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Jüdisches Volksblatt · 1904-04-29 · 18 (29.4.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
18 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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jRsftutfüm: n/8. Leopol-sgasse 40« «WeechWmdeN» Ha «»chrslagrn ua 4 Mt I Mir aachwittaal. -»N«b«I,r s«8»e» «OUMlstt. «t«N, HiS »ak<hwsrda« «ege» dkMiUN« ob« gar nicht rrsoigt« AAsvana nöittta xtt ntf drwsmd. « »er»«« Nicht -«Mgeftellt. V»Nipareaficn»No«ro M7M7. Io bol Moimemrrrt loan nun tö glich etntrete». Erslhemt jede« Freitag <»r«e MMvIrkmrg der vom tüvHchen VoM». verew srwStzttr« ProlvromMirfto». zprferst» weriiehmm dir Mrmair I. Daanedrrg, Dt Duke», Haaft»» frt» » Bogltt. «Adolf Stoff«, t ®t Pozsonyi. A. Schalt! t» 4SI«, fern« alle «tmoaeea-Ertzedittonen t» NuSlande. M»zsl-R«isrmer itt Wie« 16 Heller. ÄömtsttTirafton: u/3. Leopoldsgalle 49« rel<Hh»u-Srr. 147X8 svomte«ettt-preis: Telepho».Nr. 147X8 Süd bas gefmmute AuSltNt» sammt Franco,ustellung. »an-jührtg ... Kr. 10.— täte.-.:; . ■. : Ls. Für 8BUa ■« Oefterretch'Nagar» säumt Francozustclluna. . Kr. 8.— : :fc ttiÄörifl tlUMg . Nr. 18 IMMHHn Wie«. SS. April 1904 (14. Jjar 5664). VI. Jahrs«««. Wien-Budapest. „Die wahre Krise, in der sich! Ungarn befindet, besteht in Kurzem darin, daß die modernen« Ideen, die Europa beherrschen, die Ideen der Emanzipation der Völker und der Individuen, die von >einer 'bornierte Waffe mit schier unübersteigbaren Zollschranken vom ungarischen Globus ferngehalten werden, dieser Schranken spottend, ihren Einzug über die rot-weiß-grünen Grenzpfähle halten. Das ist her Inhalt der nächstfolgenden Geschichte! Ungarns. Die Militärkrise dagegen, die von beiden Seiten über Gebühr aufgebanscht wurde, ist nur eine Episode. Geradeso wie einst ein Mitglied des in den Annalekk der „Neuen Freien. Presse" ewig fortlebenden Bürger- Ministeriums mit! Emphase verkündete, die soziale Frage höre bei Bio> denba ch auf, erklärten die ungarischen Politiker! jedem, der es hören wollte, daß es auf dem ungarischen Globus keine: soziale, keine Nationalitäten und keine Judenfrage gebe. Und heute treffen! Punkt für Punkt unserer Voraussagen ein.- Die s o z i a l e F r a g e machte, tote sie seinerzcit vor B o d e n b a ch nicht Halt machte, auch i>on? der Leitha nicht Halt." So sch rieb e n wi r in der N r. 44 und 45 u n s e r e s B l a t t e s i m I a h r e 1903. Wir können alle diese BMauPtungen heute getrost wiederholen, sie haben nichts an Mtualität und nichts an Wichtigkeit verloren. Denn unsere liebe Tagespresse, die unsere öffentliche Meinung macht (sie sieht mich darnach aus), leidet in hohem Grade an Gedächtnisschwäche. Kaum war die Episode der Militä,rkris e vorüber,. als sich die Tagespresse wieder in dem alten Spiele gefiel, die Zustände in Ungarn im rosigsten Lichte zu sehen und« sie aneifetud« d>em bescheidenen Veöststnde der Oesterreicher vor Augen zu halten. Meder 'ertönten die bekannten Weifen und das Handschreiben betreffs R a k,o> cz y hätte die schönste Gelegenheit zu einem Hymnus auf Ungarns Harmonie gegeben, wobei die Zerrissenheit. Oesterreichs einen prächjtigen Kontrast geboten hätte, wäre nicht die Bombe des Genera lst r e i k s der ungarischen Eisenbahner mitten i n "die Festesfreude hineingeplatzt. Dieser Streik ist kein gewöhnlicher. Nicht rmr formell, denn! es gehört zu den« größten Seltenheiten, daß Beamte und, Arbeiter solidarisch Vorgehen, fon- Gustav Freytag und die Juden. Von Dr. M. SHjerlag. Am 30. April jährt sich zum neuntennrale