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Jüdisches Volksblatt · 1904-08-12 · 33 (12.8.1904) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
33 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Voiksbfcit. 12. August 1964 Nr. 33 weil sie mit der Dauer des Unterrichtes und mit Sem positiven Bekenntnis -er Mission .nicht einverstanden waren. Einem Juristen verweigerten wir die Taufe, weil er sich außerstande erklärte, daS apostolische Glaubensbekenntnis als sein Bekenntnis abzulegen. Er ist bald danach von einem anderen Berliner Geistlichen, der daran keinen Anstoß (im Bericht gesperrt) nahm, dennoch getauft worden, ein betrübendes Beispiel für den Widerstreit der Meinungen, der gegenwärtig die evangelische Kirche durchzieht." Amatus Lusitanns. Am 6. Juni d. I. hielt Prof. Maximians Lemos in -re meö.-chir. Gesellschaft zu Oporto einen Bortrag über die wissenschaftliche Bedeutung von A. L.; geboren zu Coimbra 1611, von jüdischen Eltern, wurde er zwangsweise der Kirche zugeftthrt. Er praktizierte in portugiesischen Städten und kam 1636 bet der großen Vertreibung der Juden nach Antwerpen. 6 Jahre später folgte er einer Berufung an die Universität Ferrara, dann ließ er sich 1647 in Andone nieder, von wo er wegen Verdächtigung heimlichen Judentums auswanderte und endlich 1668 in Saloniki unter türkischem Schutze in Ruhe seine Tage endete. Seine Verdienste um die Medizin, Botanik und,Anatomie, welche ihm die Entdeckung der Klappe in der v. azygos verdankt, seine klaren Beobachtungen machen ihn zu dem höchsten Typus der Heilkunst im 16. Jahrhundert. Auch als kühnen und geschickten Operateur zeigen ihn die Schilderungen seiner Operationen. Dabei war er ein gelehrter Philologe und universal gebildet. Die wissenschaftliche Renaissance feiert ihn als einen ihrer Führer. Eine Umfrage des D.-J. G.-B. Vom Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bundes wird uns ein Rundschreiben, das derselbe dieser Tage an diejenigen preußischen Gemeinden, die eine öffentliche oder private Elementarschule besitzen, versandt hat, zur Kenntnisnahme zugestellt. Das Rundschreiben lautet: „Verehrlicher Vorstand! Im Aufträge des Verbandes der deutschen Juden und um die nötige Grundlage zu gewinnen für Stellung von Anträgen an die preußische Regierung und an die Häuser des Landtages bet Gelegenheit des voraussichtlich schon anfangs Oktober dieses' Jahres an den-Landtag gelangenden Schulunterhaltungsgesetzes richten wir an Sie die ergebene Bitte, uns baldmöglichst den nebenstehenden Fragebogen mit genauer und zuverlässiger Antwort versehen zurücksenöen zu wollen. Da die- Jnterefsen jeder Gemeinde, der größten wie der kleinsten, durch eine Gesetzgebung auf dem Gebiet der Schulunterhaltungspflicht in einschneidender Weise betroffen werden können, so wird der verehrliche Vorstand die Wichtigkeit einer ausreichenden Begründung der zu stellenden Anträge, und mithin die Wichtigkeit der gegenwärtigen Umfrage nicht verkennen. Wir halten uns daher der Mitwirkung des verehrlichen Vorstandes, und zwar in tunlicher Beschleunigung, von vornherein dankbarlichst versichert. Die Herren Lehrer, deren persönliches Interesse, auch abgesehen von demjenigen der Allgemeinheit, ganz besonders in Frage steht, werden Ihnen sicher bei der Auskunft zu Diensten stehen." Fragen: 1. Besteht am Ort eine konfessionell jüdische Schule? 2. Wie viele Kinder besuchen? 3. Wie viele Lehrer unterrichten an dieser Schule? 4. Wie viele davon im Hauptamt? 5. Unter letzteren wie viele nichtjüdischen Bekenntnisses? 6. Hat die Schule die Eigenschaft einer öffentlichen Schule, oder die Eigenschaft einer Privatschule? 7. Wie hoch ungefähr beläuft sich der jährlich von der jüdischen Gemeinde für diese Schule gezahlte Beitrag? 8. Wie hoch ungefähr beläuft sich der jährlich von der politischen Gemeinde für diese Schule gezahlte Beitrag? 