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Jüdisches Volksblatt · 1904-04-22 · 17 (22.4.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
17 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Wir machen unsere Leser ausmerksam, daß vom 12. Mai au die Adresse der Redaktion und Administration lauten wird; II., Leopoldsgasse 2», II. Stock. Aus der Wiener liberalen Partei. (Der fortschrittliche Refvrmklub und die fortschrittlichen Kandidaten.) Der Zufall wehte uns den achten Jahresbericht des „Fortschrittlichen Reformklubs" auf den Tisch. Wir glauben der liberalen Partei durch seine Publikation umsomehr einen Gefallen zu erweisen, als die liberalen Blätter unisono ihn totschwiegen. Er lautet in seinen markantesten Stellen: Achter Jahresbericht 1902—1903 erstattet von, dem Ob mann- Stellvertreter Dr. Julius Magg in der Generalversammlung vom 19. A p r i l 1904. Geehrte Versammlung! . . . Leider haben die nach demHinscheiden desObmannes gepflogenen Ermittlungen gezeigt, das; materiell das Fortbestehen des Klubs nicht ausreichend gesichert war. Zu dem Verluste von 12 Vereinsmitgliedern durch den Tod hat sich der durch Austrittserklärungen von 24 Mitgliedern gesellt. Die persönlichen und brieflichen Bemühungen, diese Herren zu halten, sind durchaus und auch in jenen Fällen gescheitert, wo nach den" glücklicheren äußeren Verhältnissen oder nach d!er politischen Stellung derselben etwas anderes erwartet werden durfte. Diesen V e r l u st e n st e h t g a r k e i n Zuwachs gegenüber, denn alle Bemühungen, neue Mitglieder zu ge w i n n e n, habe n k e i n e n E r f o l g g e h a b t. „ Unter diesen Umständen mußte der Vorstand vor allem das kostspielige Vereinslokal am Franzensring kündigen und den Klub in kleinere Räume — Hegelgasse 7 — übersiedeln machen, wo aber außer dem erforderlichen Schreibzimmer ein geräurniger Versammlungssaal geboten ist. Die 103 Versammlungen im Vercinsjahre dienten Besprechungen von Landtags-Abgeordneten, von Gemeinderäten und deren Wahlkoinitees sowie allgemeineren Parteibesprechungen, dann Versammlungen einzÄnor Vereine. Bei diesen) sind im ganzen 1411 Personen (im Vorjahre 1896 Personen) erschienen und seit dem Umzuge in die neuen kleineren Räume Feuilleton. Genie ««d Talente bei den Inden. Von Dr. Paul Wciseugrttn. Die Anschauung, daß den Juden keine eigentliche Tiefe und keine wahrhafte Originalität zukomme, hat sich in der antisemitischen Literatur zu einem förmlichen Dogma verdichtet. Im Zusammenhang hiermit hat sich auch die Ansicht entwickelt, daß unser Volk eigentlich keine Genies besitze. Die antisemitelnden Schriftsteller unter den Juden selbst gehen natürlicherweise weiter wie die großen antisemitischen Theoretiker und während noch D ü ring mit einem gewissen Respekt von Spinoza spricht, kühlt Weininger sein Mütchen an dem größten Mann der jüdischen Rasse. Geradezu ansteckend scheint diese Theorie zu wirken und so kommt es, daß ein so vorsichtiger, sonst so behutsamer Rassentheoretiker wie Dr. Ludwig Woltm a n n auch in diesen Fehler verfällt. W o l t m a n n schreibt wörtlich*): „Run, es ist aber höchst wahrscheinlich daH es der arisch-mittelländische Anteil ist, der die jüdische Geisteskultur geschaffen. Von dem körperlichen Aussehen Christis wissen wir nichts. Eine alte Legende — wie sie entstanden,weiß man nicht — schreibt ihm indeß blondes Haar zu. Marx war von dunkler Komplexion, obre nach seinen Photographien zu urteilen, gehörte er auf keinen Fall dem hettitischen, viel eher dem arabischen Typus an. Auf dem berühmten Bildnis von Spinoza im Gemeindemuseum des Haag, zeigt dieser große Philosoph schmales Gesicht, schmale Nase, graublaue Augen, Heine hatte braunblonde Haare, der Musiker N u b i n ft e i n blaue Augen. *) Politisch-anthropologische Revue. 2. Jahrgang, No.