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Jüdisches Volksblatt · 1904-08-12 · 33 (12.8.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
33 (12.8.1904)
Date
1904-08-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jahrgang. Die ökonomische Lage der Inden in Galizien. Bo» CH. N. Reichenberg. In Oesterreich-Ungarn leben insgesamt ca. zwei Millionen Inden, hievon in Galizien allein, nach der letzten Volkszählung 822.660. Es ist eine Tatsache, daß beinahe die Hälfte dieser jüdisch-galizischen Bevölkerung subfistenzlos ist und ganz ohne Brot dasteht. Da der jüngst vom Hilfsvereine für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien veröffentlichte Auftuf dieses Elend der jüdischen Massenbevölkerung in Galizien der weiten Oeffentlichkeit zur Kenntnis brachte, erachte ich es als zeitgemäß, die Ursachen, welche diese Notlage herbeiführten, ohne Rücksichtnahme auf manche Schattenseiten derjenigen Erwerbszweige, Welche meine Glaubensbrüder in Galizien vorher betrieben, aufzuzählen, und ein genaues und verläßliches Bild der gegenwärtigen ökonomischen Verhältniffe aller galizischen Juden im allgemeinen hier zu entwerfen, auf Grund meiner 15jährigen Bereisung dieses Landes und meiner 20jährigen publizistischen Tätigkeit auf dem Gebiete des galizisch-jüdischen Wirtschaftslebens. Bis in die Siebzigerjahre des verflossenen Jahrhundertwar unter den galizischen Juden keine materielle Not zu bemerken. Sie lebten in ihrer Weltabgeschiedenheit, im Gottvertrauen vertieft und führten ein bescheidenes, genügsames und zufriedenes Leben. . Das Wuchergesetz hat' die erste^ Bresche in die Existenz der galizischen Juden geschlagen. Es war die altererbte Gepflogenheit aller Landwirte, sowohl des Grundbesitzers, des Gut-Pächters, wie des Bauers, gleichgültig, ob Christ oder Jude, ihren Geldbedarf bei den in den Nachbarstädteu oder Marktflecken# wohnenden Juden, die sich mit Geldgeschäften befaßten, zu decken. Sie alle zahlten keine Wucherzinsen, aber sie versahen dann und wann ihre Gläubiger mit Naturalien und Geflügel, damit sie bei Nichteinhaltung der bestimmten Rückzahlungstermine keine gerichtlichen Schritte zur Einbringung ihrer fälligen Forderungen unternehmen sollten. Von diesem Geldschacher, mit dem ich mich natürlich nicht einverstanden erkläre» könnte, lebten über 20.000 Familien in Galizien. Aber das Inkrafttreten des Wuchergesetzes machte, nachdem einige notorische Wucherer exemplarisch bestraft wurden, diesem nicht sehr ehrenhaften Erwerbzweige sukzessive ein Ende und alle diese 20,000 Familien haben ihre Existenz verloren und Feuilleton. Pleywe und Sibirien. Aus dem Russischen von Jakob Krausz. (Fortsetzung.) Hier einige Namen dieser Opfer: Im vergangenen August wurde ein gewißer Rudermann samt Frau aus Wercholensk in das Jakutsker Gebiet verschickt, ohne jede Angabe des Grundes und ohne Bestimmung der Dauer dieser neuen Verbannung, mit ihnen gingen noch einige Leute aus Wercholensk, die demselben Schicksale verfielen, deren Namen mir jedoch entfielen. Sie wurden, wie es scheint, wegen der obenerwähnten »Demonstration" verschickt. In der einen Partie befand sich der Ingenieur Wosnesensky, ebenfalls von Irkutsk in das Jakutskergebiet ohne Angabe des Grundes verschickt. Die Verwaltung der Baikaler Eisenbahn, in deren Dienste Wosnesensky stand, gab sich alle Mühe, die weitere Verschickung desselben wenigstens so lange zu hintertreiben, bis sie an seiner