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Jüdisches Volksblatt · 1904-06-03 · 23 (3.6.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
23 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Sivan 5664), VI. Jahrgang. Wandlungen. Es ist das Schicksal aller richtigen Anschauungen, daß sie nur sehr schwer und nur allmählich zum Durchbruche gelangen. Darum darf man sich nicht wundern, daß die Auffassung, nur eine nativ nal-autonomistische Revision der Reichsverfassmig sei imstande, die staatsrechtlich-nationalen Wirren im Donaureiche zu beenden, vorläufig bloß von einer kleinen Minorität in den verschiedenen Körperschaften der Monarchie vertreten wird. Unser gesamtes öffentliches Leben ist eben noch sehr rückständig, da die bestehenden Parteien sich von den notorischen Traditionen der Vergangenheit noch zu wenig emanzipiert haben, um den geänderten Verhältnissen der Gegenwart und den Aufgaben der Zukunft gerecht zu werden. Die Verhältnisse haben sich nun einmal in Europa seit 40 Jahren gründlich geändert. Die Parteien und Regierungen der Monarchie aber wollen immer noch nicht .den Forderungen der neuen Zeit Rechnung tragen,trotzdem sie der Notstand des Reiches und Volkes immer mehr drängt. * Die Ministerien wollen noch immer warten, bis die nationalen Parteien, gezwungen durch die wirtschaftliche Not sich die Hand zur Verständigung reichen, die Herren Volksvertreter aber fürchten für ihre Popularität tespekiive bäte, wenn sie sich von den chauvinistischen Tendenzen und Herrschaftsutvpien lossagen. ,Da aber diese Lossagung nicht wahrscheinlich ist, so bleibt eben kein anderer Ausweg, als daß die Regierung s e l b st eventuell durch Antrag einer Verfassung im Sinne der nationalen Autonomie Ordnung in Oesterreich schaffe. Die allgemeine europäische Lage, sowie die Klemme, in der sich die einzelnen Parteien befinden, begünstigen eine energische Regierungsaktion. Rußland ist für geraume Zeit hinaus durch die Niederlagen im russisch-japanischen Kriege lahmgelegt und kann panslawistischen Tendenzen in Oesterreich derzeit keinen Vorschub leisten, Deutschland anderseits ist jetzt vollständig nach außen isoliert, auf das Bündnis mit Oesterreich angewiesen und allen alldeutschen Treibereien daher abgeneigt, ^vobei überdies noch zu berücksichtigen ist, daß die beiden st ä r k st e n Parteien des deutschen Reichstages, das katholische Zentrum und die Sozialdemokratie, keineswegs als Stützen des prote st antischen Preußen- Deutschland unter der Herrschaft der Hohenzollern gelten können. Feuilleton. Der Pariser Salon 1904. (Jüdische Künstler in der französischen Küttstlergesellschaft.) Die Ausstellung, ber französischen Künstlergesellschaft übt auf den Besucher einen peinlichen Eindruck. Angesichts der Tatsgche, daß die Ausstellung so reichhaltig an bedeutungslosen Kunsiobjekten ist, drängt sich einem unwillkürlich die Frage auf, welchen Nutzen soll diese Ausstellung wohl bringen? Befindet sich aber auch kein einziges Werk in der Ausstellung, welches das Mittelmaß an Kunstfertigkeit überschreiten würde, wurde die Ausstellung auch mit keinem einzigen epochemachenden Kunstwerke beschickt, welches geeignet wäre, ein hervorragendes Datum in der Kunstgeschichte zu bilden, so wird man doch hie und da durch ein interessantes Bild, oder durch eine von Fleiß zeugende Studie über die niederdrückende Banalität, welche die meisten der dem Urteile des Publikums vorgelegten Stücks auszeichnet, getröstet. Aber es bleibt immerhin unverständlich, wie überzeugte Künstler soviel Herzensfreude, große, mitunter lobenswerte Konzeptionen auf die Nachahmung aus der Mode gekommener Vorgänger opfern konnten ...? Dies ist auch der Fall bei Herrn De sch, dessen »Abizag stellt sich dem König David vor" (Saal I) in der Ausführung kalt, ohne Leben ist. Dieser Körper mit seinem lieblichen Rot ist noch gut konstruiert und auch die Haltung entbehrt nicht der Natürlichkeit, aber wie düster ist die Dekoration der Szene gehalten und wie mangelhaft die Figur des alten Königs David, der vor der bezaubernden, seiner Seuilität bestimmten Nacktheit, sich halb von seinem Lager erhebt! Somit müssen alle Hoffnungen, welche panslawistische