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Jüdisches Volksblatt · 1904-05-27 · 22 (27.5.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Die Geschichte Galiziens in den letzten Jahren entwickelt sich im Zeichen des nationalen Kampfes zwischen Polen und Ruthenen. Mit allen zulässigen und unzulässigen Mitteln ringen die zwei „Schwesternationen" um die politische Macht und die kulturelle» Güter. Die Protokolle des galizischen Landtages, die tumultuösen Szenen, deren Schauplatz die Lemberger Universität war, die Geschichte des ruthenischen Gymnasiums in Stanislau und die alarmierenden Nachrichten der polnischen Blätter von den Huzulenrevolten in der vergangenen Woche beweisen es am besten, mit welcher Heftigkeit dieser Kampf geführt wird. Selbstverständlich kann keine von den kämpfenden Parteien stillschweigend über das Verhalten der Juden sich hinwegsetzen. Die Jude» repräsentieren einen zu mächtigen Faktor, als daß sie gänzlich ignoriert werden sollen. Solange die Polen ungestört die Alleinherrschaft in Galizien innehatten und von den Ruthenen unterstützt waren, sogar an der Polonisierung der „Ostmark" (Ostgaliziens) arbeiteten, kümmerte sich niemand um die Juden. Seitdem aber die Ruthenen sich von der polnischen Herrschaft zu emanzipieren begannen und eine ruthenische Nationalpolitik angebahnt wurde, mußten sowohl die Polen als auch die Ruthenen notgedrungen, dem jüdischen Einfluß Rechnung tragend, die j ü d is ch n a t i o n a l e Bewegung in ihre» politischen Kombinationen berücksichtigen. Von ihrer dominierenden Stellung betrachten die Polen, denen die Herrschaft jetzt schon streitig gemacht wird, den Zionismus und den jüdischen Nationalismus als eine Auflehnung gegen die bestehende Ordnung, die niedergedrückt werden muß.-Die Presse und die Führer des Volkes suchen durch Drohungen die Jude» einzuschüchtern und sie von der betretenen „revolutionären Bahn des Zionismus" abzubringen. In allen Debatten über die Judenfrage wird die jüdische Selbsthilfe als Verrat stigmatisiert. Jede Regung eines jüdischen Gefühles, jeder,. wenn auch geringste Beweis jüdischen Lebens wird als revolutionäre Bewegung gekennzeichnet; ja sogar das Studium jüdischer Geschichte und hebräischer Sprache wird der Gymnafialjugend als geheime, staatsgefährliche Konspiration von den Schulbehörden verboten. Die Allpolen fürchten mit Recht, daß bei einem, von nationalem Bewußtsein durchdrungenen Judentum das Regime ihnen leicht entwunden werden könnte und darum stemmen sie sich mit aller Gewalt gegen die aufklärende Arbeit der Jüdischnationalen. In Stanislau schnüffelt Direktor TerlikowSki nach, ob jüdische Gymnasiasten nicht — Gott behüte — ein hebräisches Buch in die Hand nehmen, in S a m b o r läßt Landtagsabgeordneter Tomaßewski in einer Volksversammlung eine Resolution fassen, „daß die Tätigkeit der Zionisten als schädlich betrachtet wird". Als unlängst das „Jüdische Tagblatt" i» Lemberg eine Bilanz unserer politischen Tätigkeit und unserer Erfolge im Dienste der Polen veröffentlichte und zu dem Schluffe kam, daß wir nach sovieljähriger Selbstverleugnung einen anderen Weg einschlagen müssen und bei der Wahl nur mit der uns größere Vorteile bietenden Partei gehen sollen, weil wir sonst ein unbeachtetes Häuflein politisch toter Menschen darstellen würden, ging ein Sturm der Entrüstung durch die polnische Presse. Das „Slovo polskie" mit seiner allpolnischen Brutalität erblickte darin einen jüdisch-ruthenischen Bund, welcher geeignet ist, die polnische Herrschaft zu brechen und drohend rät es den Juden, weiter geduldig das polnische Joch zu tragen, an seine eigenen Rechte zu vergessen. Ganz anders verhalten sich zu den Juden und ihren nationalen Bestrebungen die Ruthenen. Wir find weit davon, zu glauben, daß sich auf einmal ein Umschwung der Gefühle der ruthenischen Volksmasse den Juden gegenüber vollzogen hat; aber das eine steht fest, daß die führenden Männer und die ruthenische Presse Worte der Anerkennung für die nationale Bewegung der Juden haben. Vielleicht ist diese Sympathie auf das Mitgefühl eines Unterdrückten mit seinen Leidensgenossen zurückzuführen oder vielleicht zollt uns da- „Dilo", das Organ der ruthenischen Natisualpartei Anerkennung und muntert uns zum Weiterschreiten auf diesem Wege nur deshalb auf, damit nur die Pole» eine