Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2432763-2433023-2433039--2375-2436234- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jtrtxtfto«: 11/3. Leopoldsgasse 49* > w < AMtvtrkims drr vom lüdlkHen Volks- »dminillrstton: 11/8 Leopolds-aste 49« «»ttAfbnOni: Sa ttsdentaooi so« 4 dt» S llhr nachmittag». tomi» rrwShlttn WlwksoeomMVstmr. TelephoruNr. 14738 Abott«eme«tSpreiSr Telesthon-Nk. 14738 ■;,,.. I OHttti II 3 Wsfätkrttinn oder gar nidtt «folgt« Zustellung «Staat »tt nt» dringend. - Oft «utfct täte »erde» nicht znrückgeftelll. SHfMKtc »vernehmen Staaten: I. Dannrberg, 9t Duke». Haalen» Atta 6 «oal«. Rudolf «offe. «. Oppeltk. «. f OAftmqi. «. Schale! ln Men. fern« alle Snnoncnt-Krpedtttonen im Auslände. Für SSten ». Oefrerretch.UugM!» lammt Araurozuflellung. Ganzjährig . . Kr.8.- tzalbjährig . . . H 4 — S««telj»hrig. . . . * 3.- >.■■■■..... Mir baS gelammte SutSlem» lammt Araneozustellung. Ganzjährig ... Kr. 10.- £&&': Ift V rstlpar easten. Conto MWi, Ja da» Abonnement rann «an «»glich etatreteu. Ht»zeL.N««mer irr Wie« I« Heller. , M'WMWMWWWWMWWWWrilM'WWlUI IW— min Ur. 16 Mir«, IS. April 1904 (30. Ulsan 5664). VI. Kahr-««-. n» . Die antideutsche Koalition. Nichts illustriert deutlicher die verkehrte Politik der deutsch-bürgerlichen Parteiführer in den letzten Dezennien, als daß auf Grund der von ihnen so lange gefeierten und gestützten dualistischen Dezemberverfassung eine — ant ideutsche Koalition in Sicht ist. Pflicht der die Führung im Donaureiche fordernden deutschen Politiker wäre es bereits im Jahre 1867 gewesen, für eine national-autonomistische Reichsverfassung einzutreten, welche unter Wahrung der Reichseinheit jedem Volke der Monarchie die Möglichkeit geboten hätte, unbehindert von allen andern sich national zu entwickeln. Statt dessen zog man es vor, in einem kleineren Teile zu herrschen anstatt in derGesamtmonarchie zu führen. Man bot die Hand zum Dualismus, zur Erweiterung der galizischen Landesautonomie von Seite der „Zentralsten" man opferte die Deutschen in Ungarn, Siebenbürgen, die deutschen Positionen in Galizien, um wenigstens in den »ehemaligen deutschen Bundesländern" die Tschechen und Slovenen an die — Wand zu drücken. Mit dieser traurigen Politik des Teilens und Herrschens hat man alle übrigen Volksstämme des österreichischen Kaiserreiches zu Feinden der Deutsch-Oesterreicher gemacht, auch jene, zu deren Gunsten eine unnatürlich e Verfassung geschaffen wurde und mit denen ma» gemeinsam die Monarchie beherrschen wollt». Heute stehen nicht nur die tschechischen und slovenischen Abgeordneten in der schärfsten Opposition gegen den deutfchnationalen Chauvinismus, sondern alle die „inferioren" Volksstämme der Magyaren, Südslaven, Polen, Ruthenen, Rumänen, Italiener und ^— Juden hat man entweder direkt ins Lager einer antideutschen Koalition gedrängt oder mindestens stehen sie Gewehr bei Fuß. Die Magyaren, denen man sogar die Personalunion anbietei, fürchten heute mehr als alles andere die — »alldeutsche Gefahr" und bei aller Animosität gegen das zisleithanische Oesterreich mehren sich jene magyarischen Politiker, welche eine Annäherung an die Slaven der Monarchie suchen, um mit ihnen gemeinsam das »Entstehen Großdeutschlands bis nach P r e ß b u r g, den gefährlichsten Feind des magyarischen Nationalstaates" zu verhindern. Auch bei den Polen wächst die antipreußische slavophile Stimmung, die zum »Ausgleiche mit Rußland mahnt gegen den preußischen Erbfeind" und die Majorität des Polenklubs Feuilleton. — # Der alte Irrd. Und wenn ich auf der Gassen geh', Mit meinem kleinen Pinkel, So laufen nur die Kinder nach Und schrei'n aus jedem Winkel: «Da kommt der Jud, da kommt der Jnd, Hepp hepp, mit seinem JndenhutI" .Und wenn ich mir mein Brot verdien' Und will mir eines kaufen, So muß. der Bäcker, dann der Bursch, Mir erst den Bavt zerraufen: „Das ist ein Bart, das ist ein Barr, Hepp hepp, so recht nach JudenartI" Und wenn sie aus dem Wirtshaus gehn Und sehen mich am Wege, So nehmen sie das Geld mir weg Und dann bekonun ich Schläge — «Da hast du, Jud, da hast du, Jud, Hepp hepp, es ist nur Judenblutl" Ich bin an siebzig Jahre alt. Wie laug kann es noch dauern? , Dann leg' ich mich zur Ruhe hin Und niemand braucht au trauern; Ich aber bin bei Gott