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Jüdisches Volksblatt · 1904-07-22 · 30 (22.7.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
30 (22.7.1904)
Date
1904-07-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Was sich jetzt in Ungarn abspielt, kann füglich als der Rest der großen Obstruktion bezeichnet werden. Der Unterschied zwischen der Obstruktion, deren schädlichen Folgen daS Land noch lange zu spüren haben wird und dem jetzigen Geplänkel liegt nur darin, daß während daS Verhalten de» Opposition anläßlich des langen unfruchtbaren Obstruktionska mpfes im ganzen Lande die größte Erbitterung hervorgerufen hat uud dadurch die Stellung derselben für die nächsten Wahlen stark erschüttert wurde, sie jetzt mit Schlagworten kämpft, für welche sich in Ungarn zu allen Zeiten die größte Empfänglichkeit gezeigt hat. Man kämpft gegen die Erhöhung der Zivilliste, d. h. man will das Land vor «eueren Ausgaben schützen und damit den Schaden vergessen machen, welche das Verhalten derselben Opposition in den letzten zwei Jahren verursacht hat. Das Kabinet Tißa lonnte der ultra-chauvinistischen Opposition, welche im Kreise der Wählerschaft beinahe jeden Halt verloren hatte, kein größeres Entgegenkommen bekunden, als eS dies durch die Forderung der Erhöhung der Zivilliste vor den Wahlen getan hat. Seit dem Regierungsantritte des Grafen Tißa hat sich die politische Lage in Ungarn gründlich geändert. Die politischen Gruppen haben starke Verschiebungen erfahren; bestehende Programme wurden geändert und neue zusammengefchweißt. Diese neuen Programme, welche durch den Grafen A p p o n y i ünd dem wieder aufgetauchten Baron Bänffy in die Menge Lkschleudert wurden, - kennzeichnen so recht.4>ie Verworrenheit der Situation jenseits der Leitha, und wenn man sich die Äinge genau besieht, so wird man auch die Entstehungsgründe dieser Parteigruppierungen und ihrer sogenannten Programme genau erkennen. Man wird zunächst konstatieren Annen, daß die staatsrechtlichen Gravamina der 48er Partei nicht mehr jene politische Werbekraft besitzen, welche ihr noch beim letzten Wahlkampfe innewohnte. Andererseits befanden sich im Arsenal dieser veralteten Partei einige Forderungen, die wie z. B. das selbstständige Zollgebiet, der ungarische Hofstaat re., rein wirtschaftlicher Natur sind und ihre Popularität noch nicht eingebüßt haben. Auf der anderen Seite gilt es, das Regime Tißa, welches ein langlebiges zu werden und demzufolge viele Prätendenten von de« Fleisch-/ töpfen der Regierung auf lange Zeit fernzuhalten droht, so rasch als möglich in Mißkredit zu bringen, ehe eS Zeit gewinnt, durch' verschiedene Wohlfahrtseinrichtungen das große Publikum für sich zu gewinnen. AuS diesen, «Grundmotiven heraus entstand daS politische Gebräu B anfssy'S und es ist bezeichnend für den Inhalt seines Programm'«-, daß er für Feuilleton. Tische r Aw. Von Ludwig August Frankl. Wie geht das zu, daß die heilige Stadt zur Buhlerin geworden ist? „ Iesaia, 4, 21. Ich schüttle ab den Staub von meinen Schuhen Und.pilg're fort aus der Verheißung Land, Vom Boden fort, in dem Propheten ruhen, In Opferglut Jehovas Altar stand. „Wer weilen dürfte an der heil'gen Stellen!" War meiner Jugend Wunsch und früher Traum; Es sehnt der Hirsch nach frischen Wasserquellen, Wie nach Jerusalem mein Herz, sich kaum! O hätt' ich niemals deinen Grund betreten Und dich geschaut nur mit der Sehnsucht Blick! Was führte, günst'ger mir als dem Propheten, Mich in das Land der Väter das Geschick'? Gebälk von Zedern sah ich stolz sich heben, Musik der Psalmen tönte wunderbar, Und schöner als es jemals war im im Leben, In Glorien stellte sich dein Bild mir dar! Ich kam, o nur die Berge sind geblieben, Zu Gräbern ausgehöhlt bis hoch empor, D'rin ruh'n, vom Zorn Jehovas aufgerieben, Sein Volk, die Könige, der Priester Chor. seine Partei keinen politische« Namen fand, sondern sie rund» Wegs „Neue Partei" taufte. Baron B