Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2432763-2433023-2433048--2461-2436329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 17. Juni 1904 Nr. LL den Demnach auf das eifrigste fortgesetzt, obgleich die Detentionsräume tägliH bis zur Fassungskraft gefüllt sind. Der Aufenthalt in den verschiedenen Räumen wird bei der herrschenden Hitze zur furchtbaren Tortur für die armen Gefangenen. Von Ncw-Iork und Umgebung strömen die Verwandten und Freunde der detenierten Ankömmlinge in hellen Scharen herzu und füllen das Jnformationsbureau mit Hunderten bon ängstlich wartenden Menschen, lvährend andere Hunderte von Menschen vor der Barge-Office stehen und um Zulassung auf die Einwanderrmgsinftl warten. Aus den statistischen Tabellen über die Einwanderung in dem ersten Quartal 1904 läßt sich übrigens eine zeitweilige Abnahme der Einwanderung, im Vergleiche mit derselben Periode des Jahres 1903 entnehmen. Zum Morde in Könitz. Aus Könitz, 14. ds. wird uns geschrieben: In der Angelegenheit der Ermordung des Gymnasiasten Winter fanden am 11. d. lange Verhöre der in der letzten Zeit genannten Personen statt, der Frau Roß, der Frau Berg, des Ehemannes der letzteren und mehrerer anderer Personen. Die Familie Berg soll hauptsächlich von dem Arbeiter Masloff belastet werden. Frau Berg soll mit dem Gymnasiasten Winter intimen Verkehr gepflogen und der Ehemann soll ihn im Zorn hierüber getötet haben. Die Beschuldigung lautet auf vorsätzliche Tötung. Die Verhöre dauern vom Morgen bis in den späten Abend. In derselben Sache schwebt gegen einen Redakteur namens Zimmermcmn ein Zeugniszwangsvcrfahren. Zimmermann hatte, bevor diese Vernehmungen stattfanden, eine Anzahl Angaben aus den letzten behördlichen Ermittlungen veröffentlicht und die Staatsanwaltschaft nimmt an, daß ihm diese Angaben nur durch Beamte zugänglich gemacht worden setzt.Wunen. Darüber befragt, von wem er das Material habe, verweigerte er das Zeugnis und er wurde deshalb vorläufig zu einer Geldstrafe von 200 Mark verurteilt. Die Jude» in Rhodus. Aus K o n st a n t i n o p e l toird berichtet: Baron Edmund von Rothschild besuchte anläßlich seiner letzten Seereise auf seiner Jacht „Atmah" die Stadt Rhodus und spendete aus diesestk' Anlässe 15 000 Francs zur Errichtung einer Schule für jüdische Mädchen und versprach, sich auch in Zukunft für die Wohlfahrtseinrichtungen der Gemeinde zu interessieren. Die Pläne für die Schule wurden fertig gestellt und es stellte sich heraus, daß die Erbauung derselben zumindest 25 000 Francs kosten würde. Der Direktor der Schule wendete sich hierauf schriftlich an den Baron und machte ihn mit der Sachlage bekannt. Hierauf erhielt der Direktor/die restlichen 10 000 Francs, wodurch der Bau dieser für die Gemeinde äußerst wichtigen Anstalt nunmehr gesichert erscheint. Im Osten von London soll in allernächster Zeit ein jüdisches Theater gegründet werden. Die Israel. Bevölkerung des Ostens hat freilich bisher schon immer Gelegenheit gehabt, eine jüdische Theatergesellschaft zu sehen, die in verschiedenen Theatern des Ostendes Vorstellungen in der sogenannten Didd/schcn _ Sprache gab. Jetzt wird man aber ein besonderes Theater für diese Zwecke erbauen, zu welchem die reichen Israeliten der englischen Hauptstadt die notwendigen Geldmitrel hergegeben haben. Es soll den Namen „The Orient" bekommen. Die Baukosten sind auf 45 000 Pfd. St. berechnet. In New-Iork gibt es bekanntlich 4 solcher jüdischer Theater und man findet