Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 31 (29.7.1904)
- Date
- 1904-07-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Lrvmttonr II/8. Leopolvsgsyie Sa. Leleph-«.«,. 141999* «P»achW»»»«»t «n «»»«,«,« »an 4 0t« 5 0|r nachmittag« fafalMRat 18IWM» tHOni**, ««-», II|S Wtfätkntbnt »e*en »esflfitet« öfter gar nicht rrfetater Mtpeidma mttua mix an* btiiteettb. - ■tamferfttt »ecken nichl ««UOneveae. 9»ft|t8S(atieni«aata MTDIT, In »a« Deaaenteni kann «an iß glich efartrrtm. MM jedes fmtoQ ««tt» MUwlrkumg der vom jüdlvtzr» Vold*- derer» ittväftttra ywlSnuuuuintMi. p|m« Memekmen die Stenten: $. Saaniea« «. Satef, Haafe». »ein ck »agler. «»da« «osie, «. OppeM. «. P-^-nyi. «. Schale» in Wen, ferner alle «nmaneen-OrpeNAanen t» r-Nande. Gützel-N«»t»«r 1» Wie» I» Heller. JUimtnUfrsfton: n/8. Leopoldsgaye Sa. relehhon-Nr. 1470» «bonnem—t-prel-r Telephon.«». 147,0 Mn «lg» n. iOefterreich'Ungnm tannnt Sr«ca»nftell«ng. 5>uMhrtl tzaldtährtg «iertrssSKrtg Kr. H.~ Für da« aetomaite fbriMnat famttU SraneazusteLmg. Kt. 10.“ ' »so tzawjäbtt, Viertels" Mri« Dir. 31 Pint, SS. I#« 1904 (17. Ad 5664). VI. Jahrgang. Der Kampf gegen die Zrrideuta. SonimersWe herrscht in, .Natur mrd Politik. Tmtz der stürmifchjm Wogen, die die äußere Politik wirft, weilt unser Minister des Auswärtigen „fern von Madrid" in einem französischen! Seebalde. „Uns kann nichts geschehen," scheint das Motto seiner Amtstätigkeit zu sein. Das wirkt jedenfalls beruhigend auf die aufgeregten Nerven österreichischer Zeitungsleser, die, nicht genug gestachelt durch die Berichte vom russisch-japanischen Kriege, noch erschreckt wurden durch die Bomben-ftmde in Triest. Wir wollen bei deser Gelegenheit unserer Stellung zur italienischen Frage näher treten!. Man wird einem Blatte, das sich unter schtvierigsten Verhältnissen die Objektivität gegen alle Nationalitäten bewahrt hat, nicht zumuten, daß es gegen das alte Kulturvolk der Italiener irgend eine Animosität hat. Aber das eine müssen wir trotzdem betonen: Wenn die Italiener, die in Oesterreich alle Möglichkeiten zur Entfaltung eines freien, nationalen - Lebens haben, die in Triest, Görz und Istrien eine politische Wahlordnung besitzen, die ihnen direkt auf den Leib geschnitten ist, die selbst in Sudtirol sich der inneren italienischen Amtssprache erfreuen', ivmrt die Italiener ungeachtet dessen und der Opfer, 'die> das Reich insbesondere für Triest bringt, dennoch mit der Jrrid e n t a kokettieren, dann bleibt bem Staate nichts anderes übrig, als mit aller Rücksichtslosigkeit und Strenge dem Staatsgedanken Achtung und Respekt zu verschaffen. - Wir wären kein östevreichischä Blatt, wenn wir ant^rs sprächen. WohlverstandE Wären -die Italiener wirklich, ein unterdrückter Volksstamm, dann lvürden wir den Geist der Auflehnung begreifen. Wer dies ist nW der Fall. Eher. hätte man Recht, wenn man sagte, daß sie bis jetzt von' all.en üster^reichiffchien Rchierungein verhätschelt wurden.! 