ä.n f fy hat de« äußersten Chauvinismus als Ausgangspunkt und Endziel seiner Politik gewählt und dadurch einzelne Elemente der äußersten Linken für sich gewonnen. Durch diesen Standpunkt hat Baron Bänffy von vornherein auf die Regierungsfähigkeit verzichtet und bewiesen, daß er während seiner Regierungszeit sowohl, als auch später, nicht nur nichts gelernt hat, sondern hinter der Geschichte stark zurückgeblieben ist. Baron Bänffy übersieht, daß die Zukunft nicht dem Chauvinismus, sondern der versöhnenden Nationalitätenpolitik gehört, und gerade in Ungarn sollten die führenden Politiker von dem abschreckenden Beispiele Oesterreichs lernen und, anstatt Oesterreich nachzuhinken, den politischen und wirtschaftlichen Leidensweg, welchen der verheerende Chauvinismus -in Oesterreich zurückgelegt, abkürzen und durch die Jnangurierung einer gerechten und gesunden Nationalitätenpolitik, die sonst gefährdete Machtstellung Ungarns sichern. Die Betonung des Liberalismus im Bänffyschen Programme ist ein Lockmittel für die jüdischen Elemente in Ungarn und leider haben viele Juden den Köder angebissen, und sich so in das Schlepptau eines gefährlichen Chauvinismus ziehen lassen, deren bösen Folgen sich auch in allererster Linie bei den Juden zeigen werden. Schon remonstriert die nationalistische Presse gegen den politischen Versuch Bänffys und schon weisen ihre Blätter auf den Umstand hin, daß die Garde Bänffys aus Juden bestehe. Es wäre dpch wirklich hoch an der Zeit, daß die Juden einmal beginn:«, Mst PolM zu Wachen und aufhören, die Statisten poetischer Abenteurer-zst sein. Es wäre für die Juden Ungarnviel vernünftiger, den Wandlungen, welche die ungarische Volk spartet in den letzten Zeiten durchgemacht und wahrscheinlich noch durchmachen wird, besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Sind wir auch nicht der Ansicht, daß die Volkspartei heute schon dermaßen geläutert ist, daß man ihren Bestrebungen bedingungslos zustimmen könnte, so verdient es doch besondere Beachtung, daß chr Führer den Mut gehabt hat, den eigentlichen antisemitischen Judenpunkt aus seinem Programme öffentlich auszuschalten und sich in dieser Beziehung auf das Gebiet der Bekämpfung der Konfessionslosigkeit zurückzuzieheu. Will Graf Zichy konsequent sein und auf dem einmal eingeschlagenen Wege der politischen Evolution ehrlich und unentwegt weiter schreiten, so wird er zu einem Programme gelangen müssen, welches den Interessen der Jude» am nässten steht. Damit hat es allerdings noch seine langen Wege. Graf Johann Zichy hat vorläufig nur vor seinen jüdischen Wählern gesprochen Wo sind die Psalmen, wo die duft'gen Blumen? Und der so lang um Zions Fall geweint, Und Spiegel war von seinen Heiligtumen, Der Kidron selbst, er ist versiegt, versteint. Unsterblicher Genoß! dein muß ich denken,*) Den auch hierher geführt der Sehnsucht Pein, Mit Tränen diesen heil'gen Staub zu tränken, Ans Herz zu drücken selbst den toten Stein. Wie eine Harfe in des Sängers Händen, In Sehnsucht zitterte, wie mir, dein Herz. Wenn Königskronen sich ums Aaupt dir wänden, Du würdest sie hinschleudern hier in: Schmerz. Und als du sahst die Hunde hier zerfleischen Dein Volk, Den edlen, königlichen Len'n, Als du gehört die Brut der Raben kreischen, Die Adler zu verzehren sich nicht scheü'n. Da haben Zorn und Gram dein Herz bezwungen, Und auf Ruinen weinend vor dem Tor, Hast du dein schönstes, ew'ges Lied gesungen. Es brach wie Wasser ans dem Fels hervor. Ein Reiter sprengte da von Zion nieder Und warf die Lanze funkelnd dir ins Herz, Und auf den Lippen noch das Lied der Lieder Verging dein Geist in wehem Doppelfchmerz. Gleicht auch mein Lied nicht deiner Zionide, Juda Halevi hieß mein Vater auch. Und Zions Untergang im Klageliede Besing' auch ich, umweht vom Gräberhauch. *) Juda Hawvi, der berühmteste spanisch-hebräische Dichter, wurde vor den Toren Jerusalems getötet. und wenn es auch kein Geheimnis ist, daß er