Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2432763-2433023-2433050--2474-2436344- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Lrü«twnr n/ö. Leopoldsgaffe 2 a. DetePhonNr. 14723. 8{weAf!lsttfctf!tt a» ,»»«4i«uaom »rvn 4 etd 6 ßSt nachurtltuar! gamfle» 9*nmm, «tte», n s B»schlw»vdmr wegea »erwäteter oder zar rrtSt «fotzt« ßntttflnua eröittm wir an« dringend. - flR«&nte*ttte tveeftan »1H1 -mrüiksefteltt. ^»stktareafira-Lont« «47v«7. An da« Wonnavent kann man tügttüi eintretm. * Meist jedes Mas aft^txtamg #** tt&m MEchmr VEV»- frbfttn v&a&lfctzn ’fitvlmrxmxtit Jfam. ßöMneHrau» öie gtoitcn; A. Dunnrd««. K. Duke», Haafm» Mn * <5>«ßl«, Kvdol? Mofjr. «. üpveltt. M. Pozlo«,!. «. Schale! w Ulen, ferner alle KrlNoneen-Lrpedttionen im AuSlande. Ei»zeLMnsmVer i» Wie» 16 Heller. RdmiEraKon: n/8. Leopol-sgalle La. ' Telephon-Nr. 14723 Ab0K«eWS«tSpre1S r Telephon-Nr. 14723 SS» Wie« ». Oeflerreich'Nngarn lammt Arrncozastellung. «anziLhrt, Salbjährig «ierteljübrig. . Für daS gefammte AuSlanck sammt Francozustellung. «r 13- „ 6- I ».SV emmbbb eaagei Hsman» Kr. 37 Wie«. 1. Juli 1904 (18. Thamu; 8664). VI. Jahrgang. wan rin'urminiiimwiiiiiiriim >~i1»inn mw'iinwiiiiwniiiiiM SÄS» Bukowina. Wenn nicht alles trügt, wird das kleine Buchenländchen in der Geschichte der österreichischen Judenschaft eine wichtige Rolle spielen, nicht so sehr durch die Ereignisse, die sich dort abspielen, als vielmehr durch das Beispiel, das die Judenschast dieses Landes der gesamten Judenschast gibt. . Angrenzend an Galizien und doch so fern von Galizien! Hier wie dort sind die Juden in breiten Massen ansässig und verleugnen nirgends die Zeichen eines besonderen Volkstums; sie könnten es nicht verleugnen, selbst wenn sie es wollten. Und' doch waltet ein großer Unterschied ob.. In Galizien ist der Jude eine besondere Rationalität, bis zu dem Momente, in dem sich eigentlich naturgemäß seine Nationalität offenbaren sollte, bis zn dem Momente, in dem sich die Wählen für die Gemeinde, für das Land oder für den Reichsrat vollziehen!. Dann ändert sich das Bild plötzlich und vor der Urne stehen nur Polen, konservative, liberale oder sozialdemokratische Polen. . Luders in der B u k o w i n a. ' Hier hat zuerst und endlich der B r u ch mit der konventionellen Lüge, die das politische Leben der Juden beherrschte, seinen praktischen Ausdruck geftlnden. Die Lehre der Emanzipation der Juden von der politischen Hörigkeit, die wir seit der Gründung des Blattes propagieren, ist hierzulande allgemein anerkannt. Es ist nicht zum mindesten ' das Verdienst Dr. S trau ch e r s, daß diese Lehren in der Bukowina fruchtbaren Boden finden. Wir haben diese Verhältnisse wiederholt besprochen und sie sind unseren Lesern nicht unbekannt. Aber Dr. Straucher ist glücklicherweise nicht vereinzelt geblieben. Wir haben bereits in der vorigen! Nummer mitgeteilt, daß der Gutsbesitzer Sigmund Weiß glas aus Zastavna in R ä d a u tz aus das Programm der Freisinnigen kandidiert. Diese Bukowinaer Freisinnigen sind nicht mit den Wiener Freisinnigen Ml verwechseln. Als nämlich der Wiener Liberalismus einen zu schlechten Ruf bekommen hatte, ließ er sich, dem Beispiele vieler seiner jüdischen Anhänger folgend, taufen und nahm den Namen „Freisinnige Partei" an. Unter dieser