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Jüdisches Volksblatt · 1904-08-05 · 32 (5.8.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
32 (5.8.1904)
Date
1904-08-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Das Maß seiner Sünden war voll rürd es ging über. An ihn heftet sich der unauslöschliche Makel, der da heißt Kisch inew. In dem Königsberger Prozesse wurde es wieder dokumentarisch bewiesen, daß Plehwe moralisch für die Metzelei von Kischin ew verantwortlich war. Und wenn er selbst nachher über die Größe seiner Schuld erschrak und die Verantwortung von sich abzuwälzen suchte, gibt es einen besseren Beweis für seine Schuld, als daß Kru sch ew an, der eigentliche Organisator des Mordes, auch nach Kischinew und Homel seinem Handwerk fröhnen durfte? Mit dem^Zynismus, der ihm eigen war, erklärte Plehwe, daß zwischen ihm und den Juden Krieg geführt würde. Er haßte die Juden aus vollem Herzen und fügte zudem Hasse noch den Hohn. Sein Verhalten dem Zionismus gegenüber ist kein Widerspruch dazu. Seine Unterhandlungen mit Dr. Herzl sind nichts als ein bewußter Betrug von Seiten P l e h w e s. Es war Plehwe vor allem darum zu tun, daß auf dem Kongresse nicht eine einmütige Demonstration von Juden aus aller Herren Ländern die öffentliche Meinung Europas wegen Kischinew aufs neue erschüttere. Deshalb machte er allerlei Versprechungen, die er nie einzuhalten gedachte. Beweis dessen/ daß er unmittelbar nach dem Kongresse die zionistische Bewegung mit allerlei Mitteln chikanierte. Plehwe hatte aber die Juden unterschätzt. Die Mittel aus der alten Jgnatieff'schen Schule, die Metzeleien, wollten nichts fruchten. Sie hatten die Juden sich organisierengelehrt und die einmütige Verurteilung des europäi sehen Gewissens herausgefordert. Dazu kam noch der Zusammenbruch des Ansehens Rußlands durch die Niederlagen in der Mandschurei. Deshalb wollte Pl eh wein der allerletzten Zeit ein lenken und die Juden durch kleine Konzessionen gewinnen und insbesondere den Makel Kischinew dadurch verlöschen. Die Nemesis hat es anders beschlossen, Plehwe fiel durch ein Attentat. Plehwe hatte uns Juden gegenüber viel auf dem Gewissen. Aber wir konstatieren einfach eine historische Tatsache, indem wir darauf Hinweisen, daß es nicht jüdische Hände waren, die seinem unseligen, blutbefleckten Leben ein Ende machten. Der Zar scheint auf Plehwes Pfaden weiter wandeln zu wollen. Darauf deutet die Nachricht hin, daß M u r a w i e w zum Nachfolger Plehwes und Plehwe und Sibirien. Aus dem Russischen von Jakob Krausz. Das ganze sibirische Verschickungsgebiet läßt sich geographisch in zwei große Rayons einteilen: in den westliche» und nordöstlichen Rayon; die natürliche Grenze zwischen diesen beiden Gebieten bildet die Stadt Ir knts k. In den aus dem I e n i s e i s k e r Gouvernement und den Unterudiner und Balagansker Bezirken des Jrkutsker GonvernementS bestehenden westlichen Rayon werden in der Regel Leute mit einem Strafausmaße bis zu 2—3 Jahren verschickt, während in den, die Wercholensker und KirenSker Bezirke des Jrkutsker Gouvernements, sowie das ganze I a k u t s k e r Gebiet in sich schließenden nordöstlichen Rayon solche politische Verbrecher verschickt werden, die auf mehr als vier Jahre von ihrer Heimat verbannt wurden. Diese Einteilung ist bis zu einem gewissen Grade eine willkürliche, da man auf der einen Seite, im Jeniseisker Gouvernement, Kolonien, wie den Turuchansker Kreis, antrifft, die an Schrecklichkeit nichts zu wünschen übrig lassen, während auf der anderen Seite, z. B. der Wercholensker Bezirk sich in Bezug ans Einrichtungen, Lebensweise rc. vom Balagansker kaum unterscheidet. Wir wollen uns heute nur mit dem nordöstlichen Rayon und im Besonderen mit den Kolonien des Jakutsker Gebietes beschäftigen. Die längs heS Jakutsker Gebietes bis hinunter nach Kolimsk bestehenden Kolonien politischer Verbannter fristen ein einförmiges, gleichmäßiges Leben. Sie fühlen sich durch den gemeinsamen Druck von oben, durch die allen gleichmäßig diktierte Lebensweise mit einander verbunden. Ehe wir jedoch zur Beschreibung der polizeilichen Vorschriften schreiten, welche die Lebensweise der Verbannten bestimmen, wird es notwendig sein, noch Einiges über die materielle Lage der Verbannten zu sagen. General Kleigels zum Chef der Gendarmerie ernannt würden. Besonders der Name Kl erg els bedeutet