Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 25 (17.6.1904)
- Date
- 1904-06-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Reichsrat ist vertagt, der § 14 funktioniert nnd auch die Lösung der Krise ist bis auf weiteres vertagt. Damit können sich die Einlags-Politiker und Journalisten zufrieden geben, nicht aber die wahren Freunde Oesterreichs. Denn, solange nicht an die Heilung der offenen Wunde des Donaureichs, des ewigen Nationalitätenstreites geschritten wird, werden wir immer zum Gespötte des Auslandes dastehen. Mit Befriedigung können wir konstatieren, daß der Ausweg, den wir immer als den einzig möglichen gepriesen haben, die nationale Autonomie, in immer weiteren Kreisen Anklang und Verständnis findet. Es sind zwar bis jetzt noch weiße Raben, aber die sympathischen Stimmen mehren sich, aus verschiedenen Nationen lassen sie sich vernehmen und es sind wahrlich nicht die schlechtesten Köpfe, die für sie eintreten. Die Regierung scheint allerdings keinen Mut zu einer heroischen Kur zu haben; sie versucht es mit Mittelchen. So wui.de der Beamte der Abgeordnetenkanzlei Dr. Nießner auf Studienreisen nach Frankreich, Deutschland nnd England geschickt, um die beste Geschäftsordnung zu finden. Als ob in einem Hause der ungelösten nationalen Gegensätze selbst die allerbeste Geschäftsordnung von einer ins Unrecht sich versetzt fühlenden nationalen Gruppe überhaupt respektiert würde. Die Geschäftsordnung, die es verhindern kann, daß plötzlich dreißig bis vierzig Abgeordnete mit Pfeifen, Trompeten und Trommeln überhaupt jede Verhandlung verhindern, existiert nicht. Es gibt aber ^außerdem eine sehr einflußreiche Nebenregierung, die die österreichische Krise durch überheroische Mittel kurieren möchte, z. B. durch einen kleinen Feldzug im Balkan. Wir brauchen wol nicht hinzuzufiegen, daß wir beide Experimente entschieden verwerfen und nur in der nationalen Selbstverwaltung ein Heilmittel der Krise erblicken. Wir werden aber nicht müde werden, immer wieder zu betonen, daß eine Lösung der Nationalitätenfrage ohne einer gleichzeitigen Lösung der Judenfrage Oesterreichs keine Lösung der Nationalitätenfrage ist. Die Judenfrage ist zu sehr mit der Nationalitätenfrage verquickte Wir brauchen nur an die Stellung der böhmischen und mährischen Juden im Streite zwischen Deutschen und Czechen, an die Stellung der galizischen Juden im Kampfe zwischen Polen und Rutbenen zu erinnern. Wenn es dazu kommen wird, die nationalen Steuern festzustellen, werden beide Parteien sich bemühen, die Juden für sich zu reklamieren; in unserem Interesse wird es liegen, keiner der beiden Parteien zinspfllchtig zu werden und es Feuilleton. „Rheingold". (Hofoper 13. Juni 1904.) Bon Dr. Emil Mense. Wer eines der Musikdramen Wagners mit jener Begeisterung angesehen hat, die sie in jedem rein und unbefangen Empfindenden erwecken müssen, fragt sich staunend, warum dieses glänzende Genie vielfach so widerstrebend anerkannt und gewürdigt wurde. Ich finde die Erklärung in der inneren Verlogenheit der Assimilationsjuden, welche und soweit sie eben die Presse in Händen haben. Für den Juden, der sich und andern einreden will, er sei ein Deutscher,, sind Wagners Musikvramen direkt verletzend und unverständlich. Denn sie wollen in Ton und Wort deutsch sein, nicht weniger und nicht mehr als deutsch. Und sie sind auch tatsächlich so ausschließend deutsch, sie wurzeln so tief in deutschem Werden und Wachsen, in deutschem Wesen und Fühlen, daß die Macht ihrer Schönheit sowohl auf das »international" wie auf das „deutschfein-wollende" Assimilanteujudentum geradezu wie ein betäubender Schlag wirken