bedeutende Stütze verlieren; uns ist dasein er lei. Unser nationaler Egoismusverlangt es, daß wir mit der anderen gedrückten Nation gehen, nicht aus Haß gegen die Polen, nicht aus Liebe zu den Ruthenen, sondern aus Gründen unseres eigenen Interesses. I« einem größeren Artikel, „Ziönisten, Polen und Ruthenen", würdigt das „D i l o" die politzsche und kulturelle Seite der jüdisch-nationalen Bewegung und' sieht es als selbstverständlich an, daß „jeder, der allen Völkerü gleiche Rechte zuerkennt, de« Juden in dieser Beziehung (Streben nach nationaler Gleichberechtigung) vollständig Recht geben muß". Zu dieser Höhe sozialer Gerechtigkeit kann sich die polnische Presse nicht emporschwingen. Das ist der Unterschied in der Auffassung und Beurteilung der Judenfrage in Galizien bei den Polen und Ruthenen. H. Palästina in der internationalen Politik. Von Rev. Dr. M. Gafter-Londou. (Schluß.) Andere Mächte außer Rußland find sich ebenfalls des strategischen Wertes Palästinas bewußt und teilen ebenfalls die Ansicht, daß der Besitz des heiligen Landes ein politisches Uebergewicht den anderen Mächten gegenüber hedeute. Der deutsche Kaiser macht auch alle Bemühungen um daselbst Fuß zu fassen. Im Orient ist die Ansicht allgemein verbreitet, daß sein vorläufige- Bestreben dahin gerichtet ist, Caesarea als deutsche Kohlenstation zu gewinnen und es heißt allgemein, daß er diesen seinen Wunsch bei seiner letzten Palästinareise auch ausdrücklich geäußert habe. Es wäre jetzt verfrüht darüber nachzudenken, in welchem Maße das in Afrika sich so wundervoll bewährte Prinzip des „Hinterlandes" auch hier zur Geltung gelangen würde, falls der Wunsch des deutschen Kaisers in Erfüllung geht. Jedenfalls steht es fest, daß Deutschland ein friedliches Eindringen in Palästina nicht aus dem Auge läßt. Rußland spielt diesbezüglich in Verfolgung seiner eigenen Politik die Führerroll». Rußland gewährt in Palästina nicht nur den unzähligen religiösen Niederlassungen und Erziehungsanstalten ausgiebige« Schutz, sondern auch solchen russischen Untertanen, denen es zuhause im Reiche jeden Schutz verweigert. Rußland fördert die Auswanderung der russischen Juden nach allen Weltteilen, favorisiert aber besonders und und würde dies, wie später erwähnt, in noch größerem Maße tun, die Auswanderung der Juden in Massen nach Palästina. Dies würde Rußland den besten Vorwand bieten, sich in die innere Administration der Türkei zu mengen und größere Rechte in Palästina zu beanspruchen, da es sich um den Schutz einer größeren Anzahl seiner in Palästina lebenden Untertanen handeln würde. Deutschland folgt hierin der Führung Rußlands und ist besonders bemüht, sei es entlang der geplanten Bagdadbah», oder in irgend einem Teile Syrien» und Palästinas Deutsche anzusiedeln, um auf diese Weise Gelegenheit zur Jnterveution zu erlangen. Deutschland strebt auch Handelsbeziehungen zu Palästina durch Gründung von Handelsniederlassungen daselbst an. Dentschland bietet alles auf, um die Konzession der Bahnlinie Haifa-DamaSkus, welche die Türkei nominell von England übernommen hat, zu erhalten. Ebenso die Konzession der bedeutend größere» Linie Damaskus-Mekka, doch gelang es bis jetzt nicht, die Zustimmung des Sultans zu erlange». Bedenkt man nun, daß die Passagiere der letztgenannten Linie höchstens 4—5 Millionen Pilger nach Mekka sein werden und daß die Beschaffung von Kohle und Wasser in den syrischen und arabischen Wüsten, welche die Bahn zn durchkreuzen haben wird, auf hunderten von Meilen mit «nendlicheu Schwierigkeiten verbunden ist, so wird man z» dem Schluffe gelange» müssen, daß diese Bahnlinie vom rei« handelspolitischen Gesichtspunkte kein rentables Unternehmen ist. Der deutsche Kaiser hat ferner für die deutsche Kolonie der T e m p l e r manche Konzessionen erhalten und ebenso das Recht zu Ausgrabungen in B a a l b e ck zum Zwecke der Rekonstruktion der Ruinen des alten Tempels. v § r y l * Mjt Feuilleton. Ein ungedruckter Brief Jokais gegen den Antisemitismus. Es wird jetzt ein Brief Jokais bekannt, den derselbe vor noch nicht langer Zeit an den Sohn des gewesenen ungarischen Kultusministers Dr. W l a s s i t s gerichtet hat und in deutscher Uebersetzung wie folgt lautet: „Lieber Freund! Als ich noch ein junger Student war, hatte in mir schon irgend ein Trieb (vielleicht eine höhere