für die Juden nichts Gutes. Sowohl in seiner Stellung als Oberpolizeimeister von Warschau, als auch als Stadthauptmann von Petersburg und schließlich als Generalgouverneur von Kiew zeigte sich Kl ei g els als ein Antisemit vom reinsten Wasser, oder besser gesagt, vom schmutzigsten Wasser. Denn er war der Held von allerlei schmutzigen Erpressungs- und Bestechungsaffairen, die ihm allerdings nicht in seinem Avancement schadeten. Unseren Brüdern in Rußland steht eine traurige Zeit bevor. Sie haben nur einen Trost. Sie haben einen Plehwe überlebt, sie werden auch einen Kleigels überleben. Zweierlei Art des „Freisinnes". In einer Zeitperiode, in welcher im gesamten Reiche dies- und jenseits der Leitha der Scheinliberalismus, der sogenannte „Freisinn" bei Deutschen, Slaven und Magyaren entweder total abgewirtschaftet hat oder im Niedergange begriffen ist, hat in der Bukowina bei den letzten Landtagswahlen eine Koalition der wahrhaft freisinnigen Elemente der Deutschen, Juden, Ruthenen und Rumänen einen glänzenden Sieg über die Reaktionäre, Chauvinisten und Antisemiten zu verzeichnen. Würden unsere verzopften Parteifanatiker sämtlicher Richtungen und die „große", alles Unbequeme totschweigende oder entstellende Tagespresse aller Schattierungen auch nur einen Funken von Ehrlichkeit und Pflichtgefühl besitzen, dann hätten sie den Ausfall der Bukowinaer Landtagswahlen zum Gegenstand ernster Betrachtungen machen müssen. Das Resultat derselben wäre allerdings sehr unbequem gewesen für die „liberalen" und „antililiberalen" Doktrinäre, für „jüdische" und „christliche" Journale. Man müßte eigentlich zugestehen, daß die Freisinnigen der Bukowina mit ihren Namensverwandten in den übrigen Teilen der Monarchie und speziell in Wien nichts, aber rein gar nichts gemein'haben, als den speziell in Deutschösterreich prostituierten Namen — freisinnig. Dieser „Freisinn" handelte allezeit halb oder unehrlich in der nationalen, insbesondere in der Judenfrage, scheinliberal in politischer Hinsicht, rückständig in wirtschaftlicher Richtung. In allen diesen Fragen stehen die Bukowinaer freisinnigen Gruppen deutscher, jüdischer, ruthenischer Das Ausmaß der Mittel, welche den Verbannten gewährt werden, richten sich nach den ökonomischen Lokalverhältnissen der einzelnen Ansiedelungen, aber in keinem Falle reicht dieses Ausmaß zur Befriedigung der allereinfachsten Bedürfnisse hin : 8 Rubel im Monatim K a n s k e r Bezirke sind ebensowenig hinreichend, wie 15 Rubel im Kirensker, 12 Rubel im Olekminsker oder 16 Rubel im Kolimsker Bezirke. Das sind Summen, welche Unverheirateten gewährt werden; die Verheirateten erhalten in ganz Ostsibirien 19 Rubel per Familie, ein Hungerlohn im buchstäblichen Sinne des Wortes, wenn man die dortigen wirtschaftlichen Verhältnisse in Betracht zieht. Die Ausübung des Gewerbes, das heißt die Sicherung eines Einkommens, ist nur einzelnen Gewerbskategorien gestattet, wie Tischlern, Schneider», Malern rc. Die unmenschliche Administration siedelt aber seit dem Regierungsantritte P l e h w e s die Gewerbetreibenden systematisch in solchen Gegenden und so dicht nebeneinander an, wo sie für ihr Gewerbe gar keine oder nicht ausreichende Beschäftigung finden. Hier nur ein Beispiel: In der Stadt KirenSk gibt es keinen einzigen guten Schneider, sehr wenige gute Schlosser und überhaupt keinen Buchbinder, während alle diese Gewerbetreibenden gezwungen sind, in den einzelnen Dörfern des Kirensker Bezirkes dicht nebeneinander unter polizeilicher Aufsicht zu leben. Oft bitten die Stadtbewohner selbst den Verwalter, dem einen oder anderen Meister die Niederlassung in der Stadt zu gestatten; aber dem Verwalter steht ein solches Recht nicht zu und die Weisungen der Negierung sind in dieser Richtung unerbittlich. Mit den sogenannten intelligenten Berufen steht es ebenso traurig. Die Beschäftigung mit Unterrichtserteilung ist den Verbannten bedingungslos verboten; zu Dienstleistungen an Unterrichtsanstalten werden sie überhaupt nicht zugelafsen. Mitunter pflegen wohl die intelligenteren Verbannten Privatunterricht zu erteilen; die Polizei und Gen- und rumänischer Abstammung auf einem prinzipiell abweichenden Standpunkte. Sie halten sich in der nationalen Frage vom Chauvinismus ivie von einem seichten Kosmopolitismus gleich ferne, bekennen sich vielmehr als stramme Anhänger der nationalen Autonomie