Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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An unsere Leser ü Mr machen hiermit unsere Leser aufmerksam, daß die Adresse der Redaktion und Administration vom 12. Mai an lauten wird: 2. Bez., Leopoldsgasse 2 a. Die Gemein-eratswahlen in Wien. Die Wiener Gemeinderatswahlen sind ohne wesentlichen Wahlkampf in aller Ruhe verlaufen, das Resultat war ja außer allem Zweifel. Nicht der neuerliche Sieg der Christlichsozialen, sondern die abermaligen Niederlagen der „freisinnigen", „fortschrittlichen" Gruppen, die diese wohlgemerk; im 1. (!) Wahlkörper, der Hochburg der besitzenden Bourgeoisie erlitten, sind aber der «springende Punkt bei der letzten Wahlcampagne. Nicht genug daran, daß ganze Wahlbezirke ohne Kampf und ohne Gegenkandidaten den Christlichsozialen überlasten wurden, haben, die „Fortschrittlichen" noch fünf Mandate in den Bezirken Wieden und M a r i a h i l f an die Christlichsozialen verloren und selbst in den Wahlbezirken, wo die christlichsozialen Kandidaten unterlagen, haben sie eine ansehnliche, gegen frühere Jahre größere Anzahl von Stimmen auf sich vereinigt.. Was ist also als Besitzstand den „freiheitlichen" Elementen geblieben? Jene Bezirke, wo die Juden ausschlaggebend sind, vor allem die Stadt, L e o p o l d st a d t und Alsergrund. Bilden aber die tonangebenden Kreise der Judenschaft sich wirklich noch ein, daß diese Trümmer der total abgewirtschafteten „freisinnigen" Fraktionen Doktor Lueger stürzen können und Wien wieder zurückerobern werden? ‘ ‘ Da dies vollkommen ausgeschlossen ist, so wäre es weit besser gewesen, die Juden nicht in einen zwecklosen Wahlkampf hineinzuhetzen. > Nachdem jetzt derselbe vorüber ist, täten nun die oppositionellen Gemeinderäte am besten, zur, Abstinenz zu schreiten und die Opposition gegen das herrschende Regime Herrn Greg orig und Konsorten zu überlassen. Die gegenwärtige Opposition des Wiener Gemeinderates ist Dr. Lueger ungefährlich und leistet Feuilleton. FrühlingstönL. Es strömt vom Herzen frisches Blut, Vom Munde frische Lieder: Der Jude, der geseufzt — geruht, Er siugt liud vegt sich wieder. Seht, Juda ist nicht sterbensalt. Er rüstet sich zum Leben. Er hat noch Mut und hat Gewalt, Das Banner hoch zu hebeul Es zittern herrlich in der Luft Jung-JudaS Frühlingstöne, Es weht ein süszer Frühlingsdufk Um Jakvbs treue Söhne. Sie stimme» an ein herrlich'Lied. — Wohl eine alte Weisel — Wir alle, alle singen mit. Dem Jlidenvolk zum Preise. A. L i ch t. Jokai und die Juden. Bon Jakob K r a u s z. Man wird die tiefe, alle Gesellschaftsschichten erfassende Trauer, welche die ungarische Nation über den Verlust ihres großen Dichters, Moritz Jokai, zeigte, im Auslande erst dann verstehen und zu würdigen vermögen, wenn man bedenkt, daß Jokai sein Volk drei tvichtige Dinge gelehrt hat, die es früher gar nicht oder nur wenig kannte. Er lehrte es ungarisch lesen, ungarisch schreiben und — europäisch denken. Jokai's erste Dichterjahre fallen in eine ihm sogar den Liebesdienst, die disparaten Elemente der christlichsozialen Partei künstlich noch auf eine Weile zusammenzuhalten. Fehlt die gegenwärtige Opposition, dann (wohlgemerkt aber erst dann) werden die r a s s e nantisemitifche Gruppe einerseits und die rein wirtschaftlich und österreichisch gesinnte Gruppe andererseits innerhalb der Christlichsozialen sich absondern. Auf die Dauer ist ja doch ein Zusammenwirken von Politikern, von welchen die einen in einem Wahlrufe der inneren Stadt an alle Wähler „ohne Unterschied der Konfession" appellieren und die anderen einen — nach dem Ausspruch desDr. Geßmann — pathologischen Antis emitis mus kultivieren, in ein und derselben Partei unmöglich. Dazu kommt noch ein anderes Moment. Während Herrn Gregorigs und des ganzen übrigen Antisemitenbundes Angriffe auf Dr. Lueger und die Juden in den Organen der All- und Ostdeutschen, sowie der „Deutschen B o l k s p a