'Wenn sie nun trotzdem offen oder insgeheim gegen Oesterj reich intrignieren, wenn sie sich gefügig von den, Jtaliettissimi im Königreiche lenken lassen, daun ist! der Kampf gegen solche Bestrebungen! wie gegen, jede Losreißungsbestrebnng. von welcher Seite immer einfach ein Ehrenpunkt für, Oesterreich. Dann muß es sich zeigen, wer der Stärkere/, ist: O e st e r reich oder die I r r i d e n t a! I Sehr traurig ist es, -daß" die Deutschen' kein rechtes'; Verständnis für diesen Kampf entwickeln. Anstatt ein-1 gedenk der hohen, Verdienste, die sich, die Deutschen wirklich um Oesterreich erworben haben, iu dein Kampfe zwischen > der Jrridenta und Oesterreich entschlossen sich auf Seite des Staates zu stellen, selbst auf die Gefahr hin, dadurch Sympathien bei dem flavifchen Nachbar zu erweckm, stehen sie unschlüssig bei Seite und hängen, Eriunemugen an die Feuilleton. Der weiße Spatz. Von Viktor Fleischer'. Kobi hat gelogen. ( Die Mutter hat beim MittagStisch bemerkt, wie er sein Brot, statt es zu essen, in die Tasche steckte. ,Jch eß' das Brot in der Schule — während der Pause, da Hab' ich immer Hunger", hat Kobi gesagt, und das war eine Lüge. Darum hat er auch ganz verwirrt herumgestottert, als die Mutter ihm zündete, das Brot nur jetzt zu essen ynd ihm statt dessen eine Semmel für die Schule mitgeben wollte.... Er Hat gelogen, zum erstemnale der Mutter die Wahrheit verschwiegen.... Und das läßt ihm keine Ruhe. Er muß fortwährend daran denken ... auch während des Unterrichts... Noch nie hat der Lehrer Über ihn zu klagen gehabt. Kobi war immer.einer der Besten. Und jetzt hat ihn der Lehrer schon zweimal in einer Stunde wegen seine, Unaufmerksamkeit getadelt,... Ganz niedergeschlagen geht Kobi nach Hause. Der Mutter weicht er aus. Gr kann ihr nicht ins Gesicht schauen. Er hat sie angelogen ... gelogen... Er möchte weineck, so schnürt stch ihm daS Herz zusammen, wenn die Mutter vorbeigeht. Aber er traut stch nicht, er fürchtet stch zu verraten... Beim Abendessen würgt er mühsam ein paar Bissen hinunter und iflgatia ftitt unb wbttftett. . ®et ÜftutUr, die ihn besorgt fragt, was ihm denn sei, gibt er flockend Zeit nach, als sie gemeinsam mit den Italienerin die Slavm unterdrückten. Tempi pasfati, meine Herren. D i e Zeiten kommen nicht mehr zurück. Jetzt handelt es sich darumob die Deutschen Primi inter pares sein wollen oder ob sie den Staat wirklich zwingen wollen, in einer gewaltsamen Slavisierungspolitik sein Heil zu, erblicken. Aber die Entwicklung des politischen Verständnisses bei den DeuWen geht in dem bekannten' Tempo der Echternacher Springprozession: drei Schritte vor und Zwei zurück. Eben entwickeln sie in Sachen der Parallelkurse in Troppau und Teschjm ihre alte, so oft nicht bewährte Taktik, in, jeder! Errichtung einer flavischen Lehranstalt die „Gefährdung des nationalen Besitzstandes'" zu erblicken. Auf der einen Seite sich einer systematischen Judenhetze, auf der anderen, Seite einer Slavenhche hinzugeben, das ist die ganze politische Weisheit ihrer Führer. Pflicht der Juden ist es, in dem Kampfe der staatlichen Interessen mit chauvinistischen' Bestrebungen sich i jedenfalls nichjt. unter die chauvinistische Schreier zu! mengen. Das mögen sich besoiiders unsere Stammes- ' genösse in Triest merken. S. Eiae Unterredung mit Moritz Schars. Im „Magyar Hi rlap" berichtet AdolfHarsauyi, Cafetier, über eine Unterredung, die er gelegentlich einer Reise in Holland mit Moritz Scharf, dem bekannten traurige» Helden des. Tisza-MHlaer-Pro$esses hatte, fplgenllesv'"':,":\K f ■ ' Nach langem Hinnckd Hersncheu in A m st e r d a m stand ich endlich vor dem Hanse, in dem Moritz Scharf wohnt. Ans meine Frage nach demselben an den Hausbesorger, telephonierte ihm dieser, und Moritz Scharf kam selbst herunter. Der vor 21 Jahren als Knähe zn so trauriger Berühmtheit Gelangte, ein gesund ansfchenber