dev Todestag Gustav Freytags, der sich! auf vielen Gebieten betätigte, vornehmlich aber Kulturhistoriker, Romanschriftsteller und Dramatiker war. Gustav Freytag war so sehr mit dem Kulturleben seines Volkes vertvachsen, in so entschiedener Weise maßgebender Repräsentant seiner Zeit, daß seine Meinungen und Ansichten oft als die seiner Epoche angesehen werden können'. Freilich ragte er zuweilen mit seinen Ansichten über seine Zeitgenossen empor und in die Zukunft hinein. Dies gilt besonders von den Politischen, nationalen und — last not least — religiösen Fragen. Nur daß die Zukunft, die er voransfah und in die er so sijolz zufrieden die Gipfel seiner Anschauungen' hinüberleuchten liefe, sich in mancher Beziehung dunkler und verworrener gestaltete. Schließlich konnten und durften vielleicht nicht alle Träume dev Achtundvierziger in Erfüllung gehen. Es lväre sonst, mit Scheffel zu sagen', zu, schön gewesen. Das Gesagte bezieht sich auch auf die Judeufrage. Wir wissen, daß Freytag sich mit dieser Frage häufig und ausgiebig befaßt hat. Hat er ihr doch! schon in seinem ersten Roman „Soll und Halben" Einlaß und Raum« gewährt. Aber aus diesem sonst vortrefflichen Buche, das geradezu epochal Umr, kanninan sich nicht klar werden-, wie Freytag eigentlich über die Juden dachte. Als Dichter wollte er objektiv fein und Licht und Schjatten« in gerechter Weise verteilet:. Man könnte jedoch dagegen und hier speziell entwenden, -daß die Inden selten' in solchen rein abgezirkelten und fest bestiminteir Exemplaren auftreten, wie in diesem Romane. Die Gestalten des Romans muten uns lote Flaschen an, deren Inhalt die Etiketten ganz gewissenhaft angeben. Der Dichter scheint Mbtiiewnßt zu baden, daß die Inden einen« m komvlitzern auch substantiell. Denn die Eifenbahnbeamien galten bisher mit Recht als Hauptstützen des herrschenden Systems; sie waren durchwegs magyarische Chauvinisten. Die Exzessein Kroatien wurden nicht selten eben durch das starke Hervorkehren der Nationalität seitens der ungarischen Bahnbeamten hervorgerufen!. Wenn solche Elemente streiken, bedeutet das eine völlige Bankerotterklärung der jetzigen Machthaber. Auch die Subventionierung der C u n a r d l i n i e erschüttert die Lage des «Ministers Tisza., wenn auch sicher sein Sturz nicht unmittelbar bevorsteht; ist doch das letzte königliche Handschreiben ein direktes Vertrauensvotum für Tisza. Wer solche Zustände, wie sie heute in 'Ungarn herrschen, könn>en sich auf die Dauer nicht behaupten. Eins Auswanderungsziffer von jährlich 100 000 aus einem Lande, das nicht dicht bevölkert ist, bildet eine vernichtende Kritik der Regierung, zumal, wenn man bedenkt, daß die Auswanderung nicht zum geringsten Teile aus «dem Alföld, einer reinmagyarischen Gegend, herrührt. Wenn sich nicht einmal mehr die Magyaren in Ungarn woh l fühlen, so kann man sich lebhaft vorstellen, wie sich die anderen Völker in dem Lande der Stephanskrone fühlen. . , ' Der Eisenbahnstreik ist beendet. Aber er zeigt deutlich. auf wie schwachen Füßen die ganze Regierungskunst Tiszas steht, obzwar er sich! durch Einsetzung seiner gefügigsten Werkzeuge in die Obergespanschaft häuslich einzurichtön glaubte. Wenn die Rekruten in Mattersdorf gegen die Inden randalieren, so kann man das schließlich Tisza nicht vorwersen, wenn, aber 35 000 Menschen einen Streik vörbereiten«, so könnte doch die Regierung etwas davon merken. In- Italien hat die Negierung seinerzeit vor Ausbruch des Streikes: die Eisenbahner mobilisiert, und dadurch dm Streik verhindert. In Ungarn hat man