r t e i" ein sympathisches Echo finden, wurden anderseits in den raffenantisemitischen Kreisen Aeußerungen christlich-sozialer Führer kolportiert, „Der Antisemitismus müsse heraus",wenn die Christlichsozialen sich zu einer österreichischen Reichspartei entwickeln und zur Herrschaft in Oesterreich gelangen wollen. Jene schwarz-gelb-wirtschaftlichen Elemente haben auch durch die Wahl der früheren Demokraten S i l b e r e r und Schlechter in den Gemeinderat eine Verstärkung erhalten, während die Mffenantisemiten über die Nichtaufstellung P u r s chts sehr erbittert sind. Das sind doch .deutliche Zeichen, daß es im Läger der Christlichsozialen ebenso gährt, wie in allen übrigen Parteien und daß wir vor einer vollständigen Um- und Neugestaltung des gesamten österreichischen Parteiwesens stehen. In dieser Periode der Entwicklung der Neuen und der Zersetzung der Alten müssen die Juden in er st er Linie die Organisation i hrer Volksgenossen in ganz Oesterreich auf national-sozialer Basis, eine jüdische G e m e i n b ü r g s ch a f t erstreben. Sind sie erst ein Machtfaktor, dann werden sie auch ein umworbener Bundesgenosse aller jener sein, welche die Neuorganisation des Donaureiches unter dem Banner der nationalen Gleichberechtigung und radikalen Sozialreform erstreben. Zeit, in welcher Ungarn noch vom Kaiser von Oesterreich regiert, aber tatsächlich von einer mächtigen, einflußreichen Komitats-Olygarchie beherrscht wurde. Auch die letzten, kümmerlichen Reste der ungarischen Sprache wurden in diesen Komitatsstuben bewahrt. Die Amtssprache war, um die verhaßte deutsche Sprache, welche Kaiser Josef II. als die amtliche dekretiert hatte, nicht gebrauchen zu müssen, die lateinische.' Die ungarische Sprache war verkümmert, in ihrer Entwicklung zurückgeblieben, durch lateinische, deutsche und slavische, mitunter auch italienische Beimischungen getrübt. „In seiner Sprache lebt das Volk!" lautete der Schlachtruf. Unter dieser Devise gingen die Gedichte des für Ungarn unvergeßlichen Petöfi von Mund zu Munde und dieser Notschrei eiferte den Schöpfer der ungarischen Prosa, Moritz Jokai, zu unermüdlicher Arbeit an. Da trat eine Erscheinung zu Tage, welche ich nur deshalb erwähne, weil sie für uns Juden, die »vir jetzt ebenfalls an der Regenerierung und Modernisierung der hebräischen Sprache arbeiten, als mahnende Lehre, von großer Wichtigkeit ist. Die Aufgabe Joka i's war, abgesehen davon, daß er seinem Volke eine moderne Lektüre in ungarischem Gewände zu bieten und dadurch die fremde Literatur zu verdrängen hatte, die ungarische Sprache einerseits von fremden Elementen zu reinigen, andererseits an Stelle der ausgeschiedenen Elemente, sowie für die täglich anwachsenden, neuen Begriffe, dem ungarischen Sprachgeiste entsprechende Ausdrücke und Wortbildungen zu schaffen. Beurteilt man Jokai's Tätigkeit von diesem Gesichtspunkte aus, so wird man wohl seiner überaus lebhaften Phantasie und seiner rascheii Denkfähigkeit Bewunderung zollen, aber gerechterweise konstatieren müssen, daß die Purifikationsarbeit Jokai's dem ungarischen Sprachenbilde manche unheilbare Wunden geschlagen hat. Es sei dies, wie gesagt, eine Mahnung an unsere hebräischen Purifikatoren und Sprachbildner. Uttfeve hebräische Sprache war nicht degeneriert, sie war nur in der Entwicklung zurückgeblieben. Als aeclntinierende Sprache ist sie wie Die tschechisch-jüdische Bewegung in Böhmen. Bon Dr. Bergmau«. Pardubitz, im Mai 1904. Die tschechische Assimilationsbewegung hat in letzterer Zeit die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit auf sich gelenkt dadurch, daß ihre Anhänger eine neue Zeitschrift Herausgaben und daß sie eine Zusammenkunft abhielten. Der Fernstehende dürfte meinen, daß die jüdisch-tschechischen Assimilanten an Einfluß bei uns in Böhmen gewonnen haben, und doch sind sie bedeutungs- und einflußlos. Es muß offen und ehrlich gestanden werden, daß während die Juden in deutschen