9. Wie hoch ungefähr beläuft sich der jährlich von dem Staat für diese Schule gezahlte Beitrag? 10. Bestehen noch Unterhaltungsbeiträge aus anderen Quellen? eventuell aus welchen Quellen und in welcher ungefähren Höhe jährlich? 11. Ist die Beibehaltung oder die Beseitigung der betreffenden konfessionell jüdischen Volksschule wünschenswert? eventuell aus welchen Gründen? 12. Bestehen am Ort nicht konfessionelle Volksschulen, an denen jüdische Lehrer auch in anderen Fächern als jüdischem Religionsunterricht unterrichten? 13. Welches sind diese Anstalten? 14. Welches ist die Zahl solcher Lehrer? 15. Welches ist die Zahl der besuchenden jüdischen Kinder? 16. Welche Mißstände bestehen, deren Abstellung bei Gelegenheit des in Aussicht stehenden Schulunterhältungsgesetzes zu erstreben wäre? Konsul Dickson über das Aufblühen Palästinas. Der englische Konsul in Palästina hat seiner Regierung einen Bericht über Handel und Verkehr in Palästina pro 1903 erstattet. Derselbe stellt die überaus erfreuliche Tatsache fest, daß trotz aller türkischen Mißwirtschaft das Heilige Land im unaufhaltsamen FortschreUen begriffen ist. Die fortwährende Entstehung neuer und die beständige Ausbesserung der alten Landstraßen, der sich von Jahr zu Jahr bessernde Verkehr mit dem Ostjordangebiet, sowie endlich die wachsende Bautätigkeit in und um Jerusalem liefern für das steigende Gedeihen des Landes das beste Zeugnis. Die im Bau begriffene Meecabahn hat die türkische Regierung veranlaßt resp. hat es ihr ermöglicht, in den am Rande der syrischen Wüste gelegenen Ländern eine moderne Verwaltung einzuführen, was in erster Reihe dem transjordanischen Palästina, sowie dem Gebiete um das Tote Meer zugute kommt. Eine Konzession, auf diesem Meere selbst 3—4 Dampfer verkehren zu lassen, dürfte in absehbarer Zeit erteilt werden. Dann aber werde Jerusalem für den Süden Syriens dieselbe Bedeutung erlangen, wie sie Aleppo für den Norden besitzt. Eine mehr lok.rle Bedeutung wird die geplante elektrische Bahn zwischen Je, rusalem und Bethlehem besitzen, für die die erbetene Konzession in Konstanttnopel noch nicht ausgefertigt ist. Eine große allgemeine wie lokale Bedeutung für Palästina hat die Eisenbahn Jaffa-Jerusalem erlangt. Der gesamte Verkehr Palästinas mit dem Auslande hat im Berichtsjahre die Summe von 16647 000 Mark gegen 12522 000 Mark im Vorjahre erreicht, was einer Steigerung von mehr als 26 Prozent gletchkommt. An diesem Gesamtbetrags partizipiert die Ausfuhr mit 6575 000 Mark gegen 4 076 000 Mark, die Einfuhr mit 8 972000 Mark gegen 8 346 000 Mark im Jahre 1902. Die Ursache dieser Steigerung erblickt der Bericht in der günstigen vorjährigen Ernte, die infolge reichlich nieder« gegangenen Regens sowohl in Getreide wie in Wein und Orangen stattfanö. Namentlich haben Orangen wett über eine Durchschnittsernte ergeben. Der Konsul kann erfahrenen Gärtnern mit einem Kapital von 10 Pfund nur raten, sich in einem Bereiche von 16—20 englischen Mellen um Jaffa anzukaufen und eine Orangenplantage anzulegen. Hehr eingehend beschäftigt sich der Bericht mst der Möglichkeit, in Palästina Baumwolle zu pflanzen. Konsul Dickson hält die Baumwollenkultur im Heiligen Lande für wohl rentabel. Das Land liegt in der gleichen Breite wie die Baumwolle erzeugenden amerikanischen Staaten« Klima und Boden daselbst sind in Palästina für Bamnwollenkultur günstig. In demselben Bericht macht noch Vizekonsul Falanga die englischen Weinhändler auf den Palästinawetn aufmerksam, der namentlich in der jüdischen Kolonie Rischon-Lezion bei Jaffa in verschiedenen Sorten und Qualitäten erzeugt wird. Die Produktion hat im Berichtsjahre 40 000 Hektoliter jährlich erreicht und wird von den Produzenten zum größten Teil nach Hamburg verfrachtet. Der Vizekonsul rät den englischen Weinhündlern, einen Sachverständigen