Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 3. Juni 1904 Nr. 23 i / Soldaten. Was den Religionsunterricht in den Erziehung§- und Bildungsanstalten betrifft, so wird derselbe selbstverständlich von den Seelsorgern der betreffenden Konfessionen erteilt. Bezüglich der Einteilung der Militär-Seelsorger in den Militärbezirken, sind die in diesen Bezirken bestehenden Konfessionen und sonstigen Dienstverhälnisie maßgebend. — Die jüdische Religion scheint für den Kriegsminister garnicht oder nur dann zu existieren, wenn es sich darum handelt, die Inden bei der Beförderung zu — übergehen. Bei der Verteilung der Mehrerfordernisie des Heeres werden die Inden gewiß nicht unberücksichtigt bleiben, und es ist unbegreiflich, warum die Juden, die ja ein bedeutendes Kontingent im Heere bilden, gerade auf diesem wichtigsten Gebiete wie Luft behandelt werden. Ausland. Delegiertentag der zionistischen Bereinigung für Dentschland. Am Pfingstcn traten in den schönen, festlich dekorierten Sälen des „Konventaartcu" in Haindurg 100 Delegierte ans allen Teilen Deutschlands zusammen, um über die zionistische Bewegung in Deutschland zu beraten. Montag eröffnen der Vorsitzende des Zentralkomitees, Herr Rechtsanwalt Dr. Max Bodenhcimer-Köln, den Delegiertentag mit einer Eröffnungsrede, in der er folgendes ansführte: Ist der Zionismus (ntrij noch nicht so groß, wie wir wünschet', so haben wir doch in der: wenigen Jahren 00 Ortsgruppen geschaffen und 57 Vertrauensmänner vertreten unsere Interessen in kleineren Orten. 0000 deutsche Juden sind zu unseren Fahnen geeilt, die in dem Zionismus das Rettungswerk aus der politischen, sozialen und ethischen Judenno. erblicken. Zwar gibt es noch anders Rcttungswerke, die bestrebt sind, die Not zu lindern, aber wir unterscheiden uns vor dicseu dadurch, daß wir durch das garize Volk für das ganze Volk arbeiten, daß wir die Juden in einem Zentrum vereinigen, während die anderen sie zerstreuen wollen. Bei der dann erfolgten Bureauwahl wurden Dr. Bodenheimer-Köln, Dr. Franck-Altona, Dr. M. Knufmann-Freiburg zu Vorsitzenden gewählt. Das erste Referat hält Herr Professor Dr. Otto Warburg-Berlin über „Unsere Aufgaben in Palästina und Syrien". Die Baron Hirsch'sche Idee, in Argentinien im Laufe eines Jahrzehntes 1 Million Juden a.nzusiedeln, konnte nicht in Erfüllung gehen, weil Argentinieii noch nicht genügend entwickelt ist. Was wir also erstreberi müssen, ist anfangs nicht die Grotzkolorr i s a t i o n, sondern die Schuelltolonisation. Uns erwachsen folgende Pflichten: die eigene Kolonisation zu unterstützen, durch Versuchsanstellungen, neue Gesellschaften zu gründen, die die Produktionsbedingungen der Laudw'rtschaft verbessern und neue Gebiete dem Handel und der Industrie zu erschließen. Also kein Geld für Kolonisation, sondern Hilfe für Ueberwindung von Schwierigkeiten, die anfangs in Hülle und Fülle auftauchen. Genossenschaften zur Produktion, Verkaufsgeiivssenschaften, Genossenschaften für Maschinen. alle auf solider Basis gegründet, müssen geschaffen werden. Die Landwirtschaft wird voraussichtlich der wichtigste Faktor in Palästina bleiben und daher muß es auch unser Ziel sein, diese zu I heben, daneben hat der Boden noch andere wertvolle Schätze, die! ausgebeutet werden können, g. B. Phosphate, Kalisalze, die schon! heute sehr geschätzten Asphaliablagerungen aus dem Noten Meere, Schwefel- und wahrscheinlich