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Jüdisches Volksblatt · 1904-06-10 · 24 (10.6.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Siva« 5664). ■ ——————————— ——irVi “~ni1 t "rrrrminniirrr1 niirrmi'imri in.iiiinniiinnmrmnan.imiiiiiihiii VI. Jahrgang. Herr Hon Tatistcheff aus Reise«. Die russische Regierung empfindet es schmerzlich, daß das gebildete Ausland so ziemlich einmütig! in der Verurteilung der russischen Zustände ist. Für die verantwortlichen Leiter Rußlands ist es beschämend, daß sich ein so junger Kulturstaat, wie I a p a n, viel weitgehenderer Sympathien 'erfreut, als das „heilige" Rußland, Man sucht nach Gründen, und^ Gründe sind bekanntlich fo billig ivie Brombeeren. So führt ein Anonymus in einer der letzten Nmnmern der „Nowoje Wremja" aus, daß die Russen, die ins Ausland reisen, sich viel mehr mit dem Besuche von Cafes chantants und ähnlicher Vergnügungsorte befassen, als mit dem Studium gemeinnütziger und wissenschaftlicher Institutionen. „Der Fremde kennt uns nicht und wir kennen die Fremden nicht; daher kommt die Isolierung, in der sich Rußland befindet," sagt die „Nowoje Wremja". Wir wollen nicht die Richtigkeit dieser Slttenschilderung eines nationalrussischen Blattes bestreiten. Wer wie kann denn die „Nowoje Wremja" verlangen, daß Rußland im Auslande bekannt sei, wenn die jetzige Regierung bemüht ist, das Zarenreich mit einer chinesischen Mauer zu umgeben. Und sie hat schließlich Recht, denn Rußland befindet sich in einem solchen Zustande der Verwahrlosung, daß es nur eine patriotische Pflicht ist, sie nicht vor dem Auslande zu präsentieren. Das geben allerdings die jetzigen Machthaber nicht zu, und was der rollende Rubel nicht bewirkt, das soll die Reise des Herrn von T a t i st ch e f f, eines speziellen Vertrauensmannes des Ministers v. Plchwe, bewirken. Herr von Tatistcheff ist der Leiter des offiziellen Preßbureaus, das sagt alles. Es ist Wohl überflüssig hinzuzufügen, daß er em enragierter Panslavist und Antisemit ist. HM von Tatistcheff befindet sich derzeit in Berlin und eine gefügige Korrespondenz beeilt sich, seine Anschauungen, die er gern m den Mpfen anderer wissen möchte, zu verbreiten. Uns interessiert vor allem, was Herr von Tatistcheff über die Judenfrage sagt: ", <"• v siut> die ganz unzutreffenden Darstellungen, die über die Haltung meiner Negierung den Juden unseres Landes gegenüber geflissentlich in Umlauf gesetzt werden. Herr b. Plchwe ivird als fanatischer Verfolger der-Juden ausgeschrien. Wie Unrecht tut inan ihm I Und wie wenig trägt inan den Interessen der russischen Juden Rechnung, indem man es tut! Seit Dezennien hat kein russischer Staatsmann sich mit solchem Erfolge wie er bemüht, die Lage dieser Juden zu bessern! Stellen Sie die Verhältnisse, unter denen er sein Amt angctreten hat, zusammen mit dem, was seither durch ihn geschehen ist. Herr v. Plehwe war der Nachfolger des von einem Terroristen ermordeten Herrn b. Schrpjagin. Seine nächste Aufgabe bildete die Unterdrückung der sozialrebolutionären Bestrebungen. Die Erhebungen, die er veranlagte, taten unwiderleglich dar, dag überall in Rußland mindestens 60 Prozent der notorischen Sozialrevolutionäre verschiedener Schattierung Juden waren- In den 16 Gouvernements, in deren Städten sich Juden nach Belieben niederlassen dürfen, steigerte sich dieser Satz auf 75 Prozent. Das Resultat war gewiß nicht geeignet, Wohlwollen hervorzurufen. Dennoch verschloß sich der Minister der Erkenntnis nicht, daß diese Terroristen, Sozialdemokraten, Anarchisten oder wie sie sonst im speziellen Fall firmierten, zum mindesten mit dem gläubigen Judentum so gut wie nichts mehr zu schaffen hatten. Er sah, daß es sich durch die Bank nur um junge Leute handelte, die trotz jüdischer Herkunft mit dem Judentum ebensowenig mehr identifiziert werden konnten wie mit dem von ihm so intensiv gehaßten Staat. . Und das machte ihm diejenigen sympathisch, die nach wie vor zu ihrem Glauben halten..