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Jüdisches Volksblatt · 1904-08-19 · 34 (19.8.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
34 (19.8.1904)
Date
1904-08-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lrd«tto»r U/S. Leopoldsssffe 2 a. Telephon-Nr. 147»». GPrechW«»«» »a «»»«la»« vou 4 v» S ay, nachmittag».?«,«»*•«,s «jUfirt «»», ii|». fttfiftttrctfrttt »egm vvMSteter ob« gox nicht «fotzt« Loftellnna «öM« wir »a» dring«». - «««fevwte M«»e» «ich» »««ÄeftzM. VOWparcaffw-ront, e»7v»1. 3» da» Monnanmt rann man täglich «iatretm. «ü»r WMviLkMW drr vom Uwtkchr» Volks vEru wwAzttr« Krep«m«»Mw». Tnf««e iv«««h«« dt« Kmimr K. La«ü«»«ch M. Luv». Haas«. »,1, » »ogl«. «Udo» Mbff4 «. OpprlS. Dt. Po^ontzt. «. Schalet in Me«, fern« alle Lononeea^vrpebittonm im Sallland«. Qto)i(if{mKr te Wie» 16 Heller. Administration; H/8. Lvopoldsgaste 2A. relephon.Nr. 147»» rlSounemeUtSpreiS r Telephon.»,. 147»» Für tötet*»«Oefterretch-Vngara lammt Arak'.o,«stellung. SauzjShrts Halbtüheig . virrteljS-riA. . Für baS gefammte NnSlan» lammt Francozustellung. *t. 10.- *, MO mrnx* amtaamsm-mmm Wien, IS. August 1904 (6. Mul 5664). VI. Jahrgang. Kr. 34 ——‘"T"'**' tiiiimii—«awimi 100 Jahre österreichisches Kaisertum. Die Betrachtungen der Tagespresse der verschiedenen Schattierungen über die Zentennarfeier des österreichischen Kaiserstaates haben die alte Wahrheit zutage gefördert, daß man in Oesterreich im Lager jeder Partei die Fehler aller übrigen Parteien, aber nicht die eigenen sieht, keecatum 68t, intra muros et extra! Von allen Parteien und von allen Regierungen des Donaureiches wurds seit 1867 gesündigt und alle bisher versuchten Lösungen des österreichischen Problems" — in allererster Linie die dualistische Dezemberverfassung — waren arge Mißgriffe. Aber anläßlich einer historischen Betrachtung genügtes nicht, nur immer wieder die alten Rekriminationen zu erneuern, darüber zu jammern, was nicht geschehen ist, sondern es ist hoch an der Zeit, daß einmal unter der österreichischen Bevölkerung im allgemeinen und unter den österreichischen Juden insbesondere Klarheit darüber verbreitet werde, was in Zukunft in Oesterreich geschehen soll und muß. Zu dieser Klarheit wird man im Donaureiche so lange weder oben noch unten gelangen, als man nicht begreifen lernt, daß der R e i ch s g e d a n k e kein nationaler oder konfessioneller sein kann, ein sozialer aber werden muß. Jedes Volk dies- und jenseits der Leitha hat wohl das Recht auf Autonomie seiner Nationalität und seiner Religion, die nationalen und religiösen Gefühle jedes Bewohners der Monarchie müssen geschont werden, aber die Staatsaufgaben können nur kulturelle und wirtschaftlich s sein. Wer dies nicht einsieht, hat nicht den Kern des österreichische« Problems erfaßt, er haftet an der Oberfläche und verwechselt die Einzelerscheinungen des Tages mit den tieferen Ursachen der österreichischen Wirren. Nicht darin liegt der Grund derselben, daß die Habsburger-Monarchie eine polyglotte ist, daß die Völker ein lebendiges nationales Empfinden besitzen, sondern daß in allen nationalen, Lagern die Liebe zum eigenen Volke, das echte Nationalgefühl zur abscheulichen Fratze des nationalen Fanatismus entartete und eine in jeder Richtung verfehlte Verfaffung und ein vollständig degenerierter Parlamentarismus