auch reiche Petroleumlager. Auch sonstige Industrien, wie Ziegeleien, Brennereien, Glasfabriken usw. können ohne große SchwH^i^keit' m Betrieb gesetzt werden. Ebenso muß dem Handel, der jeD^rmstiin geführt wird/durch Verbessening der Transportwege, Einrichtung der Schiffahrt aufgeholfen werden. Organisationen sind zu diesem Zwecke zu schaffen, die imstand» sind, den Ausbau zu erleichtern und die jüdische Kolonialbank soll das ihrige durch Diskontierung von Wechseln, durch Arrondierung und Parzellierung von Ländereien hm, um neue Kolonisten dem menschenarmen Lande zuzuführen. Auch die Wissenschaft ist imstande, durch Erforschung des Landes die Basis der wirtschaftlichen Entwicklung abzugcben. Die neugegriindete Zeitschrift „Palästina", herausgegebcn von der zionistischen Palästinakommission, soll zum Sprachrohr aller derer werden, die sich mit der Entwicklung Palästinas beschäftigen. Wichtig ist auch die Landaufnähme, damit wir wissen, was in den einzelnen Orten am besten angebaut wird. Die Pälästinakommission hat sich ferner mit der Auswandernngsfrage zu beschäftigen und den Emigranten das notwendige Material an die .Hand zu geben. Land soll durch den von Jahr zu Jahr wachsenden jüdischen Nationalfonds gekauft werden, das im Besitz des jüdischen Volkes bleibt. Das brachliegende und schwer zu verpacknende Land kann nach Ansicht des Referenten mit Oelbäumen bepflanzt werden, die von deilen gekauft werden, die Interesse an Palästina nehmen. Cs ist zu hoffen, daß jeder Jude einen Oelbaum in Palästina hat und der wohlhabende sich jedes Jahr einen neuen pflanzen läßt. Nicht nur für die zionistische Bewegung ist der Oelbaum von Bedeutung, sondern später können mit dem Ertrage der,Oelbäume gemeinnützige Anstalten errichtet werden. © SSor kurzer Zeir haben die Zionisten das Recht erworben, für eine Versuchsstation und ein Versuchsdorf Land zu kaufen, und in nächster Zeit Wird in Hamburg eine Handelsgesellschaft ins Leben treten, die in Verbindung mit der russischen Gesellschaft „Geulla" die Ausbeutung PaläIinas in die Hand nehmen wird. Also Vorbereitungen sind genügend getroffen und wenn es auch in nächster Zeit langsam gehen wird, so dürfen wir nicht verzweifeln. Ein anderes Projekt, das zwar nicht für den Zionismus, aber zur Linderung der Judennot in Betracht kommt, ist Nordsyrien, das nach verschiedenen Nichtungeri hin zukunftsreich und wichtig ist. Tie syrische Bahn soll das Land der Kultur eröffnen, aber bei der dünnen Bevölkerung ist es unmöglich, dst Bahn rentabel zu gestalten. Die Bahngeseltsckmft verlangte daher Garantien. Die türkische Regierung bewilligte diese gern, aber im allgemeinen baut man darauf nicht allzuviel und nach Ansicht des Referenten ist es ein leichtes für die Jca und die großen jüdischen Bankiers, helfend einzugreifen. Es kommt hinzu, daß der Boden außerordentlich günstig für Banmwollenbau ist; durch die Baumwollennot gezwungen, die schlimmer wird, je mehr Amerika von seiner Baumwolle selbst braucht, suchen die Kulturstaateu in ihren Kolonien Banmwollenplantagen anzulegen, doch bis jetzt ohne Erfolg, auch sind die Aussichten nicht zukunftsreich, da die Neger im allgemeinen schlechte Arbeiter sind. Es ist daher die beste Gelegenheit vorhanden, in Syrien den Anbau zu beginnen, der sehr günstige Resultate verspricht. Gelingt es die Bahngesellschaft, die türkische Regierung und die jüdischen Bankiers