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Jüdisches Volksblatt · 1904-07-08 · 28 (8.7.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Theodor herzl, der Führer der zionistischen Partei, ist am 3. Juli, 5 Uhr nachmittags, seinem Herzleiden erlegen. Theodor Herzl war eine machtvolle, charaktervolle und stark ausgebildete Persönlichkeit, von imponierendem Aeußern, mit allen ihren Vorzügen und Fehlern, mit all ihren Kanten und Ecken. Uber angesichts seines jähen Hinscheidens, angesichts des offenen Grabes haben wir nicht die Kraft, Kritik zu üben. Nur beklagen können wir den großen Verlust, den das jüdische Volk durch den Tod herzls, der in der Blüte seiner Jahre hinweggerafft wurde, erlitten hat. Im Jahre 1896 erschien sein „Judenstaat". Damals hatte er bereits eine Lebensarbeit hinter sich und einen geachteten Namen in den literarischen Kreisen. Uber erst mit diesem Buche und mit diesem Jahre berührt seine Lebenslinie die Geschicke des jüdischen Volkes. In diesen acht Jahren hat er Großes, Bewunderungswürdiges geleistet und sich durch sein XDcrf ein Denkmal für alle Zeiten gesichert. Der „I u d enstaa t" fand bereits eine verbreitete und theoretisch ausgebildete zionistische Bewegung vor. Diese historisch-zionistische Bewegung wurde 1882 durch die wüsten Verfolgungen der Juden in Rußland unter der Ministerschaft des berüchtigten Ignatiew hervorgerufen. Sie hatte ihren hauptsitz in Rußland, wies aber auch Vereine in Rumänien, Oesterreich, Deutschland, England und Nordamerika auf. Im November des Jahres 1884 fand eine Konferenz der Palästina-Kolonisationsvereine unter dem Vorsitze des schon verstorbenen R. Moses in Kattowitz und im Jahre 1889 ein Zionistentag in Wien unter dem Vorsitze vr. Birnbaums statt. In Kattowitz gab. der Lehrer S. Frenthal das erste in einer europäischen Sprache geschriebene zionistische Blatt „Der Kolonist" heraus. Ruf diesen Kreis wirkte das Erscheinen der Broschüre Vr. herzls „Der Judenstaat" geradezu sensationell. Nicht so sehr wegen ihres Inhaltes. Mußten doch gerade die alten Zionisten gegen sie zwei wichtige Bedenken erheben: Erstens hatte herzl die Frage „3ton oder Argentinien" offen gelassen und zweitens hatteer den wert oder die Notwendigkeit der Nationalsprache, des hebräischen, nicht gebührend gewürdigt, wir wollen aber gleich konstatieren, daß er in beiden Punkten seine Anschauungen fpätet berichtigt hat. Aber alle diese Bedenken traten zurück vor der Tat als solche. Mitten aus dem Zentrum der raffiherzl über sich selbst?) „Ich bin 1860 in Budapest geboren, nahe der Synagoge, in der jüngst der Rabbi mich mit den strengsten Worten anklagte, weil eigentümlicherweise ich für die Juden mehr Ehre und Freiheit, als sie gegenwärtig genießen, zu erlangen versuche Aber an der Vordertüre des Hauses in der Tabacksgasse, wo ich das Licht der Welt erblickte, wird nach 20 Jahren ein Zettel mit der Anzeige: „Zu vermieten" zu lesen sein, lherzl meint damit, daß er in Folge der zionistischen Bewegung dann in Palästina sein werde.) Ich kann nicht leugnen, daß ich in die Schule ging. Zuerst wurde ich in eine jüdische Vorschule geschickt, wo ich ein gewißes Ansehen genoß, weil mein Vater ein wohlhabender Kaufniann war^ Meine früheste Erinnerung an die Schule besteht in prügeln, welche ich erhielt, weil ich die Einzelheiten des Auszuges der Juden aus Aegypten nicht wußte. Gegenwärtig möchten mich viele Schulmeister prügeln, weil ich mich zuviel an jenen Auszug aus Aegypten erinnere. Im Alter von zehn Jahren kam ich auf die Realschule, wo man im Gegensätze zu dem Gymnasium, welches das Schwergewicht auf die alten klassischen Sprachen legt, mehr das moderne wissen betont. Lesseps war damals der Held des Tages und ich faßte den plan, den anderen Isthmus, den von Panama, zu durchstechen. Bald aber verlor ich meine bisherige Vorliebe für Logarithmen und Trigonometrie, weil damals eine ausgesprochen antisemitische Richtung aus der Realschule herrschte.. Einer unserer Lehrer erklärte die Bedeutung des Wortes „Heiden", indem er sagte: „Zu diesen gehören die Götzendiener, Mohamedaner und Juden." Nach dieser merk- *) (Eine Autobiographie aus der „Iew. Thron.", 1898. niertesten europäischen Kultur, aus