Gegenden mit der deutschen Kultur und Sprache selbst bis auf den Dialekt zusammengewachsen sind, das Tschechentum den Juden, selbst in rein böhmische» Gegenden, nicht so nahe ist. Der Jude in böhmischen Gegenden liest seine deutschen „liberalen" Zeitungen, besonders das „Prager Tagblatt" und läßt seine Kinder, wenn es seine Verhältnisse nur halbwegs erlauben, deusch oder zweisprachig erziehen, und so ist es begreiflich, daß von zwei jungen K o l i n e r Juden, der eine S a n d e k, in beiden Landessprachen, der andere Ho ff mann deutsch dichtet. Nur der arme Jude läßt seinen Sohn an der einheimischen^ böhmischen Mittelschule und den böhmischen Hochschulen in Prag studieren. Ausnahmen sind verhältnismäßig selten und eben Ausnahmen. Aus den Kreisen dieser auf den böhmische» Mittel- und Hochschulen ausgebildeten Intelligenzler rekrutiert sich die ganze Partei, der sich einige wenige Kultushäupter anschließen, dle als Juden in die Gemeindevertretung gewählt werden. Die Tschechen sind anständig genug einzusehen, daß der eine oder andere Jude als Vertreter der Judenheit im Gemeindeausschusse mitberaten soll und wählen als solchen in der Regel den Kultusvorsteher, der dann aus dem Brusttöne geheuchelter Ueberzeugung sich für einen Vollbluttschechen ausgibt^ Bisher gab die Partei seit Jahren eine Zeitschrift, die „Gesko zidovske Listy“ heraus. Weil aber diese Zeitschrift die Fußtritte, welche den jüdisch-tschechischen Assimilanten zuteil wurden, nur diplomatisch abwehrte, und geharnischtere Antworten nicht veröffentlichen wollte, ja, als der Alttschechenführer Dr. Rieger die Juden ein zersetzendes Element nannte, nicht darauf, gehörig reagierte, zog sich das jüngere Landelement zurück. Der Führer dieser Unzufriedenen war der in Wotitz erzogene, in den Kreisen der Masarik-Partei als Kritiker und Feuillelonist rühmlichst bekannte Schriftsteller die ungarische, entwicklungsfähig, aber sie hat sich einen lebendigen Geist bewahrt, der sich gegen manches Verbrechen, das unsere moderne hebräische Literatur gegen ihn in blindem Modernisierungseifer verübt, auflehnt, und es steht zu befürchten, daß uns die allzuemsigen Baumeister ein imposantes Sprachgebäude aufführen werden, in dem nicht mehr der güte Geist der hebräischen Sprache walten wird. Jokai war kein Judenfreund im landläufigen Sinne, und llvch weniger darf, will man der Wahrheit. die Ehre geben, behauptet werden, daß er die Juden geliebt habe. Jokai war kein politischer Feind der Juden: das ist das gerechteste Urteil über seine Beziehungen zum Judentüme. Erzogen und aufgewachsen im krassesten Antisemitismus, wie er dies selbst in seinem Aufsätze: „Wie wurde ich Philo semit?" zugibt, fand er sich als frühreifer Jüngling der Revolution gegenüber, in welcher ihm neben seinem Freunde Petöfi eine Führerrolle zufiel. Rechts und links um ihn kämpften Juden. Viele von ihnen verbreiteten die berühmten von Jokai verfaßten „zwölf Punkte", um dann, von einer Kugel getroffen, in irgend einem Masscngrabe zu verschwinden. Als das Kriegsgericht über die Revolutionäre zu Rate saß, da wurde Jokai mit mehreren Juden, denen er sich in seiner Jugend nur in Begleitung eines Kettenhundes näherte, zum Tode verurteilt. Jokai wurde später begnadigt, während die meisten jüdischen Revolutionäre dem Henker überliefert wurden. Als Jokai auf seiner dichterischen Laufbahn von Ruhm zu Ruhm stieg, als seine Werke von dem griesgrämigen, gestrengen Literarhistoriker und Kritiker Paul G y u l a i angefeiildet und als unmagyarisch verschrieen wurden, da waren es die dankbaren Juden, w-lche diese Werke zu tausenden verschlangen, und als er im Jahre 1894 sein fünfzigjähriges Dichterjubilänm feierte und die ungarische Nation ihm die gewiß wohlverdienten Ehrungen erwies, da beteiligten sich die Juden sowohl in materieller, als auch in anderen Beziehungen an den Opfern, welche dem nationalen Abgvtte dargebracht wurden in hervorragender Weise.