zusammenßubringeu, dann eröffnet ftch ein Feld ersprießlicher Tätigkeit zur Linderung der Judennot. Wir sind Schwärmer, so schließt Professor Marburg unter lebhaftem Beifall seine Ausführungen, aber ohne Schwärmerei wird nichts neues erreicht. Gelingt eo uns, dem alten jüdischen Volk ein jugendliches Feuer zu geben, gelingt es uns, dem älteste,, Kulturvolk der Welt ein Heimatland zu geben, dann wollen wir — Schwärmer gewesen sein. Allgemeine Fragen der Propaganda behandelte Herr Assessor Dr. Gronemann-Hannover; er stellte folgende Leitsätze auf: Bei der Propagierung des Zionismus ist die Darlegung des historischen Werdeganges unserer Bewegung und die nachdrückliche Betonung der nationalen Grundlagen unserer Idee unerläßlich. Es ist ferner ausdrücklich festzusteüen, daß der Zionismus nicht für einen Bruchteil, sondern für die Gesamtheit der Juden arbeitet. Der Schekel darf von denjenigen Juden angenommen tverden, welche sowohl die öffentlich-rechtliche Sicherung der Heimstätte, wie deren Errichtung in Palästina als wesentliche Bestandteile des Programms anerkcnucil und auch über die nationale Grundlage des Zionismus unterrichtet sind, lieber diese beiden Thesen fand eine lebhafte Debatte statt, in der namentlich die unbedingte Betonung des nationalen Moments als unerläßlich für unsere Agiation bezeichnet rvurde. Die erste These wird einstimmig angenommen. Die Situation in Rumänien, schlechte Ernte. Das neue Gesetz, betreffend die Organisierung der Landgemeinden, das bereits bam 14. Mai in Kraft getreten ist, ist endlich veröffentlicht worden. Es hat für die Jude» keine Erleichterung, sondern im Gegenteil nur eine weitere Erschwerung ihrer so wie so schon keineswegs beneidenswerten Lage gebracht. Der auf die Inden — in rumänischer Amtssprache — Fremden — bezügliche Paragraph lautet: „Jeder Einwohner gehört einer Gemeinde au und muß zu deren Lasten beisteuern. Der Fremde (lies: Jude), der sich in einer Gemeinde niederlassen will, muß die Bewilligung der Gemeinderates erlangen. Eine solche Bewilligung kann nur dann gewährt werden, wenn der Fremde durch ein Zeugnis der Behörde des Orts, den er verlaffen, Nachweisen kann, daß er sich gut betragen hat; daß er, falls er volljährig ist, dem Rekrutierungsgesetze entsprochen habe; daß er nicht wegen Verbrechen oder Delikte vorbestraft ist und daß er ein Handwerk ausüben kann oder ein Kapital von 1000 Francs besitzt. Die Bewilligung des Gemeinderats kann nicht in Kraft treten, ehe sie vom Präfekten bestätigt worden ist/ Diese Bestimmung öffnet eine Fülle von Chikanen die Türe und wird die Folge haben, daß die auf dem Lande wohnenden 50.000 Juden, unter denen nur 3511 selbständige Handwerker sind, znm größten Teile — was ja auch von der rumänischen Regierung bezweckt wird — zur Auswanderung gezwungen werden; die für Nichthandwerker geforderten 1000 Francs Vermögen haben diese Armen nicht, unter ihren Brüdern in den Städten herrscht bereits eine solche Armut, daß eine Existenz auch noch für sie in den Städten unmöglich ist. — Rumänien hat heuer ferner eine sehr schlechte Ernte, die beinahe noch schlechter ist als die im Kriseujahre. Dies wirkt ungünstig auf die Lage der Juden, nicht nur indirekt, weil die Kaufkraft des Publikums geschwächt wird, sondern auch direkt, weil eine große Anzahl von Juden Gutspächter sind. Der Jude hat in Rumänien ohnedies keine Auswahl von Berufen, ist doch die