oder pangermanische Wortführer auf Petersburg und Berlin setzen, sich als trügerisch erweisen und die großen Volks Massen aller Nationalitäten einer nationalen Verständigung gefügig machen, umsomehr, als auch jede weitere Obstruktion sich als zwecklos erweist. Speziell die tschechischen Abgeordneten müssen fick) sagen, daß wenn trotz der Obstruktion die Regierungsvorlagen und zwar mittels §14 ins Leben treten, ihre Obstruktion somit nur der Reaktion dient und in letzter Linie einem absolutistischen Regime die Wege ebnet, ihre Taktik eine ganz verfehlte ist und die tschechische Politik daher einer Revision unterzogen werden müsse. Wenn anderseits die deutsch-bürgerlichen Wortführer mit den alldeutschen chauvinistisch-nationalen Utopien brechen und sich die Anschauungen der nationalen Autonomie, welchen Abg. C h i a r i und in den letzten Tagen Abg. Dr. B a e r n r e i t e r in der österreichischen Delegation in Budapest Ausdruck gab, zueigen machen, dann wäre die nationale Verständigung von Volk zu Volk näher gerückt. Speziell die national fühlenden Juden Oesterreichs stehen der Auffassung Dr. Baernreiters, die Abgrenzung der Nationalitäten müsse nach Volksgenossen und nicht auf territorialer Basis erfolgen, umso sympathischer gegenüber, weil sie durch eine solche Abgrenzung ihre eigene nationale Individualität am besten gesichert glauben und anderseits darin das einzige Mittel zur Herstellung des r.LLdnalW^GLiedens in Oesterreich erblicken. Aber auch die T s ch e ch e n. die selbst in Wien über eine ansehnliche nationale Minorität verfügen, werden früher oder später zur Erkenntnis gelangen, daß die nationale Autonomie auch in ihrem Interesse liege und daher vom tschechischen Standpunkte auch begehrt werden müsse, wie sie derzeit bereits von anderen slavischen Stämmen, den Ruthenen Galiziens, den Slowenen in Steiermark und dem Küstenlande, den Slowaken in Nordungarn und den Serben in Südungarn immer von neuem gefordert wird. Die Juden, welche für sich die freie, unbehinderte Erhaltung ihres Volkstums begehren, gönnen dies auch allen anderen Völkern und haben schon darum ein Interesse, daß die nationalen Streitigkeiten in Oesterreich endlich aufhören, weil sie als eine zerstreute Minorität national und sozial unter dem Nationalitätenhader überall leiden. Wie oft hat man z. B. behauptet, daß es unter den Italienern keinen Antisemitismus gebe. Nun kann man aber deutlich sehen, wie in T r i e st in der letzten Im selben Saale verdient das Bild „Schnee-Effekt" von Masse Beachtung, auf welchem der gerötete Himmel die winterliche Landschaft mit dem Kirchturm vollauf zur Geltung kommen läßt. Die „Anatomiestunde" von Jonas (Saal II) nennt sich ein „Dokument". Die Figur des erklärenden Professors, die verschiedenartige Haltung der Hörer, die ganze, der offiziellen Malerei eigenartige Steifheit wurde in Anwendung gebracht. Die „Kriegerin" von Henri Leopold Lövy (Saal III) ist wohl frei von solchen Steifheiten, aber wie resigniert schaut dieses junge, als Kürassier ä la Gustave Moreau gekleidete Weib drein! Lavy hat eine besondere Neigung für die Häufung von Edelsteinen und Juwelen, für jene fantastische Type, welche die Erinnerung an den Maler der Salome wachruft, an jenen Künstler, dessen zanbervoller Pinsel die Mythen mit unvergleichlicher Großartigkeit interpretierte. Im vierten Saale lenkt ein Bild des Leeomte-du- N o u y die Aufmerksamkeik auf sich, dessen Vorwurf aus einem Satze des Bu ches Esth er geholt ist: »DennMordechai, der Jude, war der Zweite nach dem Könige.." In einer ärmlichen Stube sitzt Mordechai und studiert bei der Flamme eines Lämpchens die heiligen Bücher. Die Töne der Farben zeigen eine Bituosität, welche an die holländische Schule gemahnen. Die „Z a ub e rer in" von demselben Autor gehört zu den besten Aktstücken des Salons. Trotz der Bemerkungen von gewisser Seite, kann in diesem Jahre von einem Schwelgen in Nacktheiten, über deren deplazierte Ungehörigkeiten man sich sonst beklagt hat, nicht die Rede sein. Neben A. Lalyre, der die Ambition hat, durch seine mächtige Darstellung des Fleisches und des in Liebe umschlungenen Körpers den Ruhm eines Rubens zu erringen, Zeit bei den