neuen Firma betrieb er ruhig in alter Weise seine alten Geschäfte, bis schließlich auch die neue Firma in Mißkredit kam. Die Bukowinaer Freisinnige Partei aber ist eine junge, a u f st r e b e n b e Partei, die mit dem Wiener Mischmasch nichts gemein hat. Sie umfaßt programmmäßig alle Nationalitäten des Landes, also! die Rumänen, Ruthenen, Deutsche und Juden, indem! sie jeder Nation in nationalen Fragen vollkommene Autonomie gewährt. Dagegen propagiert sie in wirtschaftlichen Fragen und in Fragen des W a h l r e idj| t e s ein einiges! Bor- Feuilleton. Der jüdische Student. Von Otto G l o g a u. Aus ,Und lechzen nach dem Weibe", Verlag von Dr. Leo Wulff, Berlin SW. 12. Ein Judenweib, den Säugling am Arm, Hat an sein Fenster gepocht, Ihn faßt ein schmerzvoller, bitterer Harm, Weil nichts er zu schenken vermocht. Sie schaut' ins Zimmer; es war so klein, Die Wände kahl unb leer: Der Hunger grüßte zum Hunger hinein — Und beide seufzten schwer. Sie sagten nichts und verstanden sich schnell. .... Den Säugling küssend geschwind, Verließ sie, Tränen im Auge, die Schwell': — „Das winkt auch Dir, mein Kind!" ... Unser Leben für den Zaren! Aus dem« Ungarischen des Sipulu s (Victor Rakosi) von Jakob Krausz. Im Kiewer Judenviortel wurden die Gerüchte immer bedrohlicher. Die Menschien eilten gegen Abend hastig nach ihren Wohnungen", auf her Straße spielende Kinder wurden schleunigst zuscnnmengelesen und in die Häuser gejagt; die Tore Md Fensterläden! wutzden sorggehen. Me Freisinnige Partei hat alle Aussichten, in dem neuen Bukowinaer Landtage die Mehrheit zu bilden und der Bojarenklique, die bis jetzt zu ihrem eigenen Nutzen das Land« beherrschte, das Heft aus der Hand zu winden. Es wäre sehr einladend, zu erörtern, wie viel Vorbildliches die Bukowinaer Konstellation für das übrige Oesterreich hat, ob man nicht berechtigt wäre, in politischer Beziehung die Bukowina als Erzieherin hinzustellen und ob es nicht möglich! wäre, auf Grund eines ähnlichen! Programmes den österreichischen' Nationalitätenstreit zu schlichten. Dr. v. Koerber unternimmt im September eine Inspektionsreise nach der Bukowina. Wir empfehlen ihm die politischen Verhältnisse des Landes zum eingehenden Studium, obwohl wir uns nicht verhehlen, daß etliche patentierte Führer der Deutschen und Tschechen dieses Studium viel, aber sehr viel nötiger hätten. Wir begrüßen auch, daß in der Radautzer Wählerversammlung auf Antrag Dr. Vierers jun. eine Resolution beschlossen wurde, in der . eine förmliche Anerkennung der jüdischen Na tionalität von Seiten der Freisinnigen Partei gefordert wurde. Dadurch werden nämlich die jüdischen Kandidaten auf eine schärfere programmatische Basis gestellt und andererseits wird auch der verlogenen un d hämischen Kritik Czernowitzer Assim i l a n t e n b l ä 11 ch e n ein Ende gemacht. Herr Sigmund Weißgl a s ist Obmann des Bukowinaer zionistischen Disiriktskomitees. Er kandidiert nicht in dieser Eigenschaft, aber sichen nicht trotz dieser Eigensch aft. Es ist das eine der vielen Symptome dafür, daß die österreichischen Zionisten sich zu einer aktiven, jüdischen Realpolitik in Oesterreich entschließen. Wir begrüßen die Symptome vom Standpunkte der TendÄrz unseres Blattes aus, zumal wir sie mit der freundlichen Hallimg, die die Partei