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Jüdisches Volksblatt · 1904-08-26 · 35 (26.8.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
35 (26.8.1904)
Date
1904-08-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Der ebenso lächerliche wie verdammenswerte Rummel, welcher derzeit wegen einiger lumpiger slawischer Parallelklassen an einer Lehrerbildungsanstalt bei dem sogenannten „Deutschen Volkstag" in Troppau und nun auch im übrigen Deutschösterreich von den deutschnationalen Chauvinisten in Szene gesetzt wurde, charakterisirt so recht drastisch den absoluten Mangel an ethischem Ernst bei den tonangebenden Politikern Oesterreichs. Wieder einmal — zum tausendsten Male — ist das „Deutschtum" bedroht, wieder werden „Renegaten" entdeckt, wieder wird von „Slawisierung" gefaselt und wieder wird die nationale Hetze von Herrn Wolf und den übrigen abgewirtschafteten Deutschnationalen, Ost- und Alldeutschen benützt, um auf billige Weise sich Lorbeeren zu erwerben. <2o wiederholt sich in Oesterreich zum Ekel und Ueberdruß aller vernünftigen und ehrlichen Leute seit Jahrzehnten immer wieder dieselbe abscheuliche Komödie, daß die Errichtung einer Parallelklasse (z. B. in Cilli), eines Bezirksgerichtes (z. B. Wekelsdorf) zu monate- und jahrelangen Demonstrationen und Phrasendreschereien der verschiedenen nationalen Demagogen Gelegenheit bietet, und eine betörte und irregeleitete Menge jubelt noch diesen chauvinistischen Phrasenhelden, die jede produktive wirtschaftliche Arbeit unterlassen und verhindern,'zu, anstatt endlich dieser Art von „Volksvertretern den Laufpaß zu geben. Für reiche Abwechslung ist gesorgt. Beginnt im deutschbürgerlichen Lager Vernunft für eine Weile einzukehren, dann geht der Hexensabbat auf Seite der tschechischen Exaltados über Germanisierung wegen einer deutschen Straßentafel los, oder die italienischen Ultras führen Komödien wegen Errichtung slowenisch-kroatischer Parallelklassen in Pisino, die heißblütigen magyarisch-chauvinistischen Herren in Budapest wieder Skandalszenen wegen der schwarzgelben Quasten eines Türstehers auf und zum Schlüsse fordert Herr Schneider als Lösung aller dieser weltbewegenden (!) Fragen die V..e r t r e i b u n g der Juden oder mindestens die Übersetzung des Talmud, wenn nicht durch Entdeckung eines Ritualmordmärchens für eine andere Unterhaltung unserer politischen Kreise Feuilleton. Christliche Märtyrer des Judentums. (Tragikomödien des Levens.) Von Jakob Krausz. Eine alte Anekdote erzählt folgendes: In einem Kurorte trafen alljährlich ein moderner Rabbiner und ein griechischorthodoxer Bischof zusammen. Beide langweilten sich in dem kleinen Neste, und wenn man sich langweilt und außerdem an Verdauungsbeschwerden leidet, so gibt es kein besseres Mittel der Zerstreuung und der Beförderung der Verdauung, als eine Debatte über die Jndenfrage anzuknüpfen. Das gibt eine angenehme Emotion für die Debattierenden, auch die Anhörer, deren sich bald eine Menge einfinöet, finden ihre Rechnung dabei, nur der Gegenstand des Streites: das Judentum selbst, gewinnt nichts bet diesem Amüsement, eher verliert es. Nun, unsere „geistlichen Nebenmenschen" stöhnten diesem Sport in ausgiebiger Weise; mitunter wurden wahre Orgien gefeiert in Bezug auf „Judenanalyse". Der Herr Bischof freute sich jedesmal unbändig auf den peripathetischen Genuß mit dem Herrn Doktor. Seine Eminenz gedieh zusehends und es ist noch nicht entschieden, ob er dies der vorgeschriebenen Kur oder den Debatten über die Judenfrage zu verdanken hatte. Jedenfalls empfehlen wir diese Erscheinung der Beachtung unserer medizinischen Forscher ebensowol wie den Erlösern des Judentums a la Dr. Elias Jakob. Was Seine Ehrwürden den Herrn Rabbiner betrifft, so war es ihm wirklich um die Ehrenrettung des Judentums zu tun, wenn es auch nicht geleugnet werben soll, daß er großes Gewicht darauf legte, mit Sr. Eminenz dem Herrn Bischof „gesehen" zu werden. Eines Tages ließ der Herr Bischof lange auf sich warten. Man hatte einen Ausflug ins „Waldl" besprochen, die Zeit der Zusammenkunft war schon längst verstrichen, und der Herr geformt wird. Das nennt sich österreichische Politik;' das ist die Beschäftigung österreichischer Volksvertreter und mit diesen Fragen (!) füllt