es daher an der Zeit, doch auch die englische Hauptstadt ein solches bekommt. Es sollen 9 Vorstellungen in der Woche gegeben werden. Das Theater wird 2000 Personen Platz bieten und die Eintrittspreise werden von 6 Pence an hinauf gehen. .Der Nanre Shylock, den Shakespeare dem Feinde des Antonio gegeben hat, ist ein außergewöhnlich seltener. In der englischen philologischen.Gesellschaft (5. Februar) suchte ihn Professor Gpllancz zu erklären. Der Kaufmann von Venedig ist eine Wuchererkomödie; zahlreiche Literatur äst vorhanden, welche uns erkennen läßt, was ein richtiger Wucherer— es brauchte kein Jude zu sein — in der Clisabethischen Zeit war. Der-Prozeß des jüdischen Arztes Rodrigo Lopez, der im Juni 1594 ohne genügenden Beweis wegen eines angeblichen. Mordversuches gegen die Königin hingerichtet wurde, veranlatzte Shakespeare, abgesehen von Marlowes „Juden von Malta", den Juden in den Vordergrund seines Stückes treten zu lassen; auch Lopez hatte.einen Christen namens Antonio zum Gegner (s. Sidney Lee, Shakefpeare-Biogr.), Shylock ist das hebräische Sholoch (Shalak), das den Sturzpelikan (englisch corrnorant) bedeutet;.-das .hebräische Stammwort ist „ziehen" (griechisch heißt auch der Vogel Kata'raKes), weil der Vogel in das Wasser stürzt und die Beute herauszieht. Greene spricht 1592 von „Cormorants. or Usurers", Sturzpelikanen oder Wucherern. Und Antonios Fleisch soll ja unter anderem dazu dienen, „Fisch mit zu ködern". Jessica ist die Jscah aus Genesis 11, 29; die Bedeutung des Wortes ist „die-zum Fenster heraüsschaut" (wie der König Abimelich, Genesis 2tz, 8), und Jessica sah ja ausdrücklich zum Fenster hinaus (Kaufmann von Venedig 2, 5). In Tubals Name soll die Erinnerung Ms Kaiw wachgerufen werden; Tubalkain war der Sohn Lamechs. und Shakespeares Tubal war ein Kain, ein teuflischer Geselle. Shakespeare muß gute.Hebraisten zu Ratgebern für seine Namengebung gehabt haben. -H'Jeska kommt auf jüdischen Grabsteinen vorder Vertreibung deöDtideg aus England (1290) vor, ' Weltorganisation des Rechtsschutzes der Juden. In einem englischen Blatte tritt Herr Isidor Harr i.s aus Amerika mit einem Projekte auf, welches jedenfalls das Interesse sämtlicher Juden verdient. Von dem Gesichtspunkte ausgehend, daß es nicht genüge, die verfolgten oder bedrängten Juden nach Amerika oder in andere Staaten zu übersiedeln, sondern auch notwendig sei, die in ihrer Heimat Zurückgeblieuenen rechtlich zu schützen, schlägt er bie Gründung eines Zentralkomitees für den Rechtsschutz sämtlicher Juden vori- Das Zentralkomitee sollte aus den Delegierten folgender äsr^ttz bestehender jüdischer Organisationen bestehen, und zwar der Pariser «Alliance", der Londoner „Agudat Achim", der österreichischen „Allianz", des deutschen ^Hilfsvereins", des amerikanischen „Board'of Delegates", des zionistischen Aktionskomitees und der „Jca". Das Zentralkomitee soll seinen Sitz in einer der größeren Städte.Europas oder Amerikas haben und von Zeit zu Zeit allgemeine Versammlungen einberufen, in welchen die Rechtsschutzmittel zugunsten der verfolgten Juden besprochen werden sollen. Harris ist der Ansicht, daß diese Angelegenheit von den amerikanischen Juden initiiert werden müsse, da sie durch die zahlreiche Einwanderung der Juden nach Amerika an der Frage am meisten interessiert, sind. Ha, welche Lust, Soldat zu sein! Wie nian sich erinnern lvird, war von' Berlin aus angeregt worden, den kritischen Schilderungen aus dem. Militärleben, die