Stelle einen anderen Beamten bekämen, aber die Satrapen Plehwes waren unerbittlich, denn das Vaterland schien durch das weitere Verbleibe» Wosnesenskyin Irkutsk gefährdet. Im Oktober kam die Nachricht, daß vier Mitglieder der Zuzmener Kolonie in Polizeihaft sich befinden, weil sie eine auf dem Wege nach Jakutsk befindliche Partie erwarteten. ES waren dies: S ch a d o w s k i au- K o w n o, verschickt wegen Zugehörigkeit zum „Bund" im Jahre 1902 auf vier Jahre; Salkind aus Wilna wegen des gleichen Verbrechens; der Zahnarzt Joffe aus Homel auf vier Jahre; Wiench aus Warschau wegen Zugehörigkeit zum „Proletariat" ebenfalls auf vier Jahre verschickt. Diese Leute wußten nicht einmal, weshalb sie neuerlich verschickt wurden. Außerdem wurden in Ustj- Kut zwei Verbannte verhaftet. Man ging auch daran, einen gewissen B r o n st e i n zu verhaften, doch.entging er diesem Schicksal durch die Flucht. Diese wurden wahrscheinlich wegen das Barvermögen, welches sie besaßen, da sie sich vom Geschäfte zurückzogen, allmählig bis auf ein Minimum aufgezehrt. Seit dieser Aera standen schon 20.000 Familien, ä 5 Seelen per Familie gerechnet, somit 100.000 jüdische Seelen in Galizien da, die keinen Erwerb hatten und solchen bis jetzt nicht haben. Die Eisenbahnen, welche in den letzten zwanzig Jahren in Galizien gebaut wurden, die in mancher Hinsicht zur allgemeinen Wohlfahrt des Landes beitragen, haben tausende jüdische Existenzen vernichtet. Der größte Teil der Straßenwirtshäuser, die von Juden in Pacht gehalten wurden, sind wegen ihrer Ueberflüssigkeit aufgelassen worden. Das Lastfuhrwerkwesen, bei welchem über 5000 Familien ihr Leben fristeten, mußte der Konkurrenz weichen «nd alle die Frächter, Fuhrwerksinhaber, Fuhrleute und das Stallpersonal, die ausschließlich Juden waren, sind dem erwerbslosen Proletariat anheimgefallen. Der kleine Zwischenhandel mit Getreide, Zerealien, Sämereien, Oelsorten re., bei dem über 30.000 jüdische Familien in den Kleinstädten sich rackerten und kümmerlich nährten, hat förmlich aufgehört. In früheren Zeiten brachten die Bauern kleinere Quantitäten dieser Produkte in die Städtchen und Marktflecke, und der jüdische Zwischenhändler kaufte billig, mischte, manipulierte und verdiente, um leben zu können. Die Bauern sind nunmehr von periodischen Zeitschriften überschwemmt und besser über die Marktpreise aller Feldprodukte unterrichtet, wie der jüdische Händler. Dieses Geschäft nunmehr im kleine» Maßstabe zu betreiben ist ein Ding der Unmöglichkeit; es arbeitet nur noch der große ZyiMrnhändler, den der Riesenkonsum aus der Verlegenheit reÜet, während alle kleinen Leute dieser Branche, tausend an der Zahl, gezwungen waren, das Feld zu räumen und sich der Untätigkeit und dem Hungern und Darben hinzugeben. Die demokratische Partei hat unter der Aegide des galizischen Landesausschuffes vor Jahren eine« Verband bäuerlicher Konsumvereine geschaffen. Nach Angabe der Gründer hätte dieser Verband den Zweck, die Konsumartikel für die ländliche Bevölkerung billig beizustellen und sie vor Ausbeutung zu schützen. Die Greislereien dieser Gesellschaft haben in den Dörfern von West- und Ostgalizien die Zahl von 4200 erreicht. Hiebei find die Existenzen tausender jüdischer Familien, die mit ihren Gemischtwaren-Handlungen auf den Dörfern seit Generationen her erbgesessen waren, brachgelegt worden. Diese ruinierten Geschäftsleute zogen in die nachbarlichen Städtegemeinden und