Jahrhundert erzählt folgender Briefwechsel: Der Kurfürst Friedrich der Dritte schrieb am 16. Jnli 1690 aus Wesel an den Fürsten von Anhall und die Geheimen Räte in Berlin: „Marcus Jsaac Juden sambt Seiner bey sich habenden Tochter Brentgen Marcus von hier,nach Berlin gehen zu lassen, damit gedachte Brentgen bey Unsrer hochgeliebten Gemahlin mit singen aufwarten und nach! derselben gutfinden sich weiter in der Music üben und perfektioniren, auch Ihre habende ungemeine Stimme nach der Kunst und methvde einrichten und employren lerne." Die Antwort des Fürsten von Anhalt lautet wöttlich: „Der Jud ist angekommen, weil aber E. h. d. Ge-, mahlin sich anitzo nicht hier, sondern zu Hannover befindet, so' werde deroselben Ich von dieses Juden Tochter Brentgen Marcus und ihrer ungemeinen Stimme, die Ich selbsten gehöret und admiriret habe, alsoforth Nachricht geben und dero gnädigsten Befehl erwarten, ob sich diese Jüdinn dorthin begeben oder bis zu dero Gott gebe! glücklicher Zurttckkunfft sich allhier aufhalten soll" ... Von den Schicksalen der jüdischen Hossängerin Brenti gen Marcus ist nichts bekannt.! Jüdische Ackerbaukolonie längs der Uruguayanabahn. Der \ Betriebsdirektor der Uruguayanabahn, Herr Gustav Vanthier,! gibt an verschiedene Zeitungen folgende interessante Mitteilun-, gen über eine im Muniztp Santa in der Anlage begriffene, von jüdischen Ackerbürgern bebaute Kolonie: „Die K'olvnielünde-, reien sind unweit Santa Maria in der Ortschaft Pinhal, der ersten Station der Eisenbahnlinie Santa Maria — Pass» Funco — gelegen. Gegründet ist die Kolonie von der „Jewish Colonization Association", mit Sitz in Paris und Zweigstellen in verschiedenen Hauptstädten Europas, wovon die bedeutendste in Brüssel der Leitung des Herrn Franz Philippson, eines der Direktoren der belgischen Effenbahnpächter-Gesellichaft in unserem Staate, untersteht. Die „Assveiativn" ist kein geschäftliches Unternehmen/sondern verfolgt humanllüre Ziele. Ihr Gründer^ ivar der verstorbene Baron Hirsch. Er hatte bei Lebzeiten selbst damit begonnen, die jüdische Kolonisation in Argentinien e'lnzuführen, wo gegenwärtig mehrere israelitische Kolonieri bestehen, wie z?B. in den Provinzen Buenos Aires und Entre Nios. Auch in Kanada gibt es Jnöenniederlassnngerl. Die erzielten Erfolge ermutigten die Leiter der „Jewish Coloilizativn Association", in Brasilien einen Kvlontsativnsversuch zu machen, und zwar wurde hierzu der Staat Rio Grande do Sul ansersehen, weil dessen Klima sich dem von Südivestenropa am meisten nähett, und rveil es dort dem einzelnen Kolonisten nicht schwer Mt, sich durch feiner Hände Arbett eigenen Grund und Boden zu erwerben. Im Jahre i960 wurde eine Sachverständigenkommission nach Rio Grande do Sul gesandt, um die Bedingungen für eine dort anzulegenbe Kolonie zu studieren. Die eingezogenen Erkundigungen waren die denkbar günstigsten und schon im Jahre 1902 kam ein Vertreter der „Association" aufs neue nach hier. In der Gegend von Pinhal, 28 Kilometer entfernt von Santa Maria, schon auf der Serra, fand Dr. Laptne einen Landkomplex von zirka zwei QuadratlegnaS Flächeninhalt, der ihm besonders geeignet erschien. Er kaufte ihn daher an. Jetzt wird an der Vermessung deS Landes iw Kolonielose und an den Wegen gearbettet. Der Koloniekomplex, besteht aus Kampland. Es ist dies der erste größere Versuch, der in unserem Staate mit Kampkolonisation gemacht wird. Bisher hatte