in letzter Zeit so stark um sich gegriffen hatten, andere Darstellungen mit entschieden militärfreundlicher Tendenz entgegenzusetzen. Die „Münchener Jugend" fügt nun ihren satirischen Musterbeispielen von solchen Geschichten, die sie schon unlängst veröffentlichte, in ihrer dieswöchentlichen Nummer noch die nachstehende bei: „Heiß brannte die Sonne auf den staubbedeckten Kasernenhof des Kürassier-Regiments „Großer Fritz". Vor seiner im Schmucke ihrer unzähligen Abzeichen blitzenden Eskadron hielt der Rittmeister Graf Adlerhorst. „Einjähriger Kohn," rief er leuchtenden Auges. „Einjähriger Kohn, treten Sie vor! Ein halbes Jahr hat unser schönes, glorreiches Regiment den Vorzug, Sie in seiner Mitte zu sehen. Sie alle wissen, wie sparsam ich mit Belobigungen und Auszeichnungen meiner Leute bin, allein Sie, Einjähriger, haben es verstanden, sich durch peinliche Pflichterfüllung, treuesten Diensteifer, Strammheit und Liebenswürdigkeit in mein Herz zu schleichen, ja der Liebling der ganzen Truppe zu werden. Ich ernenne Sie hiermit zum Gefreiten und hoffe, daß die beiden ihnen verliehenen Knöpfe die erste Stufe auf der Ehrenleiter Ihrer militärischen Karriere bedeuten. Leider haben bisher meist Ihre verehrten Glaubensgenossen es vorgezogen, in anderen Regimentrn ihrere Dienstpflicht zu genügey, in der irrigen Annahme, dort einer noch rascheren Beförderung gewürdigt zu werden. Nun, Sie wissen ja, nirgends steht es geschrieben, daß jüdischen Kameraden die Offizierslaufbahn verschlossen ist, und so erblicke ich heute schon in Ihnen ein wertvolles Mitglied, eine Zierde unseres Kasinos. Lassen Sie mich Ihre Hand drücken," schloß er mit vor Rührung erstickter Stimme, „und euch, Leute, fordere ich auf, mit mir einzustimmen in den Ruf: Der Einjährig-Gefreite Kohn hurra, hurra, hurra!" Antisemitische Moral. Die Agrarier und Antisemiten können sich nicht genug tun in sittlicher Entrüstung über die angebliche Verleugnung von Treu und Glauben an der „verjudeten" Börse. Noch bei der letzten Beratung des Börsengesetzes haben die Wortführer dieser Parteien sich in gehässigster Weise über die „Schwindelmachinationen" der Börse geäußert. Einen interessanten Kommentar zu diesen Verhandlungen liefert das Ergebnis des Prozesses gegen die Geschäftsleitung der Hannoverschen Landesbank, die nach dem Zugeständnis der „Antis. Corresp.", eine ausgesprochen antisemitische Gründung war: „Welche Illustration zu dem deutschen Börsengesetz liefert z. B., so hebt mit Recht in einem Epilog zu diesem Prozeß eine Zuschrift cm den „Hann. Cour," hervor, der Ratschlag, welchen der Direktor Schumann seinen zum Börsenspiel verleiteten Freunden und Künden gegeben hat, indem er ihnen, die sonst von Spekulationen kaum etwas kannten, als sie nicht gleich anbeißen wollten, zuredet, mit dem Hinweis, sie könnten ja nur verdienen, da sie bei eintreterrdem Verluste der Bank gegenüber den Differenzeinwand geltend machen könnten. Dieser jeder Moral hohnsprechenden Manipulationen bediente sich derselbe Herr Schumann^ / der seinerzeit als ein eifriger Kämpfer im antisemitischen Lager für die '„Hann. Post" finanzpolitische Artikel schrieb, in denen mit sittlicher Entrüstung das Börsenspiel, die Orgien der Spekulation und ähnliches gegeißelt wurden. Es ist auch ein eigentümlicher Zufall, daß gerade all die Herren, welche vor etwa zehn Jahren zur Zeit der Hochflut des Antisemitismus in unserer Stadt die lautesten Rufer im Streite waren, daß diese Herren