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Jüdisches Volksblatt · 1904-07-15 · 29 (15.7.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
29 (15.7.1904)
Date
1904-07-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jeden Freitag U/S. LVvpolvsftayie 2». Telephon N». I4V3». Gp»«B0U»pe»» •» .»Jtetnuurn »m> 4 „« K LH, nuAtntttat« #,#•»>•«• »«»«,««» «*a«»t«ü, »Ir«. 118 W»s»hta»»rv»« we-ni 9nta>&tr*.« a»n joi ntAt irfoijtet Zustellung ertöten Mit ml bttaucab. — ManilniMf taierbe» ><4t gimflifieftejU. S»Ap,ren»en«L»«t» MTOir g« das UimdteKt fattn mm tlgttch etattret«. <»r»r MUvnrrmn« vrr v«m» iLditttzen Voitt»?"errw «ewätzU»» PrrksronMrilfton. |«raM< abetMftnen die filmen: A. Saarnberg, 0k Dukel, Paalen« ittx ft «ogl«. «udol, Wr-ffe. R. vvpelL st Nszsmht, A. Schale» tn Blot, ferner all» »tmonttn««sptbttlonoi tan «ullanbt Wvnze1-N««mer In Wien 16 Heller. --jLuin. U/H. Leopvldsvalle 2 a. TelephomlSr. 14798 iSbonnementApreift: Telephote-N». 147518 -Sr «Men «. veNe-Det».w»»ar« inmnti UtancotNfteCung. »angilhng Örtfl Sbtio fti. 8.~ . 4- . 3 - 9är dal geiamm». 9ta81*«ft lammt ^ruacomtaellimg. San,jährig Halbjährig «irrttljährig ft. 10- »- . 9K> .—ft Kr. SS Wie«. IS. IM 1904 (3. Ab 8664). VI. Jahrgang. Die Politik der konventionelle« Lüge». Unerwartet züngelt heute da, morgen dort in einer vergessenen Ecke des Staates' die Flamme des Streites empor, so daß der geängstigte Bürger cm. Zufall oder 'böswillige Brandstiftung' glaubt. Niehki nd sieht den Zusaminknh a ng, niemand gibt sich Rechenschaft!, zn welchem Ziele denn das scheinbar regellose Losbröckeln vom Einheitsstaate führen, wohi'n der vermeintliche blindje Zufall uns treiben soll. Mo Pustula te der Nationalparteiicn, alle Querelen sind neue Aeußerungsformen eines und desselben Grnndbestrebens, das in ihnen sich nicht enthüllt, sondern verschleiert. Weder Regierung noch Parteien wagen es, an dem Schleier des Bildes zu rühren und den Tatsachen selbst! ins Gesicht zu sehen, sie wagen es nicht, sich einzugestehen, wohin sie steuern. Denn im Augenblicke, wo sie nur versuchen,, über das Ende klar zu werden', befällt! sie dlas Grauen dev Erkenntnis, wieviel da in O e st e r r e i ch tiodieif, wie entsetzlich die Arbeitslast, um den Schutt w e g z u, - r ä unr e n und n e u z u b a u e n. . Und darum sagt niemand, was er i'm Ganzen will, darum hält jeder krampfhaft fest am Einzel ne n, Nächsten und betäubt Hoffnung und Bedenken! durch den Lärm über ldias Gegenwärtige. E n d l i ch muß man! sich über die Da sei ns b e d i n g u n gen " '"dr e s e s Staates klar lvierden, endlich muß die Pemäntel ui n g u n b V e rschl e i e rung a u f h ö r e n. . Mit! diesen treffenden Worten charakterisierte.Rudolf Springer in seinem Buche „Der Kampf dev österreichischen Nationen um, den, Staat" die konventionellen Lügen der österreichischen! Politik feit 1867. Er zeigt, daß das P r o g r a m m d>er meisten! Parteien Oesterreichs heißt, zur Macht zu gelangen, respektive sie zu behalten, dtaß sie. aber selbe nicht erobern:, sondem— erschachern. lanerob crt iit Oest cx r ei chn i cht, man e r hi a n d e l tt o d e r e r preß t, d a s i st d i e p o - litische Moral! Die Wahrheit dieses Satzes wird durch die deutsche, tschechische und magyarische Obstruktion, durch die jüngstjon Reden des Herrn! S Hs ö n e r e r, der j u n g t s ch e ch r - scheu Parteiführer, die Krawalle der italienischen Studenten in Innsbruck und Trient sowie die Vorgänge im, — u ngaris ch e n Reichstage gleichmäßig