i» seiner Partei, eine ganze Anzahl von Gesinnungsgenossen zählt, so ist eS aber ebenso wahr, daß diese Partei sich offiziell gegen die von Zichy eiogeschlagene Politik verwahrt hat und dadurch die weitere Entwicklung deS Zichy'schen Programmes innerhalb der Volkspartei vorläufig verhinderte. Die Angst vor allem, was nicht liberal getüncht ist, hat die Juden in Ungarn genau so wie in Oesterreich und in anderen Staaten schon viele schwer zu reparierende Fehler begehen lassen. Manche hat diese Angst in die Taufe getrieben und sie dann selbst zu Klerikalen gemacht, andere und zwar die Mehrzahl haben sich an die Rockschöße der liberalen Taschenspieler geklammert, wo sie solange baumelten, bis sie, zu lästig geworden, in die Fangarme der lauernden Antisemiten hinüber geschleudert wurden. In Ungarn werden jetzt verschiedene Programme gebraut. Mögen die Juden auf ihrer Hut fein! Die nächsten Parlamentswahlen können ihnen leicht bittere Enttäuschungen bringen, wenn sie sich nicht vorher ihrer selbst besinnen und denjenigen Weg einschlagen, den ihnen ihr Bolksbewußtsei» und die Sorge um ihre bedrohte Existenz vorzeichnen müßten. Czeruowitzer Brief. (Zu den bevorstehenden Landtagswahlen ln der Bukowina.^ Nur noch wenige Tage trennen uns von der großen Schlacht, §ie in den Städten sowohl wie in den Landgemeinden geschlagen! werden soll. Und es wird eine heiße' Schlacht sein:. Im nördlichen' Teile der Landgemeinden ein Kampf zwischen Alt- und Billig-« imthenen, im südlichen zwischen „freisinnigen" und „reaktionären*' Rumänen. In den Städten hingegen ist es entweder ein Kampf, zwischen Juden und Juden oder Juden und Deutschen. Die bevorstehenden Landtagswahlen find nicht bloß von Interesse für die Bukowina, sie verdienen auch besondere Beachtung' über die Grenzpfähle hinaus, der verschiedenen Kämpfe wegen sowohl unter den zahlreichen Natwnen des Landes, dem Oesterreich en' miniature, als insbesondere des Umstandes wegen, daß zum erstenmal vielleicht in der Bukowina „freie" Wahlen vor sich gehen. Der gegenwärtige Landeschef Prinz Hohenlohe gab nämlich seinen Untergebenen den Auftrag, sich bei den Wahlen streng neutral zu verhalten. Zum erstenmale also wählt der Bauer frei, wird der Jude nicht gezwungen, gegen seine Ueberzeugung zu wählen. Wie stehen nun die Chancen in d.en einzelnen Wahlbezirken? Nach den Ergebnissen der bereits vorgenommenen Wahlmännerwahlen zu schließen, dürften die „Freisinnigen" in fast sämtlichen Bezirken den Sieg davontragen. Strittig sind nur der Wahlbezirk Sadagora. wo dem bisherigen freisinnigen Abgeordneten Prof. Stockt der Rumäne F l o n d o r von der Bojarie Doch meinen Namen nennet ein Jahrhundert Dem andern nicht, wie deinen stolzen Ruhm. Warum traf mich, wenn nicht gleich dir bewundert, Auf Zions Schutt ein größ'res Martyrium? Ein Lanzenstoß hat dir das Herz durchstochen, Mir gingen tausend durch die Seele hier; Ein fremder Feind hat dir das.Herz gebrochen, Der Stammgenosse und der Bruder mir! Du Glücklicher! Vom Feind sah'st du getreten Dein Volk; ich aber, wie es selbst sich schlägt, Und in der Stadt des Herrn und der Propheten Zur Schau die geistigen Ruinen trägt. Zerbroch'ne Säulen und geborst'ne Quadern. Was sind sie wert noch, denen Gott gegrollt, Wenn dem, der um sie weint, nicht in den Adern Der warme Strom der echten Liebe rollt! Sie kommen, in Jerusalem zu sterben Und ausznrnh'n im Tale Josaphat — Es starb auch mein Herz, als ich diesen Erben Von Gottes heil'gem Königreich genaht. Ich sah auch sie, die neuen Zionswächter, Den Reigen tanzen um das gold'ne Kalb, Von Israel verachtete Verächter, Sind halb des Glaubens sie, des Wahnes halb. Behovas Witwe seit uralten Tagen, egt sie den Schleier ab, getröstet schon? Seh' ich das Heiligste zu Markt sie tragen, Scheint sie vielmehr das Weib von Babylon! Und wenn es noch nicht in Ruinen läge, Das dreimal heil'ge Jerusalem,

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