die Hannoversche Landesbank als Paten aus der Taufe gehoben haben! Die Geschichte der Hannoverschen Landesbank hat jedenfalls aufs nepe den Beweis erbracht, daß man allen, welche Politik- und NeligMsfragen als Aushängeschild für ihre Geschäfte benützen^. -nicht "üktzrden Weg trauen soll, da bei letzteren nur die Tüchtigkeit.'und Ehrlichkeit, aber sonst nichts in Frage kommen darf und soll.";,y Der heilige Tempel en miniature. Ein eigenartiges Künstwerk ist gegenwärtig in Lemberg (Hotel Bellevue), wie man uns von dort berichtet, zu sehen. Daselbst hat ein gewisser Leb Schwarz b a ch aus S k a l a einen Miniaturbau des hcrodianischen Tempels ausgestellt. Das Kunstwerk, an dem Schwarzbach neun Jahre laug gearbeitet hat, ist genau nach den t a l m u d i s ch e n Daten über den Tempel konstruiert. Die Ausstellung erfreut sich großen Zuspruchs und allgemeiner Anerkennung. Bon der „Geullah". Die / Gründer des Vereines „Geullah" in Rußland, dessen Zweck es ist, Land in Palästina anzukaufen, haben bereits 140 Landteile im Gesamtwerte von 14 000 Rubel erworben. Im Sinne der Vereinsstatuten wird mit der Kolonisation begonnen werden, sobald tausend Landtcile im Gesamtwerte von 100 000 Rubel erworben sein werden/ Neue EinwanderungsbestimntUttgen in New-Iork. Die ungewöhnlich große Zahl der Einwanderer, welche, weil sie der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fielen/ in jüngster Zeit nach Ellis Island zur weiteren Deportation geschickt wurden', veranlatzte den Einwandevuntzskommissär William W i l l i a m s, einige neue Bestimmllngen über die Einwanderung zu erlassen. Diese beziehen sich hauptsächlich auf die Höhe t Sa r fu mm«, welche der Einwanderer vorweisen mutz, um landen zu können. Im Sinne des im Vorjahre geschaffenen Gesetzes kann jeder, der innerhalb zweier Jahre nach seiner Einwanderung'der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fällt, dem Einwandernngsbureau behufs weiterer Deportation in sein Heimatland überstellt werden. Mister Williams hat nun angeordnet, daß, wenn neu. Ankommende von Ellis Island ans ihre in Nelv-Nork lebenden 'Freunde oder -Verwandten telegraphisch um Veistellung des Minimalfonds ansuchen, die im Telegramm gewünschte Summe zumindest 10 Dollar, in einzelnen Fällen sogar 20 oder 25 Dollar ausmachen müsse. Im Sinne der neuen Bestimmung müssen jetzt sämtliche Einwanderer ihre Freunde oder Verwandten von ihrer Ankunft in Ellis Island telegraphisch verständigen und diese haben den BeWrden gegenüber die Verpflichtung zu übernehmen, daß sie für das Fortkommen der Cingewanderten nach ihrer Ankunft an ihrem Bestimmungsorte sorgen werden. Diese neuen Bestimmungen werden an die verschiedenen europäischen Auswanderungsstationen versendet/ Madrid. Der Ministerrat beschloß die Gründung arabischer Schulen in Centn und Melissa und die Errichtung konfessioneller Schulen für die Marokkaner, Mohammedaner und Israeliten. nichtigen Vorlvänden von der Wählerliste strichen. Die Betroffenen, die sich dessen nicht versahen, merkten den Streich erst, als es zu spät war. Montreal hat eine jüdische Bevölkerung von mindestens 10 000 Seelen. Jaffy. Aufsehen erregt die rumänische Rede unseres Rabbiners Dr. Niemirower anläßlich der Nationalfeier am 10. Mai a. St. In der kurzen Ansprache bei der Schulfeier, als Direktor der Kulturaschulen, deutete er mannhaft mit Geschick auf die Lage der Juden hin. Die Ansprache des Dr. Niemirower, die der „Adevärul" abdruckt, lautete: Bei der Feier