erhärtet. Herr S ch ö n e r e r erklärt, die Deutschen müssen „H a -m in e r o d e r A m b o ß fein/', die j u n g t s ch e ch i- Feuilleton. Brief eines Soldaten vom Schlachtselde. Lieber Freund! Die Einzelheiten, über das erste große Landgefecht werden Dir gewiß aris den Blättern schon, bekannt feilt1. Mit zurückgehaltenem' Atem wartete bk ganze Welt auf diese Schlacht. Freimde und Feinde dien beiden kriegführenden Parteien meinten, daß dieser Zusammenstjoß einen- Wendepunlkt in der Entwicklung des Krieges bedeute. „Zu Lande wird> ,cs sich erst Herausstellen, wer der Mächtigere von beiden ist; das Resultat der ersten' großen Schlacht zu. Lande ist auch für dien Ausgang des Krieges nraßgebend'," hieß es allgemein. Auch dir, lieber Freund, ist es sicherlich nicht anders ergangen? Mit fieberhafter Ungeduldmagst dul auf diese erste große Schlacht geimvtet haben, und als Du die Berichte über dieselben' lasest, mußtest Du sie mit gemischten Gefühlen! ausgenommen haben. Auf der Zeinen Seite lvar 'es Freude, daß die Japaner! gesiegt und auf der anderen Seite mußte!!/ Du, ein lvohliges Gefühl der Genugtuung empfunden haben „über den erhabenen! Heldenmut", mit welchem/ sich Deine russischen, Landsleute dem Feinde gegenüberstellten'. In den Berichten-, die in/ Petershu'rg und cm>deren rufsenfreundlichen! Stelleu> über die Schlacht ansgeaeben wurden, wirst Du sicherlich! folgende Danstellung gelesen haben: f ch e n Führer begründen damit die Notwendigkeit der A u f r e ch t e r h a l t u n g der Obstruktion, da „sonst die Jmrgtfchecheu den Boden unter iblen Füßen in Böhmen verlieren", wie Dü. N a, c a tip Kuttenberg ansführte, und Herr B a n f f y wieder halt die Aufrechtevhalliung des ungarischen 9kationalsta>ates (in rührender Uebereinsttmmung mit der Mehrheit der magyarischen. Parlamenta/vier) nur unter der Boraussetzung einer magyarisch -chauvinistischen G ewaltherr s ch> a f t gegen dis deutscht-slavischf-rumänische Bevölkerungs m c h r heit jenseits der Leitha! für m ö glich. Zeigt -dt'es. nicht deutlich die Verbohrtheit der Pavteipolitikeir der alten Schule, die U n e h r l i ch k e i t dieser Art nationaler Politik in Zis- und Transleithanien, die unbedingte Notwendigkeit, mit der beftehen'dcn Verfassung und den jetzigen „V o l k s"- Vortrlatern in der ganzen Monarchie — T abul a rasa zu machen? Was die parlam/entarischen, Kliquen als die „heiligsten Güter der Nation" hiustellein', sind nichts als — ch a u v in i st r s che P ho äs e n, was sie als Existenzbedingungen des Reiches bezeichnen, sind nur V o ri a u s f e tz u n g e n i h r e r p o l i t ts che n Macht.-. Weil die JnlbrHssengruppen!, die' N a t i o n, e n n i ch! t organisiert sind als aMive Verbände des öffentlichen Rechtes, haben sich ihrer n n g e b e t e n e A n - walte angenommen, die . n,u,r einen geringen T e i l j e d e r Na Pr o n re p r äs e n t i e o e n, häblön durch die G e.b i e ts geometxie derHWnländer es verstanden, andere^ AWcuien mmrdtot zu MächÄp(z. B. Ue R ntheneu in G a l r z i e n, frte N i ch t Magyaren j e n s e i t s der Leitha.), indem sie ihnen die Reichsunmittelbarkcit nahmen. Der Staat ist der Raub unorganisierter-, hadernder, mtif= und niedersteigender Kliquen, denen, wenn sie 'a/mhwollten, der aufreibende Gren-zkrieg gar nicht Zeit zu kultureller Arbeit läßt.!! Die g r o ß e n M a f s e u aber stohett Mvzlveifelt und stumm äbstits, außerstande, die P!afsivÜ!.t.