junger Mann, mittlerer Statnr, mit braunem. Bart, stand vor mir. Ich begrüßte ihn in ungarischer Sprache. Er antwortete in gebrochenem Ungarisch und entschuldigte sich damit, daß es bereits 29 Jahre her seien, daß er keine Gelegenheit mehr hatte, sich in seiner Muttersprache zu üben. Ich fetzte mein Gespräch in deutscher Sprache fort «nd bat ihn, mich auf einem kleinen Spaziergänge zn begleite«. Er zögerte, seine Angen blickten argwöhnig umher, aber nachdem ich ihm versicherte, daß nur das Interesse an seinem Schicksal,mich zn ihm führte nnd nnr mit seiner Einwilligung unser Gespräch in die Oesfentlichkeit käme, wurde er zutraulicher, und Mitternacht war längst vorbei, als wir nns in meinem Hotelzimmer anfs Wiedersehen für morgen verabschiedeten. Noch mit niemandem sprach Scharf über feiste Nolle in dem großen Prozeß astsführlicher. Er wollte nicht zur Antwort: „Nichts, gar nichts ..doch er wird ganz rot dabei. Und ste drängt nicht, ste weiß, er wird ihrschon sagen ... heute noch. Dann, als Kobi sich stiedergelegt hat, und die Mutter zu seinem Bett kommt, um mit ihm das Nachtgebet zu sprechen, da packts ihn plötzlich; sein ganzer Körper zittert, laut schluchzend preßt er den Kopf an die Brust der Mutter und die Tränen stürzen ihm aus den Au^en. Und während ste ihm begütigend den Kopf streichelt, gesteht er ihr leise und immer wieder auf. schluchzend die Lüge. Er hat das Brot nicht gegessen. Alle Tage hat er es eingesteckt, schon seit Wochen, aber nie hat er eS in der Schale gegessen. Auf dem Wege zur Schule, wenn er durch den Park ging, hat er immer die Spatzen damit gefüttert... oder eigentlich nur einen... Einen, den die anderen Spatzest nie in Ruhe ließen, dem ste keine Krume des hingeworftnen BroteS kaffen wollten. Auf den sie immer loSyackten. wenn. er ganz schüchtern und ängstlich herankam. Denn' dieser eine Spatz war anders als sie. Er war auch ganz grauaber er hatte einen weißen Kopf.... Darum stießen sie mit den Schnäbeln nach ibm und schrieen und ließen ihn nicht treffen... Aber Kobi verjagt sie immer alle und der weiße Spatz kennt ihn schon und kömmt dann allein wieder und schluckt hastig die Brotkrummen., während die andern Spatzen vom Gebüsch her zetern und schreien. .. „Und ich Hab' den weißen Spatzen so lieb... so lieb, weil ich immer denken muß, wie die Buben in der Schule loshacken auf mich und /schimpfen... gerade so wie die andern Spatzen auf deck einen .., welßen .. Da küßt ihn btt Mutter auf die Stirne und beide weinen sie leise vor stch hin.. . mehr von sich reden machen, er ging der Oesfentlichkeit <mS dem Wege. Mehrere Blätter nnd Journalisten ersuchte« ih« nm Daten, er verweigerte stets die Antwort. Inzwischen kolportierte man die Nachricht von feinem, Tode — er reagierte nicht darauf. 21 Jahre find es — so erzählte er — daß er mit seinem Vater und der ganze« Familie — wenn ich mich seiner Worte recht erinnere — durch das Wohlwollen der israelitische» La«- des-Kanzlei nach Amsterdam überfiedelte. Sein Vater setzte dort sein Schuhmacher-Handwerk fort, er aber kam m einem Diamantenschleifer in die Lehre. Sein Vater, der stch der fremden Lebensweise nicht anpassen konnte, nnd dem auch der Verdienst zn gering war, übersiedelte «ach London^ doch auch von da aus brach er nach einem halben Jahre wieder anfx et ging nach Bndapest z « rück und steht seitdem im Dienste der israelitischen Gemeinde als Aufseher in einer