des 10. Mai kann uns ein weises Wort des Rabbi Simon als Leitstern dienen. Rabbi Simon pflegte zu sagen: Es gibt drei Kronen, die der Kultur, der Geistlichkeit und des Königtums, bedeutender und erhabener als diese ist die Krone des guten Rufes. Heute feiert die öffentliche Schule, die Krone der Kultur, die Wissenschaft und Literatur und das Unterrichtswescn, welche unter Karl dem Ersten einen großen Aufschwung genommen. Die offizielle Kirche huldigt der Krone der Geistlichkeit, der freien Entfaltung der Religion im modernen Rumänien. Der rumänische Staat dient der Krone des Königtums, die einen großen Erfolg der ruhmreichen Waffentaten auf dem Schlachffelde der Unabhängigkeit bedeutete. Wir Juden aber, die wir gezwungen sind, besondere Schulen zu gründen, anerkannte Gemeinden zu entbehren und auf die direkte Mitarbeit an der Entwicklung der staatlichen Institutionen zu verzichten, können nur die Krone des guten Rufes unseres Königs als Held in Krieg und Frieden und des rumänischen Volkes, in dessen Mitte wir leben, feiern. Für uns hat das Wort Vaterland einen eigentümlichen Zauber. Der Altar, der sich heute in unserem Innern erhebt, soll auch die Opfer in Erinnerung bringen, welche die jüdischen Soldaten auf dem Kampfplätze für die Freiheit des Landes gebracht. Auch wir huldigen der schönen Vergangenheit des rumänischen Volkes und glauben an seine Zukunft, aber an eine Zukunft, in der sich alle Einwohner des Landes ohne Unterschied des Glaubens um die Fahne des Fortschrittes sammeln werden. Nach den Bestimmungen des Propheten Jeremia und nach jüdischer Tradition beten wir aus des Herzens Tiefe für König und Landl Die Epochen der Posener Landesgeschichte benennt sich eine kleine lesenswerte Schrift, welche den Posener Archivrat Herrn Prof. Adolf Warschauer zum Verfasser hat und ihre Entstehung einer Vorlesung verdankt, welche derselbe bei Antritt seiner Lehrtätigkeit an der Königl. Akademie zu Posen am 7. November 1903 gehalten hat. Die im Verlage der historischen Gesellschaft für die Provinz Posen erschienene und aus ihrer Zeitschrift als Sonderabdruck veröffentlichte Arbeit (30 S. 8°) gibt uns in großen Zügen den Schlüssel zum Verständnis der Geschichte dieser Ostmark/ welche ja auch für die Entwicklung der deutschen Juden vün großer Bedeutung geworden ist. Als um die Mitte des 13. Jahrhunderts die Einwanderung des deutschen Bürgerstandes in Groß-Polen eiusetzte, und zwar auf Veranlassung und unter Förderung der polnischen Fürsten, da hatten auch die Juden an diesem großen Kolonisationswerke ihren Anteil. Mit den Deutschen sind sie in großer Menge eingewandert und haben „sich mit ihnen in den neuerbauten Städten niedergelassen. Den Fürsten warensie willkommen, weil sic Geld in das Land brachten und für den Schatz beliebig besteuert werden konnten. Einer der, Fürsten dieser Periode, Boleslaus der Fromme, gab ihnen 1264 ein Privilegium, das ihre gesellschaftlichen und rechtlichen Verhältnisse regelte." (S. 14.) Historisch interessant und der Untersuchung wert ist der auf den ersten Blick widerspruchsvolle Gegensatz, in welchem sich die im Zusammenhänge mit den Deutschen erfolgende Einwanderung der Juden in Polen zu den unter'Einwirkung der' Kreuzzügestattfindenden blutigen Verfolgungen der Juden in Deutschland befindet. Für eine Beantwortung dieser Frage an anderer Stelle wären wir dem Verfasser, in dem wir ja jetzt den besten Kenner der Posener Landes- Geschichte zu betrachten haben, sehr