Eingebung) den Gedanken geweckt, daß durch gegenseitige Liebe mehr Erfolg zur Stärkung unseres Vaterlaüdes erreicht werden kann, als durch gegenseitigen Haß. Damals war der Gebrauch in Mode aus Städten mit ungarischer Sprache Tausch-Knaben in deutschsprachige Städte zu schicken, woselbst sie bei einer Familie ein neues Heim fanden. Mein älterer Bruder und ich wurden gegen deutsche Knaben ausgetauscht. Wir habe» spielend gut deutsch erlernt, während die beiden deutschen Knaben gute Ungarn und später viel gefeierte Patrioten geworden sind. Ich hatte mir vorgeuommen, aus jeder Nationalität einen guten Freuud zu gewinnen. Es ist auch gelungen. Alle sind sie meine guten Freunde, gute Patrioten geworden. Wenn Ihr, meine lieben Landsleute euch das gleiche Bestreben zum Ziel machet, würde daraus eine Lawine werden, die zum Staunen der Welt nach aufwärts rollt und wächst. Ans dem Gedächtnisse habe ich mir notiert, wie viele Freunde, wackere Patrioten ich während meines langen Lebens aus n i ch t ungarischem S t a m m e durch Liebe zu erreiche» imstande war. Ihre Zahl reicht wohl an die Hundert: davon 69 Juden, die übrigen Deutsche, Kroaten, Serben, Rumänen re. Alle vortreffliche Männer, die in der Gesellschaft etwas zählen. Und hier sage ich es mit traurig ernster Ueberzeugung, daß unsere Gesellschaft vor 51 Jahren um vieles voraus war bezüglich des Gefühles der Zusammengehörigkeit als jetzt. Der Freiheitskampf, die Verteidigung der Verfassung, das^Schlagwort von der „Freiheit, Gleichheit und^Brüderlichkeit" hatte ein großes Lager unter unserer Trikolore vereinigt. In unserer Honvedschaft kämpften mit uns' zusammen Deutsche, Tiroler, Polen, Ruthenen, Slovaken. Der allererste Erstürmer der St. Tamase» Schanzen war ei» echt stovakisches Regiment (Alexander). Zur Ergänzung des in den Kämpfen zusammengeschmolzenen Bataillons der roten Kappe» wurden 400 Rumänen eingereiht und diese sind während eines Monates ebenso heldenmütige Honveds geworden, wie ihre ungarischen Kampfgenossen: Die waffenbrüderliche Freundschaft hatte sie dazu gemacht. In den Märztagen hat ein jüdischer Großhändler 400 jüdische Gardisten rnit Waffen und Uniform we r s e h e n, die in de» ersten trüben Zeiten die Ordnung aufrecht zu erhalten geholfen haben. Zu Ende des Freiheitskampfes haben 11.000 jüdische Jünglinge unter den nationale» Fahne» gekämpft und unter ihnen waren solche Helden, wie der Vater der G a j a r i s, dessen Brust der Verdienstorden der Tapferkeit geschmückt hat. Und nach der Niederschlagung des Freiheitskampfes hat der österreichische Oberkommandant den ungarländischen Juden für ihre erfolgreiche Teilnahme an der Revolution eine ungeheuere Geldstrafe auferlegt. Und doch hatten die Juden damals bei uns noch nicht einmal anerkannte Bürgerrechte, dennoch haben sie Blut und Vermögen für das Stiefvaterland geopfert. Jetzt sehe ich einen traurigen Rückfall. Unsere neue Generation rühmt sich des Hasses... Im Zeitalter der Aufklärung, der nationalen Wiedergeburt, da das Parlament die Gesetze der vollen Gewissensfreiheit geschaffen, «nd der gekrönte König dieselben für ewige Zeiten sanktioniert hat, entsteht im Lager der neuen Generation die mittelalterliche Gedankenverfolgung. Das ist verderblich für das Vaterland. Ich spreche offen und klar: Ich finde, daß die Einbürgerung des An t i semitismus zum Verderben unserer Nation führt. Er widerspricht der christlichen Lehre von der Nächstenliebe, er steht im Gegensätze zur Vaterlandsliebe, die uns diktiert, einen Volks stamm, der Millionen Seelen zählt, der Verstand, Kenntnisse, Fähigkeiten besitzt, der ein mächtiger Faktor unseres Handels und Gewerbes ist, von uns aus unbegründetem Stammes- oder Glaubenshaß zu verstoßen. Während des Freiheitskawpfes waren katholische Jünglinge, Protestanten und Juden beim Lagerfeuer vereinigt. Gott war mit ihnen. Auch in Zukunft wird Gott nur so mit ihnen sein!" Moritz Jokai. Die Repatriierung der spanischen Inden. Von Dr. Angel Pnlido. Aus dem Spanischen*) von Jakob Krausz. (Kundgebung der Mie ner „Esperanza".) Demselben Impulse verdankte auch die genannte Zeitschrift „Li Progreso“ ihr Entstehen. Gegründet im Jahre 1899 ist „Li Progrvso" („Der Fortschritt") berufen, die *) La Ilustracion Espanola y AmericaBa, Nr. VII, 1904

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