und bet'. Daß Zion wieder aufersteht .... Beda. muß heute bereits dieser Strömung Rechnung tragen und wird im besten Falle zwischen Deutschen und Tschechen vermittelnd wirken und im deutsch-tschechischen Streite neutral bleiben; aber nimmer ein deutsch-polnisches Bündnis eingehen. Die Ruthenen hat man von deutscher Seite sich durch die Forderung einer Sonderstellung Galiziens auch nicht zu Freunden gemacht, während man sie durch das Eintreten für die nationale Autonomie ebenso als Bundesgenossen hätte erwerben können, als die Italiener, Rumänen und Juden. Die nationale Intoleranz und der Rassenantisemitismus hat aber zur Isolierung der deutschen Linken geführt und jene deutschen Politiker, von Schönerer über Ernst Schneider bis Steinwender welche stets nach einer Koalition der arisch-christlichen Völker gegen die Juden riefen, ernten nun — eine antideutsche Koalition. Wie oft haben aber an den Wiener Hochschulen die alldeutschen Akademikerdie slavischen Kommilitionen zu einem Bündnis im Zeichen des Antisemitismus aufgefordert, um den Juden in dem allgemeinen Kranken-Unterstützungsverein die Mandate zu entreißen. Es gelang ihnen auch mit Hilfe von Rnmänen und Tschechen den »Verein zur Pflege kranker Studierender" „judenrein", aber nicht zimmerrein zu machen; denn unter der Herrschaft der Alldeutschen wurde eine krasse Defraudation verübt. Gegen diesen Chauvinismus, der sich zuerst gegen Juden Oesterreichs und später gegen alle anderen Nichtdeutschen richtete,— droht nun eine antideutsche, Koalition. Dieselbe ist eine ernste Mahnung an die Deutschösterreicher auf Basis der nationalen Autonomie mit allen übrigen Anhängern derselben im ganzen Donaureiche und speziell auch mit den Juden sich zu verständige n. Aus nuferem Rechtsschutzvurea«. Das Rechtsschutzbureau des „Jüdischen Volks- Vereines" ist zu einer Spezialität Wiens geworden. Wenn unseren bedrückten Brüdern und Schwestern ein Leid zustößt, sei es. daß sie dadurch materiellen Schaden erleiden, oder ihr jüdisch-moralisches Empfinden gekränkt wird, da wenden sie sich vertrauensvoll an das Rechtsschutzbureau des „Jüdischen V o l k s v e r e i n e s", in dem sicheren Bewußtsein, daß sie daselbst nicht nur ein geneigtes Ohr sür all' die großen und kleinen Leidensgeschichten, sondern auch das Verständnis für dieselben und den festen Willen vorfinden, ihnen in ih^em Leide Die Repatriierung der spanischen Juden. Von Dr. Angel Pnlido. Ans dem Spanischen*) von Jakob Krausz. (Fortsetzung.) In England sollen aus bereits oben angeführten Gründen sich auch welche finden. Unwillkürlich denken wir bei diesem Detail an den großen Me n ass e b en Israel, wohl in Lissabon geboren, doch in seinen Schöpfungen ein echter Spanier, der es unternahm, England, das seit der Regierung Eduards!, vor den Juden versperrt war, für dieselben wieder zu eröffnen. Um sein Vorhaben auszuführen, ging er 1655 nach London, wo er zu C r o m w e l l in nähere Beziehungen trat, der ihn bald schätzen lernte und ihm ein Ruhegehalt aussetzte. Doch dald darauf, im Jahre 1657, starb der gelehrte Jude in Middelburg, woselbst er begraben wurde. Seinen Grabstein schmückt folgendes Epitaph in spanischer Sprache: No muriö, porque en el cielo Vive con suprema gloria, Y su pluma y su memoria lmmortal clexa en el suelo. (Er starb nicht, denn im Himmel lebt er in höchstem Ruhme; seine Werke (Feder) und sein unsterbliches Andenken ließ er auf der Erde zurück.) Bon Rußland ist es auch bekannt, daß in vielen seiner größeren Städte, wie zum Beispiel in Odessa, im Hafen des Schwarzen Meeres, spanische Juden wohne». In Kleinasien gibt es eine besonders große Anzahl spanischer Juden. Ebenso häufig findet man sie in ganz Nordafrika, wie in Tripolis, Tunis, Marokko und Egypten. *) La Ilustrucion Espaguola y Americana, Nr. VI, 1904. durch Rat und Tat zu helfen. Aber noch ein Moment ist es, das die Meisten von diesen Unglücklichen zu uns führt: Es ist eine psychologisch ergründete und festgestellte Tatsache, daß derjenige, der um einen Liebesdienst ansucht, viel weniger gekränkt ist, wenn ihm ein solcher verweigert wird, als wenn er die erbetene Unterstützung erhält, dann aber die ganze Angelegenheit zu egoistischen Neklamezwecken in alle Welt hinausposaunt wird, wie dies zum Beispiel