dankbar. Die Gesetze der Geschichte bilden unverrückbare Merksteine auf demWege derEntwicklung eines Volkes. So konstatiert denn auch der Verfasser unserer Schrift als feststehende Tatsache, daß der deutsche Charakter, der im 13. Jahrhundert in Polen einwandernden Juden sich noch 5 Jahrhunderte später „an ihrem Idiom" deutlich erkennen ließ. (S. 15.) Auch diese Frage verdient eine eingehende Dekan'-IIntersuchung. Noch erkennbar ist in dem Dialekte der Juden Polens der Anklang an die Herkunft aus denjenigen Territorien des deutschen Südens und Westens, aus welchen die unfreiwillige Abwanderung -sich im frühen und späten Mittelalter vollzogen hat, so erinnert z. B. die im Deutsch der polnischen Juden breite Aussprache des ch unverkennbar ait allemnnnische und verwandte süddeutsche Dialekte.!vie ja auch die mittelhochdeutsche Sprachforschung in dem unwissenschaftlich so genannten jüdisch-deutschen Jargon eine unerschöpfliche Fundgrube vorfindet, welche umso köstlicher ist, weil wir es hier mit einem noch lebenden Volksstamme zu tun haben, welcher auf fremder Erde die Sprache seiner alten deutschen Heimat unverändert,;a förmlich versteinert mit rührender Pietät bewahrt hat. Im Zusammenhänge mit der Frage nach dem Anteil der Jude» an der Kultur des Landes, in welchem sie Aufnahme gefunden haben, steht die Frage, welche Behandlung sie von den Herren des Landes erfahren. Auch hierauf erhalten wir eine Anttvort, die Juden tragen das Schicksal der anderen Bewohner des Landes, aber die Töne vom Ambos, welche der Hammer des herrschenden Adels erklingen läßt, sind bei ihnen schärfer zu hören. Der polnische Adel erließ um die Mitte des 17. Jahrhunderts unter dem Einflüsse der durch das Sinken der Silberpreise in ganz Europa eiutreuudeu Verteuerung aller Waren das törichte Gesetz, das dem Kaufmann einen Höchstgewinn für seine Waren vorschrieb, dem Einheimischen 7 Prozent, dem Fremden 5 Prozent, dein Juden 3 Prozent. — L'appetit Dient en mangcant. Auf dem Schweizer zionistischen Delegiertentag machte Dr. Pasmanik einige interessante Angaben über neue Aktionen. Er sagte: „Die Expedition nach Ostafrika gehe dieser Tage ab. Aber auch eine Untersuchungskommission für Palästina, welche dort ständigen Wohnsitz nehmen wird, tritt in wenigen Tagen die Reise an. Dieser wissenschaftlichen Kommission wird binnen kurzem eine »Handelskommission" folgen, deren Hauptaufgabe sein wird, die Privatinitiative für Unternehmungen aller Art in Palästina anzuregen und zu unterstützen. Mit dem Landankaufe in Erez Israel ist begonnen worden, und schon im nächsten Jahre soll die erste Ansiedlnng auf Grundlage des von Professor Dr. Franz Oppenheimer vorgeschlagenen Kooperativ-Systems ihren Anfang nehmen." Antisemitische Mönche. „Jewish Commcnt" in Baltimore vom 20. Mni en'hält eine Korrespondenz ans Montreal, die berichtet, daß die ans Frankreich vertriebenen Mönche ihre Agitation in der kanadischen Provinz Ouebhc damit begönne» haben, daß sie durch ihre politischen Werkzeuge 1000 jüdische Namen unter allerlei Attentat gegen Giuseppe Morpurgo. Aus T r i e st wird vom ' 15. gemeldet: Gegen den bekannten und angesehenen Großkaufmann Ginseppe Morpurgo wurde heute mittags im israelitischen Wohltätigkeitsberei» in der Via Torre, dessen Vizepräsident er ist, ein Attentat bollführt. Herr Morpurgo war eben mit einigen gleichfalls dem Vereine angehörenden Herren im Gespräche begriffen, als zlvei Levantiner in den Saal geführt wurden. Einer dieser