siw jedes Volk im Donaureiche und erkennen daher auch die Juden als gleichberechtigte nationale Individualität an. Diese „Freisinnigen", welche auch in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht den demokratischen und sozialen Forderungen der Zeit Rechnung tragen, bilden also den Ansatz zu einer wirklich modernen, jungösterreichischen, sozial-österreichischen Reichs- und Volkspartei. Was der wackeren Arbeit unseres Volksgenossen Abg. Dr. Straucher im Bunde mit den gleichgesinnten Verbündeten Nik. v. W a s s i l k o, Florian L u p u, O n c i u l und Genossen aus dem jung-ruthenischen und jung-rumänischen Lager in der Bukowina gelang, müßte in ganz Oesterreich möglich sein, wenn die Juden sich in der gesamten Monarchie zu einer vernünftigen jüdischen Realpolitik aufraffen und mit der Plattform der nationalen Autonomie im gesamten Reiche eine neuösterreichische Liga sich bilden würde. Wenn man in der Bukowina mit den Assimilanten, Deutschtümlern, reaktionären Bojaren und Russophilen fertig geworden, ist, so wäre es auch im übrigen Oesterreich möglich, mit den Chauvinisten und sonstigen rückständigen Cliquen aufzuräumen, sobald man nur oben und unten einsehen würde, daß man endlich in Oesterreich mit dem System des Fortwurstelns, des Zuwartens und Zauderns brechen muß. Daß die alten Parteien das Chaos in diesem i Reiche verewigen wollen, daß sie unfähig oder nicht gewillt sind, die Hand zur Reorganisation der Monarchie auf neuen Grundlagen zu bieten, das ist allerdings klar, ihr Patriotismus ist Byzantinismus. und Servilismus, ihre Nation reicht eben nur so weit, wie ihre Mandate, ihre Religion ist der Mammon, ihre Freiheit die Freiheit für sich, die Anderssprechenden, die Andersgläubigen und Andersgesinnten zu vergewaltigen. Mit Hilfe dieser Parteien kann keine Ordnung geschaffen werden, das beginnen selbst die konservativsten Abgeordneten, wenn auch vereinzelt, einzusehen. Aber alle Aeußerungen von Parlamentariern, die die Lage beim wahren Namen nennen, werden in rührender Uebereinstimmung von der Presse aller Parteischattierungen verstümmelt oder totgeschwiegen. So erging es unteranderem auch dem früheren Präsidenten des Abgeordnetenhauses Dr. Fuchs, einem der bedeutendsten darmerie gibt sich jedoch die größte Mühe, diese „Fälle" auszukundschaften und den „schuldigen" Bewohner unter Strafandrohung zu veranlassen, seine Kinder „dem Einflüsse des Verbannten zu entziehen". Es muß aber der Wahrheit entsprechend konstatiert werden, daß den politischen Verbannten der Werchojansker und Kolimsker Bezirke die Unterrichtstätigkeir gestattet ist uud zwar deshalb, weil es dort auch nur halbwegs gebildete Menschen, die ein Lernbedürfnis fühlten, überhaupt nicht gibt und demzufolge eine Aussicht auf Unterrichtserteilung gar nicht besieht; für die Jakutsker Kinder gibt es eine Gemeindeschule mit einem Kronlehrer. In den Städten finden die intelligenten Verbannten leichter eine Beschäftigung, speziell durch Stundengeben, die Nebersiedlung von den Dörfern in die Städte ist jedoch mit großen Schwierigkeiten verbunden und erst nach dem dritten oder vierten Jahre der Verbannung, nach einem stufenweisen Vorrücken von den schlechteren Dörfern in die besseren erreichbar. Mit der Unzulänglichkeit der materiellen Mittel hält auch der Hunger nach geistiger Nahrung gleichen Schritt. Größere oder kleinere Bibliotheken gibt es nur in den alten Kolonien, wie Iakutst, Bilijoisk u. a. Im allgemeinen kann man in den Städten leichter zu Büchern kommen; in den Dörfern hingegen müssen die Verbannten, da sie in der Regel nicht die Mittel besitzen, sich neue Bücher zu bestellen, warten, bis ihre Kollegen aus der Stadt oder der Nachbar-Kolonie welche schicke»!, was jedoch bei dem Mangel guter Fahrstraßen mit großen Schwierigkeiten und viel Zeitverlust verbunden ist. Außer den erlaubten Büchern und Zeitungen hat der Verbannte auch das Bedürfnis nach unerlaubter Literatur. Ein jeder sehnt sich darnach, zu erfahren, wie die Sache steht, welcher er sein Leben gewidmet, für die er seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt, sich von vielen Verpflichtungen losgesagt und endlich sich des Teuersten: der Bewegungsfreiheit beraubt hat. Er möchte so gerne wiffen, wie er den in der Freiheit, zurückgebliebenen Genossen geht, was in den ihnen

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