die Tagespresse ihre Spalten! Und an derartigem Stumpfsinn findet leider auch ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung des Donaureiches Wohlgefallen, er fördert noch immer eine volks- und reichsfeindliche Politik abgewirtschafteter Parteien, welche allzeit bereit sind, zur Sicherung ihrer Mandate nicht nur den nationalen Brand zu schüren, sondern auch in verschämter oder unverschämter Weise den antisemitischen Instinkten der Massen Rechnung zu tragen. Solange in Oesterreich die Politik der Parteien also keine Wirtschaftspolitik ist, solange nationale und konfessionelle Hetzereien das Programm der verschiedenen parlamentarischen Koterien bildet, kann es für die Juden in Nord und Süd, in Ost und West des Reiches nur ein einziges Glaubensbekenntnis geben: Heraus aus allen bestehenden politischen Parteien! Der Arbeit innerhalb der eigenen Reihen hat die „Jüdische Moderne" genügt zu verrichten! Noch ist die Assinrilationspolitik nicht ganz überwunden, noch herrscht in den weitesten Kreisen des jüdischen Volkes in Oesterreich Unklarheit nicht bloß über die Aufgaben der Zukunft, sondern selbst über die der Gegenwart, über die richtige Art der Taktik, der Agitation und Organisation. Dogmen und Schlagwörter, anders verstanden von ihren Verkündern und wieder anders von denen, die sie in sich aufnah men, haben unendlich viel zur Verwirrung und Zerklüftung unter den Juden beigetragen. Unter solchen Umständen wird eine intensive, belehrende und aufklärende sachliche (von allen persönlichen Kämpfen freie) Kleinarbeit unter den Juden Oesterreichs nötig fein, bevor eine brauchbarejüdische Volksorganisation vorhanden sein wird und ehe eine erfolgreiche jüdische Realpolitik möglich ist. Aber nicht nur Aufklärung ist unter den jüdischen Volksmassen darüber nötig, in welcher Richtung die national-soziale Arbeit stattfinden muß, soll sie zur Renaissance des jüdischen Volkes führen, sondern auch unter der nichtjüdischen Bevölkerung wollen und müssen wir die betreffs unserer nationalen Ziele herrschenden Jrrtümer aufkläreu. Bischof, der sonst zu den Pünktlichsten zählte, war noch nicht sichtbar. Der Herr Rabbiner, der allen seinen Bekannten bereits von dem heute zu gewärtigenden Reöeturnier manches verraten hatte, ward schon ungeduldig, als der Herr Bischof an der Straßenecke einbog und langsam, den Blick zur Erde gewandt, als suche er etwas Unfinöbares, einherschritt. Der Herr Bischof war sehr traurig. „Ist Ihnen etwas Angestoßen?" frug der Herr Rabbiner mitleidsvoll. Das Gesicht des heiligen Mannes wurde jetzt rot vor Zorn. „Gemeinheit! Niederträchtigkeit! Es ist Heuer das letzte Mal, daß ich in dieses elende, barbarische Nest gekommen bin!" keuchte der Mann, wobei er seinen langen, weißen Bart strich, als wollte er ihn nach erfahrener Unbill beruhigen. Als der Herr Rabbiner auf diesen Zornesausbruch seines christlichen Berufskollegen ein Gesicht machte, auf dem hundert Fragezeichen zu. stehen schienen, meinte der hohe Herr: „Denken Sie sich diese Roheit! Ich komme da aus meinem Restaurant, schlage eine stille Seitengasse ein, um ruhig meine Argumente zu sammeln, welche ich Heute gegen Ihre Verteidigung des Judentums ins Treffen führen wollte. Ich freute mich schon in; Inner« iiver Ihre Niederlage, als ich an einem Hause vorüberkam, vor dessen Tor ein Rudel Bauernjungen Allotria trieb. Kaum wburden sie meiner ansichtig, brachen sie in einen ohrenbetäubenden Lärm aus: „Jud! Jud! Handle! Der sucht a Christenmädel!" Ich blickte Um mich, und da ich in her ganzen Gasse sonst niemanden sah, ging ich meines Weges und dachte, daß dies bloß ein harmloses Spiel dieser Rangen sei und einer von ihnen den Juden vorstelle. Ich war noch nicht zehn Schritte weitergegangen, da sauste ein faustgroßer Stein an meinem Ohre vorüber, bald folgten viele andere unter wütendem Gejohle der Bauernjungen. Ich begann nun zu laufen, der heulende Rudel hinter mir, ein Stein warf mir den Hut vom Kopfe, und ich weiß nicht, wie es mir ergangen wäre, wenn nicht ein Hüter des Gesetzes zufällig des Weges gekommen wäre und die vermaledeiten Bälge verjagt hätte. Der Beschützer der öffentlichen Ordnung bat tan- Wir wollen die Wahrung unserer nationalen Individualität, wir verwerfen das übrigens