Metzgerei. Moritz, der in Amsterdam blieb, kam mit feinem Väter während der verflossenen 20 Jahre nnr ein einziges Mal znsammen, und zwar im Jahre 1899, als er im vollste« Inkognito nach Budapest reiste. Er verkehrte außer mit sein«! Eltern nnd Geschwistern mit niemandem. Nach fünftägigem Aufenthalt kehrte er wieder nach Amsterdam znrück. Gerne würde er wieder seinen alten Vater besuchen, aber es geht ihm jetzt, wo er durch den Stteik der Diamantschleifer seit 4 Monaten ohne Arbeit ist, nicht gnt. Unter normalen Verhältnissen verdient er wöchentlich 28 Gnlde«, wovon er als alleinstehender junger Mann leben kann. Ans Heiraten denkt er nicht. Wozu auch? Daß man eitzst auf seine. Kinder mit Fingern zeige: „Der Vater dieser Mnber war der berühmte Moritz Scharf!" Sein ganzes Wesen, feine Auffaffnng verraten den viel belesenen, intelligenten, denkenden Arbeiter. Seine Sprechweise ist einfach, ohne Pose, wenig erregt. Man merkt, daß er über sein Schicksal viel nachgedacht^ hat und eine gewisse Lebensweisheit ist das Resultat seineif Erfahrung. Hie nnd da vertieft er stch in die Vergangenheit^ aber er fühlt stch nicht schuldig, er war bloß das Werkzeug anderer. Ich zeigte ihm das Werk von Karl Eötvös*), sein Interesse blitzte ans. Er bat mich, ihm einige anf ihn Bezug habende Stetten zn übersetzen. Ich nahm alle Kapitel, die stch ausschließlich mit seiner Person befaßten, der Reihe «ach vor. Die Leichenschwämmungsgeschichte interessierte ihn weniger, aber als ich zu jenem Teil kam, welcher von dem französische» Königsfohn erzählt, der gegen seine Mutter Zeugenfchaft avlegt und seine Mntter, die Königin der allerniederträchtigste« *) KÄA Eötvös, der berühmte Verteidiger im Tisza- Eßlaer-PMeß, hat jetzt die Geschichte dieses Prozesses veröffentlicht unter dem Titel: Ein Prozeß, der tausend Jahre währt und noch nicht zu Ende ist. Tageserlebnisse eines Wiener „Handle". Von Ch. >N. Reichenllerg. In vec Kleinen Schiffgasse in der Äeopoldstadt befindet sich ein ztveistöckiges Havs, bas wahrscheinlich:roch zur Zeit der Befroinng Wiens ldturch den Polenkönig Jan Sobi'eski erbaut wurde. Diese SehenswüMgkeit blickt gewiß auf ein längeres Alter als 200 Jahre zurück, denn ihre Gemäuer sind schon dem Zustande dev starken Morschheit und Baufälligkeit anheungefallen!. In diesenr Gebäude, in welchem Schwaben, Wanzen und 3tussen eingenistöt sind, lvohnen zirka 100 jüdische Familien, die vorn Hauisieven, Flickhandwerke und dergleichen mühseligen und qualvollen Gclverben ihr Brot verdienen!. Eines Tages, es war in >der Hundstagshitze der letzteir Zeit — die Hitze zählte 32 Grad Celsius im Schatten — kam aus dem Hausflur des bezeichneten Gebäudes ein Jude zunci Vorschein. Er trug einen langen, weißen Bart, hatiie eim intelligentes Aussehen und cuachte dm Eindruck, als Wie er bis tief in seine lnittkeren Lebensjahre in emer galizischen Stadt sein Leben bei den Tallniudfolianten! in> bescheildener Sorglosigkeit verbracht und sich dann erst entschlossen, nach Wien zu gehm, um hier in der Millioirenstadt sein Brot zu suchen, nachdem er bereits aller Mttel entblößt lvar, eine zahlreiche Familie hatte und daheim keinen Erlverb finden konnte. Ausg.'- rüstet .lmt einem leeren Jntesacke am Rücken, konnten Ae Passanten der Kleinm Schiffgasse, welchen die würAge Gestalt Aeses Alten in die Augen fiel, im Moment yeMUsfinden, daß sie einen gallischen Judm' vor sich habm, der