ganze rumänische Gesetzgedung darauf zugeschnitten, daß den Juden jede Erwerbsmöglichkeit geraubt wird. Land dürfen sie nicht erwerben, wohl aber pachten. Diese kleinen' Pächter werden durch die schlechte Ernte massenhaft au den Bettelstab gebracht. Daß Daniele Manin, der Befreier Venedigs, dessen hundert-! sten Geburtsrag seine dautbare Vaterstadt am 13. Mai begangen hat. jüdischer Abkunft gcwenn. ist bekannt; aber erst jetzt hat man! entdeckt, welches der Name seiner Voreltern war, ehe sie zum! Christentum übertraten. Herr Rabbiner Luzzatto tu Venedig berichtet darüber wie folgt: „Im Register des venezianischen Prioratsj der Katechumciicn findet sich verzeichnet, daß der 24jährige Samuel Medina und die 20jährige Moravia Medina Allegra am 3. April 1750 getauft wurden und den Zunamen Mamn angenommen : haben. Jni Jahre 1770 ward ihnen ein Sohn Peter geboren, der; Vater Dcmieles. Somit hatten nicht, wie es bisher allgemein hieß, die Eltern, sondern die Großeltern Manins den jüdischen. Glauben abgelegt. Ich rnvcbte r-och hinzufügen, daß Samuel Medina den Namen Manin aniialun. weil der Bruder des letzte» Dogen gleichen Namens sein Taufpate gewesen ist." Am 22. Mai 1875 wurde Daniele M. jenes prächrige Denkmal enthüllt, das die Bewunderung eines jeden Besuchers der Lagunenstadt erregt. Jerusalem. Hier iff bit langersehnte Lehrerbildungsanstalt, welche der Hilfsverein der deutschen Juden errichtet hat, am 5. Mai eröffnet worden. Bon einer feierlichen Eröffnung hat man mit Recht Abstand genommen. In der Präparandenklaffe sind 10 Schüler, darunter 5 aus Jerusalem und 5 aus den Kolonien. In der 3. Seminarklasse sind 8 Schüler, die sämtlich aus Jerusalem stammen. Die erste und zweite Seminarklasse sind noch nicht eingerichtet und werden erst im nächsten, resp. im nächstnächsten Jahre mit denjenigen Schülern besetzt werden, welche die dritte Seminarklaffe mit Erfolg absolvieren. Auf diese Weise wird für eine gleichmäßige Ausbildung der Lehrer am besten vorgesorgt. Das Seminar hat für Palästina und für den Orient überhaupt sehr wichtige Aufgabe» zu erfüllen und seine -Eröffnung ist von. der hiesigen Bevölkerung sehr sympatisch begrüßt worden. Die Königssalbung in der Bibel. Jnr „Archiv für Religionswissenschaft", das unter Mitwirkung, hervorragender Fachmänner von Albrecht Dieterich und Thomas Achelis herausgcgeben wird, findet sich ein interessanter Aufsatz von Julius Wcllhausen über die Königssalbung bei den Hebräern. Die erste Salbung ist die des Sanl durch Samuel, die dadurch geschieht, daß der Prophet spricht: „Jehova hat dich zum Fürsten über sein Erbe gesalbt." Gleiches tut der Jünger des Propheten Elisa mit dem König Jehu. Salomo wurde nicht dilrch einen Propheten, sondern durch einen Priester gesalbt, der das dazu nötige Oel aus dem Heiligen Zelt entnahm. Jedenfalls wird also die Salbung durch einen Manu Gottes vollzogen, um anzudeuten, daß Jehova selbst dem König die Weihe zur Herrschaft über das Volk verleiht. In diesem Zusammenhang fordert auch der Prophet Samuel vom König Gehorsam. Später wurde mit der Salbung mancherlei Unfug getrieben, denn der Prophet Hosea klagt: „Sie machen Könige nicht von meinen Gnaden, und Fürsten, ohne mich zu fragen: aber ich will dem ein Ende machen, so daß sie ein wenig aufhöreu, Könige und Fürsten zu salben." Diese Stelle weist darauf hin, daß auch die revolutionären Könige, die beim Verfall