unmögliche Aufgehen in andere Völker, wir sind aber keine nationalen Fanatiker, wir wollen keine chinesische Mauer zwischen uns und den übrigen Völkern Oesterreichs errichten und wir sind am allerwenigsten Reaktionäre. Im Gegenteil, weil wir einem nationalsozial bedrückten Volke angehören, stehen wir mit unseren Sympathien auf Seite aller national und wirtschaftlich Unterdrückten und die Förderung einer Wirtschaftspolitik zugunsten aller produzierenden Stände ist eine unserer Hauptaufgaben in der Gegenwart. Wo es sich also um wirtschaftliche Organisationen und um wirtschaftliche Arbeit zugunsten der Armen und Bedrückten handelt, dort können, dort müssen die Juden Oesterreichs mittun, wohlgemerkt ohne aber irgend einer der heute bestehenden Parteien Oesterreichs Heeressolae zu leisten. Aufklärung und wirtschaftliche Reformarbeit müssen also unsere nächsten Aufgaben sein, in unserem und im Interesse der Gesamtheit. Die ökonomische Lage der Jude« in Galizien. Von Ch. W. Reichenberg II. Schon im Jahre 1883 habe ich nach einer Reise in Galizien in einem Lemberger Blatte einen Artikel veröffentlicht, in welchem ich auf die schwarzen Wolken hinwies, die sich über den Existenzen der Juden in den galizischen Kleinstädten zusammenziehen, und regte zugleich die Führer und Tonangeber an, eine Hilfsaktion zum Zwecke der Zuführung der verarmenden. Glaubensgenoffen männlichen Geschlechtes zur landwirtschaftlichen Arbeit und jener weiblichen Geschlechtes zur Hausindustrie einzuleiten. Diese Veröffentlichung hatte bloß einen theoretischen Erfolg, indem der Inhalt derselben in Versammlungen zur Sprache kam und in Diskussion gezogen' wurde. Bei dem blieb es aber auch. ' Von Zeit zu Zeit, nachdem ich von dem Elende meiner Heimatsgenoffen auf den Reisen wieder impressioniert wurde, ließ ich auch Broschüren über diese Frage erscheinen, die wohl gelesen wurden, aber bei den maßgebenden Faktoren keine Beachtung fanden. Endlich gründete ich im Jahre 1889 hier in Wien eine Monatsschrift zur Bekämpfung des wirtschaftlichen Notsendmal um Entschuldigung. „Die dummen Jungen," nreinte er verlegen lächelnd, „glaubten, Hochwürden wären a Jud, weil S' a langen Bart hab'n und a Kaftan trag'n, wie d' polnischen Juden!" Der Herr Bischof hielt inne. „Ich bedaure ehrlich diesen schändlichen Unfall und kann mit Ihnen fühlen, Eminenz!" sprach nun der Herr Rabbiner. „Doch sehen Sie, Sie waren nur fünf Minuten lang Jude und mußten so viel leiden, jetzt werden Sie es ermessen können, wie viel das Judentum seit seinem mehr als fünftausendjührigen Bestände zu leiden hatte!" An diesem Tage wurde nicht mehr über die Jndenfrage debattiert. So weit meine Anekdote. Ob es wirklich eine Anekdote ist? Ich glaube nicht. Der Bauer auf dem Dorfe, der Tischlergehilfe vom christlichen Gesellenverein und die Hökerin vom christlichen Frauenbund haben weder die Rassentheorie studiert, noch sind sie in der Phrenologie bewandert; sie haben sich eine jüdische Physiognomie zurechtgelegt, wie sie in ihren Leibblättern abgebildet sind, und wenn sie eines Gesichtes oder einer Gestalt ansichtig werden, welches diesem Judenmodell nur irgendwie ähnlich sieht, da macht sie der Horror juöaei zur Bestie, und, ohne erst nach Taufschein und anderen Kleinigkeiten zu fragen, wird derUnglttcksmensch more antisemitieo mit Steinen beworfen, zur Türe hinausgeschmissen oder zu Tode geprügelt, je nachdem die Bestie in halbwüchsigen Burschen, in einem antisemitischen Gastwirte oder in rohen, von Schnapsgenuß berauschten slowakischen Bauern steckt. Nein, die obige Erzählung ist keine Anekdote, denn die jüngste Zeit hat uns einige tragikomische Pendants zu dem gekränkten Bischof geliefert. Sie sollen hier erzählt werden: Der gewesene ungarische Kultusminister Dr. Julius W l a s s i e s hat einen echten Judenkopf, ich meine äußerlich, der Form nach; er ist beinahe die Karikatur eines Judenkopses, wie man ihn in antisemitischen Witzblättern die Menge trifft. Ein längliches Gesicht, um rahmt mit glänzend schwarzen Haarlocken, wie wenn der ganze Kopf mit Schmachtlöckchen besäet wäre, kleine, schwarze, blitzende Augen blicken wehmutsvoll auf eine kühn nach vorn gebeugte Adlernase, die ganze Gestalt ist

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