ät der Müris sterien upd. das I n t r i g n e n s p i e b.der/P örtere n nur zu. bdpHen. : Z)- Dieses äußert sich vielfach da rin, a ls: S ü n d e n b o ck fiir diese trostlosen Zustände die — I it< d e n, hinzustellen. In B ö h m e n, G a l i z t e u und ll n g a? r n werden! die Jude n geradezu, verantwortlich gemacht für die Bc,rfchärfung der staatsrechtlich-nätionalen und sozidten! Gegensätze, und der A n t i s e m i t i s m u s (!) wird, vielfach als Mittel zur Herstellung des nationalen und sozialen. Friedens (!) gepriesen'. - In Wie n> wieder gärb rs im ch r i st l i ch s o z i a l e n Lager, wobei auch der I u d e rr - pu,nkt eine hervorragend'e Rolle spielt, wie folgende zlvei „Achitzigtausenid Japaner attaickierilen! ein kleines Häuflein Russen. Das Häuflein Russen! erschrak aber durchaus nicht vor der gewaltigen Armee und stand fest lvie, eine Pyrannde auf ihrem, Platze. Die russischen Soldaten hatten lvieder einmal Gelegenheit, der! Welt zu beweisen, daß i,n der russi'schen Armee der Geist vo>n! P o t e m k r n und S u w o r o w noch! imn« lebendig ist. Brust gegen Brust kämpften die Helden, gegen den, überlegenen Feind: einer gegen zehn! .Nicht lvie geschlagene Soldiatc'n sind sie gefallen, sondern, wie Helden gingen sie in, den Tod mit dem Rufe : „Für unser liebes Vaterland! Für uaifcucn heiligen Kaiser!^ Oder z. V. in einer midown Tonart: „Die Schlacht eiitsprach nicht unseren, Plän,en.. Wir. hatten gar nicht die Absicht, init dem, Feinde, als er den Jalufluß überschritt, einen Kampf zu, beginn'an. Unlsev Ziel war vielmleh-r, die Japaner, welche tiefer in ' die Mandschurei hineinzogen. aufznirei'ben und zu vernichten. Aber unser General S a s s u l i t s ch hat das Programm, K> u r o p a> t k i n s nichi! cingehalten nndi ließ sich in 'einen großen Kampf ein. Mit fünftausend Soldaten stellte er sich gegen achtzigtausend Japaner. Es ist lvohl wahr, daß wir zweitansend Mann VeAoren, aber der Feind verlor das Doppelte und Dreifache, so, daß der Ausgang dieses Gefechtes für uns sogar einen, Sieg bedeutet. G-chet daher hin', ihr rechtgläubigen. Russen, in 'cnre Klöster, und singet Lob den Heiligen und vor allem dem allerheiligsten W-nndertäter Nikol a i!" Dies alles ist! aber nur Schönfärberei. Nichts anderes, als dicke Schminke auf die tmu-rige Wahrheit getragen,! Dort im. Generalstab in Petersburg sitzt eine ganze Gesellschaft mit Stift und Pinsel und einem, großen' Topf Farbe. Sobald vom russischem Lager eine Depesche anlangt, beginnt man sie znzusiutzen!, zu schininken und zu färben, die Ziffern, Zeitrmgsstimimen beweisen: Das „Volksblatil für S tadt'u nd Land in Wien" schreibt unter dein Titel: „Das Christentum des „Deutschen Volksblatt": „Da sich leider kei>n andleves katholisches Blatt der Aufgabe unterzieht, energisch aus die der^ katholischen B,evölkeru!N'g drohende Gefah,r der re l i g i ö s e n K o r r u mp i c r u n g d u r ch e i n i g e sog e n, a n, n t e „ch r i stl i ch e" B l ä t t e r h i ir z it lv e! i s e n, so müssen, Wir uns mit der unangenehmen Rrifgabe beschäftigen.. Obwohl wir wissen, daß das nicht viel nützt, so lange selbst katholisch e G e i st l i ch e j e n e B l ä t t e r l e s e n , u n t e x> stütze n u n d verbreite n„ so lvollen, wir doch die heutige katholische P'resse vor dem sicher ein m a l kam m e n d e n V o r!v u, rf e bewah-vein-, daß sie entiweder zu blind war, um die Folgen der systematischen En tch r i st l i ch u n g d e s V o l k e s durch jene fälschlich sogenannte christliche Presse zu erkennen, oder zu feige, um davor zu warnen,. Daß unter den genannten