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Jüdisches Volksblatt · 1904-06-24 · 26 (24.6.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
26 (24.6.1904)
Date
1904-06-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lrd»ekkm? n/8. Leopoldsga^e 2 a. TelePhouNr. 14723, C>t(4(Nülilll Mn »ou 4 oü 6 Ntzr nachrntNaal ••Mftlatt, mteii, 11 3 »»schßMevdim »«am verspäteter oder ,ar nicht «rfolater SvKrvtma ervittrv »tr «i» drtnerad. ~ •!«««< ertöt» Nicht DNrSck-Eellt. U»ßN»rr>ssev-r«mt« 147017. In dal »Sonnemeut dum «a» tkgNch »intrete«. Grschmt Bell Freitag ««irr MMvtrlmns rnrr vom südiftyrn Volk«, vrrrt» rrvrStzldm KressroMMtrkwn. gnftgßit tbetttttftnn die Firmeng. Danneberg, M. Duke», Haas«» Sei« » Vogler, vudolf «oste. «. Oppeltk, M. Vozioupt, «. Schalet in Kim. serner alle ldwoamt-iixpeditiime« im «ullande. Si«zel-Sr«i»mer i» Wie« I« Heller» RdmtnMrstton: Hf8. Leopoldsgslle 2 a. relePhomR». 14728 Abounemeut-Vrets r Tele-Hon-Nr. 14728 Für filtta k. Oefterreich«U»gar» lammt Franeozustellun^ «an-jährtg HalbMrtg «ierteljädria «r.8.- :fc 90t das gelammte AnSlaad farnntt Francozustellung. SanMrig . Halbjährig . Siecteljährig »r. 10- . 2.50 IIMIIHIIHIIHII Ur. 26 Wien- 24. Inni 1904 (11. Thamn- 5664). VI. Jahrgang» Das jüdische Proletariat «ad der Sozialismus. Keine Tatsache ist eilt so feierlicher Protest gegen die stete Identifizierung - der Begriffe „Jude" und „Kapitalismus" von antisemitischer Seite als der Umstand, daß die Mehrheit der Juden nicht der besitzenden Klasse, sondern der besitzlosen angehört und daß das jüdische Proletariat das unter der wirtschaftlichen Not am empfindlichsten leidende Proletariat der Welt ist. Es ist nun natürlich, daß die Judenproletarier, welche sich gleichmäßig als Angehörige einer bedrängten Nation und bedrängten Klasse fühlen, sich sowohl aus nationaler als auch auf sozialer Basis organisieren. Sowie nun das jüdische Volk am spätesten unter den Nationen zur Betonung seiner Eigenart und zur nationalen ^Organisation schreitet, so ist dies eben auch bei den jüdische:: Proletariern der Fall.. Daraus erwächst sowohl für das jüdische Gesanüvolk, wie speziell für das jüdische Proletariat die Konsequenz, aus den Fehlern der nationalen und sozialen Fraktionen anderer Völker etwas zu lernen und den jüdischen Nationalismus und Sozialismus der spezifischen Eigenart und sozialen Struktur des jüdischen Volkes anzupassen. Die jüdische Moderne, welche eine Renais sa nee unseres Volkes nach jeder Richtung erstrebt, würde ihre geschichtliche Mission vollkommen verfehlen, wenn sie in der Theorie die Assimilation bekämpfen, in der Praxis aber alle rückständigen nationalen und sozialen Schlagw^rter anderer Völker sich zu eigen machen würde. Es wäre dann wahrhaft der Unterschied zwischen assimilatorischer und nationaler Tendenz bei den Juden in: besten Fall nur ein theoretischer, wenn in der Praxis die Auffassung der nationalen Richtung über alle nationalen, wirtschaftlichen und politischen Probleme auf der Verlängerungslinie der assimilatorischen sich befinden würde. Sowie das gesamte jüdische Volk einem von allen chauvinistischen Schlacken geläuterten modernen Nationalismus huldigen und sich allezeit darüber klar sein sollte, daß positive nationale Arbeit in erster Linie, speziell in Westeuropa, sich in w i r t s ch a f t l i ch e r Reformarbeit äußert, so muß anderseits von den jüdischen Proletariern gefordert werden, daß auch der Sozialismus und ihre Tätigkeit auf der Höhe der Zeit stehen und