nach Jaffa zu entsenden, damit dieser den Weinexport nach England organisiere. Wichtige Senatsentscheidnngen. Aus Petersburg wird gemeldet: Von allem Rätselhaften und Unbegreiflichem, das dem Fernstehenden im Leben und Treiben der russischen Juden auffällt, ist nichts so unbegreiflich und rätselhaft, wie die Tatsache, daß alljährlich Zehntausenöe jüdischer Handwerker nach dem fernen und ihnen völlig fremden Amerika wandern, während ihnen das Recht zusteht, sich in dem dicht vor den Toren des großen jüdischen Ghettos gelegenen Zentralrußland niederzulassen. Eine ganze Reihe wichtiger, den jüdischen Handwerkern überaus günstiger Senatentscheiöungen, die in jüngster Zeit bekannt geworden sind, läßt überdies erkennen, daß der in den inneren Gouvernements Rußlands sich niederlassende jüdische Handwerker in dem mächtigen russischen Senat gegen etwaige Uebergriffe eines zügellosen Tschinowniktums einen wirksamen Schutz hat. So entschied der Senat, daß ein jüdischer Glaser keine eigene Werkstätte zu besitzen braucht, um im Innern Rußlands wohnen zu dürfen. Ein anderesmal erklärte der höchste russische Gerichtshof, daß ein Jude, welcher handwerksmäßig Tinte herstellt, aus Zentralrußlanö nicht ausgewiesen werden darf, selbst im Falle, wenn er weder Gesellen hält, noch eine besondere Werkstätte besitzt. In seiner großen Vorliebe für jüdische Handwerker scheut sich der russische Senat selbst davor nicht, ausdrückliche Vorschriften der Maigesetze illusorisch zu machen. Eine dritte Senatsentscheidung ist dazu bestimmt, den im Innern Rußlands bereits wohnenden jüdischen Handwerkern das Leben zu erleichtern. Das Gesetz schreibt nämlich u. a. vor, daß jeder jüdische Handwerker bei einer Niederlassung außerhalb des Ansiedelungsrayons ein polizeiliches Führungsattest beizubringen habe. Um den jüdischen Handwerker zu chikanieren, fordern nun die Behörden, daß das Zeugnis von der Polizeibehörde des Geburtsortes des betreffenden Handwerker? ausgestellt sein mutz. Der Senat entschied nun, daß das geforderte Dokument auch von der- Polizei des letzten Wohnortes des Handwerkers ausgestellt werden kann, wodurch dem jüdischen Handwerker, welcher im Innern Rußlands seinen Wohnsitz wechseln möchte, in zahlreichen Fällen die weite Reise nach und von dem Ansiedlungsrayon erspart wird. Es ist sehr bezeichnend, daß die so günstigen Senatsentscheidungen unter der Gewaltherrschaft des Herrn v. Plehwe gefallen sind, der in seiner schrankenlosen Willkür selbst den unabhängigen russischen Gerichtshof sehr oft gezwungen hat, in judenfeindlichem Sinne das Recht zu beugen. München. Antisemitisches Flugblatt. Am 28. Juli, nachmittags wurde in allen größeren Restaurants, Cafes, sowie auf den belebteren Straßen und Plätzen ein von der christlichsozialen Vereinigung herausgegebenes Flugblatt in Massen verbreitet. Der Inhalt des Flugblattes enthält im Wortlaut die von der Vereinigung an den Magistrat und das Kollegium der Gemeindebevollmächtigten in München gerichtete Eingabe betreffs „Maßnahmen zur Erschwerung der Einwanderung und Niederlassung ausländischer Juden". An »semitrsche Krawalle in Nnssisch-Polen. Dem „Berl. Tagebl. wird über zwei Krawalle aus Russisch-Polen berich- Der eine hat folgende Vorgeschichte: Es befindet sich in Rusnsch-Polen eme ausgebreitete, von Jesuiten geleitete OrnnüHür*10*1, Hauptsitz ein katholisches Frauenstift in einer ^?rstadt ist. Diese macht Jagd auf kleine Mädchen jüdischer Konfession, um sie zur Taufe zu erziehen. Die Erzsehung geschieht teils durch entsprechenden Unterricht, teils durch Zwangsmittel, auch Züchtigung. Die Polizei wußte von dieser, geheimen Organisation, da sie über die aufgefangenen jlchischen Kinder Aufzeichnungen führt. Auch der Vertreter des Zaren wußte davon, lehnte jedoch jede Intervention ab, da hinter dem Stifte die höchste polnische Aristokratie