mußte. Für den Assimilationsjuden bedeuten Wagners Opern eine grausame Amputation des fingierten Deutschtums von wirklichem Deutschtum, eine strenge Scheidung zwischen dem Deutschtum, wie es sich der Assimilant zurechtgelegt und zugestutzt hat, nnd wahrem Deutschtum, kurz der Hinauswurf seiner werten Persönlichkeit. Daher dieses Unbehagen, daher dieses Widerstreben und Wehren. Wer von seinem Volkstum nichts wissen will, hat auch keinen Sinn für Schöpfungen des Volksgeistes. nur wer fest und tief in seinem Volke wurzelt, kann sowohl das Wesen des eigenen Volkes wie die Natur und die Schöpfungen anderer Völker betrachten, prüfen und verstehen. Mit dieser Unbefangenheit betrachtet, bieten Wagner- Opern erst den vollen Genuß. durchzusetzen, daß die Juden nur für die Bestreitung der kulturellen Bedürfnisse der Juden herangezogen werden dürfen, Man sage nicht, wie man es selbst in sonst radikalen Kreisen zu hören bekommt, die nationale Autonomie der Juden sei eine Utopie. Utopie ist eine jede Idee, bevor sie verwirklicht ist. Ob sie verwirklicht wird, hängt, wenn sie überhaupt verwirklicht werden kann, von den Kräften und dem Eifer ihrer Anhänger ab. Die nationale' Autonomie der österreichischen Völker steht nun einmal auf der Tagesordnung und früher oder später muß sie verwirklicht werden. Ob auch die Juden die nationale Autonomie erlangen werden, hängt in erster Linie von den — Juden ab. Wenn sie, nachdem sie glücklich keine Kammerknechte der Fürsten mehr sind, sich weiter in der Rolle der freiwilligenK a mm erknecht e der Völker gefallen, dann ist eben ihnen nicht zu helfen. Die Nationen werden sich gerne den Luxus von Heloten gefallen lassen, die die Pflichten aber nicht die Rechte der übrigen Volksgenossen haben. Wenn aber die große Masse der österreichischen Judenschaft, von der Schönheit und der Notwendigkeit des nationalen Gedankens überwältigt, ihr Recht als Volk fordern wird, so wird man es ihr nicht verweigern können. Diese Worte schicken wir der Besprechung einer Broschüre woraus, die „Der demokratisch-nationale Bundesstaat Oesterreich" von Richard Charmatz betitelt ist. (Neuer Frankfurter Verlag, Frankfurt a. M. 1904.) S. ,. * * * Der Autor ist in der Kerfaffungsgeschichte Oesterreichs offenbar gut bewandert und trittftn'lebhafter, origineller Weise für die Lösung der Krise durch die Durchführung der nationalen Autonomie der Völker ein. Ausfallend ist nur, daß bei seinem Rechenexempel die Juden keinen in Betracht kommenden Faktor bilden, er rechnet sie einfach unter die verschiedenen Völker ein. Die Schuld daran trägt aber, wie aus dem Vorangehenden hervorgeht, nicht der Autor — sondern die Juden selbst. Unsere Pflicht ist es, durchzusetzen, daß man mit uns rechnet. Wir lassen aus der sehr instruktiven Broschüre nun die Einleitung folgen: Rastlos vorwärts drängt die menschliche Erkenntnis nnd in der Politik sollte es kein Umlernen geben? Beim Irrtum zu beharren wäre die höchste Staatskunst, aus den Ereignissen Lehren zu ziehen, Stümperart? Fast scheint es so, wenn man das öffentliche Leben in der Habsburgermonarchie beobachtet. Mer die Verhältnisse werdest durch das Beschönigen nicht besser und ein den: Untergange geweihtes Staatswesen wird durch die wohlklingendsten Lobeslieder nicht vor dem Ende gefeit. Wer könnte es leugnen: Oesterreich-Ungarn ist an einem Wendepunkte in der Geschichte angelangt, die Realunion, der Dualismus, steht vor dem Bankerott. Man sieht bereits die Balken des 1867er Ausgleiches zusammenbrechen und Stück für Stück von der Gemeinsamkeit der beiden Reichshülften abbröckeln. Heute schon stellen Seltsam mutet sodann den