das nationalchauvinistische Fexentum auf beiden Seiten der Leitha zu Wortführern der verschiedenen Völker der Monarchie machte. Diese „Führer" können und werden sich nie,verständigen, weil sie durch dis Nationalitätenhetze und den Feuilleton Der Jude an den Christen. Bo« Friedrich Hebbel (1839). Ich sank zu Deinen Füßen, bleich und blutend, Ich zeigte stumm.auf die Vergangenheit: tch rief, im Sterben selbst mich noch ermutend: ei Du mein Heiland, jüngste, stolze Zeit! Du standest still vor mir, mich ernst betrachtend, Dein Blick, umwölkt zwar, schien doch mitleidvoll. So daß mein Herz, bisher verzweifelnd» schmachtend, Zum erstenmal von sanfter Hoffnung schwoll. Doch ach! Du zähltest schweigend nur die Wunden, Die langsam mich, bis auf den Kern, zerstört, Du fandest schaudernd alle unverbunden Und wandtest Dich, im Innersten empört. Nun prägt mich, allen Zeiten zu beweisen, Daß mich kein Mensch mehr Bruder nennen kann. Dein Griffel, Zug um Zug, in Stein und Eisen; Dann wiederholst Du streng den alten Bann. O, zerr' es nur aus dunklem Tabernakel Bervor, mein Bild, zerriffen und entstellt; , stell' eS nur mit jedem seiner Makel Im Glanz, -er Sonne auf vor aller Welt! Was war in Eurer Märt'rer Leib zu lesen, Wenn man zerfetzt hervor sie stieß an's Licht? Doch nur, wie hart die Folterbank gewesen — Für Sünden hielt man ihre Wunden nicht! Antisemitismus groß geworden und dem Kampfe aller gegen alle ihre heutigen politischen Positionen verdanken. Die Hinwegräumung dieses vermorschten und verlotterten alten Parteiwesens ist daher eine weitere Bedingung zur Gesundung Oesterreichs. Hier aber liegt die Hauptsünde der assimilator i s ch-jüdischen Politik, daß sie den engen Zusammenhang der Nationalitätenhetze und des-Antisemitismus bis zum heutigen Tage übersehen hat und nicht die logischen Konsequenzen darausfzieht, daß in ganz Oesterreich bei allen Volksstämmen der C h a u v i n i s m u s der Ausgangspunkt und der Nährboden für den R a s s e n antisemitismus, die gefährlichste und am schwersten zu Überwindende Abart der Juden Hetze ist. Daß ein großer Teil der Juden direkt mit Blindheit geschlagen ist und systematisch den Antisemitismus züchtet, zeigen die Verhältnisse in Triest, Galizien und Ungarn, wo jede Vorschubleistung des italienischen, polnischen oder magyarischen Chauvinismus logischerweise die nationalen Gegensätze steigern und in weite.rer Linie dem Antisemitismus die Wege ebnen muß. So lange nicht der Geist der gegenseitigen Duldung und nationalen Toleranz zwischen den verschiedenen Nationalitäten Platz greift, so lange können auch die Juden nicht hoffen, als gleichberechtigtes Volk respektiert zu werden, und so lange gibt es auch keine Regeneration Oesterreichs, keinen politischen und sozialen Fortschritt. +; . An dieser Regeneration haben gerade die Juden ein lebhaftes Interesse, denn ihre eigene wirtschaftliche Lage kann nicht verbessert werden, wenn nicht eine kraftvolle Wirtschaftspolitik die soziale Gesamtlage aller produzierenden Volksschichten verbessert. Man darf eben picht ausschließlich ipimer nur im Auge behalten, was die Nationalitäten und Rassen t r e n n t, sondern auch das, was sie gemeinsam Haben und was sie v e rbindet, muß endlich klar werden. So wenig es am Platze ist, die Existenz einer Nationalitäten- und Judenfrage zu