Paris, Hatte ein Mann, der die ganze westliche Kultur in sich ausgenommen hatte, seine Stimme erhoben für das jüdische Volkstum, für einen jüdischen Staat. Als er nach Wien zurückkehrte, klangen seine Worte wie Regen nach langer Dürre an das Ohr der jüdisch-nationalen Studentenschaft, die, unbekümmert um alle gegnerischen Angriffe und alle gegnerischen Theorien, an der Wiedergeburt des jüdischen Volkes gearbeitet hatte. Dr. herzl erachtete anfangs seine Arbeit mit dem Erscheinen der Broschüre für beendet. Erst aus dringenden Wunsch der Leiter der wiener Bewegung übernahm er die Führerschaft. Die erste Etappe war der erste Zionistenkongreß in Basel im Jahre 1897. Rn dieien Kongreß schloß sich der Ausbau einer weltumspannenden, reich gegliederten Organisation, der sein unhestrittenes Verdienst ist. Die Organisation umfaßt Zionsvereine in allen fünf Erdteilen, der Zionismus wurde dadurch Gegenstand allseitiger Erörterungen. Im März 1899 wurde die jüdische K o l o n i a l b a n k mit dem -hauptsitze in London gegründet und vor drei Jahren der jüdische N a t i o n a l s o n d zur Erwerbung des Bodens im heiligen Lande. Im August 1903 wurde in Basel der sechste Kongreß abgehalten, der letzte, den Dr. herzl wie immer Mt großer Geschicklichkeit leitete, aus dem das bekannte Ostafrikaprojekt einen erregten Meinungsaustausch enhess^e. vr. herzl wurde vom Kaiser von D e n t s ch l a'n 8 > vom Großherzog von Baden, vom Sultan,' vom j ein ge n papst und vom König von Italien empfangen.' ■ Das sind die wichtigsten Marksteine aus der Geschichte seiner Führerschaft der p.o l i t i s ch e n Zionisten. So nannten sich seine Anhänger nämlich im Gegensätze zu vielen Vertretern der alten Richtung, während nämlich diese die Errichtung eines jüdischen Zentrums in Palästina durch sofortige, allmähliche/ praktische Koloni'ation des Landes zu verwirklichen glauben, glaubte Dr. herzl nicht an die Kolonisation palä-tinas schreiten zu dürfen, bevor er nicht vom Sultan auf-, Grund -diplomatischer Verhandlungen und finanzieller Konzes'ionen einen Charter für Palästina erlangt hätte. Dr. herzl hat dieses Ziel nicht erreicht, an Eifer und unermüdlicher Arbeit ließ herzl es jedenfalls nicht fehlen. Mehrmals glaubte er sich bereits am Ziele und immer wieder wurde er enttäuscht. Am letzten Kongreß erklärte er offen, daß in absehbarer Zeit der Charter nicht zu erlangen sei. Diese Enttäuschungen konnte er nicht überwinden und sie haben sicher sein Ende beschleunigt. Mit würdigen Erklärung hatte ich von der Realschule gemlg und wollte eine klassische Anstalt besuchen. Mein gurer Vater zwängte mich für mehre Studien nie in eine enge Bahn hinein und so wurde ich Schüler eines Gymnasiums. Trotzdem war der Panama plan für mich noch nicht ganz beseitigt, viele Jahre später hatte ich als pariser Korrespondent der „Neuen Freien Presse" die Pflicht, über die berüchtigten Vorkommnisse bei dieser skandalösen Episode der Geschichte Frankreichs zu schreiben. Im „evangelischen Gymnasium" bildeten die Juden die Mehrzahl und deshalb hatten wir uns nicht über irgend welche Judenhetze zu beklagen. In der Klasse VIIu schrieb ich meinen ersten Zeitungsartikel, natürlich ohne Namen; sonst würde ich vom Lehrer eingesperrt worden seinwährend meines Aufenthaltes in der obersten Klasse des Gymnasiums starb meine einzige Schwester, ein Mädchen von 18 Jahren; meine gute Mutter wurde vor Kummer so schwermütig, daß wir 1878 nach Wien verzogen. während der Trauerwoche besuchte uns Rabbi K o h n und fragte mich, was meine Pläne für die Zukunft wären. Ich sagte ihm, daß ich ein Schriftsteller werden wollte, woraus der Rabbi seinen Kops ebenso unzufrieden schüttelte, wie er später den Zionismus mißbilligte. Line Schriftstellerlaufbahn ist kein eigentlicher Berus, schloß der unzufriedene Rabbi. In Wien studierte ich die Rechte, nahm an allen Studententorheiten teil und trug die bunte Mütze einer Verbindung (Albia, Anm. d- R), bis diese eines Tages den Beschluß faßte, daß fortan keine Juden mehr als Mitglieder ausgenommen werden sollten. Die es schon waren, erhielten die freundliche Erlaubnis, in der Verbindung zu bleiben. Ich sagte den edlen jungen Leuten Lebewohl und fing an, mich ernstlich