- So begann er mit einer Reihe von Reformen zugunsten der Juden. Zunächst wurden die Bestimmungen aufgehoben, die als Folge früherer von Juden inszenierter Unruhen — auch in den ihnen zum Aufenthalt freigegebenen Departements der Westgrenze — ihnen jeden Grunderwerb untersagten. Dieses lang erbetene Zugeständnis ist von der nicht russischen Presse ziemlich unisono totgeschwiegen worden. Zweitens gab Herr von Plehwe Anweisung, daß gegen solche jüdische Familien, die Angehörige in der Front vor dem Feinde haben, die gesetzlichen Aufenthaltsbeschränkungen keine Anwendung finden sollten- Die Kunde von diesem Akt ist im Gegensatz zur ersten ins Ausland gedrungen. Nicht beachtet wurde wieder die Erfüllung eines weiteren, sehr angelegentlichen Wunsches der Juden. Bisher dursten ihre im westlichen Grenzgebiet ansässigen Glaubensgenossen offiziell sich nur außerhalb einer Zone von 30 Werst ansiedeln. Ließen sie sich innerhalb dieser 30 Werst unter Umgehung des Gesetzes, wie es vielfach geschah, nieder, so waren sie dort im Grunde rechtlos. Das hat ihnen das Leben sehr schwer gemacht, und auch diese Bestimmung hat Herr v. Plehwe aufgehoben! Eine neue sehr erhebliche Reform werden die nächsten Wochen bringen. Bisher durften Juden auch in den mehrfach erwähnten sechzehn Departements sich nur in den. Städten niederlassen, während das flache Land ihnen unzugänglich war. Aitch diese Beschränkung wird kassiert! Nein, Herrn v. Plehwe liegt nichts ferner, als die Juden zu hassen und zu verfolgen. Er ist Intransigent, was die Ahndung sozialrevolutionärer Bestrebungen. anlangt,., eine an sich antisemitische Politik ist ganz und gar nicht seine Sache. Die auswärtigen Zeitungen, die Herrn v. Plehwe anfeinden, handeln den Interessen der russischen Juden direkt zuwider! Schädigen diese, schon weil sie der Möglichkeit der Unterstellung Raum schaffen, daß er unter dem von der Presse des Auslandes ausgeübten Druck handle, wenn er reformierend eingrcift!" Frage: „Wenn dem so ist, warum hat Herr v. Plehwe die Ausschreitungen von Kischenew nicht verhindert?" Antwort: „Die Ausschreitungen waren die Folge der radikalantisemitischen Stimmung, die in ganz Südrußland herrscht. Daß bei ihrer Unterdrückung lässig zu Werke gegangen worden ist, war Schuld des etwas bequemen und wenig umsichtigen Gouverneurs. Der Schuldige Ivurde abgesetzt und aus dem Dienst entlassen -— was, notabene, im Ausland ebenfalls lange nicht genug gewürdigt worden ist. Die Maßregelung hat abschreckend gewirkt; unsere Gouverneure sind jetzt höllisch aus dem Posten. Es ist wiederholt vorgekommen, daß sich in anderen Gouvernements Ansätze zu einem zweiten Kischeneiv zeigten. Aber die Gefahr ist stets beseitigt worden, ohne daß Blut floß! Uebrigens werden Unruhen recht häufig geradezu provoziert durch von den erwähnten jungen jüdischen Sozialrevolutionären veranlatzte Straßenkundgebungen. So durchzogen kürzlich in Homel, Departement Mohilew, Gesellen dieses Schlages mit einer roten Fahne unter Hochrufen auf Japan die Stadt. Es hat große Mühe gekostet, bei dieser Gelegenheit Gewalttätigkeiten zu verhüten." Unsere Kritik der Tatistcheff'scheu Phantasien kann ziemlich kurz sein. Herr von Plehwe, dem man so bitter Unrecht tut, wenn man ihn als Antisemiten darstellt! Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Im übrigen ist die ganze Darstellung nach dem bekarmten Plehwe'schen Rezept gemacht: „Die Juden nämlich einerseits als die unartigen und entarteten Kinder darzustellen, die nur die Zuchtrute verdienen, und Herrn Plehwe andererseits als den guten Vater zu preisen, der selbst solche unartige Kinder und verlorene Söhne in sein Herz geschlossen hat." Man treibt die Juden durch drakonische Ausnahmsgesetze und gelegentliche Metzeleien der Revolution in die Arme und ruft dann empört aus, ob man solchen Revolutionären Rechte gewähren solle? Was nun die Reformen zugunsten der Juden betrifft, so, ist die erste, das Recht, Grund und Boden zu erwerben innerhalb der Westgrenze, von der nichtrussischen Presse nicht totgeschwiegen worden. DasGegenteil ist eine Lüge. Die nichtrussische Messe ergänzte nur diese Nachricht dahin, daß zugleich mit der Aufhebung dieses Verbotes Herr v. Plehwe ein neues Verbot aufstellte; er verbot, nämlich den privilegierten Juden den Erwerb von Grundbesitz außerhalb des An-. siedlungsrayons, der bis zu seiner glorreichen Amtstätigkeit gestattet war. W?as den zweiten Punkt betrifft, die Eröffnung der Grenz-Zone,. so liegt nach übereinstimmenden Nachrichten diesbezüglich, erst ein Antrag Plehwes, durchaus nicht ein Beschluß! des Reichsrates vor und wir haben aus guten Gründen den Verdacht ausgesprochen, daß Plehwe dafür gesorgt habe, daß sein nicht ernst gemeinter Antrag begraben werde. Im übrigen erstreckt sich die verbotene Zone nicht aus dreißig, sondern auf fünfzig Werst. Was den dritten Punkt betrifft, daß Juden in Zukunft auf dem flachen Lande wohnen dürfen, so wären wir Tatistcheff sehr verbunden, wenn er ausdrücklich erklärte, ob die Juden dort nur wohnen dürfen, oder auch das Recht haben werden, Grund zu erwerben. Schließlich wenden wir uns zu dem Punkte: Kischenew. Herr von Plehwe hat das deutliche Empfinden, daß er diesen Schandfleck seiner Tätigkeit nicht abwaschen kann. Er sollte aber lieber über diesen Punkt schweigen, als mit solchen lendenlahmen Entschuldigungen kommen. So lange sein Protektionskind K r u s ch e w a n ungestört in den Hetzblättern Feuilleton. IahrM-Kicht. Wie ist die Sitte schön, wenn wiederkchrt der Tag, Da uns im Todeskampf ein treues Herz erlag, Daß eine Kerze wir mit frommem Sinn entzünden, Dem Toten unfern Gruß in einer Flamme künden. Die Flaimnenzunge spricht: „Ich denke feurig dein! * Weil du erloschen bist, geb' ich auf Erden Schein. Du bist im Lichte ganz und schwach nur ist mein Leben, Drum siehst duzitternd mich zum Himmel beben." Es spricht die Flamme auch: „Ich bin verklärter Geists Ein Finger, der dir ein Herz voll Wehmut weis't, Ein Herz, das dein gedenkt, das sinnig mich enflammte, llnd das als Priester dient beim heil'gen Totenamte. Ludwig A u g u st F r a n k l. Geadelte Kauflente. Bei Erwähnung der Rothschild prophezeit Heinrich H e i n e in einer seiner Schriften — nicht ohne eine gewisse, ziöinlich nnverhüllte Schadenfreude: der alte feudale Grnndadel werde bald ans der Welt schwinden, von dein neuen, Geldadel absorbiert, verdrängt Iverden. Seitdem ist ein halbes Jahrhundert ins Land gegangen und die Weissagung hat sich nicht erfüllt. Allerdings ist nicht zu bestreiten, daß von Jahr zu Jahr die Zahl der Adeligen zunimmt, die sich, infolge der veränderten Lebensbedingungen, nicht mehr auf derjenigen sozialen Stufe zu halten vermögen, die der Adel bei uns nach Neberlieferung und Grundsatz einnimmt. Man kann in diesem Sinne sogar ohne Ilebertreibnng behaupten, daß es ein stetig anwachsendes adeliges Proletariat gibt. Aber auf der anderen Seite ergibt sich dem Beobachter gerade ein dem von Heine vorausgesagten entgegengesetztes Resultat: nicht der Geldadel absorbiert den Grnndadel, sondern vielmehr dieser jenen. Vielleicht einzig von der Familie Rothschild abgesehen, zeigt sich überall die gleiche Erscheinung, daß aus einer ursprünglich dem Geldadel angchörenden Familie in wenigen Generationen, oft nach ewer einzigen, eine grundadelige wird, daß sie in dem alten Grnndadel anfgeht. Mit anderen, anschaulicheren Worten: im Jahre 1861 wird ein Geheimer Kommerzienrat, Bankier oder Fabrikant, geadelt. Seine heute lebenden