leugnen und über die vorhandenen Gegensätze mit Phrasen hinwegtäuschen zu wollen, . ebensowenig darf man außer Auge laffen, daß die Vö lker d ieser Monarchie aus diese und aufeinander angewiesen sind, daß ihre gemeinsame wirtschaftliche Not alle chauvinistischen und antisemitischen PhrMn übertönt. Hier liege« die Staatsaufgaben NeuöfterreiM, die in erster Linie wirtschaftlicher Natur sind. Mm ' > ' —» ' I. ■. n V. ■ rifete Der Man» vom Südend. (Eine amerikanische Ghettogeschichte.) Von A. M. Schar kan s k y. Die Nettere hieß Anny, die Mittlere Fanny und die Jüngste Jenny. „Sie liegen mir wie ein Berg im Kopfe", pflegte der Vater seufzend zur Mutter zu sagen. Die Jüngste, Jenny, hat auch schon ihr zwanzigstes Lebensjahr überschritten. Zu Hause aber hieß sie noch immer „Die Kleine" und da sie auch die schönste von den dreien war, gatten die Besuche der jungen Leute zum großen Kummer der Eltern und zum unverhohlenen Berdruffe der anderen Schwestern auch hauptsächlich der Kleinen. Als gute und treue Ettern beschlossen sie die Jüngere nicht vor den Netteren zu verheiraten. Doch kan« 'wurde dieser weise Beschlnß 'bekannt, brach die Jugend der Stadt ihre Besuche plötzlich ab. Die jungen Leute verdufteten mit einemmale, wie wenn sie nie dagewesen wäre«. „Weißt du Rachel," sprach eines Tageder Mann plötzlich zu seiner Frau „sollte sich wirklich so einmal ein rechter Mann finden, weißt du, ich meine so ein junger Mann mit viel Geld, würde ich a« Ende doch mit mir reden laffen, bezüglich der Kleinen. Wahrhaftig ich möcht' schon einmal bei der Hochzeit eineeigenen Kindes tanzen. " „Gott soll'- geben!" seufzte die Mutter. „Ich bin schon kein Mensch mehr vor lauter Sorgen und wenn uns der allmächtige Gott wirklich etwa- Rechtezuschicken wollte, ich würde ihm ewig danken und seinen lieben Namen loben." * * * Eineschönen Abends meldete sich Chone, der Schadchen. Er gehörte schon seit langem zu den Lieblingen des Hauses und war früher täglicher Gast. Da er aber niemals etwas Rechtebei der Hand hatte, erkaltete da- Verhältnis allmählich und Chone hatte sich auf einige Zeit zurückgezogen. „Was macht Ihr alleweil", frug der Schadchen, nach« dem er Platz genommen hatte, „noch immer keine Verlobung?" man sich zu einer kraftvollen sozial-österreichischen Politik auf, dann wird in weiteren 100 Jahren dieses Staatswesen nicht von der Bildfläche verschwunden sein, sondern seine geschichtliche Aufgabe als moderner, internationaler und interkonfessioneller Wirtschaftsstaat erfüllen. Zur J»-e»ftage. (Der Lösungsversuch eines „alten Assimilanten".) Der bekannte Lemberger Advokat Dr. Tobias A s ch k en az y veröffentlicht in der von Wilhelm Feldmann in Krakau herausgegebenen Monatsschrift „Krytyka" einen Artikel „Zur Judenfrage"*), welcher verdient, in den breiteren Schichten , des denkenden Judentums Beachtung zu finden. Der Autor bemerkt am Eingang seines Essays, daß er weder die religiöse noch die rechtliche noch die ökonomische Seite der Judenfräge beleuchten will, er wolle sich lediglich mit der politischen Seite dieser Frage befassen und seine persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen bekanntgeben. Und eben diese Beobachtungen und Erfahrungen find es, welche den Artikel des Herrn Dr. A. charakteristisch machen; aus ihnen ersieht man, wie es mit den