jüdischen Zuschauer „Rheingold" an. „Rheingold, reines Gold" singen die Rheintöchter — von reiner Treu, goldner Treu haben sie jedoch kein Lied zu singen: Untreue, List und Gewalt von Anfang bis zu Ende. Freya, die deutsche Göttin der Anmut und Jugend, (von Frau Gutheil-Schoderauf das entzückendste dargestellt) wird von den Göttern den Riesen Fafner und Fasolt für die Erbauung der Walhalla versprochen — doch wie 's zum Zahlen kommt, sollen sich die guten dummen Riesen mit Witzen und schönen Worten abfinden lassen. Alberich wird der Nibelungenschatz mit List und Gewalt entwendet. Aber bei all dem bleiben die Gestalten ideal und hehr, Herrschaft und Ehre, Macht und Ruhm sind die Angelpunkte ihres Tuns und Denkens — denn es gibt einen Sündenbock, der alles Schlechte und Verschlagene, das für die Götter geschehen muß, auf sich nimmt: Loge, der Gott des Feuers und der Lüge. Das ist wohl die interessanteste Gestalt des Dramas, die von Schmedes auch mit einem schauspielerischen Können sondergleichen gegeben wird. Wir Juden wissen ja am besten, was es heißt, alle Schlechtigkeiten der Welt und der Menschen auf sich nehme» zu müssen. Köstlich ist an Loge, mit welcher Philosophie, mit welcher Verachtung des wort- und gestenreichen, aber tatenlosen Edelsinns er seinen schlimmen Ruf erträgt. Diesen Edelsinn hat Heine in seiner Besprechung von Shakespeares „Kaufmann von Venedig" ausgezeichnet charakterisiert, indem er darauf hinweist, wie viele Worte Antonios Freunde aufbringen, um Shylock zu schmähen und wie nicht ein einziger einen Fmger rührt, um Antonio zu befreien und das dazu nötige — Bargeld herbeizuschaffen. So wissen auch die Götter, da die Riesen um Freya kommen, nichts besseres zu tun, als auf Loge zu schimpfen, weil er nicht sofort einen Ausweg aus der Klemme zu finden weiß. Und zum Schluß, nachdem es mit seiner Hilfe gelungen ist, den Nibelungenhort zu heben, und Wotan, der sich darum blutwenig bemüht hat, siegprangend zur Oberwelt zurück- Zis- und Transleithanien zwei getrennte Wirtschaftsgebiete dar, das Zoll- und Handelsbündnis ist gefährdet und auf i>ic Dauer keinesfalls zu halten, in die einheitliche Armee wurde ein Keil getrieben — das Tisza'sche Militärprogramm, während Oesterreich und Ungarn dem Auslande gegenüber ohnedies ein paarmal gesondert aufgetreten sind. Dennoch wird an der Fiktion festgehalten, daß es sich um eine vorübergehende Krise handelt, der mit den gewöhnlichen Künsten der Staatsmänner zu begegnen sei. Holder Wahn! Allein was nützen die schönsten Illusionen, die tagtäglich durch die nackte Wirklichkeit Lügen gestraft werden. Das richtige Verständnis der Tatsachen ist die unerläßliche Vorbedingung des zweckmäßigen Handelns, von der zutreffenden Diagnose hängt auch in der Politik die Wahl der passenden Heilmittel ab. Deshalb drängt die Zeit, endlich einmal die Rosabrille abzulegen und zu sehen, was ist und wie es ist. Die Habsburgermonarchie steuert der Personalunion zu; in nicht allzu ferner Zeit wird für Zis- und Transleithanien die Stunde gekommen sein, der geänderten Sachlage Rechnung zu tragen. Aber die vorauseilenden Schatten künden noch ein zweites großes Ereignis. Die österreichische Frage ist an einem Punkte angelangt, wo eine längere Vertagung unmöglich -erscheint. Der jahrzehntelange Sprachenhader hat die westliche Staatshälfte in ihren Grundfesten erschüttert und mit wachsender Deutlichkeit gezeigt, daß nicht die Eifersucht der Völker, die Sensationslust einiger Radaupolitiker die Ursache des Uebels sei. Die ganze Konstruktion Oesterreichs erweist sich als ein einziger, folgenschwerer Mißgriff, von der Einteilung in die „historischen" Königreiche und Länder, vom Zentralismus der Verwaltung und der Gesetzgebung bis zum Privilegienwahlsystem — wohin man sieht: ein Verstoß gegen alle Vernunft und Lebensbedingungen der Völker. Lächerlich ist es, das Reich durch die Verschärfung der parlamentarischen Geschäftsordnung retten zu wollen, töricht sind all die kleiyen Projekte, weil ihre Verfechter entweder die Tiefe des österreichischen Problems nicht erfassen oder gelegentlich den Vogel Strauß spielen. Nicht General-Landtage, nicht nationale Kurien, nicht Wahlreformen genügen allein, um über den toten Punkt einfür allemal hinaus zu kommen, umfassende, umstürzende Arbeit muß geleistet werden. Oesterreich wird erst erstarken, wenn es die Schmerling'sche Organisation abgeschüttelt, die Februar-Dezember-Verfassung beseitigt haben wird. Wer sich nur einigermaßen auf die Psychologie der Nationen versteht, wird den Uebergang zur nationalen Autonomie für unvermeidlich halten. Alle Zeichen bekräftigen die Erkenntnis : Oesterreichs Zukunft ist der demokratisch-nationale Bundesstaat, der mit Ungarn im Verhältnis der Personalunion lebt. Wir werden uns auf den folgenden Seiten bloß mit der inner-österreichischen Frage befassen und den damit zusammenhängenden Problemen nachspüren. Wie aber soll Zisleithanien zu dem neuen, den Frieden und das Glück seiner Landeskinder begründenden Staatsbau gelangen? Die Nationen liegen einander in den Haaren, die breiten Massen sind an die Wand gedrückt; man hört nur die Stimme der feudalen Mächte und diese erhebt sich gegen jede Neuerung, jeden Fortschritt. Gewiß, es ist. tieftrauria, daß di?, amtliche, österreichische Staatskunst den Karren so sehr verfahren hat, daß er mit normalen Kräften nicht mehr aus dem Sumpf gezogen werden kann. Nicht vorwärts, nicht rückwärts vermag sich dieses Oesterreich zu bewegen, es steckt im Schlamm und kann sich nicht rühren. kehrt, die Götter gegen den Nibelungenschatz Freya und mit ihr ewige Jugend von den Riesen zürückgewonnen haben und in Walhalla einziehen — sitzt Loge abseits und kann darüber Nachdenken, wie er am schönsten verschwinde. Auch das kennen wir: zu allen Zeiten haben wir den edlen Herren dienen müssen, um zum Lohn und Dank einen Fußtritt am Ende zu bekommen. Ja, wenn es gut geht und die Herren bei Laune sind, dann darf Loge wohl mithiyterdreingehen — doch wehe, wenn 's schief geht, dann möchten sie ihn gleich erschlagen und mit Mühe deckt ihn Wotans Speer. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß Wagner, dem die Rolle des Judentums in der Geschichte der Zeiten und Völker so viel zu denken gab und der seiner unfreundlichen Gesinnung gegenüber dem Judentum in verschiedenen Schriften Ausdruck gegeben hat, bei der Gestaltung von Loges Rolle das Judentum vorschwebte, und es ist erstaunlich, wie sich der Dichter selbst in die Gefühls- und Denkweise dieser Gestalt so tief einzuleben weiß, daß er ihr — wie Shakespeare seinem Shylock — die treffendsten Argumente für die eigene Handlungsweise in den Mund zu legen weiß. „Immer ist Undank Loges Lohn!" Immer ist Undank des Juden Lohn, wenn er fremdem Volkstum sein eigenes hinopfert: möchten wir diese Lehre, die uns vernehmlich aus Kunst und Leben ertönt, doch endlich beherzigen! Brief eines jüdischen Soldaten vom Schlachtselde. Port-Arthur, 7. März 1904. Ich teile Dir mit, daß ich vor 4 Monaten assentiert und bald darauf in die Kriegsarmee gesteckt wurde. Jetzt befinde ich mich in Port-Arthur- 800 Mann wurden von uns sozusagen direkt von der Assentierung weg nach Jelisabetgrad transportiert. Bon Jelisabetgraid trieb mcmuns nach Sebastopol, hier blieben tviv