das erst getan, nachdem, zwei Ta:ge dir Eisenbahnen still standen. Und zum Schlüsse rief man die verhaßte k. k. Armee, damit sie aus denr rurgari scheu Glolbus Ordnung mache. Wir sind durchaus keine Lobredner der östierireichischen Zustände, denn das brächte schließlich nur ein offiziöses Gernüt zustande. Aber iurnrer wieder müssen wir es betonen, daß die! Zustände in Oesterreich trotz ihrer herben Außeirseite viel gesünder sind, als in: Ungarn:, wo« man alle die Frageir, an deren Entwirrung Oesterreich krankt, einfach durch Gendarmerie oder,Soldaten löst. zierten Soeleninhalt haben, als daß man sie nach außen so genau abgrenzen und etiketti«eren könnte. Mit dom- Loben und der Wahrheit haben' daher diese seine Jtzig Beitels u>nd Bernhard Ehrentals wenig gemein!. Nach der Schilderu'ng des roten Jtzig könnte man-Freytag für einen:'Stockantisemiten anschen, tvährend die Zeichnung' des blassen Bemhard ciuf Freytag als auf eineri' blinden Philosemiten hiirweist. Weder das Eine, iroch das Andere trifft auf ihn zu. Was er in Wirklichkeit über die Juden dachte, arfahrerr wir aris fehlen „Aussätzen zur Geschichte, Literatur und Kunst". Als der Streit über das Judenimn in der Ntusik, von Wagner inszeniert, aushrach, ergriff auch Freytag die Feder, doch nW zum Kampfe, und« veröffentlichte in seinem einflußreichen „Guenzboten" einen größeren Aufsatz über die Juden. Der Aufsatz liest sich )vie eine versöhnliche, ruhige Abwehr der. heißen und ungerlechiten Angriffe auf das Judentum. Nur erscheint der Grund , dieser Abwehr und Verteidigung kleinlich, egoistisch. Freytag stellt sich nicht auf den Sta«ndpunkt einer hohen, lveiten Menschlichkeit, er verschließt gleichsam sein Auge vor den angeborenen Rechten der Menschen wie der Völker und spricht nur aus einem billigen Opportunitätsgefühl heraus. Was er sagt, klingt wie das, )vas ein Wanderer zu einem Eseltreiber, dev den Esel schlug, gesagt hat: „Laß ihn in Ruhe, ernst doch ein nützliches Tier!" Zum Betveise, daß es so i>si, zitiere ich folgenden Satz aus dem Aufsatz: „Wir halten einen ernsten Angriff auf das jüdische Wesen unter uns nach keiner Richtung hin für z «e i t g e tu ä ß, denn auf allen Gebieten sind unsere Mitbürger israelitischen Glaubens wert e Bnndesgetwsson nach guten« Zielen." Zu beachten ist das Wörtchcn: „zeitgemäß". Es gibt viel, gar viel zu denken. — Ich will annehmen, daß Freytag «es unwillkürlich, vielleicht unüberlegt tnedorg«eschrieben hat. Benterkmstvert ist ferner die Be^eickmuna« der Juden als ..Mitbürger Palästina in der internationale« Politik. Bon Rev. Dr. M. G a st e t. Der bekannte Londoner Chacham Dr. M. Gast er veröffentlicht im Aprilheft der New Yorker Manatsschrift-.„The Maccabaean" einen umfangreichen Aufsatz, der die Palästinafrage vom Gesichtspunkte der internationalen Politik behandelt. Gaster stellt neue Gesichtspunkte auf, die wir auch unserem Leserkreis mitteilen wollen. Nach einer kurzen Einleitung sagt Dr. Gaster: wir den modernen Expansionszug der Staaten mit Aufmerksamkeit verfolgen, wird uns eine eigenartige Erscheinung auffallen müssen. - Der Angriff auf die seeumspülten Länder geschieht zuerst an der Peripherie, an der änßeren Grenzlinie. Die entlegensten Punkte werden ausgesucht, um von der Küste aus ins Innere dringen zu können, was übrigens natürlich ist, da diese Stellen auf dem Wasser erreichbar sind. Das Eigenartige an der Er» scheinung, von der ich Erwähnung tat, liegt aber darin, daß, obgleich die Erwerbung neuer Territorien an der äußersten Grenze der bewohnten Welt beginnt, der