des Königreichs in großer Zahl cknd raschen, Wechsel auf- und nntertanchten, sich stets salben ließen, und zwar nicht mehr ausschließlich durch Propheten oder Priester, sondern durch das Volk selbst, d. h. solche Leute, die sich zu dessen Vertretern aufwarfeii. Die Verrichtung der eigentlichen Salbung mit Oel ist nicht die älteste Form der Königsweihe und das in der Bibel gebrauchte hebräische Wort heißt auch nicht eigentlich salben, sondern in der Urbedeutung mit bestreichen oder mit der Hand streichen, ist also ganz unabhängig von der Verwendung des Oels. Bei den arabische» Königen besteht-die feierliche Handlung überhaupt nicht in einer Salbung, sondern nur in einer Verpflichtung durch Handschlag. Es ist'beachtenswert, daß sich darin die arabische Auffassung von der Huldigung gegen den König als eine Art von Handel eriveist, indem Recht und Pflicht gegenseitig bleiben. Wahrscheinlich übten die Hebräer die Königsweihe ursprünglich auch derart ans, daß sie ihrem erwählten Haupt nur mit der Hatid über den Arm strichen nich benmitlich taten das alle, die ziir Huldigung kamen. Das Streichen mit der Haild hatte un- I ztveifelhaft eine tiefere Bedeutung, indem nach der Auffaffung dev | alten Welt durch körperliche Berührung ein geistiges Fluidum übertragen wurde. Uebrigens. erklärt auf Grund dieser Auffassung Wellhansen auch die Entstehung des Kusses als eine besondere Berührung. Alich in der Bibel wird das Küssen zu einem Akt der Huldigung des Niederen gegen den Höheren und auch Samuel küßt den Saul nach der Salbung. Aehnliche Bräuche finden sich bei den Persern und Arabern. Die Hinzunahme des Oels bei der Königssalbung ist schwer zu erklären. Ueber den Ursprung der eigentlichen Königssalbung mit Oel wird vielleicht die Egyptologie eine Aufklärung liefern. Die größte jüdische Bibliothek der Welt. Die „Alliance Jsraelite" geht eben daran in einem besonderen Trakte der orientalischen Lehranstalt in A u t e u i l eine große Bibliothek einzurichten, welche bis jetzt schon mehr als 30.000 Publikationen in den verschiedenen Sprachen in Judaicis umfaßt. Der Grund zu dieser Bibliothek wurde vom Baron. L. M. Rothschild gelegt, der ihr im Laufe dex Jahre wiederholt größere Spenden zuführte. Nun werden dieser Sammlung auch die berühmten reichhaltigen Bibliotheken von S. Sachs, Maurice Bloch, Bernard, Lazare und der französischen Gesellschaft für das Studium des Judentums einverleibt werden, wodurch diese Bibliothek die größte Sammlung jüdischer Büch-r wird. Jüdisch-arabische Literatur. Auf dem geographischen Kongreß in Tunis hielt Herr Bassel einen sehr lehrreichen Vortrag über die „Geographie und Ethnographie von Tunis". Die Orientalisten wissen nicht, heißt es in dem Vortrage, daß die Juden von Tunis di e ganze populäre Literatur, Journale, Geschichtswerke, Roman «v G.sänge und Klagelieder in arabisch-jüdischer Sprache d. h. in einem arabischen Jargon, gedruckt mit hebräischen Lettern besitzen. Die Juden von Tunis hatten bereus ihre intellektuellen Vorgänger. Die beiden Talmud-Ausgaben weisen auf rabbinische Autoritäten . in Karthago im drittrir Jahrhunderte hi». Im 8.