man Kolonien nur im Urwald angelegt. Die jüdische Kolonie wird nur Kampwirtschast betreiben. Jeder Kolonist erhält allerdings auch auf seinem Lose ein Stück Walö„ aber nicht, um es niederzuhauen, sondern um sich sein Brenn- und Bauholz daraus zu holen. Die Kolontsationsgesellschaft liefert jeder Kolonistenfamilte ein Los von annähernd 26 Hertaten und ein Häuschen darauf, sowie Ackerbaugcräte, Sämereien und Zugtiere. Dadurch entstehen der Gesellschaft natürlich große Ausgaben, aber man hofft mit Recht, daß der Kolonist auf diese Weise viel schneller in der Lage sein wird, seinen beL Empfang des Kolonieloses eingegangenen Verpflichtungen nachzukommen. Die „Association" spielt nur die Vermittlerin, bereitet alles vor und liefert das nötige Anlagekapital, damit der Kolonist sich sofort einer einträglichen Beschäftigung widmen kann. Die kontrahierte Schuld soll binnen einer bestimmten Anzahl von Jahren ratenweise abgetragen werden, und zwar erhebt die Gesellschaft nur sehr mäßige Zinsen und gewährt gewisse Erleichterungen in Fällen schlechter Ernte oder sonstigem Mißgeschick. Aber die Hauptsache ist, daß der Kolonist alles, was er erhält, auch durch seiner Hände Arbeit bezahlen muß. Es ist schon bemerkt worden, daß die Gesellschaft nicht auf Gewinn ausgeht. Die Zinsen werden denn auch nicht als Dividende verteilt, sondern dem Kapital der Gesellschaft zugeschlagen, die dadurch in die Lage kommt, ihre humanitären Ideen in größerem Maßstabe zu verwirklichen." Die Beerdigung des Prof. Karl Weigert. Am 8. August erfolgte auf dem israelllischen Friedhofe in Frankfurt dle Beerdigung des verstorbenen Prof. K. Weigert. Sehr stark war die: Aerztefchast und die Gelehrtenwelt vertreten. Bei dem Trauerakt in der Halle feierte Rabbiner Dr. Seligmann den Verstorbenen als einen Helden der Wissenschaft und als eine hervorragende Persönlichkeit in der menschlichen Gesellschaft. Weigertt hat mit seiner ganzen Lebensarbeit der deutschen Wissenschaft, gedient, seine Wirksamkeit war ein Ruhm für die Wissenschaft im In- und Auslande. Was. das Königreich Sachsen dem: großen Gelehrten schuldig geblieben ist, das hat unsere Vaterstadt Frankfurt gutgemacht, als sie ihn zum Direktor des pathologisch-anatomischen Instituts der Dr. Senckenbergischen Stiftung berief. Hier konnte er seine Kräfte frei entfalten und als Lehrer für eine ganze Generation von Aerzten wirken. Als Mensch war er so schlicht wie groß, so einfach wie verdienstvoll.. Bürgermeister Dr. Varrentrapp hielt eine kurze Ansprache: „Namens der Stadt Frankfurt und der städtischen Behörden lege ich an der Bahre einen Kranz.nieder als ein Zeichen der Verehrung und Dankbarkeft für den großen, genialen Gelehrten, den wir mit Stolz den unseren nennen. Ich danke an. dieser Stelle nicht nur für daswas Geheimrat Weigert direkt für die städtischen Verwaltungen geleistet hat, indem, er die wissenschaftlichen Ergebnisse der Leichenöffnungen im städtischem Krankenhaus unseren Aerzten übermittelte. Ich danke vor allen Dingen dafür, daß er das geistige, das wissenschaftliche Leben unferer Stadt so außerordentlich gefördert und gehoben hat durch seine Forschungen, seine Lehren und seine Persönlich-- feit, die die Augen der gesamten wissenschaftlichen medizinischen Welt auf unsere Stadt lenkten und Hunderte von Männern um seinen Lehrstuhl versammelten. Auch dafür danke ich, daß er mit regem Eifer teilgenommen hat an den Vorarbeiten