Assimilationsbestrebungen .n Galizien beschaffen ist und auf welcher Basis sie stehen. ^Denn der geehrte Autor nennt sich selbst einen „alten A s s i m i l a n t e n"; von diesem Standpunkte beleuchtet er die Judenfräge und von diesem Standpunkte will er sie lösen. Glücklicherweise habe» die Assimilanten und die Affimilationsbewegungen der s i ebz i g e r u n d .a ch t z i g e r Jahre des vorigen Jahrhunders sich selbst überlebt, niemand wird, heute diese Bestrebungen ernst nehmen' und man wird leicht darüber zur Tagesordnung übergehen. Wenn wir uns aber init den Ausführungen des geehrten Autors befassen, so geschieht es deshalb, wMMr einiges aus diesen Ausführungen hervorheben wollen,. VW der Autor mit ehrlichem 'Freimut eingesteht und das geeignet erscheint, die Assimilanten und deren Bestrebungen in ein eigentümliches Licht, zu stellen. Die Assimilanten haben bekanntlich das einzig richtige Rezept zur Lösung der Judenfrage, nämlich die Assimilation, und auch Dr. A. empfiehlt dieses Rezept den Juden Galiziens; er will sogar in dem Freiheitskämpfer unter KoSzeiuszko, Berek Josselowicz, und im polnisch-patriotischen Rabbiner M e i z e l s historische Beispiele dafür finden, wie leicht. ,*) W kwestyi iydowskiej Krytyka zeszyt VI i Vll rok 1904. ' -.----- „Vorläufig ist noch alles still, warf die Mutter einWE' „Ich Hab'für Euch eine feine Ware", begann nun'der Schadchen, aü' seineMMeifenrohr sKW»d,. „aber Ihr dürft nicht so halsstörtigMM.„.WaS rMM.ihm besonders", früg nun der Vater mitHDWt,. verhöhliW' Neugierde. •' •’ Chone, der Schadchen, räusperte sich zunächst, blies einige Wölken aus seiner Pfeife, und nachdem er sich wichtigtüend nach allen Seiten umgesehen hatte, antwortete er fast flüsterM:^ „Würde Euch ein Mann vom Südend passen?" Der Schadchen hielt inne und studierte die Gesichter des ° ihm gegenübersitzenden Ehepaares, um von ihnen den Eindruck herab zu lesen, den seine Offenbarung hervorgerufen. „Was ist er für ein Mann", frug zunächst die Hausfrau. „Irgend ein rechter Mensch?", warf gleich darauf der Mann dazwischen. „Natürlich, allenennt sich heuteinen rechten Menschen", begann nun der Schadchen mit Stolz, „aber er ist wirklich ein rechter Mensch. Man schätzt ihn auf viele, schwere Tausende. Er hat ein eigenes Geschäft) unter Brüdern 100.000 Dollar wert. Na, und sein Name, sein Kredit? Unerschöpflich. Er befindet sich jetzt gerade in New-Pork und hat die Absicht zu heiraten." Die Eltern horchten gespannt den Schilderungen de- SchadchenS. Ihre Herzen drohten vor Freude zu zerspringen. „Wo ist. er?" frug die Mutter lebhaft. „Wie heißt er?", erkundigte sich der Vater. „Er ist soeben in New-Pork angekommen, heißt Max Goldstein und ist aus Balbirifchow gebürtig. Vermögen besitzt er mehr als er wiegt und dabet ein sehr feiner Mann. Aber ein Fehler ist doch vorhanden." „Und was ist das für ein Fehler?" frugen beide. Eltkrn zu gleicher Zeit. „Eigentlich ist eS ein Fehler und auch keiner. Je nachdem, wie es einem paßt", gab der Schadchen zurück. „Wißt ihr meine lieben Leute, er ist nämlich. Witwer mit zwei kleinen Kindern." Einige Minuten herrscht tiefe Stille im Zimmer. Alle drei, der Vater, die Mutter und der Schadchen dachte» über, dasoeben Gehörte nach. „Daheißt also", ließ fich der

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