Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Wir machen hiermit unsere Leser aufmerksam, daß die Adresse der RedaMon und Administration vom 12. Mai an lauten wird: 2. Bez., Leopoldsgasse 2 a. Jüdische Nationalpolitik in Galizien. Es ist eine nicht hinwegzuleugnende Tatsache, daß die Lage der Juden in Galizien mit jedem Tage unerträglicher wird. Die Hoffnung, daß mit der Aufklärung der politischen Volksmassen sich auch die Verhältnisse der Juden beffer gestalten werden, hat sich als trügerisch erwiesen. Gerade das Gegenteil tritt ein. Männer von Bildung, die Licht in die breiten Massen tragen und den polnischen Patriotismus entfachen wollten, haben eine sekundäre Erscheinung heraufbeschworen, die eine Folge ihrer politischen Tätigkeit ist. Es ist dies der Antisemitismus der in Galizien als A s e m i t i s m u s sich einbürgert, und der die Juden durch Aushungerung vernichten will. Die Propaganda des Wortes wird in Propaganda der Tat umgesetzt und der Boykott der Juden auf jedem Gebiete ist der einfachste Ausdruck dieses Gedankens. „Das Polenland für die Polen" ist das Losungswort. Erleichtert wird diese Arbeit zur Vernichtung der Juden durch den angeborenen Judenhaß der christlichen Bevölkerung und die antisemitische Wirksamkeit der autonomen Landesbehörden und der politischen Faktoren. Ganz untätig und apathisch haben sich die Juden eine Zeitlang diesem Treiben gegenüber verhalten. Endlich beginnen ihnen die Schuppen von den Augen zu fallen und sie beginnen sich zur Wehr zu setzen. Aber das offizielle Judentum, seine oberste Repräsentanz, die kraft , ihrer gesetzlichen Stellung ein Hort der jüdischen Interessen sein sollte, die jüdischen Kultusgemeinden haben bis jetzt noch nicht eingesehen, oder nicht einsehen wollen, daß die Judenheit mit rapid zunehmender Geschwindigkeit, wie auf einer schiefen Ebene dem jähen Abgrund entgegeneilt. Seit der konstitutionellen Aera, seit den Juden ein Anteil am öffentlichen Leben gewährt wurde, haben die Juden mit einer ungeheueren Selbstverleugnung den Schlachzizen Handlangerdienste bei allen Wahlen geleistet, was ihnen den Haß aller schlachzizenfeindlichen Parteien gebrachr hat, ohne daß sie sich die Liebe oder Achtung der Schlacht» erworben hätten. Sie sind von den Schlachzizen durch Vermittlung der Kultusgemeinden korrumpiert und zu Schlachzizenknechten degradiert worden und find dabei um ihren guten Namen gekommen. Der Jude blieb der minderwertige „Mo sch ko", dem menschliche Behandlung zuteil wird, solange man ihn braucht, und dem man ungeniert die Türe zeigt, wenn er seinen Dienst gemacht hat. Erniedrigend ist noch heute die Rolle, welche die Kultusgemeinden bei den berüchtigten polnischen Wahlen spielen, und ihr Treiben muß einem ehrlichen Juden die Schamröte ins Gesicht treiben, wenn man bedenkt, daß ein Händedruck eines Schlachzizen, oder ein freundliches Lächeln eines Bezirkshauptmannes, oder Kommissärs genügt, daß die Machthaber in den jüdischen Gemeindestuben die gesamte jüdische Bevölkerung um ein Linsengericht ihren Feinden ausliefern. Das bekannte Zentral-Wahlkomitee in Lemberg, oder wie man es auch nennt das Zentral-Komitee für Wahlschwindeleien, hat in den Kultusgemeinden seine besten Helfershelfer. Einige Machthaber haben dabei selbstverständlich ihren Vorteil, aber die große Masse wird dem Verderben entgegengeführt. Zum Glücke gibt es schon in Galizien Leute mit offenen Augen, die diese unglückselige Wirtschaft erkannt haben und eine andere Politik für die Juden anbahnen wollen, eine Politik zum Frommen des jüdischen Volkes, kurz eine jüdische N a t i o n a l p o l i t i k. Die allpolnische Partei, die sich um das leider von Juden sehr gelesene „Slowo