Italienern nicht nur der Chauvinismus sondern auch der Antisemitismus an Boden gegewinnt. Die assimilatoris chen Juden, welche bisher der Jrridenta und dem italienischen Chauvinismus auch gegen berechtigte slowenischen Forderungen Vorschub leisteten, haben durch ihre Politik nun nicht nur einem slowenischen, sondern auch einem italienischen Antisemitismus den Weg geebnet, der speziell in Triest sich bereits jetzt anläßlich der bevorstehenden Stadtratswahlen empfindlich bemerkbar macht. Aber nicht nur für die deutschen, slawischen und magyarischen Politiker, sondern auch für die jüdischen und wahrlich nicht in letzter Linie ist Umkehr und Einkehr notwendig. Die politischen Jndengemeinden in Mähren. Von Josef Meist. Die politischen Judengemeinden sind eine Spezialität Mährens, die in der Geschichte der Judenheit einzig dasteht. Geht man das Ortsrepertorium Mährens durch, so fällt einem auf, daß neben einer Anzahl von Städten und Märkten gleichnamige Judengemeinden, die im Repertorium meist als Stadtteile bezeichnet werden,- als selbstständige politische Gemeinden angeführt werden. So zum Beispiel besteht neben der Stadt N i k o l s b u r g noch die Judengemeinde Nikolsburg oder neben dem Marktfleken Schaffa die Judengemeinde Schaffa. Die Tatsache des Bestandes solchev-ipolitifchen Ge^ meinden hätte bei einer nur einigermaßen nennenswerten öffentlichen Betätigung die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenken und den jüdischen Bewohnern dieser Gemeinden die Bedeutung einer solchen Institution zum Bewußtsein bringen müssen. Indes hat die zartfühlende Bescheidenheit unserer Gemeindeleiter die politischen Gemeinden zu „Veilchen, die still und bescheiden im Verborgenen blühen"^ degradiert. Einen geradezu beschämenden Beleg für das Interesse, das von maßgebender Seite jüdischen Fragen im allgemeinen und den hier berührten im besonderen entgegengebracht wird, bildet die Tatsache, daß die allerdingssehr dürftige Literatur über den vorliegenden Gegenstand, sowie über die Geschichte der Juden in Mähren überhaupt, fast nur von Nichtjuden herrührt 1 Die Institution einer neben der Christengemeinde bestehenden politischen Judengemeinde mit besonderen politischen Rechten dürfte nicht bloß als ein lokales Kuriosum, sondern als interessanter Beitrag zur Geschichte der Juden im allgemeinen von Interesse sein. In den bleiben andere Maler der in der französischen Künstlergesellschaft konventionellen Anatomie treu, während einige Wenige, wie z. B. Jean-Paul Laurens sich verdienstvoll bemühen, ihre Themata im industriellen Leben unserer Zeit zu suchen und zu finden. Die Perspektive der schwarzen Stadt, welche die „Bergleute" (Saal VII) darstellen, der Haufe Arbeiter, die ihre unterirdische Arbeitsstelle verlassen, um ihrem bescheidenen Familienheim zuzustreben, bilden sicherlich noch kein vollkommenes Werk, aber man muß einem Mitglieds des Institutes auch für diesen Anlauf in die moderne Richtung Dank wissen. Der Modernismus, und zwar der Modernismus im Leben der Niedrigen ist die Note, welche von Julius Adler bevorzugt wird. Seine „SchiffSz ieher" sind mit jener Kraft der Züge und mit jener Steigerung der Farbentöne gezeichnet, welche das große Talent Adlers ausmachen. Er betrachtet das Leben nicht wie ein Märchendichter, der dem Leben die angenehme Seite abzugewinnen versteht, sondern er will und versteht das Leben in seiner Arbeitsnotwendigkeit zum Ausdruck zu bringen. Michel L ö v y, ist im Gegensätze zu Adler der optimistische Maler. Seine „Bouquineurs" (Schartekenjäger) stellen einen Winkel der Quais von Paris dar, die einen angenehmen Eindruck Hervorrufen. Das spielende Kind, ein alter Professor auf der Jagd nach einem seltenen Buch (es ist schon lange her, daß die seltenen Stücke der Bibliophilie in den Legenden der Pariser Quais eine Rolle spielten!) die lustigen Spaziergänger und die Klarheit eines Frühlingstages: ein Bild nach Wunsch! Von Verständnis zeigen auch die Bilder von JaqueS Simon; den Beweis hiefür liefert seine „Ansicht des Parks von Versailles" (Saal X), nur wurde der Herbsteffekt in einem ziemlich ungefälligen Grün wiedergegeben.

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