die „Union" zu Zwecken des Mitgliedsfanges zu tun pflegt. Um einen Begriff von der Vielseitigkeit der Fälle, in welchen unser Rechtsschutzbureau ausgesucht wird, zu erhalten, wollen wir, mit Hinweglassung der Namen, nur einen Fall erwähnen, weil derselbe ein grelles Licht auf die gesellschaftlichen Zustände unserer Stammesbrüder wirft und gleichzeitig zeigt, wie wehrlos die jüdische ärmere Klasse dem von Seite anderer Religionen geübten Seelenschacher gegenüber dasteht, wenn sich niemand ihrer annimmt. Vor ungefähr zwei Jahren erschien eine ärmlich gekleidete Frau in unserem Bureau und erzählte tränenschluchzend, daß ihre Tochter ihr den Entschluß mitgeteilt habe, sich taufen zu lassen und sich bereits in einem, in nächster Nähe Wiens liegenden Kloster befinde. Gerne wolle sie für ihr einziges Kind arbeiten, wenn sie es nur zurückerhielte. Schon als Schulmädchen habe ihre Tochter, die ganz unerklärlicherweife zu dem katholischen Religionsunterrichte herangezogen wurde, den Wunsch geäußert, den angestammten Glauben zu verlassen. Nun habe sie ihr Kind für immer verloren und bitte flehentlich, alles aufzubieten, um dasselbe zurückzuerhalten, ehe es zu spät wird. Das Mädchen war bereits in dem Alter, in welchem sie inbezug auf den Glaubenswechsel dem Einspruchsrechte der Eltern entrückt war, wodurch die Situation nur noch schwieriger wurde. Der Rechtskonsulent des „Jüdischen Volks verein es" leitete nichtsdestoweniger ungesäumt die geeigneten Schritte ein. Es sei hier rühmlichft hervorgehoben, daß unser Rechtskonsulent in dem Kloster, in welchem sich das Judenmädchen behufs Vorbereitung zur Taufe aufhielt, das größte Entgegenkommen fand, wodurch es ihm gelang, von der Vorstehung desselben das Versprechen zu erhalten, daß die Taufe nicht vor Ablauf eines Jahres vorgenommen und der Mutter des Mädchens stets freier Zutritt zu ihrem Kinde gewährt werde. In der ersten ZeU blieb das Mädchen unentwegt bei ihrem Vorhaben. Die armpMutter blieb unermüdlich in der „Bekehrung" ihrer Tochter und der »Jüdische Volksverein" blieb in ständigem Kontakte mit Mutter und Kind. Es war ein aufregender Wettkampf zwischen Mutter und »Schwester". Aber endlich siegte das bessere Gewissen. Noch vor Ablauf der erhaltenen Frist, erhielt unser Bureau von dem Mädchen im Kloster einen Brief, in Die Zerstreuung der spanischen Juden mußte damals schon zufolge der politischen Zustände in den Staaten des damaligen Kontinents und zufolge der Machtstellung Spaniens in jener'Zeit eine sehr ausgedehnte sein. Einen klassischen Beweis hiefür liefern die Herausgeber einer im März 1553 in Feriara gedruckten mit spanischer Uebersetzung versehenen Bibel. Sie sagen: „Da die spanische Sprache in den meisten Provinzen Europas und darüber hinaus sehr verbreitet ist und in großer Achtung steht, besitzt unsere Bibel zufolge ihrer spanischen Uebersetzung eine große Bedeutung für die hebräische Wahrheit ... u. s, w." Obgleich es nun feststeht, daß es in Europa ungezählte Juden gibt, welche noch heute spanisch spreche», so muß doch angenommen werden, daß die bevölkerteren und besser situierten Kolonien sich im Oriente befinden. Die Zahl derselben beziffert sich nach den uns zngekommenen mündlichen oder schriftlichen, mehr oder weniger verläßlichen Informationen auf rund eine halbe Million. Diese Ziffer nimmt auch David Rnsso in einem an uns gerichteten und weiter unten zu veröffentlichenden, sehr wichtigen Schreiben an; derselbe» Ansicht ist auch kaiserlicher Hofarzt Dr.. Elias Pascha in einem aus der »Königin der Städte" an mich gerichteten Schreiben. Wir können nun unsere statistischen Anführungen dahin resümieren, d«ß mehr als eine halbe Million Juden in den verschiedenen Staaten Europas, Kleinasiens und Nordafrikas leben, deren Muttersprache das Spanische ist- und auf diese Weise ein sehr wichtiges und breites Netz von Spaniern bilden, die wohl topographisch entnaturalisiert sind, die aber mit mehr minder starker Hinneigung ihre Sympathien für ihre legendäre Heimat wacherhalten. * * * Diese letzte Behauptung bedarf einiger Beweise. Es ist unzweifelhaft, daß die spanischen Juden eine große Liebe für da- Kastilianische empfinden müssen, bedienen sie sich doch ihrer sowohl in ihrem engen Familienkreise, wie auch bei ihrem