Nachkommen, Kinder und Enkel, haben längst das Geschäft, welches den Wohlstand und das gesellschaftliche Fortkommen ihres Stmnmbaters begründet, veräußert, sich, Landbesitz gekauft, vielleicht. ein Majorat gestiftet, sind Landräte, Offiziere, mit altadeligen Familien verwandt, verschwägert, und würden sehr erstaunte, vielleicht beleidigte Gesichter machen, wenn man ihnen Vorschläge, einen ihrer Jungen zum kaufmännischen Berufe zu erziehen. Sie sind — um diese bequemen Nnterscheidungswörter beiznbehalten — nicht mehr geldadelig, sie sind grundadelig geworden. Ein Blick in die Rangliste und das Hof- und Staatshaudbuch Preußens, dieses altkonservativen Landes, bestätigt diese Wahrnehmung. Wer weiß heute noch, daß die Wiege der Löbbecke, Nathusins, Loesch, Wallenberg, Magnus, Kramsta, Lieres und Wilkau, Bethmann-Hollweg nsw. usw., wenn nicht gerade in einem Kontor, so doch sehr nahe dabei stand? Wie die preußischen Könige mit der Erteilung von Adelsdiplomen überhaupt, im Vergleiche zu anderen Herrschern, sparsam gewesen sind, so ist die Zahl der von ihnen nobilitierten Kaufleute eine außerordentlich geringe. Entsprechend der Entwicklung des durch die Kraft seines Schwertes groß gewordenen preußischen, Staates sind die weitaus meisten Standeserhöhungen verdienten Offizieren zuteil geworden. Der mächtige Aufschwung, den die deutsche Industrie in den letzten drei Jahrzehnten genommen hat, macht sich nun aber auch in dieser Hinsicht geltend. Als vor bald dreißig Jahren der Chef des Hauses Bleichrödcr geadelt wurde, erregte dies in einem Teile der Berliner Gesellschaft ungeheures Aufsehen. Man sprach, der Religion des Nobilitierten wegen, von einem unerhörten Novum und vergaß, daß Friedrich Wilhelm der Dritte schon 1810 den Bankier Ferdinand Moriz Levy D t l m a r zum Freiyern gemacht hatte, daß auch die von Friedrich Wilhelm dem Vierten mit dem „von" bedachte, später baronisierte Fainilie Magnus ursprünglich gleichen Glaubens gewesen war. Jetzt zählt die deutsche Reichshanptstadt schon eine Reihe großer Bankfirmen, deren Häupter berechtigt sind, ihrem Namen die bedeutsamen drei Buchstaben vorzusetzen, wie die Krause, Hansemann, Siemens, Mendelssohn, Hardt und die Könige der deutschen Industrie, die Stumm und Hehl, können wenigstens eine siebenperlige Krone führen. Daß Krupp den ihm wiederholt angebotenen Freiherrntitel abgelehnt hat, ist bekannt. Neben Berlin kounnt Hmnbnrg als der Sitz einer kleinen, aber niächtigen Finanzaristokratie in Betracht; dort sind die Barone Mutzenbecher, Ohlendorfs, die Herren von Donner, Berenberg-Goßler, Schmidt-Pauli usw. Dagegen fehlt im allgemeinen dem deutschen Geldadel der internationale Charakter, der ihm in anderen Ländern anhaftet und in dem Heine frohlockend den Todeskeim des ihm verhaßten, an der Scholle klebenden Feudaladels erblickte. Die Rothschilds sind, seitdem sie ihr Frankfurter Haus mlflösten, in Preußen nicht mehr durch Familienmitglieder vertreten. Man sagt, auch bei ihnen kieße allnrählich, in der jetzt Heranwachsenden Generation, das Interesse an dem Berufe nach, in dem sie eine Weltinacht geworden sind. Schon ist ein Rothschild in Paris als Arzt tätig, andere führen das behaglichere Leber» millionenreicher Rentiers. Ob für dieses Erlahmen ihrer Sparinkraft und das — wenigstens behauptete — Schwindel: ihrer finanziellen Tatkraft und Begabung nicht auch eine Erklärung in dem Nur stände zu suchen ist, daß sie jetzt bald hundert Jahre lang immer untereinander Verwandtenehen geschlossen haben, mag dahingestellt bleiben. In den Fällen, in tvelchen Töchter des Hauses Rothschild ausnahmsweise nicht die Frauen ihrer Vettern oder Oheime geworden sind, haben auch sie Verbindungen mit Mitgliedern feudaladeliger Geschlechter geschlossen« .Sie sind

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