Polskie" gruppiert, mag jene einsichtsvollen Männer als Verräter am polnischen Nationalwerk und am polnischen Volke brandmarken; mögen die Sozialdemokraten eine jüdische Nationalpolitik als einen Anachronismus betrachten und die Juden Reaktionäre schimpfen, die Rettung der Judenheit kann nur dnrch eine zielbewußte und unermüdliche Arbeit in der Richtung herbeigeführt werden, daß die Juden die ganze Macht, welche sie durch ihre numerische stärke besitzen, zu ihren eigenen nationalen Zwecken ausnützen. Es muß ein Netz von Lokalorganisationen mit jüdisch-national-politischem Charakter über das ganze Land ausgedehnt werden, es muß die jüdische Bolksmaffe geschult und politisch reif gemacht werden, daß sie sich nicht die ihnen dnrch die Verfassung gewährleisteten Rechte von einem erstbesten Pascha entreißen läßt. In jenen Bezirken, wo es tunlich ist, sollen die Juden selbständig wählen, wo sie aber keine Majorität haben und nur durch ihre Zahl ausschlaggebend sind, dort sollen sie mit den Parteien paktierend ihren Einfluß dahin ausüben, daß sie sich dadurch ihren Vorteil sichern können. Sie sollen nach dem Prinz p „do ut des“ Vorgehen, aber so, daß die Gesamtheit davon Nutzen hat und nicht die einzelnen Wahlhyänen, toie es bis jetzt der Fall war. Es muß dem Juden die Ueberzeugung beigebracht werden, daß seine Kraft und sein Einfluß im Wahlzettel liegt und daß man nur diese seine Kraft respektiert, ihn selbst aber gehässig abfertigt, wenn er den Zettel nicht hat. Eine solche Tätigkeit soll überall mit aller Energie einsetzen und bei jeder Wahl ob in den Reichsrat oder Landtag, Bezirks- oder Gemeinderat sollen die Juden, gestärkt durch die Einigkeit und nicht verleitet durch das Privatinteresse einzelner Streber und Gewinnhascher, das Wohl der Gesamtheit sich vor Augen ballend ihr Recht ausüben. So können die Juden eine stattliche Zahl von Mandaten in allen gesetzgebenden Körperschaften für sich erobern oder wenigstens die antisemitische Tätigkeit ausgesprochener Judenfeinde hintanhalten. So können sie eine ansehnliche Zahl von Stellen in den autonomen Aemtern mit jüdischen Bewerbern besetzt erhalten, wie sie der Zahl der jüdischen Steuerträger entspricht. Nur durch eine jüdische Nationalpolitik ist der Einfluß der Juden gesichert und ist der Verelendung der jüdischen Maffen vorgebeugt. H. Rothschild oder Morgan. Inmitten des wüsten Parteigezänkes unserer Tage, das einen wirklich manchmal an eine gedeihliche Entwicklung der Völker verzweifeln läßt, wirkt es doppelt erfrischend, eine ruhige Stimme zu vernehmen, die so objektiv ist, soweit es die Subjektivität, die einem jeden innewohnt, zuläßt. Wir meinen die Broschüre Fries e's, eines Homo novus, R o t hschild oder Morgan*), der sich mit bemerkenswerter Vorurteilslosigkeit über Deutsche und Juden ausspricht. Wir find weit entfernt davonalle Voraussetzungen und noch weniger alle Schlüsse des Autors zu teilen. Aber es ist bemerkenswert, wenn ein Mann, der von sich sagt, Seite 17: „Ich bin, w i e j e d e r, w e n i g st e n s i n D e u t s ch l a n d ge b v r e n e C h r i st, s ch o n dur ch die S ch ul e z um A nt is e mit en erzogen", trotzdem seine Broschüre, Seite 35, folgendermaßenschließt: „Das bloße Schimpfen und Hetzen tut es nicht mehr. So wenig uns der Antisemitismus genützt hat, so wenig wird uns unser wüstes Schimpfen auf Amerika etwas nützen -1— -— , *) Rothschild oder Morgan? Von C. A. Fries e, Leipzig. Verlag Gustav B o g t, 1904. Preis 80 Pfennige. J Feuilleton. Jüdische Volkslieder. (Autorisierte Uebersetzung von Max Gach.) Bor Kurzem erschien in Prag in tschechischer Sprache eine interessante Schrift aus der Feder des Musikkritikers Johann Branberger unter