an die Arbeit zu einer verzweifelten Anstrengung wollte er die Tharieridee durch das ost-afrikanische Projekt retten. Da zeigte sich aber zum erstenmal, daß ein großer Teil seiner Partei, die gewohnt war, ihm blindlings zu folgen, ihm die Zustimmung versagte. Das ist die Tragik seines Wirkens. Die Gstafrika-Frage ist auch heute noch ungelöst. Der Tod Dr. herzls hat eine ungeheure Lücke in die zionistische Partei gerissen. Aber die zionistischeJdeelebt in dem jüdischen Volke so unauslöschlich, die Organisation der Partei, die er geschaffen, ist so ausgezeichnet, daß weder für dasLebenderIdee, noch für denBestand der Partei zu fürchten ist, wenn sie auch aus anderen Bahnen, als Dr. herzl ihr zuerst vorzeichnete, wandeln wird müssen. Ein Licht in Juda ist erloschen. Fassen wir das wirken Dr. herzls für das jüdische Volk noch einmal als ein Ganzes ins Auge, so können wir nicht besser unseren Gefühlen Ausdruck geben, als wenn wir nachfolgende Worte Felix Saltens in dem Nachrufe der „Zeit" zitieren; nur gelten unsere Vorbehalte nicht gleich Salten der zionistischen Idee als solcher, für die wir immer eingetreten sind, sondern der besonderen Art, wie Dr. herzl sie verwirklichen zu können glaubte. Salten sagt: „An der Leiche herzls, der mit solcher Liebe dieser Idee nachhing, möchte eine Polemik gegen seine Ueberzeugungen schlecht angebracht sein. Gb dieser,-Mann das Rechte gewollt,-ob ep seinem Volke genützt, ob er diejenigen, die ihm so freudig Gefolgschaft leisteten, ans Ziel geführt hätte, kommt hier nicht in Frage, heute gilt nur, daß er nützen wollte, un d d aß:, sei n wollen rein, daß es opfermutig und selbstlos gewesen." Soser. Die Situation in der Partei. Von einem Führer der Wiener Zionisten erhält die „Zeit" folgende Darstellung der durch den Tod Herzls geschaffenen Situation innerhalb des Zionismus: Herzl war- bis zu seinem letzten Atemzuge unbestrittener Führer der zionistischen Partei und nicht um die Führerschaft, sondern um ganz spezielle Fragen hatte es sich bei den seltensten und immer geschlichteten Meinungsverschiedenheiten in der Partei gehandelt. Die größte und erregteste Diskussion im Zionismus hat die sogenannte Ostafrika-Frage erweckt. Das Uganda-Projekt war nicht im Schoße des Zionismus entstanden, sonder» von der englischen Regierung angeregt worden. Der Plan, auf -afrikanischem Boden ein jüdisches, vollkommen autonomes Staatsshstem setzen. 1884 wurde ich Dr. juris und trat als unbesoldeter Beamter unter Leitung eines Richters in die Gerichtspraxis ein. Ich fand Verwendung beim Gerichte in Wien und in Salzburg. In Salzburg erschien mir die Arbeit anziehender; die Szenerie um die Stadt ist bekanntlich eine besonders schöne. Mein Amtszimmer war in einem alten Feftungstunn, gerade unter dem Glockenstuhl und täglich tönte mir dreimal das Geläute recht hübsch in die Ohren. Natürlich schrieb ich mehr für das Theater als das Gericht. In Salzburg brachte ich einige der glücklichsten Stunden meines Lebens zu. Ich wäre gern in der schönen Stadt geblieben, aber als Jude wäre ich nie zur Stellung eines Richters befördert worden. Deshalb nahm ich damals von Salzburg und der Rechtsgelehrsamkeit Abschied. wieder bereitete ich dem Rabbi von Budapest großen Aerger; denn anstatt einen wirklichen Beruf oder eine Kunst zu ergreifen, fing ich an zu reisen und für das Theater und Zeitungen zu schreiben, viele meiner Stücke wurden auf verschiedenen Theatern ausgeführt; einige mit vielem Beifall, andere fielen durch. Bis zu diesem Augenblicke kann ich nicht verstehen, warum einige meiner Stücke Beifall fanden, andere verschwanden. Diese Verschiedenheit der Aufnahme meiner Stücke lehrte mich jedoch, es nicht zu beachten, ob das Publikum meine Stücke beklatschte oder auspfiff. Man muß es sich selbst recht machen, alles andere ist gleichgiltig. Ich verwerfe gegenwärtig alle meine Stücke, selbst die, welche noch im im kaiserlichen Burgtheater in Wien Beifall finden, und kümmere mich nicht um sie. Im Jahre 1889 heiratete ich und habe drei Kinder, einen Knaben und zwei Mädchen- Nach meiner Meinung sind meine Kinder weder häßlich noch dumm. Aber natürlich kann ich mich täuschen.

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