haben in denselben die Anzahl der Beschäftigungslosen noch vergrößert. einer Verständigung mit einer Partie, ebenfalls ins Jakutskische verschickt. Später erst erfuhren Schadowsky und Wiench ihr Schicksal: dem ersteren wurde die Verbannungsfrist um drei, letzterem um fünf Jahre verlängert; all dies geschah ohne Angabe eines Grundes. Niedergeschlagenheit bemächtigte sich der Verbannten, niemand konnte mit Sicherheit angeben, wo ihn der nächste Augenblick treffen werde. Alles war auf eine strafweise Verschickung »in entlegenere Orte" gefaßt, die jeden Augenblick vor sich gehen konnte. Biele wünschten ihm sich herbei, um nur so rasch als möglich dieser quälenden Unsicherheit zu entkommen. Ueberdies wurden die Uebergriffe und Quälereien der Polizei immer unerträglicher. In Ustj-Kut, Machinow, Markow, TschutschuiSk und anderen Orten des Kizensker Bezirkes wurden besondere Geheimagenturen zur Bewachung der politischen Verschickten errichtet. Diese Aufseher hatten die Pflicht, die Quartiere der Verbannten abzugehen, bei welchen Anlässen es zu wiederholten Zusammenstößen kam. Inzwischen gestaltete sich die Verständigung mit den Partien während des Winters immer schwieriger und wurde fast unmöglich. Bis zu dieser Zeit wurden die Partien während des Winters bei den Bauern ein quartiert, und die Verbannten fanden doch hie und da Gelegenheit mit ihnen in Berührung zu treten. Einer Verordnung Plehwe-Kutaissoffs ist es zu verdanken, das nunmehr die Partien ins Polizeihaus gesteckt werden, und daß die betreffende Stadt während der Anwesenheit einer Partie förmlich in einen Belagernngszustand versetzt wird. Alle Tore wurden verschloffen und durch Polizisten oder aus allen Gegenden zusammengetriebenen Aufsehern bewacht. Den Verbannten der betreffenden Stadt ward nicht nur das Eintreten in einen Hof untersagt, sondern durften nicht einmal auf der Straße vor dem Polizeimanne stehen bleiben. Es blieb daher nichts anderes übrig, als in der Nähe der Kaufläden gewissermaßen Wache zu halten, »m auf eine günstige Gelegenheit zu lauern. So oft aber 2—3 Leute behufs Besorgung von Einkäufen aus dem Polizeihause herausgelassen wurden, wurden diese mit einem solchen dichten Netz von Sol- Tausende jüdischer Familien lebten von Generation au Generation übergehend als Propinationspächter. Es fanden sich viele, die von Urgroßvaters Zeilen her die Pachtung der Propination in ein und demselben Gute inne hatten. Es wurde z. B. einem Edelmanne von seiner Umgebung und den benachbarten Grundbesitzern arg übel genommen, wenn er einem alten Pächter das Geschäft kündigte und es einem neuen Pächter mit höherem Pachtzinse überließ. Diesem Jahrhunderte alten Geschäftszweige der galizischen Landjuden hat der Landesausschuß ein Ende bereitet, indem er das Propinationsrecht ablöste, den Pachtzins aufs Doppelte verteuerte und das diesbezügliche Geschäft unrentabel machte. Mit dem Detailsalzverschleiße haben sich von jeher lauter Juden beschäftigt. Nun erlangte der Landesausschuß beim Aerare die Generalpachtung des galizischen Sälzverkaufes und errichtete sogenannte. Salztrafiken, bei denen die jüdischen Reflektanten zurückgesetzt wurden. Wieder ein Ausfall des Nahrungszweiges tausender jüdischer Familien. Jüngst wurden die Straßenmauten, die alle von Juden besetzt waren, aufgelassen, und hiebei sind wiederum über tausend Familien geschäftslos geworden. Der jüdische Handwerk-rstand, der in galizischen Städten