dem Titel „O hudbe 2idu". Das Werk enthält eine Menge interessanten Materials, das wohl ein allgemeines Interesse erwecken wird. Eine Ausgabe der Schrift in deutscher Sprache ist in Vorbereitung, so daß auch denjenigen Kreisen, die der tschechischen Sprache nicht mächtig find, Gelegenheit, geboten wird, mit den Ausführungen des Verfaffers bekannt zu werden. Wir veröffentlichen eines der intereffautesten Kapitel: „Ueber jüdische Volkslieder". Es steht fest, daß die Juden schon in Palästina weltliche Lieder: Liebes-, Hochzeits-, Trinkerlieder u. a. m. hatten; dies beweisen viele Stellen der heiligen Schrift. Nachdem die Juden nach Europa gekommen waren, erlernten sie rasch die Sprache ihrer Gastvölker und begannen in derselben bereits im Mittelalter zu dichten und zu singen. — So sind zum Beispiel die Namen des deutsch-jüdischen Minnesängers Süßkind von Trimberg und des spanischen Troubadours Santob de Carion, der um das Jahr 1330 lebte, bekannt. Dort, wo die Juden gezwungen waren, fast ausschließlich nur miteinander zu verkehren — wie es noch heutzutage in Galizien und Rußland der Fall ist — bildeten sie sich eine Sprache, die aus hebräischen und arischen Idiomen besteht — den Jargon. In Galizien und Rußland hat der Jargon eine starke Verbreitung gewonnen. Er besteht aus dem deutschen Idiom, das mit hebräischen und slavischen — besonders polnischen und ruthenischen — Worten stark durchsetzt ist. In diesem Milieu entstanden und entstehen noch heute unzählige jüdische Volkslieder, deren Melodien sehr oft an die liturgischen Gesänge erinnern. In den Liedern, die Dalman in seinem Werke „Jüdische Melodien aus Galizien und Rußland" veröffentlicht hat, finden wir fast alle Kriterien, die den rein hebräischen Gesängen eigentümlich sind. Mit besonderer Konsequenz kommt auch hier das Intervall einer vergrößerten Sekunde, oft mir einer trioleartigen rhytmischen Form verbunden, vor; so z. B. in dem Liede „Maschiachszeiten" das in der Sammlung Dalman's den ersten Platz einnimmt, einem Liede voll schwermütiger Resignation und fester Hoffnung auf die Ankunft des Maschiach. Jntereffant ist es, das bei Dalman. das Intervall einer vergrößerten Sekunda bloß zwischen den Tönen dis-c vorkommt, ebenso charakteristisch ist das Intervall eines Tritons von fis zu c (wie z. B. im Wiegenliede Nr. 8) oder umgekehrt von e zu fis (in dem litauischen Todtenliede „Aheem"). Selbstverständlich ist diese gewöhnlich tiefe Tonlage nicht immer Norm; Lieder, welche in diese Sammlung nicht ausgenommen sind, weisen Intervalle einer vergrößerten Sekunda auch zwischen anderen Tönen auf. Als Beispiel seien einige Melodien zitiert, die dem Autor von einem Freunde der Jargonmusik in handschriftlichen Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt wurden. Aus dem Liede: „Singt's mir ech bet ach" ... —fl—Tm—HTT ' k i ' l w * . ‘im \ -Vjz . I t—ff?-$- Aus dem Liede: „Oj a git nuwint ach Brany.. . r-h—rfr.- -r-1 - fis" £- 1 l n i M Uj 1 . ' ..J ... j— Der originelle Anfang eines Liedes £ —0--,- HÜ dT- -ß—m-ß- und der noch markantere Schluß desselben pl§gilllil su=l -ft-DM«»-pMMM-F——^-ba 1 zeigt ganz besonders die eigentümliche von unseren vur- und Noll-Tonarten abweichende Tonalität. In den Jargonliedern finden wir auch die vom Qberkantor Singer benannten jüdischen Tonarten; besonders oft treffen wir die Tonarten (Steiger) Jischtabach und Mögen owaus. Neben diesen erwähnt Dalman als Tonalität der in seiner Sammlung enthaltenen Lieder noch den modernen palästinensischen Tonleiter: e, d, es, k, g, as, b, c und den ind ischen 6, des, e, f, g, a, h, c. Mögen owaus kommt am häufigsten vor, es ist dies die alte Moll oder äolische Kirchentonart. Einen echt jüdischen