Kreis um ein und dasselbe Zentrum immer - enger wird. Bis jetzt wurde diese Beobachtung von niemandem gemacht, noch hat es vor mir jemand versucht, das Zentrum der au fein andertreffenden g egeinseitigen Interessen sestz n st e l l e n. Die Blicke aller wenden sich gegenwärtig Zentralasien zu und die Aufmerksamkeit aller Politiker konzentriert sich auf diesem Teile der Welt. Dies beruht jedoch auf einem Irrtum. Der Mittelpunkt der In teresfen liegt in Kleinasien und in Palästina. Alle Linien bewegen sich in der Richtung -dieses Weltteiles und werden, entsprechend ausgedcchnt in diesem einem Punkte zusammenlaufen. Parallel mit der Neigung, die extremsten Grenzen als Ausgangspunkte der territorialen Erweiterung zu benützet:, bricht sich auch eine neue Tendenz derselben Bahn. Die Frage des nahen Ostens bewegt sich in größeren Rahmen und erfüllt heute die europäischen Staaten mit größerem Bangen denn je. Eine zeitlang wurden die Ufer des mittelländischen Meeres beinahe vollständig vernachlässigt. Jetzt hingegen hat sich für denjenigen, der den Laus der Dinge aus nächster Nähe verfolgt, die Situation vollständig geändert. Jeder Streifen des Küstengebietes ist von europäischen, unter dem Schutze europäischer Regierungen stehenden Niederlassungen besetzt, geradezu vollgestopft. Die See, welche einst die Wiege der Zivilisation schaukelte, ist der Mittelpunkt der Aspirationen i s x a e I i t i s ch e-n Glaubens". Diese BezeichmmF steht in zu krassem Widerspruch« mit den weiteren Ausführnngen, die darauf hindeutetr, daß auch' die damaligen Widersacher der Inden nicht die Religion, so«ndern die n a i i o n a l e n Eigen«tüttilichkeiten als das Hervorstechende und Trennmde ansahen. Bloß die Widersachers .Nein, auch die Verteidiger vor: der Art eines Freytag bewegten« sich in derselben, vielleicht einzig richtigen Bem'teiluingsweise. Sie suchten! diese nationalen Eigentümlichkeitvn', die sie zuweilen Unarten oder Schwäch-en« nannten, hervorznstreichen und für die Angriffe gegen die Jtiden verantwortlich zt: machen. Dabei unterließen« sie es nicht, ein Pflästephjeni auf die Wuttdeti. zu legen und hatten für die Angegriffeneni inniniciii den Trost bereit, daß es bald! besser werden müsse. In diesetn Sinne habe ich die nachstehenden Worte Freytags! anfgefaßt: „Wir dürfen mit einiger Beftiedigung sagen,, daß nur noch« die letzten U ober r e ft e alter Uebev* liofertmg und Unduldsatnkeit zt: überwinden sind, um die Herzen mtd Geister! der detttschen Jtiden völlig in unser Volkstum einzuschließen. Es ist natürlich, daß lvähmrd dieser U e b e r g a n g s z e i t in ihrem Wesen hie und da noch Auffallendes tmd nicht Löbliches zu. Tage kommt, und sie ntüssett es sich gefalletr lassen, tvenn solche Schwöchlm und Verkehrtheiten aus der Zeit der Unfreiheit gelegentlich eintnal mit und ohne Laune als jüdische Eigentüttilichfetten besprochen inerben. Wir toibc.tr freilich auch natürlich finden, tvenn sie gegen! solche Besprechttng besottders empfindlich sind ..." Also mir eine kurze Spattne Zeit, eine Uebergangszeit hindurch, solltett die Juden zt: leiden haben, und ztvar gar nicht so ttugerochöertveise. Und tatsächlich tvnr es mtm eine Uebergangszeit, aber nicht zu besseren, sondern« zu schliMnreren Verhältnissen. Da kam ein Tag, an dem ein Auerbach, der fein Leben lang für das detrtsche Volk gearbeitet und sich stolz als Deutscher gefühlt hatte, bittere Tränen der Entrtrshtng rmd des Schnmßes vergoß . . . Worüber? Ueber die roben Judenhetzen,

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