nicht mit r ü ck-st ä n d i g e n Theorien und abgethanen Schlagworten verquickt werde. Will das jüdische Proletariat die ihm gebührende Stellung in der sozialen Bewegung, dann darf es dic? immer stärker hervortretenden r e v i s i o n i st i s ch e n S t r ö m u n g e n im Sozialismus nicht ignorieren und vor allem die Tatsache nicht übersehen, daß gerade die genossenschaftlich-sozialistischen und b o d e n r e fo r m erischeu rc. kurz die antimarxistischen Sozialisten im Gegensätze zu den orthodoxen Marxisten das weitgehendste Verständnis für die Judenfrage bekunden und in keiner Richtung sich der nationalen Betätigung der jüdischen Proletarier hinderlich in den Weg stellen. Eine ansehnliche antimarxistische Literatur, die auf sozialistischem Bode:: fußt, ist der drastischste Beweis dafür, daß der Sozialismus keineswegs mit dem Marxismus identisch ist oder gar mit ihm fällt, sondern wahr ist es vielmehr, wie unser. Mitarbeiter und Gesinnungsgenosse Dr. Paul Weisengrün in seinen Werken zeigt, daß der Marxismus ein Haupthindernis des Sozialismus bildet. Oesterreich und Deutschland, diese politisch und wirtschaftlich rückständigen Staaten sind allein noch Bollwerke des Marxismus; in England, Amerika, Australien re. triumphiert die Bodenreform und der antimarxistischeSozialismus und auch in Fra n kreich steht nur ein Teil der Sozialisten aus marxistischer Basis. Aber selbst in Deutschland wächst die Zahl der Bodenreformer sowie der Revisionisten, wohlgemerkt der Anhänger jenes Revisionismus, der wie Doktor Franz Oppenheimer treffend ausführt, bei „B eruft ein beginnt und keineswegs aufhört". Vertreter dieser Anschauung sind übrigens auch Dr. Paul W ei seng rün und Dr. Alfred No ssig. Deren Werke, sowie die Literatur, die sich an die Namen Henri George, Fl ursch ein:, Adolf Dam a s ch k e, Theodor H e r tz k a und Benedikt- Friedländer knüpft, verdienen gerade von Seite des jüdischen Proletariates eine entsprechende Würdigung, nicht etwa nur weil sie die Vertreter der fortgeschrittenen Richtung des Sozialismus sind, sondern auch entweder selbst Nationaljuden oder Freunde des Nationalj u d e n t u m s sind. . Was aber den Marxismus betrifft, so ist er heute uicht nur in seinen wesentlichen Teilen durch die moderne S o z i a lwis s e n sich a f t widerlegt und schon darum als Basis für die jüdisch-proletarische Bewegung ungeeignet, er kann auch mit Rücksicht auf die soziale Struktur des jüdischen Volkes nicht das Fundament unseres Sozialismus bilden. Unser Proletariat besteht zum geringsten Teile aus : n d u str ie l l e n Arbeitern, es umfaßt einen großer: Teil der jüdischen Gewerbetreibenden. Deren Proletarisierung würde keineswegs die Lage der jüdischen Arbeiter verbessern, sondern durch Vermehrung der arbeitslosen proletarischen Armee sowie durch Herabdrücken der Löhne eher verschlechtern. Daß man aber mit der marxistischen Theorie weder die jüdischen Gewerbetreibenden gewinnen, noch den wirtschaftlichen Antisemitismus der christlichen Gewerbetreibenden überwinden kann, hat bisher die Entwicklung deutlich gezeigt. Im Gegenteil, die marxistische Orthodoxie ist eine Hauptquelle der christlichsozialen Macht. Die jüdischen Gewerbetreibenden stimmen als Juden, nicht als Gewerbetreibende sozialdemokratisch, um mittels des Sozialismus den Antisemitismus zu überwinden. Der Sozialismus marxistischer Observanz ist dies aber nicht imstande. Er vermag in die Hochburg des wirtschaftlichen Antisemitismus, den Gewerbe- und Bauernstand