steckt und ferner weil die jesuitische Organisation mit stark antisemitischer Tendenz dem Generalgouverneur aus gewissen Gründen nicht unwillkommen war. Eine Hauptstütze der Organisation ist der Propst Klopotowski in Lublin. Der Vorfall, der dem Judenkrawall zugrunde lag, ist folgender: Einem Juden in der Nähe von Parezow war ein kleines Töchterchen verschwunden. Nach längerem vergeblichen Suchen brachte er heraus, daß das Kind sich .beim Propst Klopotowski befinde Da jedes Mittel, das Kind wieder zu erlangen, vergeblich war. so verfiel der Vater auf den Rat des Bürgermeisters auf folgenden Answeg. Er verklagte das Kind wegen Diebstahls da zugleich mit ihm auch einige kleine Habseligkeiten verschwunden waren. Das Kind sollte also auf diese Weise vor Gericht erscheinen und hierdurch den Eltern die Möglichkeit geboten werden, eS zurttckzubekommen. So geschah es auch Jedoch mit dem Kind karn ein Rechtsanwalt, den Klopotowski bestellt hatte. Das Kind wurde natürlich freigesprochen. Als nun nach der Verhandlung die Eltern das Kind aufforderten, mit ihnen zu gehen, verließ der Richter mit den Worten die Sache gehe ihn weiter nichts an, den Saal. Es entstant ein Tumult, in dessen Verlauf die Eltern ryit dem Kinde entkamen. Der Rechtsanwalt reizte die inzwischen stark angeschwollene Menge durch Brandreden auf, sie möge die bereits christliche Seele retten. Es entstand ein Aufruhr. Das Haus, in dem sich die Eltern, mit dem Kinde befanden, wurde demoliert. Jnr Verlaufe der wetteten Krawalle wurde mit Revolvern geschossen. Zwanzig Juden sind teils tot, teils verwundet. Außerdem soll gegen die Inden noch ein Prozef wegen angeblicher Erstürmung des Gerichtsgebäudes eröffnei werden. Der zweite Vorfall hat eine rein lokale Ursache In den Ort Ostrowieez im Gouvernement Radom kam an 21. v. M. ein betrunkener Vagabund. Er bekam Händel mb jüdischen Kindern, die sich auf der Straße herumtrieben Schließlich stürzte er, von konvulsivischen Zuckungen ergriffen, zusammen. Infolgedessen verbreitete sich bas Gerücht, ei ' s'i ermordet worden. Tie Menge wollte auf die Juden losgehen, es gelang aber der Polizei, dies zu verhindern. Der Betrunkene wurde hinter Schloß und Riegel gesetzt. Am nächsten Tage hieß es, daß die FavrikSarbester über die Juden herfallen würden. Die Polizei matz dem Gerüchte keine Bedeutung bei und hinderte die Juden, Widerstand zu leisten. Tatsächlich erschienen am nächsten Tage im Judenviertel Fabriksarbeiter und plünderten Vinnen einer Stunde sämtliche jüdischen Läden. Hierauf erscholl der Ruf: „Auf zur Synagoge!" Dort stellten sich die Juden entgegen; es kam zu einer Schlägerei, in deren Verlauf zwanzig Juden leicht und zwei schwer verletzt wurden. Eine telegraphische Bitte an den Gouverneur von Radom um Hilfe blieb vergebens, da die Soldaten tagS vorher auf den ostastatifchen Kriegsschauplatz abgegangen waren. Der Zionismus unter neuer Steuerung. Von Dr. Rüben Bierer.*) Die offiziellen dreißig Trauertage, in denen unser Volk jedem seiner großen Hingeschiedenen nachzuweinen pflegte, sind nunmehr vorüber. Die Trauer prägt sich fest in die jüdische Geschichte ein, um dem nationalen Allgedächtnis für allezeit angegliedert zu werden. Mehr zu tun ist keinem Sterblichen gegönnt und da- Leben stellt seine Postulate an die fortlebende Generation; das heißt, es verlangt nach Ausfüllung des Raumes in der Gedankenwelt. Uns will es scheinen, daß in der geistigen Sphäre ein Gesetz herrscht, wie in der materiellen — Horror vaccui — der Schreck vor einem leeren Raum. DaS national-jüdische Lebensgefäß verträgt keinen leeren Raum und daran kann nicht gemäkelt werden. Wer also nach Unsterblichkeit gerungen und diese sich errungen hat, sei eingefügt in de» Bund der Väter, indeß über Grab und Tränen die Hände zum Fortwirkcn einaiu-n' gereicht werden sollen. Daß hiebei ein