Blättern Vc'rgänis „Deutsches V o l k s b l a t t" obenan, steht und leider auch ünmer mehr Schute macht, das ist leider in katholischjen Kreisen allzu bekannt und auch hie und da schon öffentlich erörtert! worden,. Man beobachte nur, was unter dem verhängnisvotlen, k a t h o l i s ch e G l a u b e n streue und ch.ristlich e Sitten veinheit zersetz e n d e n Einfl u s s e d.ieses B lnt tes. aus, .ei nem Tet le> d er ^h.e..mals stnemAckät ho l if ch e n nie b ä r ö st -e r5r e i ch i s ch e n P r 0'v t n z - p r es s e g ew o rPen i st, wre d a mi t dem F eucr national e r wird sozialer V er h e tz u n g g e spielt wird, welche unehrliche, unwahre Berichterstatt nng da gepflegt! wird und w i e i n s b e s o n d 'e r e die t r e u k a t h o l i f chj e Partei und ihre Bestrebungen vor der Bevölkemng h e r a b g e s e tz t w e r d e n. Mit B'elegen^ für diese, Tatsachen wollen wir zurückhalten, da wir nicht ohne Not Nanien nennen wollen,. Das „Deutsche Bolksblatt" selbst hat zloar seit! der — man darf wohl sagen,auf dem H i n t e r t r e p p e n w«e g e erreichten, — päpstlichen Auszeichnung seibes Herausgebers seine antiklerikalen Passionen etwas gezügelt, nur gelegentlich fällt die Maske und läßt erfassen, welche K! l u f t z w i s ch e n. d >e m C hr i st e ntum Christi und dem Christentum des „Deutschen Volk s b l a t t" gähnt. So lvird z. B. im Abendblatt vo,m. 8. Juni argählt, daß die Barmherzigen Schwestern im Ha,use dcir Unheilbaren einen, schwachsinnigen Judenbuben aus se'in Verlangen taufen ließen und daran knüpft das „christliche Blatt" wörtlich folgende Bemerkung: jv nach Bedarf, höher oder niedriger zu, stellen, und das ans Bunte gewöhnte Volk sieht, die sch-reienden Farben, sieht die großariigen Ziffern, gerät in Verzückung, veranstaltet Illuminationen und schreit „Hurra!", bis es heiser tvindl.... Entkleidet man aber diese Berichte ihrer Verbrämung, und löst mau von ihr die Schminke ab, so stellt sich die Sache ganz anders dar. Als Rußland den Krieg mit Japan provozierte, da dachte es, daß dev Krieg nichts anderes seinlr-e,rde als ein Kamps eines Wnvines gegen einen Elefanten. Ein, einziger Tritt mit' dem ungeschlachten Fuße, und dier japainifche Wuvm, ist zerrieben zn Staub. Nach russischer Berechnung mußte der Tanz aus koreanischem Boden ausgefühlt werden, daran,, das; die Japaner die Vermessenheit haben, könnten,, ihren, Fuß in' die Mandschnrei, zu fetzen, dachte man nicht -einnial im Traume. Man wiegte sich in, Sicherheit darüber, daß die starke russisch)? Flotte die japanischen, Krtegsschlffe „lvie Hühni^rei-er" zerschlagen und die Transpoirtschisfe gefangen irehmen loerde. Man hat sich in Rußland dev Hoffnung hin'gegeben, daß. P o \\ l A r t h u r unbehelligt bl'eilx'N! wn-rd und man Hatto mit ziemlicher Genauigkeit ausgerechnet, au, lvelchem« Tage, in welcher Stunde und Minnte der Triuuiphzug der Russen durch die Straßen, Tokios stattfinden! lrurd. Wenn! man genau suchen lvollte, lv'ürde man' auch die gesch'riebeuen Bedingungen voifinden, unter denen die Russen „geneigt" sein tvi'irden, den Friedenzu' schließen. Diese Bodingungen waren schon ein halbes Jahr vor Beginn des Krieges ansgcarbcitet und mit der Genehmigungsklaufel des Kaisers dom Admiral A l e x e j e lo zurückgeschickt worden. Die Rechnung lvnrde aber ohne den, japanischen Wirt gemacht und die Dinge kamen, ganz anders. Es stellte sich heraus, daß Japan der Elefant ist und- Rußland die Rolle

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