für die Neugestaltung unserer medizinischen wissenschaftlichen Anstalt. Tief beklagen wir es, daß-er, der berufen war, eine der ersten Zierden der Akademie zu bilden, die Eröffnung dieser Anstalt nicht miterleben konnte. Möge sein Geist strenger Forschung fortleben!" Geheimer Medizinalrat Professor Schmidt- Metzler sprach im Namen des Senckenbergischen Instituts. Erhob den gewaltigen Einfluß der Wirksamkeit Weigerts auf die wissenschaftliche Tätigkeit in Frankfurt hervor. Weigert warder rechte Mann am rechten Platz! Für den ärztlichen Verein: legte Sanitätsrat Dr. E. Cohn einen Kranz nieder. Er entwarf in gedrängten Zügen ein Bild der wissenschaftlichen Tätigkeit des Verstorbenen. Nach medizinischen Studien nt Breslau, Berlin, Wien begann seine Assistentenlaufbahn bei den Klinikern Graetzer und Leber und den pathologischen Ana-- tomen Waldeyer und Cohnheim. Dazwischen fällt seine Anteilnahme am Feldzug 1870-71 als Arzt. Mit Cohnheim ging er als Assistent nach Leipzig. Als dieser starb, versagte ihmdie medizinische Fakultät Leipzig die Berufung als Ordinarius aus konfessionellen Gründen, obwohl er durch die Bedeutung seiner Forschungen und den Umfang seiner Arbeiten hinter feiltet» zurückzustehen brauchte. Da kam in seiner Bedrängnis, als er schon entschlossen war, sich als Badearzt in Schlesien niederzulaffen, die Berufung an das anatomffch-pathologische- Institut der Dr. Senckenbergischen Stiftung. Die wissenschaftlichen Arbeiten Weigerts sind nach zwei Richtungen ausgeprägt: der philosophischen, auf breiter biologischer Grundlage uufgebauteu, und der mikroskopisch-technischen, insbesondere der Färbctechnik verschiedener Gewebe. Die Wissenschaft wird Weigert unter den großen Anatomen den gleichen Platznii Henle und Cohnheim zuweisen. Der Redner rühmte endlich Weigerts Wirken im ärztlichen Verein. Weigert war der liebenswürdigste, hilfreichste und mildeste aller Kollegen. Sein weiches Kindergemüt bewahrte er sich bis zum letzten Atemzug. „Die Menschen wandeln im Schattenreich in der Gestalt, mit der sie das Leben verließen," so gilt Achill als der eidig-jugendlich Strebende, so wird auch das Bild Weigert in seiner besten Schaffenskraft erhalten bleiben. Geheimer Medizinalrat Dtrektor Ehrlich legte siir das Sermninstitut, Direktor Walter für den deutschen Realschulmännerverein einen Kranz nieder. Kränze svendeten ferner der Physikalische Verein, die Aerzte des Dr. Christ'schen Kindersvitals und des städtischen Krankenhauses sowie der Riesengebirgsverein. Die beiden großen politischen Parteien Amerikas haben ihre Kandidaten für die im November die es Jahres stattfindenden Präsidentenwahlen nominiert. Beide Parteien haben in ihren Programmen die unbedingte Zulassung amerikanischer Juden in Rußland gefordert, ohne die Sache selbst zu nennen, indem sie sich nur auf das Prinzip beschranken. Das Programm der Republikaner, deren Wählerversammlung am 22. v. M. in Chicago stattgefnnden hat, haben wir bereits mitgetetlt. Die demokratische Partei, deren Konvent am 10. v. M. in St. Louis abgehalten wurde, ist noch entschiedener. In ihretn Programm heißt es: „Wir verbürgen uns, auf billigem gesetzlichen Schutz aller unserer Mitbürger, sowohl im Inlands als im Auslande zu bestehen und alle Maßregeln au er* greifen, welche ihnen, seien sie eingeboren over naturalisiert, ohne Unterschied der Rasse und des Glaubensbekenntnisses f&rhith und den Genuß aller