—10. Jahrhunderte find die jüdischen A e r z t e von Kaironan weltberühmt. Die Rabbincr derselben Stadt sind noch im elften Jahrhundert berühn h Hierauf wird das geistige Leben während vier Jahrhunderte durch Verfolgungen und Maffakres erstickt. Im XVI. Jahrhundert macht sich eine Renaissance bemerkbar. Vom Jah,e 1759 bis 1886 erscheinen ungefähr 100 Werke von Tuniser Rabbinern in hebräischer Sprache; eine dieser Arbeiten wurde im Jahre 1768 in Tunis selbst veröffentlicht. Das erste Buch in arabisch-jüdischem Jargon ist das Zivil- und, Strafgesetzbuch des KönigreicheSTunis,welches in Tunis von drei Amateuren in Druck gelegt wurde. Etwasspäter schrieb ein gewisser Sarpati, der häufig in die maurischen Cafes kam, die Erzählungen, die er daselbst gehört^ nieder. Bald stellte er einige Kopisten an und errichtete eine Art Manusfkriptenhandlung, durch welche der Geschmack fürprofane Literatur verbreitet w«rde. Im Jahre 1869 ln ß. Elie G n e d j die erste populäre L i t rgeschichte drucken. Im Jahre 1880 erscheint das er^le Aürnal, welchenv bald ein zweites folgte. Diese beiden hielten sich jedoch nichtlange. Das dritte Journal „El Mobacher" wurde im Jahre 1884 gegründet und vom Rabbiner Farhi redigiert. Tie Zensur ließ später alle drei verschwinden, und als dann diese Vorsichtsmaßregeln aufgehoben wurden, erstanden die arabisch-jüdischen Journale, welche noch heute — vier air. der Zahl — bestehen. Der eigentliche Begründer der populären Literatur ist Farhi. Neben der Redaktion seiner Zeitung, veröffentlichte er einen Band kleiner Erzählungen, zwei große arabische Romane und einen Tuniser Roman unter dem Titel „Zin El T ema n". Seine Nachfolger waren Simah Levy,. Jakob Cohen und Rabbiner F l a h. Heute gibt es ungefähr fünfzehn solche populäre Schriftsteller, unter ihnen auch der gelehrte Haim U z a n. Die veröffentlichten Bände und Brvschüren bilden bereits eine stattliche Bibliothek. Die Arbeiten weisen nicht mehr die Mängel des Kindesalters auf, man begegnet auch der feinen Satyre und es wurden auch mehrere französische Werke übersetzt. Die Juden in Algier besitzen wohl auch eine populäre Literatur, doch ist diese ziemlich arm und unbedeutend. Die wirtschaftliche Bedeutung der Judensrage m Rumänien. ir. Die Juden! bilden nicht mm* dein kleinen' Knnifma.msstand, der im Schweiße seineA Angesichts und im Kampfe gegen vielerlei widrige Umstände das Brot für sich und die Seinen erwirbt — sie spielen auch unter den Großhändlern eine ehrenvolle Rolle. Mir liegt der lctzüe Bericht der Jassy er Handelskammer vor. Der Wirknngskrei sderselben umfaßt die Bezirke Jassy, Nennitz, Roman und Vaslni, die stark von jüdischer Bevölkerung durchsetzt sind. Wir erfuhren aus km Bericht, daß der für Rumänien so wichtige Gctwidchandel in diesen Bezirken, die ganz hervorragend an dev Getreideprodnktion veleillgt sind, soweit die Produzenten nicht mit den Brailaer Exporteuren (zürn Teil auch Juden) abschließen, von 26 ausschließlich jüdischen Firmen betrieben wird. Die Zahl der Kansleniüe im allgemeinen brtrng in den Hauptstädten dieser Bezirke 2609, wovon 2244 fremde (znm allergrößten Teil Inden) und 206 Rmnänen. Aber ebenso wie sie immer mehr ans den Handwerken verdrängt werden!, ist auch ihre Zahl im Handel weit davon entfernt, in gleichem Maße wie die der Rmnänen zu wachsen. <210 ist die Zahl der rumänischen Patent- (Gelverbestenev-) Zahler im ganzen Lande von 68 291 im Jahre 1887 ans 08 802 im Jahre 1901 gestiegen, während die Zahl der jüdischen Patentzahler von 18 230 ün Jahre 1887 ans nur 20 616 irn Jahve 1901 gestiegen ist, wobei sich in den letzten vier Jahren ein augenscheinlicher Rückgang bemerkbar macht.