der praktischen Kolonisation Palästinas entgegenbringt, zusammenhalten. S. Das Wesen des Judentums. I. Kr. So betitelt sich ein Aufsatz in einer der jüngsten Nummern von H a r d e n s „Zukunft" und wenn man die Intentionen des Verfassers, eines gew'sieu Doktor Elias Jacob aus Lemberg in Betracht zieht, so könnte man ihn füglich „©er Untergang des Judentums" betiteln. Seit der Renaissance des Judentums haben sich schon sehr viele berufene, aber leider noch mehr unberufene Männer den Köpf über die Zukunft des Judentums zerbrochen und darüber die Gegenwart unseres Volkes vergessen und! vernachlässigt. fällig geschlossen und als die ersten Schatten der Abenddämmerung sichtbar wurden, war das Judenviertel menschenleer. Es gingen Gerüchte um, daß während des Tages vor den jüdischen- Geschäftshäusern bedrohliche Ansammlungen stattgefunden haben und einige Juden von rohen Bengeln gestoßen rmd geschlagen wurden. Die Juweliere wagten überhaupt mdjt, ihre Geschäftsläden zu öffnen; in einem Schnapsladen soffen Taglöhner den ganzen Tag hindurch, ohne zu zahlen, und wenn der Jude Geld zu verlangen wagte, zertrümmerten sie ihm die Gläser und machten ihn noch obendrein aufmerksam, kein Wort weiter zu reden, weil er sonst erschllagen würde; sie scheinen ihn jetzt auch lediglich deshalb, weil der Befehl des Zaren noch nicht herabgelangt sei, aber jeden Angenblick erwartet wird. .Me waren die Synagogen so gefüllt, nie haben die Juden so viel und so inbrünstig gebetet, als in diesen Zeiten. Eines Tages wurde ein jüdischer Fleischhauer erschlagen unter dem! Vorwände, er habe den Christen strichninhältiges Fleisch verkauft und damit eine Anzahl Menschen vergiftet. ' Ein anderesmal wieder erschien eine Polizeiäbteilung im Judenviertel, ging von Haus zu Hasts, um ein verschwundenes Christenmädchen zü suchen. Bei diesem Anlässe rafften sich die Aeltesten der Judengemeinhe und die. heiligen Rabbiner auf, gingen zum Gouverneur, um ihn um Schutz anzuflohen. Der Gouveweur hörtö finsteren Blickes ihre Klage. „Warum geht ihr nicht fort von hier, wenn ihr euch bedroht ftihlet? , In anderen Ländern geht es euch besser, warum wandert ihr nicht aus?" „Exzellenz! Gnädigster Herr! Das heilige Rußland ist auch unser Vaterland. Seit malten Zeiten leben wir Dr. Elias Jacob hat in seinem Aufsatze eben dadurch den größten Fehler begangen, daß er aus Gmnd einer willkürlich konstruierten' Vergangenheit des Judentums leine Sch!luHfolgerung aus die Zukunft desselben^ zieht und den gewaltigen Zug, welcher das Judentum seit zwei Dezennien bewegt, einfach; totschweigt. . Gewiß l Wäre das Judentum in jener Stagnation verblieben, welche es am Schlüsse des vorigen Jahrhunderts beinahe^ mit dem Untergänge bedrohte und hätte es sich nicht zu einer inneren Sammlung und zu moderner Tätigkeit aufgerafft, wäre in ihm nicht das Bewußtsein eines national denkendm und national fühlenden Volkes! rechtzeitig erwacht: der Tod, den ihm Dr. Elias Jacob heute verkündet, wäre unvermeidlich gewesen.' Dr. Elias Jacob repräsentiert einen sehr gefährlichen Typus des östlichen Judentums. Mit ungeberdigem Geiste sprengt er die Fesseln, welche ihm talmndische Denkweise und talmudische Lebensweise auferlegen. Me Wiedevgeburt der hebräischen Literatur, welche ihm moderne