nicht einzudringen, weil er diesen Volksschichten ihre unvermeidliche Proletarisierung verkündet und auf diese Weise zur Stütze der Christlich-Sozialen, Deutschnationalen und übrigen Reaktionären wird. Die marxistische Richtung ist also nicht mehr berufen, auch in Zukunft der sozialistischen Bewegung ihr Gepräge aufzudrücken, weil sie die Arbeiterschaft auf. die Dauer nicht zu befriedigen vermag und den übrigen produzierenden Schichten überhaupt nichts bietet. D i e historische Ausgabe des Marxismus — die Ariti k d e r k apit a listisch en G ese ll sch äf t und die Organisation des.Proletaria t es — i st erfüllt, die positive Arbeit, der soziale Neubau, aber wird nicht im Zeichen des autoritären Staatskommunismus erfolgen. In seinem lesenswerten Buche „Die Bodenreform" meint mit Recht Adolf D a m a f ch k e, der Führer der deutschen Bodenreformer: Die Forderung, Zentralrege l u n g der Produktion und. Konsumption, ist an sich in der Praxis unmöglich, und wenn sie möglich wäre, wäre sie so lange nicht erstrebenswert, als es noch ein anderes Mittel zur Hebung der sozialen Not gäbe. Henri George aber schreibt diesbezüglich: Alles was nach Bevormundung und Zwang schmeckt, ist bedenklich und sollte nicht gewählt werden, als es noch ein anderes Mittel zur Erreichung desselben Zweckes gibt. Diese anderen Mittel sind: Bodenre-r formgenossenschaften und moderne Gewerkschaften. K- Feuilleton. Schwestern. Aus dem Jüdischen des I. L. P e r e z von Jakob K r a u s z. Die Armut schleppt sich ständig vorwärts. Sie hält es nie lange aus auf einem und denselben Orte. Am Tage verweilt sie da, um die Nacht wieder anderwärts zu verbringen. . Und alt ist die Armut wie die Welt! Wollte die Armut die Erlebnisse schildern, welche ihr auf ihrer vieljährigen Wanderung in zerrissenen Philantropenstiefeln begegneten, so könnte sie die wahre Weltgeschichte und eine bessere Erdbeschreibung liefern als diejenigen es sind, welche wir von Menschen besitzen, die von ihren himmelhohen Schlössern, Palästen oder Klöstern auf die Welt herabblicken, oder sie auf Lokomotiven oder Automobilen dahinbrausend beobachten. Die Weltgeschichte der Armut wäre allerdings nicht so schön und so edel gehalten, wie diejenigen, die wir besitzen. Aber die Armut kann überhaupt nicht schreiben; sie hatte keine Zeit das Schreiben zu erlernen und ihre Hände taugen auch garnicht dafür. Ihre schwieligen Hände passen genau so zur Feder, wie ihre mit apfelgroßeu Hühneraugen behafteten Füße zu den geschenkten Stiefeln. Auch hat sie keine Zeit zum Schreiben, nicht einmal zum Erzählen. Entweder arbeitet sie den ganzen Tag. oder sie ist auf der Suche nach Arbeit. Tut sie keines von beiden, so stiert sie iu irgend einem Misthaufen herum, in der Hoffnung einen Schatz zu finden, oder sie wirft sich vor Hunger ermattet hinter einen Zaun und, träumt von den glücklichen Messiaszeiten, wo dir Semmel aufj den Bäumen wachsen werden. Bei Nacht schläft sie wie er» [ schlagen, ober krümmt sich wie eine Schlange vor Hunger und. Schmerz, oder glotzt wie blöd zum Himmel empor, oder sie — gebäri Kinder auf Kosten des lieben Herrgott, der reichen Philantropen, oder gar auf Kosten der Gemeinden.,. ... Diese Rechnung wird allerdings mitunter zuschanden gemacht dadurch, daß sehr viele von diesen Kindern später plötzlich verschwinden und kein Mensch weiß, wohin sie geraten sind. Und diejenigen, die Zurückbleiben, zerstreuen sich nach allen Richtungen der Welt. Schwestern und Brüder hören allmählich auf