* 12 pag. 966. hat dieser V e s u ch sehr stark a b g e n o m m e n. (Es enjtfallen demnach auf eine Versammlung durchschnittlich zirka 13 Personen. Die Generalversammlung bildete eine Ausnahme, denn bei ihr erschienen •— 15 Personen. Anm. d. „I. V.") Der Besuch der einzelnen Vereinsmitglieder war überaus gering, außer der Jahresversammlung konnten wir nur einmal, da der Abgeordnete Herr Dr. Vogler mit einem gediegenen Vortrage über die politische Lage uns erfreute, eine größere Versammlung abhalten; alle anderen persönlich gebetenen Größen unserer politischen Kreise haben zu Vorträgen n i ch t b e w o g e n werden können. Dazu hat gewiß auch beigetragen, daß die politischen und Parteiverhältnisse immer verwickelter und verworrener geworden sind. C S i st kaum möglich, b e st i m m t e Vorschläge für ein Vorgehen in den entscheidenden Fragen zu machen u n d wenig verlockend, diese Un- Möglichkeit öffentlich zu erklären. Die Bemühungen, durch opferwillige Spenden der r; hiezu am meisten berufenen Persönlichkeiten, die Mittel des Vereines zu heben, sind ganz ohne Erfolg geblieben. Vor zwei Jahren haben noch 212 Mitglieder, im Vorjahre 184, Heuer nur 144 den Jahresbeitrag bezahlt. Bei dieser Sachläge ist es die schmerzliche Pflicht des Vorstandes gewesen, zu erwägen, ob nicht der Verein mit Ende des Vereinsjahres, d. i. am 30. September 1904, aufzulösen wäre. (Seht richtig! Anm. d. „I. V.") Nach reiflicher und wieiderholter Beratung hat sich dev Vorstand entschlossen, von! diesem äußersten Schritte abzusehen. Denn die Notwendigkeit eines Veöeinigungspunktes der Liberalen Wiens ist heute so groß lvie jemals. Die schlechten Erfahrungen des letzten Jahres können sich bessern, sie werden sich bessern, sobald, in unseren politischen Kreisen das Bewußtsein der Pflicht, für seine Uebcrzeuguug einzutreten, sich nur etlvas lebhafter äußert. Die Geldverhätrnisse des Klubs sind nicht so schlecht, daß sie die Forterhaltung deshalb nicht gestatten würden. So wagen wir noch auszuharren und h o f f e n, j e s ch l e cht e r die Zeiten sind, d e st o näher werde e i it e Besserung sein, (sic!) Wir haben ferner Kenntnis davon, daß eine Wahlbesprechung des liberalen Zentralwahlkomitees stattfand, bei der ein gründlicher Kenner der Partei, der in ihre Koulissengeschichten sehr eingeweibt ist, Beschuldigungen gegen einen der Kandidaten, einen bekannten Wahlmacher der Levpoldstadt, erhob, die wir mit Rücksicht auf die unmittel- Ob Sylvester, Kronecker, Traube, Genies gewesen, ist Geschmackssache. Auf jeden Fall gibt es in Deutschland massenhaft Gelehrte von diesem Begabungsgrad. Bei einer Anzahl von 12 Millionen Individuen hat die jüdische Raffe wenig große Talente hervorgebracht. Was sie heute hervorbringt, ist eine auffallend große Menge guter Durchschnittstalente, die aber zum Teil das Ergebnis familiärer Treibhauskultur sind." Nun, in einer Beziehung stimme ich allerdings mit W o l t m a n n überein. Es ist eine „moderne" Uebertreibung, das — Wort hier in schlechtem Sinne genommen —, wenn man ein jedes Talent gleich zum Genie stempelt. Aber Woltmann folgt hierin L o m b r o s o s Spuren, wenn er selbst einerseits zwischen Durschnittstalenten und großen Talenten eine sehr scharfe Distinktion macht, anderseits große Talente, Genies und geniale Persönlichkeiten durcheinanderzuwerfen scheint. Eine reinliche Scheidung der Begriffe tut hier not. Genies sind große, gewaltige, zeitlose, doch ihre Zeit beeinflussende Persönlichkeiten, die weit über eine Periode . geistig hinausragen und die nicht nur ein Spezialgebiet intellektuell befruchtet haben. Kant und Spinoza sind in diesem Sinne — man mag sich zu ihren Lehren stellen wie man will — üntschieden Genies. Die großen Talente leisten nur auf einem beschränkten Gebiete Bedeutendes, sie wurzeln ganz in der Periode, sie sind nicht zeitlos. Die genialen Individualitäten stellen einen Zwischentypus zwischen Genies und Talenten dar. Ich behaupte nun, daß die Juden bei ihrer relativen geringen Anzahl sowohl Genies wie geniale Persönlichkeiten, als auch große Talente in reichlichem Maße besitzen. Um Durchschnittstalente handelt es sich gar nicht. Sie kommen bei dieser Analyse gar nicht in Betracht. Aber die Zahl der großen Talente bei den Juden ist eine überaus große. Man denke, was auf einem ganz engen Gebiete der Medizin K oh n heimundStricker oder H e n l e geleistet haben. Man denke an die zahlreichen bar