phsychisch-analythischer Prozeß vorgeht, daß neue Trennungen und Verbindungen beim Uebergange vom Statur moriens zum Status naseens entstehen, vom Momentedes Ablebens dis zum Momente des Auflebens daran kann nicht gerüttelt werden. Es bleibt ein großes Naturgesetz — wie die beiden Momente, die einander ablösen. Der ZiouismuS als solcher kann diesem Zerleg- und- Aufbauprozefse nicht entrinnen. Er zwingt uns die verzehrende Trauer und die Resignation zu brechen, um das Leben des jüdischen Volkes fortzuspinnen, dieses weltweite Gespinnst des wiedererwachten Judäismus. Ein Zionismus aber mit der Nachtherberge Uganda erscheint jedem Denkenden als eine Mesallianze, als ein Bruch des Schwures: „Es verdorre meine Rechte, wenn ich dein, vergäße, o Jerusalem"! Der Ziouismus wird entwederzum Urgedanken zurückkehren oder kehrt nimmer wieder zurück. Diesem Gedankengange folgend, wird der Kongreß nichts wichtigeres zu vollziehen haben als eine Frontveränderung!! und zwarganz im Geiste Mohameds, der es gar nicht schimpflich empfunden hat, zum Berge zu gehe«, da der Berg nicht zu ihm kommen wollte. Mohameds Statthalter am goldene« Horn tritt grundsätzlich sein Gebiet mit oder ohne Charter — erst gegen ein blutiges Lösegeld ab, so ganz harmlos gegen Geld und gute Worte — erscheint jedem Kenner türkischer Berhältniffe unmöglich. Was aber den Sultanen denn doch nicht fremd und fernliegend erscheint — ist die weitgehendste Toleranz gegen Andersgläubige, insbesondere gegen Juden. Verdankt ja das jüdische Volk die Aufnahme einer halben Million spanischportugiesischer Juden ohne- Charter, ohne Protektion seitens der zivilisierten christlichen Mächte im Jahre 1492 diesem judenfreundlichen Geiste. Dem wahren Zionisten wird daher der Weg, den er zurücklegen muß zum Berge in Mdiz-KioSk, gar nicht so schwer fallen. Denn lange schwanken zwischen geflügelten Worten und erlösenden Täten wird sich doch nicht mehr laffen, da der Mann, auf welchen die Hoffnung eines ganzen Volkes gesetzt war. nicht mehr durch den Zauber jener Persönlichkeit wirken kann.. Ussyszkin und BelkowSki, Nossig und tanseud andere werden ihr Verlangen nach vollwertigen Taten energischer denn je auf dem Kongreffe erheben. Die zunächstliegende Arbeit der Partei sollte folgende sein r Erwerbung von Grund und Boden in und um Erez Israeli Zusammenschluß aller bestehenden zionistischen und kolonisatorischen Vereinen und Orden zur praktischen Kolonisation. In wie weit der politische Gedanken, mit der Anwartschaft auf einen Charter in Erez Israel, sich festhalten lassen wird, daS kann nur die nächste Umgebung des Heimgegangenen Führers beurteilen- Diese mögen ihn zu realisieren trachte». Ansgeschlossen aber muß auS dem Aktionsprogramme werden die Nachtquartiermacherei, nach welcher Richtung immer, selbst wenn man diesen Besitz u»S schenkt. II. Punkt. Der geistige Lebensboden im Judentum, die nationaljüdische Kultur, verkörpert und vereinigt in sich da» wichtigste und das erhabenste Postulat unseres volklicheu Daseins. ES kann wohl keine fundamentale Erhöhung bedeuten, so tausende unserer Brüder die Scholle im heiligen Lande bebauen, so ferner die Industrie erblüht, wenn nicht die Kultur de» Geiste-, der göttliche Teil im Menschen ebenfalls aus dem Galuth Europa erlöst wird und auf dem heiligen Ahnenbodeu seine Schwingen entfalten und erstarken wird. Wer da zusieht, welche Feffel gewisse Großmächte Europaunseren Söhnen anlegt, damit sie nicht als Juden zur Geltung zu gelangen, wer da zusteht, wie strebsamen Männern der Weg zur Ruhmesstätte de- Geistes verlegt wird, muß sich dem intensivsten Weltschmerz hingeben, und untererer Ansicht beipflichten, daß die +) Wir geben ger»e einem der ältesten Bekenner der zionistischen Idee Gelegenheit, seine Ansichten zu entwickeln. D. R.

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