sich zu kennen, gehen aneinander vorüber wie Fremde, auch nicht das leiseste Lächeln aus ihren Gesichtern verrät, daß sie Geschwister sind, außer sie geraten in ein und dasselbe Spital, in zwei einander gegenüberliegende Betten, wo sie daun zueinander hinüberstöhnen und mitsammen die Widuj. das große Schuldbekenntnis vor dem Tode hei sagen. Zwei solche Armeleutkmder kenne ich, zwei Schwestern. Beide wohnen seit vielen Jahren in Warschau und obgleich sie einander sehr oft begegnen, gehen sie aneinander vorbei wie Wildfremde! Die eine wohnt in einem finstern Viertel der Stadt, auf dem Mokotow, wo sie in einem dumpfen Souterrainlokal mit neun anderen Menschen, die sich in drei Familien teilen, von Nacht zu Nacht nach ein bischen Luft ringt. Die zweite ringt ebenfalls nach ein bischen Luft mit zehn anderen Menschen in einem Dachzimmer unter einem eisernen Dache im schwarzen Gäßchen am andern Ende der Stadt. Die erste ist blond, die andere brünett; aber das tut nichts, sie sind doch Schwestern, Töchter der Armut, beide haben dünne, beinahe durchsichtige Nasenflügel, eingefallene, mit dünnen Häutchen überzogene Gesichter und tiefliegende Augen, und beide sind Weißnäherinnen. Die Blondine verdient in einem Wäschegeschäft zwanzig Kopeken im'Tag, wovon sie essen, trinken, wohnen und sich kleiden soll. Bon neun Uhr morgens bis nenn Uhr abends sitzt sie in der engen Stube mit sechzehn anderen Mädeln und rauft um eisen, dem Fenster näherstehendeu Arbeitsstuhl, um ein bischen Luft! zu schnappen. Die Brünette hat auch keine besonderstarke' Brust und schmachtet mit anderen achtzehn Genossinnen im engen Stübchen auf dem „Mokotow", ebenfalls für zwanzig Kopeke» den Tag, um sich davon zu ernähren und zu kleiden. In dev Saison wird noch ei» Teil der Nacht zur Arbeit verwendet und von diesen „Ueberstunden" haben sich beide Schwestern hübsche Kleidchen und sogar je einen Strohhut kaufen können. Für Schuhe reichte es nicht mehr aus, doch sie wußten Rat: die Strümpfe wurden an den Stellen, wo die Schuhe Löcher aufwiesen, mit Tinte bestrichen. Sie kennen einander nicht und dennoch dienen sie einander wie wahre Schwestern, denn Tag für Tag rennt die Blonde von Mokotow nach den: schwarzen Gäßchen, um für ihre brünette Schwester einen großen Teil des Tages zu arbeiten und dasselbe tut die Brünette täglich in entgegengesetzter Richtung. Beide gehen durch den „Sächsischen Garten". Die Brünette kommt bei der „Krulewska" herein und geht bei der „Niezala" hinaus und die Blonde tut es umgekehrt: sie betritt den Garten bei der „Niezala" und verläßt ihn beider „Krulewska". Mitten im Garten kommen sie zusammen; sie gehen alteinander vorüber und — Schluß! An einem Julimorgen hielten's die Schwestern auf ihren Nachtlagern nicht mehr ans vor Hitze. Sie waren wie in Schweiß gebadet und der Atem schien ihnen ausgehen zn wollen. Beinahe in derselben Sekunde sprangen die beiden Schwestern an beiden Ecken der Stadt aus ihren Betten: die Blonde im Souterrain auf dem Mokotow und die Brünette unter dem Eisendach im schwarzen Gäßchen. Beide wuschen sich in aller Stille, zogen ihre neuen Kleider an, bestrichen noch schnell die Löcher in den Schuhen und Gamaschen mit Tinte, setzten ihr» Hüte ans und befestigten ihn, die Blonde an ihr weiches Seidenhaar und die Brünette an ihr üppiges, schwarze- Geflecht. Jede von ihnen benutzte hiebei ein kleine» Taschenspiegelchen. Und als sie fertig waren, überflog die beide«

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