bevorstehenden Wahlen nicht publizieren. Wir erwarten aber, daß der Angegriffene, zumindest aus Rücksicht auf die Wähler, die Beschuldigungen nicht auf sich sitzen lassen wird. Es wurden bei dieser Gelegenheit auch andere liberale Parteigrößen in schärfster Weise glossiert, unter anderen auch der jetzige Kultuspräsident Dr. A. Stern. Wir werden darauf noch zurückkommen. _. Dr. Lueger, der Führer der Deutsche« im Abgeordneteuhause. Längst vorbei sind jene Zeiten, wo von der deutschfreiheitlichen Politi^dieMorte Dr. Eduard Her bjst's^galten : „Wir gravitieren nach Wien, der einen Hauptstadt des ein i ge n u ng e t eilt e n Oesterr e i ch." Die Polititik der deutsch-freiheitlichen Fraktionen' ist seit Jahrzehnten eine deutsch-böhmische, sie wird vom Prager Kasino dirigiert und betrachtet alles nur unter dem Gesichtswinkel des deutsch-tschechischen Streites. Aus der alten Devise für „Reich s einh eit, Freiheit, Fortschritt, materielle Wohlfahrt und das bedrohte Deutschtum," die übrigens auch früher nicht eingehalten wurde, erinnert man sich jetzt nur noch des „bedrohten Deutschtums" und so führen dennin Böhmen und Mähren, sowie in einem Teile der Alpenländer die Deutschen-Volksparteiler, All- und Ostdeutschen das große Wort, während in Wien und ganz Niederösterreich die Christlichsozialen der tonangebende Faktor sind, derzeit auch im übrigen Deutsch-Oesterreich, die wie wir neulich zeigten, auf Koste» der anderen deutsch-bürgerlichen Parteien, große Fortschritte zu verzeichnen haben. Ja noch mehr, Doktor Lueger, der Führer der C h r i st l i ch s o z i a l e n, ist als ^Obmann der „Deutschen Gemeinbürgschaft" der Kommandant der deutschen Abgeordneten nicht nur der „Linken", sondern infolge der Brücke, die speziell durch den Fürsten Liechtenstein von den Christlichsozialen zu den Klerikalen geschlagen wurde, ist er auch Führer der — deutschen Deputierten der „Rechten". Unter diesen Auspicien wurde der Reichsrat eröffnet und finden auch die Gemeinderatswahlen in Wien statt. Welche Anschauungen wir über das gegenwärtige Abgeordnetenhaus haben, ist unseren Lesern genügend bekannt. Wir erwarten in dem wieder tagenden Parlamente von der jetzigen „Volks"verjüdischen Mathematiker. Man denke ferner, wie stattlich auf einem von Juden wenig betretenen Gebiete sich unsere Volksgenossen selbst in der Malerei präsentieren. Von der Musik will ich in diesem Zusammenhang gar nicht reden. Kaum ein Volk hat eine so große Anzahl darstellender und produktiver Talente mittlerer Güte hervorgebracht. Ob sich nun solche Begabungen durch eine „familiäre Treibhauskultur" züchten lassen, das anzunehmen ist. um mit Woltmann zu reden, Geschmacksache. Was aber schon nicht Geschmacksache ist, was mir schon ganz falsch zu sein dünkt, ist die Ansicht unseres Raffentheoretikers über Spinoza und Marx. Mit so vagen Behauptungen, mit physiognomischen Konstruktionen aus vielleicht schlechten Bildnissen, läßt sich kein wissenschaftliches Urteil zusammenleimen. Tatsache ist nur, daß Marx aus einer alten Rabbinerfamilie stammt, daß sein Stammbaum durch Jahrhunderte verfolgt werden kann. Aber eine viel größere Bedeutung wie das physische, rein somatische hat hier — wenn mich nicht alles täuscht, das psychische Moment. Ist Marx' ganze Art zu denken, ist sein scharfer, oft zu scharfer Verstand, nicht echt jüdisch? Man hat nicht mit Unrecht von einer talmudischen „Denkweise" des Sozialisten gesprochen. Und trifft dies nicht auch auf Spinoza zu?!! Ich verweise in dieser Beziehung auf meinen Aufsatz über deu größten jüdischen Denker, an den sich die Leser des „Jüdischen Volksblatt" wohl erinnern dürften. Woltmann hätte vielleicht Recht, wenn diese großen Genies der Juden so ganz ohne analoge Erscheinung im Osten mären, wenn sie ganz beschränkt auf den jüdischen Westen blieben. Freilich haben der Mangel an Bildung, das geringe Wissen, die ungeheueren Verfolgungen, freilich hat das „seelische Ghetto" wirklich bedeutende Schöpfungen nicht zuwege gebracht. Aber im Osten wimmelt es förmlich von genialen Persönlichkeiten. Man denke an

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