Wissenschaft und moderne Kenntnisse vermittelt, üben auf (ihn einen Einfluß, der gerade entgegengesetzt ift demjenigen, welchen die Vorkämpfer der modernen hebräischen Literatur aus ihn ausüben wollten. Er sagt sich nicht: Das Wische Volk lebt auf, es akkomMert seine Sprache den modernen Begriffen und benützt sie als Vermittlerin zwischen Volk und Fortschritt; er merkt es nicht, daß das- Judentum nach langem Ringen> das Mittel gefunden hat, seinen Platz in der modernen Kulturbewegung einzunehmen und auszufüllen, ohne sich selbst aufzugeben, nein: Dr Elias Jacob rennt, der Tyrannei des mißverstcmdenen Talmud' kaum entsprungen, kopfüber in die .sogMannt?! modexnp ZiPilksation, deren Regungen, er -ebenfalls gründlich ^mißversteht und indem er, um'uns Wnes! Ausdruckes;' M" - .'bediMM,. „untertaucht und verschwindet", macht er im Sprunge noch seinem zurückgebliebnen Volke eine lange Nase.' Wir wissen nicht, ob'Dr. Elias Jacob bereits im Taufbecken untergetaucht und verschwunden ist, wie -er dies dein gesamten Judentum als Radikalkur empfiehlt. Die ganze Art und Weise, wie er das jüdische Zeremoniell behandelt,' der große Haß, der aus ihm gegen seinen angestammten Glauben spricht, läßt auf ein Schäflein schließen, das von klugen Missionärenbereits! ins Trockene gebracht Wierde. Dieser Gedanke könnte uns wohl der Pflicht entheben, dem Jdeengange Dr. Jacobs zu folgen und ihn von- Punkt zu Prmkt zu widerlegen, eingedenk, seines eigenen Axioms, das ier am Anfänge seiner Abhandlung aufgestellt, und welches lautet: „So können wir gegen eine Handlungsweise, die uns mißfällt, m i t V e r n u n f t g r ü n d e n nichts e i n w e n d e n, sofern sie mit klarem Mllen gehier, wir haben daftir Geld' geopfert und unser Blut vergossen .beschütze doch deine allerbescheidensten, alleruntertänigsten Diener. . ." Der Gouverneur sandte eine M-teilrmg Kosaken zur Bewachung des Judenvievtels. Me.se Kosaken warenversoffene,^ unbotmäßige Gesellen, vor denen man Geld und Weiber in Sicherheit bringen mußte. Die angstvollen Tage wurden immer schrecklicher. Me Wohlhabenden verließen die Stadt, die Aermeren hingegen lebten in ewigem Zittern rm>d wagten nicht einmal, chre Wohnung zu verlassen, um in die Arbeit zu gehen, Md fristeten, unterstützt von der Mildtätigkeit der jüdischen Gemeinde, ihre kummervollen Tage. Freitag abends lerklang plötzlich die geborstene^ Glocke der Jsakskirchie. Diese Glockentöne bedeuteten für die Juden stets Gefahr und Verderben. „Der B efehl des Zaren ift an ge kommen!" ging es unter ohrenbetäubendem Gebrülle her Stadtbewohner von Mund zu Munde. Nun tat die Ausrottung der Juden beginnen! Aus den Vorstädten strömte der Pöbel, mit Zlexten bewaffnet, herbei und überflutete die Stadt. Me Geschäftshäuser der Russen waren geschlossen rmd auf. die Türen ein großes Doppelkreuz geklebt. Mo jüdischen Läden wurden erbrochen, die Juden wurden niedergemetzelt. In den wirren Lärm des tdbeuden Volkshausens klang das heisere, abgerissene Läuten der alten Glocke. N u t e, der alte Fleischhauer, wurde vom Sturme ln seiner Fleischbank erreicht. Mt ihtn war sein einziger Sohn E f r a i m, der durch seine einen Stier bezähmiende Kraft betast War. Dem Alten gelang es, die Gittertüre vor der Nase der Angreifer zuzuschlagen, worauf ihm die