zahlreich vertreten ist und aus allen Branchen des Handwerkes, wie Schuster, Schneider, Tischler, Schlosser, Gelbgießer, Kesselschmiede, Klempner, Dachdecker, Zimmermaler, Glaser und Anstreicher, Koffermacher, Riemer und Sattler re. besteht, pflegte früher von der christlichen Bevölkerung des Landes beschäftigt zu werden. Nun: bildete sich auch in Galizien eine antisemitische Sudelpreffe, die auf christliche Arbeitgeber Hetzjagden veranstaltete, wenn sie jüdische Handwerker oder Arbeiter in Verwendung haben. Um diesen Belästigungen aus dem Wege zu gehen, verzichten sie auf die jüdische Arbeit, wobei der jüdische Handwerkerstand den Abgang vieler Arbeitsgelegenheit zu beklagen hat. Das sind eben die wesentlichen Ursachen der Maffenverarmung der jüdischen Bevölkerung in Galizien, und der wirkliche, wahrheitsgetreue, wirtschaftliche Zustand derselben präsentiert sich wie folgt: Unter 822.650 jüdischen Seelen in Galizien gehören etwa 100.000 zu den Wohlhabenden. Dem Berufe «ach sind sie Grundbesitzer, Gutspächter^ Realitätenbesitzer, Rentiers, Industrielle, Kaufleute, Advökaten, Aerzte, Apotheker und Architekten rc. 200.000 Seelen erkämpfen sich unter sehr schwierigen Bedingungen den Lebensunterhalt beim Kleinhandel, dem daten, Wachleuten und Gendarmen umgeben, daß sie nicht einmal ihre Hände rühren konnten. Die Soldaten dienten zur Begleitung, als Convoi. die Polizeimänner wiesen den Weg, führten sie nur in vollständig verläßliche Kaufläden, wo die Käufer rasch abgefertigt wurden und die Gendarmerie diente zur — Bewachung der Soldaten und Polizisten. Trotz dieser dreifachen Bewachung bemühten sich die Verbannten jede Gelegenheit zu erhaschen und es gelang ihnen schließlich doch, mit ihren Genossen die wichtigsten Nachrichten auszutauschen. Je aufdringlicher die Maßregeln zur Bewachung der Partieen wurden, desto rücksichtsloser wurde das Benehmen der Polizei den angesiedelten Verbannten gegenüber. Es kam so weit, daß auch die geringste Verständigung zwischen der Partie und den Verschickten ganz unmöglich gemacht wurde. Die auf diese Weise zugespitzte Situation führte bald zur furchtbaren, öffentlichen Auspeitschung einer ganzen Partie in Ustj-Kutj, welche sogar den Gehilfen de- Prokurors zur Aeußerung veranlaßte, daß die politischen Verbannten in „zu grausamer Weise zerschunden würden." Dieses grausame Ereignis versetzte die Kolonie in die furchtbarste Aufregung und es wurde allen klar, daß es zu irgendeiner Protestkundgebung werde kommen müssen. Zur Vervollständigung des Charakterbildes des im Geiste und im Aufträge v. P l e h w e's handelnden Grafen K u t a i s s o f f sei noch erwähnt, daß er die Bittgesuche der Verbannten um Ueberfiedlung von einer Kolonie in die andere ausnahmslos unberücksichtigt läßt. Einer bat um die Erlaubnis, von Makarow nach- T s ch e t s ch u i s k, d. h. um 150 Werst weiter übersiedeln zu dürfen und wurde abgewiesen, obgleich der letztgenannte Ort offiziell für schlechter gehalten wird, als Makarow, und in der Tat auch schlechter ist. Ein anderer wollte auS dem K i r e n s k e r Bezirk in die Stadt O l e k m i n s k, Jakutsker Gebiet, übersiedeln, wurde abgewiesen, während bis dahin allen ähnlichen Ansuchen willfahrt wurde. Jede gottverlassene, Leben und Geist tötende Spelunke gilt dem Grafen Kutaissoff gut genug für »politische Verbrecher." Er verschickte nach Makarow 7 Personen, nach

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